Christopher Plummer

Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern (2015)

FILM DER WOCHE

Kanada  2015
Mit Christopher Plummer, Martin Landau, Henry Czerny, Dean Norris, Jürgen Prochnow, Bruno Ganz u.a.
Drehbuch: Benjamin August
Regie: Atom Egoyan
Der Film wurde zuerst am Filmfestival Hamburg gezeigt und kam danach in die deutschsprachigen Kinos – unter dem umständlich-verschachtelten Titel Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern
Der Film ist als Blu-ray oder DVD erhältlich oder kann bei Amazon Video gestreamt werden.

Eigentlich darf über den Inhalt dieses Films praktisch nichts verraten werden. Höchstens das: Ein alter Mann, Zev Guttmann (Plummer), erwacht eines Morgens in seinem Zimmer und stellt fest, dass seine Frau verschwunden ist. Verwirrt tapst er zur Tür, und als er sie öffnet, steht er im Empfangsbereich einer Klinik. Eine Pflegerin tritt ihm entgegen und erinnert ihn dran, dass seine Frau vor einer Woche gestorben sei. Nun wissen wir: Zev ist in einem Alters-Pflegeheim und leidet an Demenz.
Dieser Beginn, der einen mit einem Cut vom vermeintlichen Eigenheim zum wahren Aufenthaltsort Zevs führt, ist charakteristisch für Atom Egoyans neusten Film. Darin ist vieles nicht, wie es scheint.

Zev hat einen Freund im Pflegeheim, Max Rosenbaum (Landau). Die beiden kennen sich aus Auschwitz – nur weiss Zev das natürlich nicht mehr. Zev wird nun vom an den Rollstuhl gefesselten Max mit einem gehemnisvollen Auftrag losgeschickt. Mit einem Brief ausgestattet schleicht Zev sich in einem unbeobachteten Moment aus dem Heim und verschwindet – spurlos für seine Angehörigen, aber nicht für die Zuschauer. Wir begleiten Zev auf einer Reise, die ihn schliesslich quer durch die USA führt. Wie ein ferngesteuerter Roboter wankt er mit seiner schriftlichen Anleitung durch Strassen und  Hotelkorridore, um „den Auftrag“ auszuführen, und man weiss nie, ob er das Geschehen um ihn herum überhaupt begreift oder nicht. Und jeden Morgen erwacht er ohne Erinnerung und muss zuerst wieder Max‘ Anleitung durchlesen.
Wie Zev tappt der Zuschauer zunächst ebenfalls im Nebel und begreift nicht ganz, was der alte Mann da überhaupt tun soll. Schliesslich wird der Aufrag immer klarer: Er dreht sich um Rache. Weil Max nicht mehr mobil ist, soll Zev seinen Racheplan ausführen. Max ist das Gehirn, Zev die Waffe. Wie in einem Superhelden-Film, aber mit Greisen.

Eine Rezension dieses Films ist ausserordentlich schwierig, weil man nicht zuviel preisgeben sollte. Remember entfaltet seine Wirkung am besten, wenn man ihn möglichst unbescholten betrachtet, ganz so wie Zev, der die Welt täglich neu entdecken muss. Deshalb nur soviel: Ich habe selten einen Film gesehen, der einen derart über moralische Begriffe wie „gut“, „böse“, „Schuld“, „Sühne“ und „Gerechtigkeit“ ins Grübeln bringt. Der die ganze Komplexität und Widersprüchlichkeit des Menschen, seine Unzulänglichkeit, seine gleichzeitige Gefährlichkeit und Verletzlichkeit derart überzeugend, fassbar und anregend dazustellen vermag. Mich zumindest wird er lange nicht mehr loslassen. Das ist weniger das Verdienst der Regie – die Inszenierung von Altmeister Egoyan ist leider punkto Qualität nicht auf derselben Höhe wie das Drehbuch – der einzige Wehrmutstropfen in diesem ansonsten perfekten Film.

