Ed O’Neill

The Retrieval

gabelingeber hat das überarbeitete Blogkonzept präzisiert; in den Gedankensplittern erklärt er, inwiefern.

FILM DER WOCHE

USA 2013
Mit Ashton Sanders, Tishuan Scott, Keston John, Bill Oberst Jr., u.a.
Drehbuch und Regie: Chris Eska

Der Film lief im deutschsprachigen Raum am internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2013; in die Kinos kam er bei uns nicht und auch eine deutsche DVD oder Blu-ray ist nicht greifbar. Die US-DVD kann allerdings über amazon.de zu einem guten Preis bestellt werden.

Das amerikanische Independent-Kino hat Erstaunliches zu bieten – das Meiste davon gelangt nie ins Blickfeld des durchschnittlichen deutschsprachigen Kinogängers. The Retrieval des jungen Filmemachers Chris Eska ist ein Paradebeispiel für die Unabhängigkeit, die auch im amerikanischen Film allen Unkenrufen zum Trotz noch immer existiert. Eska inszeniert mit kleinsten Mitteln ein Rassendrama aus der Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, das ohne Action, Blut und Kampfgeschrei auskommt, zutiefst aufwühlt und im Gedächtnis haften bleibt.

Ein dunkelhäutiger junger Mann begehrt eines Nachts Einlass bei einer alten Frau, die in ihrem Schuppen drei entlaufene Sklaven versteckt hält. Der Neuankömmling legt sich dazu, erhebt sich aber nach einer weile wieder, nachdem er sich vergewissert hat, dass die anderen schlafen. Er geht ins Freie und leitet einen Trupp Weisse zum Schuppen. Kopfgeldjäger; der Junge ist deren Gehilfe. Zusammen mit Marcus, einem anderen „Nigger“ verrät er seine entflohenen Brüder an die Weissen. Des Geldes wegen – so zumindest macht es zunächst den Anschein.

Der nächste Auftrag für die beiden Judasse lautet: Einen weiteren flüchtigen Schwarzen einzufangen um ihn seiner Bestrafung zuzuführen, einen Flüchtigen, auf den ein hohes Kopfgeld ausgesetzt ist. Nate verdingt sich als Totengräber an die Nordstaatler; man findet ihn auf einem verlassenen Schlachtfeld und ködert ihn mit der Nachricht, sein im Sterben liegender Bruder wolle ihn nochmals sehen. In Wahrheit ist besagter Bruder bereits tot.
Zu dritt und zu Fuss ziehen die drei durch eine wilde, öde Landschaft aus skelettartigen Bäumen, durch Sümpfe und abgestorbene Wälder, direkt auf das Lager der Kopfgeldjäger zu.

Mit den ersten Bildern ist der Zuschauer mitendrin in einem Konflikt und einer Thematik, die Unglauben und Abscheu weckt: Schwarze verraten andere Schwarze an deren weisse Peiniger.
Der Konflikt erfährt im Verlauf der Handlung weitere Vertiefung. Die zunächst abstossend erscheinende Handlung der beiden Verräter entpuppt sich als reine Überlebensstrategie, die beiden werden je länger je deutlicher erkennbar als das, was sie im Grunde genommen sind: zwei bemitleidenswerte Kreaturen.

The Retrieval ist ein sehr langsamer, stiller, kontemplativer Film. Die Figuren bleiben stets ruhig, kontrolliert, wortkarg. Der grausame Kampf, der in ihrem Inneren tobt, spiegelt sich in der Zerrissenheit der Landschaft, durch die sie wandern, stolpern, humpeln wieder, und in der Zerfurchtheit ihrer Gesichter. Das verleiht Eskas Film trotz aller Ruhe eine unglaubliche Wucht – ein Widerspruch, der auch nach dem Filmende noch lange nachhallt. Eska gelingt hier etwas, was in der aktuellen Filmproduktion selten ist: Indem er mutig auf publikumswirksame Ingredienzien verzichtet, findet er einen ganz eigenen Erzähl-Stil.

