Tom Hanks

Movie-Magazin 9: Side Street (1950) & Die grosse Sause (1966)

SIDE STREET
Mit Farley Garanger, Cathy O’Donnell, Jean Hagen, James Craig,
Drehbuch: Sydney Boehm
Regie: Anthony Mann
Dauer: 83 min
Der Film kam seinerzeit nicht in die deutschsprachigen Kinos.

Vorspann:
Postbote Joe Norson (Granger) ist der „nice guy from next door“. Der sympathische Underdog träumt davon, seiner Frau (O’Donnell) eine Pelzmantel kaufen zu können und davon, dass sie ihr Baby in einem Spital mit ordentlicher ärztlicher Betreuung zur Welt bringen kann. Eines Tages sieht er während seines täglichen Botengangs in einer Anwaltskanzlei, wie jemand 200 Dollar in eine Mappe steckt und diese in einen Aktenschrank räumt. Die Versuchung wird übermächtig, als Joe Tags drauf die Kanzlei verlassen und unverschlossen vorfindet. Kurzerhand bricht er den Aktenschrank auf und entwendet die Mappe.
Als er sie öffnet, trifft ihn fast der Schlag: statt der erwarteten 200 Dollar liegen 30’000 drin. Was nur der Zuschauer weiss: Das Geld stammt aus einer üblen Erpressergeschichte, in welcher der Anwalt federführend mit drin steckt.
Joe hat Glück – er wurde nicht gesehen. Doch nun packt ihn die Panik. Er versteckt das Geld und taucht unter. Seiner Frau gaukelt er etwas von einem neuen Job im fernen Schenectady vor, versteckt sich in einem billigen Hotel und wartet ab. Inzwischen rückt die Geburt des Babys immer näher. Und dann taucht die erste Leiche auf, die mit dem Geldraub zusammenhängt. In Panik beschliesst Joe, das Geld zurückzubringen – und von da weg manövriert er sich mit jedem seiner Schritte tiefer in den Sumpf des Verbrechens hinein. Schliesslich wird er nicht nur von des zwieliechtigen Anwalts Gangstern verfolgt, sondern auch von der Polizei als Mörder gejagt.

Der Film:
In den meisten Texten, die ich über Side Street gelesen habe, werden die Ähnlichkeiten mit Jules Dassins The Naked City (dt.: Stadt ohne Maske / Die nackte Stadt, 1948) und Nicholas Rays They Live by Night (dt.: Im Schatten der Nacht, 1948) betont: Die Luftaufnahmen von New York, die Off-Erzählstimme u.a. Es wird insinuiert, dass Side Street von Dassins und Rays Werken abgekupfert habe. Keiner der Autoren deklariert aber, ob sein Plagiats-Verdacht in irgendeiner Weise erwiesen ist. Somit bleibt die abwertende Bemerkung blosse Behauptung und ist als solche überflüssig.
Ich finde solche Ungenauigkeiten unprofessionell und weise gern darauf hin, weil sie sich oft durch die Rezensionen fortpflanzen. Bei der zitierten Ähnlichkeit kann es sich durchaus um Zufall handeln – Dassins Film kam in März ’48 heraus, Rays Film im November desselben Jahres. Side Street hatte im März ’49 Premiere. Die Vorbereitungen zu Side Street mussten schon weit fortgeschritten sein, als die anderen beiden Werke in die Kinos kamen. (Siehe berichtigenden Nachtrag dazu in den Kommentaren.) Auch wenn Mann bewusst Elemente aus Dassins Film übernommen haben sollte, wertet das seinen Film in meinem Ermessen noch nicht ab. Filmsprachliche Neuerungen etablieren sich logischerweise durch Nachahmung. Ich glaube in diesem Fall allerdings, wie erwähnt, an einen Zufall; bietet sich für einen Grosstadt-Noir die Luftperspektive nicht an, wenn die Verletzlichkeit und die Winzigkeit des einzelnen Menschen vor Augen geführt werden soll? Dass da zwei Autoren oder Regisseure auf dieselbe Idee gekommen sind, erscheint mir absolut nicht abwegig. Und die Erzählstimme aus dem Off gab es im Film bereits in den Jahren von 1948!