Benjamin Augusts Drehbuch ist ein Wunderwerk. Da stimmt jeder Nebensatz, der verschachtelte Aufbau hält einen permanent wach, die Dramturgie stimmt ebenso wie die Figuren. Die moralischen Fragen werden nebenbei eingebaut ohne dass sie auch nur einmal verbalisiert werden müssen. Der Film wirft durch seinen Aufbau und die Handlung Fragen auf, die nicht mehr loslassen. Er setzt ein reifes, denkendes Publikum voraus – eine weitere Stärke. Nichts wird zwei Mal erklärt, Wichtiges ist subtil eingestreut, für jene, die sehen und hören und mitdenken können und wollen.

Christopher Plummer und Martin Landau – zwei meiner absoluten Lieblingsschauspieler im gleichen Film! – tragen das Drehbuch, das seine zwei Hauptfiguren zu wichtigen Stützen ausbaut. Sie brennen sich mit ihrem intensiven Spiel regelrecht ein ins Gedächtnis der Zuschauenden, verschmelzen mit ihren Rollen.

Remember stellt Fragen, beunruhigende Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Er reisst einen heraus aus scheinbaren Gewissheiten, in denen man sich das eigene Leben gemütlich eingerichtet hat.
Vielleicht schlägt ihm deshalb – neben einer guten Portion Wohlwollen- auch viel Ablehnung entgegen.

Die Regie: 7 / 10 – Leider, leider ist Egoyans Regieführung nicht auf gleicher Höhe mit dem Drehbuch. Es gibt einige fast ärgerliche Mankos (etwa die sprachlichen Schludrigkeiten beim deutschen Akzent der beiden Hauptfiguren), aber zum Glück hält das Drehbuch diese aus.
Das Drehbuch: 10 / 10 – Grandios! Spannend und tiefgründig zugleich. Eines der sorgfältigst ausgeklügelten und aufgebauten Drehbücher, die ich kenne. Ich bin begeistert! Schade, dass die Regie nicht überzeugt!
Die Schauspieler: 10 / 10 – Plummer und Landau – da kann nichts schief gehen. Sie schaffen zwei unvergessliche Leinwandfiguren – einmal mehr! Auch der Rest der Crew überzeugt.
Die Filmmusik: 9
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

JOE VERSUS THE VOLCANO
(dt.: Joe gegen den Vulkan)
USA 1990
Mit Tom Hanks, Meg Ryan, Lloyd Bridges, Dan Hedaya, Ossie Davis, Abe Vigoda u.a.
Drehbuch und Regie: John Patrick Shanley
Diesen Film hatte ich damals geliebt. Die Kritiker nicht. Darauf ist er in der Versenkung verschwunden.
Nach fast dreissig Jahren wage ich ein Wiedersehen. Und stelle fest: Ich liebe den Film noch immer!
Die blinde Begeisterung meiner Jugend ist jedenfalls einer kritischen Sicht gewichen und ich entdecke nun einige deutliche Mängel – vor allem im Mittelteil, wo der Film zeitweise total in sich zusammenfällt und fade wird; wo die Dialoge bedeutungsschwanger verquast werden. Die schauspielerische Leistung von Meg Ryan (in einer Dreifachrolle) lässt stark zu wünschen übrig. Und einige Szenen sind zu dick aufgetragen.
In der Gesamtsicht überzeugt mich John Patrick Shanleys Regie-Erstling trotzdem noch immer. Shanley, ein Theatermann, der gelegentliche Ausflüge zum Film macht – zuletzt 2008 mit Doubt (dt.: Glaubensfrage), seiner zweiten Regiearbeit – tischt uns hier ein Märchen auf, das er mit viel Kulissenzauber ausstaffiert und dabei unvergessliche, bezaubernd schöne Bilder kreiert.
Der vermeintlich todkranke Hypochonder Joe Banks (Hanks) wird vom reichen Fabrikanten Graynamore (Bridges) angeheuert, auf eine Südseeinsel zu reisen, um dort in einen Vulkan zu springen. Unterwegs darf er soviel Geld auszugeben, wie er will. Verrückt? Ein Märchen.
Das Schönste an Joe Versus the Volcano sind die Bilder; zusammen mit der fantastischen Filmmusik treffen sie mitten ins Herz, tragen den ganzen Film über all seine Mängel hinweg und sagen mehr aus, als Shanley in seinen bisweilen gewollten Dialoge ausdrücken kann. Sie sind Kinomagie pur!
Ich kann die Ablehnung, die dem Film damals entgegengebracht wurde, heute durchaus nachvollziehen. Wer filmischen Kulissenzauber als Kitsch abtut, muss den Film hassen. Wer die poesie dahinter wahrzunehmen imstande ist, wird ihn lieben.
Der Film kann bei Amazon Video gestreamt werden.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 8,5 / 10