Der zweite im Verräter-Bunde, Marcus, wird nach etwa einem Drittel des Films erschossen. Somit bleibt das Kind Wil allein mit Nate, dem Opfer zurück. Diese Fügung ermöglicht nun die leise Annäherung der beiden, ein Vorgang, den  der dominante Marcus sonst verhindert hätte. Der Junge Wil, ein Mitläufer des älteren Begleiters Marcus, legt ohne seinen zynischen Mentor dessen zynische Weltsicht ab und findet zu seiner eigenen Wahrnehmung zurück. Und diese zeigt ihm sein Opfer in anderem Licht.

Die Schauspieler transportieren die subtile Figurenpsychologie absolut glaubhaft und fast authentisch. Das verleiht dem Ganzen zusätzliches Dringlichkeit. The Retrieval ist nichts anderes als eine Absage an den Rassismus, und damit ist er wohl immer aktuell.

10 / 10

 

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Kurzkritiken

Der vergessene Film
DER GIFTZWERG

(OT: Dutch)
USA 1991
Mit Ed O’Neill, Ethan Embry, JoBeth Williams, Christopher McDonald u.a.
Drehbuch: John Hughes
Regie: Peter Faiman
Nachdem John Hughes mit „Kevin allein zu Haus“ einen Mega-Hit geschrieben hatte, kam in Jahr darauf von ihm der etwas leisere Giftzwerg in die Kinos. Wieder steht ein Junge im Mittelpunkt, doch diesmal sind die Sympathien des Publikums anders gelagert: „Giftzwerg“ Doyle ist ein grauenhaft überheblicher Snob. Er kommt ganz nach seinem schleimigen Upper-Class-Vater, der sich von Doyles Mutter hat scheiden lassen, ihr die Schuld dafür in die Schuhe schob und auch noch das Sorgerecht für das Kind übernehmen konnte.
Der Film dreht sich drum, dass Dutch (Ed O’Neill), der neue Freund der Mutter – einer aus der Arbeiterklasse – Söhnchen Doyle für Thanksgiving aus der Privatschule nach Hause chauffiert.
Diese Ausgangslage kommt einem doch bekannt vor? Schon im 1987 entstandenen Hughes-Film Planes, Trains and Automobiles („Ein Ticket für zwei“) – und natürlich in vielen anderen Filmen davor – waren zwei unterschiedliche Charaktere gemeinsam unterwegs und kamen sich während ihrem Reise näher. Hughes rezikliert sein Erfolgsrezept hier mit zwei Figuren aus extrem unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und verschärft den Konflikt damit um ein Vielfaches.
Die Episoden, die Dutch und Doyle gemeinsam durchleben, bis sie schließlich „ganz unten“ angekommen sind, sind nicht besonders originell, aber immer amüsant und witzig. Es gibt ein paar Längen, doch Hughes erzählt geschickt und hält das Interesse des Publikums bei der Stange. Ethan Embry, der Darsteller des Jungen sticht dabei schauspielerisch am meisten hervor; Ed O’Neill (Al Bundy aus „Eine schrecklich nette Familie“) schneidet neben ihm nicht besonders gut ab, hauptsächlich dank seinen Versuchen, seinen Part mit zusätzlichem unnötigem Grimassieren komischer zu gestalten, als er ist.
Insgesamt ein kurzweiliger, unterhaltsamer Film; ich habe das Anschauen jedenfalls nicht bereut.
PS: Regisseur Peter Faiman hat genau zwei Kinofilme inszeniert: Dutch und – Crocodile Dundee!
7 / 10

