Albert Finney

Mord im Orient-Express (1974)

USA 1974
Mit Albert Finney, Lauren Bacall, Anthony Perkins, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Richard Widmark, John Gielgud, Jean-Pierre Cassel, u.a.
Drehbuch: Paul Dehn, nach dem Roman von Agatha Christie
Regie: Sidney Lumet

In den Siebzigerjahren kam Agatha Christies brillianter Detektiv Hercule Poirot im Kino gross in Mode. Ausgelöst wurde der Poirot-Hype mit Murder on the Orient Express, der soeben unter der Regie Kenneth Branaghs neu verfilmt wurde. Das Konzept – möglichst viele Stars in einen Film hineinzupferchen – kam bereits in den späten Sechzigerjahren mit den Katastrophenfilmen auf, doch wie sich zeigen sollte, funktionierte es im historischen Krimi sogar noch besser. In Miss Christies Vorlagen tummelt sich stets eine ganze Schar Verdächtiger, welche man allesamt mit Filmgrössen besetzen konnte.

Albert Finney gab in diesem ersten Poirot-Film den belgischen Detektiv, später wurde dieser von Peter Ustinov verkörpert. Finney erweist sich als der bessere Poirot – zumindest unter der meisterhaften Regie Sidney Lumets (Die zwölf Geschworenen): Finneys Poirot ist, anders als Ustinovs, kein schlitzohriger, gemütlicher Onkel; er beisst sich richtiggehend fest in den Fall, er wird auch mal unangenehm, laut und aggressiv. Finney spielt das unvergesslich, gleichzeitig verkrampft und agil, lauernd und jovial, liebenswürdig und fies – kein leicht einzuordnender Charakter. Agatha Christie, welche bei der Filmpremiere anwesend war, soll sich sehr positiv über Lumets/Finneys Poirot-Portrait geäussert haben; es komme ihrer eigenen Vorstellung des schrulligen Belgiers sehr nahe. Zudem bezeichnete sie Murder in the Orient-Express als die bis dato gelungenste Christie-Verfilmung.

Aber auch der Rest der Besetzung kann sich sehen lassen, allen voran Lauren Bacall als lautes amerikanisches Schandmaul, Anthony Perkins als gehemmter Sekretär und Ingrid Bergman in einer ihrer schönsten Rollen als gottesfürchtige, verschupfte schwedische Gouvernante. Sie erhielt für ihre rund fünf Minuten dauernde (und in einer einzigen Einstellung durchgefilmte) grosse Szene einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Bergmans grandioser Auftritt ist zudem ein schlagkräftiges Argument für das Anschauen von Filmen in ihren Originalfassungen: Die unnachahmliche Sprachmischung aus geradebrechtem Englisch mit dickem schwedischen Akzent lässt sich in der Synchronisation kaum reproduzieren – und gerade die „ungeschickte“ Sprechweise trägt erheblich zur Charakterisierung ihrer Figur bei.

Achtung, Spoiler: Wer die Handlung noch nicht kennt, sollte erst ab „Spoiler Ende“weiterlesen.
Interessanterweise erscheint Murder on the Orient Express wie eine Variante von Lumets erstem und berühmtestem Werk Die zwölf Geschworenen. Hier wie dort entscheiden zwölf Menschen über Leben und Tod eines „Angeklagten“. Im vorliegenden Fall ist dies der Geschäftsmann Ratchett (Widmark), hinter dessen Fassade sich der Kindsmörder Cassetti verbirgt, der mit einer Tat die Leben aller zwölf im Orient-Express anwesenden „Geschworenen“ (oder besser: „Verschworenen“) aufs Schwerste belastet hatte. Das Urteil der zwölf lautet „Tod“ und sie vollstrecken es eigenhändig, sind also Richter und Jury in Personalunion. Der Twist der Geschichte beinhaltet eine vertrackte Gewissensfrage: Das Opfer war ein übler Mörder, die zwölf Rächer sind es durch ihre Rache geworden – welche Tat wiegt nun schwerer?
Leider geht der Film auf dieses Dilemma nicht näher ein. Es hätte daraus eine reizvoller Diskurs entstehen können. Spoiler Ende.

Aber auch so ist Murder on the Orient Express ein starker, höchst vergnüglicher Film geworden, der auf allen Ebenen des Filmemachens zu überzeugen vermag, der Spass macht und der nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit: Mord im Orient-Express gibt es auf DVD und seit einem Monat auch auf Blu-ray. Gestreamt werden kann er zudem bei amazon, iTunes und Maxdome.
Wer den Film gerne in der Originalfassung mit (oder ohne) dt. Untertiteln sehen möchte (was ich nur empfehlen kann), sollte sich die DVD oder die Blu-ray zulegen. Die oben genannten Streaming-Dienste bieten den Filme alle auch in der Originalfassung, allerdings ohne Untertitel.

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