BARAKAH YOQABIL BARAKAH
(dt.: Barakah Meets Barakah)
Saudi-Arabien 2016
Mit Hisham Fageeh, Fatima Al Banawi, Sami Hifny, Khairia Nazmi u.a.
Drehbuch und Regie: Mahmoud Sabbagh
Saudi-Arabien ist ein Ein-Kino-Land. Will heissen: Es gibt genau ein Kino dort. Der Saudische Film? Praktisch inexistent.
Bis jetzt jedenfalls. Mahmoud Sabbaghs Liebeskomödie Barakah Meets Barakah schafft erfolgreich Abhilfe – sein Film war schon an zahlreichen Festivals zu sehen (u.a. letztes Jahr in Berlin), auch den Sprung in die Kinos benachbarter Länder hatte es die flockige Satire geschafft; nur im einzigen Kino Saudi-Arabiens lief er bislang noch nicht. Und so wird es wohl in nächster Zukunft bleiben. Die Saudis dulden keinerlei Regimekritik.
Genau diesen nationalen Misstand greift Regisseur Sabbagh auf. Er entlarvt die rigide Auslegung islamischer Gesetze des Staates mittels einer Liebesgeschichte – mit etwas im Kino Alltäglichen also. Dass er dabei Vorsicht walten lassen musste, leuchtet ein: Vieles in diesem Gesellschaftsporträt wirkt beschönigt.
Der Film zeichnet ein unaufgeregtes Bild der Saudischen Alltags. Damit wirft er bei uns Westlern natürlich Fragen auf, die beantwortet sein wollen, will man nicht an der Oberfläche kleben bleiben. Bohrt man ein wenig nach Informationen, wird einiges des Gezeigten klarer und verständlicher. Und man lernt, Sabbaghs Courage und Effort zu schätzen – ebenso wie sein schön konzipiertes, bisweilen maliziöses Drehbuch.
Barakah, der in seiner Freizeit als Teilzeit-Sittenwächter amtet, verliebt sich in die freigeistige Bibi, die einen erfolgreichen Instagram-Account betreibt und die in Wahrheit ebenfalls Barakah heisst. Die beiden versuchen verzweifelt, sich näher zu kommen – doch wie stellt man das an in einem Land, in dem die Zusammenkunft zwischen Frau und Mann in der Öffentlichkeit unter Strafe verboten ist, wenn die beiden weder verheiratet noch verlobt sind? Ihre geplanten Treffen an versteckten Orten werden zu Spiessrutenläufen, die immer wieder wegen Nichtigkeiten platzen. Verlieben ist nicht, so das bittere Fazit des Films – Verbindungen zwischen Mann und Frau werden von den Eltern befohlen.
Sabbaghs Regimekritik erfolgt zwischen den Zeilen. Erkennt man sie richtig, erscheint ein erschreckendes Bild Saudi-Arabiens auf: Es ist das Bild eines Landes, in dem das Natürlichste der Welt – die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau – in Angst erstickt, mit Verboten belegt und somit abgewürgt wird. Das ist eine Leistung – mit einem scheinbar harmlosen Film allen Kritik-Verboten zum Trotz eine derart anklagende Aussage zu machen.
Der Film kann im Online-Kino von trigon-film gestreamt werden.

Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: Wertung entfällt wegen „ist nicht“!
Gesamtnote: 8 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Our Hospitality (dt.: Die verflixte Gastfreundschaft; USA 1923)

Maya (dt.: Gefahr im Tal der Tiger; USA 1966)

The Game (dt.: The Game – Das Geschenk seines Lebens; USA 1997)

 

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