Der Filmklassiker
AUCH EIN SHERIFF BRAUCHT MAL HILFE

(OT: Support your local Sheriff!)
Mit James Garner, Joan Hackett, Jack Elam, Walter Brennan, Bruce Dern, Harry Morgan u.a.
Drehbuch: William Bowers
Regie: Burt Kennedy
Schon länger hatte ich ein Wiedersehen mit dieser Westernkomödie geplant, die ich in meinen Jugendjahren mal im Fernsehen entdeckt hatte und die mir in bester Erinnerung geblieben ist.
Nach der Zweitsichtung bin ich herb enttäuscht: Support your local Sheriff ist ein Filmchen. Beherrscht wird es von Mittelmass: Regie, Drehbuch und Schauspieler – alles ganz ordentlich und solide, doch zu begeistern wusste mich einzig der glotzäugige Jack Elam als Hilfssheriff. Er sticht mit seiner wunderbaren subtil-komischen Performance aus dem ganzen Durchschnitt heraus.
Ansonsten wurde die Geschichte um den coolen Westerner, der in einem moralisch heruntergekommenen Westernkaff für Ordnung sorgt, schon zu oft durchgekäut. Der Film des Westernspezialisten Burt Kennedy macht denn auch ironische Anleihen bei diversen Klassikern des Genres (so wurde der bösartige Danby-Clan samt Darsteller des Familienoberhauptes aus John Fords Faustrecht der Prärie importiert); aber auch die diversen Zitate zünden nicht wirklich.
Support your local Sheriff bietet nette Unterhaltung, die man schnell wieder vergisst. Weiss der Kuckuck, weshalb bei mir der Film nach der Erstsichtung so lange haften geblieben ist…!
6 / 10

Abgebrochen:
Far from the Madding Crowd
(dt.: Am grünen Rand der Welt; Thomas Vinterberg, USA 2015): Schöne Bilder, schlechte Regie, mittelmässiges Drehbuch.
Somewhere in Time (dt.: Ein tödlicher Traum / Eine Frau aus vergangenen Jahren; Jeannot Szwarc, USA 1980): Dick aufgetragene Zeitreise-Romanze mit Christopher Reeve; verstaubt!
Abgebrochen

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Gedankensplitter

Blog-Gestaltung

Ein Blog ist – im Gegensatz zu einer Zeitschrift – lebendig, zumindest was das Konzept angeht. Der Blog-Betreiber, die Betreiberin kann es nach Belieben und Lust verändern, anpassen, umbauen. Und zwar von einem Tag auf den anderen. Eine Zeitschrift dagegen sollte das einmal zugrunde gelegte Konzept über möglichst lange Zeit (sprich: über Jahre) beibehalten, schliesslich will man die Käufer nicht mit ständigen Umstrukturierungen in Design und Inhalt verwirren.
Ein Blog, der nicht kommerziell ausgerichtet ist, kann sich Veränderung leisten. Er muss sich nicht verkaufen. Zwar sollte die Leserschaft und deren Erwartung nicht völlig vernachlässigt werden, doch beim Blog stehen die Betreiber und deren Bedürfnisse viel stärker im Zentrum als bei einem Printmedium. Sie pflegen mit dem Blog ihr Hobby; somit steht ihnen ein grösserer Spielraum offen, was Veränderungen betrifft. Der Blog-Inhalt kann nach eigenem Gusto und Interessen immer wieder verändert werden. Das hat nicht nur Nachteile.
Mir gefällt dieser Freiraum, und ich hoffe, die Leserschaft mit meinen inzwischen doch recht häufig vorgenommenen Anpassungen nicht allzu sehr zu verprellen.
Im neu überdachten Konzept stehen drei „Filmsorten“ im Zentrum, die in jedem neuen Blog-Beitrag vorkommen sollen: Vergessene Filme, Klassiker und zeitgenössische Filme (2010 bis 2017). Ich nehme mir jeweils aus jeder „Sparte“ einen Film vor. Nach der Sichtung wird derjenige, der mir davon am besten gefallen hat, zum „Film der Woche“ und erhält im nächsten Blog-Beitrag am meisten Platz.
Ich hoffe, das Konzept kommt an. Ich bin gespannt… Rückmeldungen erlaubt!

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Vorschau

Fürs nächste Mal stehen folgende Filme zur Sichtung an:

Vergessene Filme: The Monolith Monsters (dt.: Das Geheimnis des steinernen Monsters; USA 1957)

Filmklassiker: Three Amigos (dt.: Drei Amigos; USA 1986)

Zeitgenössisches Filmschaffen: Certain Women (USA 2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin gespannt, welcher der drei im nächsten Blog-Beitrag das Rennen als Film der Woche machen wird…

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