Anthony Mann

Die Inhaltsangabe zu Side Street klingt nach klassischem Hitchcock: Ein Unschuldiger wird gejagt. Dass neben „Hitch“ auch andere Regisseure hervorragend mit solchen Stoffen umzugehen wussten, das beweist Anthony Mann (eigentlich: Emil Anton Bundesmann) mit diesem Film, einem urbanen Zeitbild, das zwischen Border Incident (dt.: Tödliche Grenze, 1949) und Winchester ’73 (1950) entstand, kurz vor Manns Durchbruch als anerkannter Regisseur von hoch budgetierten Western.
Der Gejagte ist im Unterschied zu Hitchcocks Werken allerdings nicht gänzlich unschuldig anm seinem Schlamassel, er klaut aus Verzweiflung, zum Wohl seiner Zukünftigen Familie. Er ist ein Träumer, dem der omnipräsente „american dream“ zu Kopfe gestiegen ist. Eine zentrale Aussage dieses mit dokumentarischen Elementen angereicherten Films ist die Diskrepanz zwischen diesem „dream“ und der Realität. Immer wieder thematisieren verschiedene Charaktere ihren Geldmangel, einige von ihnen haben aus monetärer Not ihre Selbstachtung und ihre Würde aufgegeben.
Joe Norson kämpft allerdings um seine Würde – in erster Linie dank seiner Familie. Er versucht, geradezubiegen, was er in einem schwachen Moment verbockt hat – doch das hat katastrophale Folgen.
„Crime does not pay!“, das ist vordergründig die Moral von der Geschicht‘. Doch Side Street geht tiefer. Er zeigt auch gleich auf, weshalb man auf die schiefe Bahn gelangen kann (Erfolgsdruck, Realitätsverlust). Und er unterscheidet zwischen „echten“ (sprich: üblen) Gangstern und Gelegenheitsdieben, die im Grunde gute Kerle sind , deren missliche Umstände sie aber in Diskrepanz zum  allgegenwärtigen „american dream“ setzen und in Versuchung führen.

Mann setzt das spannungsreiche Drehbuch mittels der üblichen Noir-Elemente um: Exzentrische Kamerawinkel, harte Hell-Dunkel-Kontraste, extreme Nahaufnahmen. Es gibt ein Element in diesem Film, das damals möglicherweise wirklich neu war – während der hervorragend choreografierten Verfolgungsjagd am Schluss. Mir ist so etwas jedenfalls vorher noch nie in einem Film begegnet: Während die Polizei Joe und einen der Gangster, die in einem entführten Taxi sitzen, durch die Seitenstrassen New Yorks jagt, wird ständig hin und hergeschnitten zwischen einer Kamera, welche die rasenden Autos von einem praktisch ebenerdigen Standpunkt aus filmt und einer, die sich hoch über dem Geschehen befindet. Beide Blickwinkel bringen die Enge der Strassenschluchten eindrücklich zur Geltung, der Schnitt erzeugt einen nervenzerrenden Wechsel von grösstmöglicher Nähe und höchster Distanz; der Umstand, dass die Strassen völlig menschenleer sind (es ist fünf Uhr morgens), gibt der Sequenz einen unheimlichen, fast endzeitlichen Anstrich.

Auch Side Street wirft – wie auch der im Movie-Magazin 6 vorgestellte Noir Woman on the Run (dt: Einer weiss zuviel) – einen fast dokumentarischen Blick auf eine amerikanische Grosstadt. Der Film beginnt mit dokumentarischen Aufnahmen von den Strassen New Yorks. Fast unmerklich mischen sich die Akteure des Films zunächst in einzelnen Szenen in die Menge der Menschen auf den Strassen, bis sie aus der Masse heraustreten und von der Kamera ins Zentrum gestellt werden.
Einzelne Szenen scheinen auf offener Strasse, mitten im täglichen Treiben gedreht worden zu sein, Szenen, in denen die Akteure von hinten im Gewimmel zu sehen sind, wie sie gerade eine Bar oder einen Hauseingang betreten. Solche Shots und die immer wieder eingestreuten Stadtansichten verleihen dem Film eine besondere, authentische Qualität, die der Identifikation mit den Figuren hilft und die auch historischer Sicht höchst interessant sind.

Abspann:
Zur Zeit seiner Kino-Erstaufführung ging Side Street im Kinoangebot wohl etwas unter – jedenfalls fuhr er einen Verlust für das Studio ein. Inzwischen ist er zumindest im der Wertschätzung der Kritik gestiegen.
Side Street kam hierzulande kam weder in die Kinos, noch erschien er bei uns je auf DVD oder VHS. Im Rahmen von Kochs Film-Noir-Reihe würde diese unterschätzte Perle einen wertvollen Beitrag abgeben!
In den USA kann ist Side Street zusammen mit They Live by Night auf einer Noir-Doppel-DVD bei Warner Home Video erschienen. Es gibt auch eine spanische DVD des Films, der die englischsprachige Originalversion mit ausblendbaren spanischen Untertiteln beinhaltet. Letztere ist auch auf amazon.de bestellbar (Klick).

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:

La grande vadrouille (dt.: Die grosse Sause; Gérard Oury, Frankreich 1966) Mit Bourvil, Louis de Funès, Terry-Thomas u.a.
Der Film galt bis zum erscheinen von Bienvenue chez les Ch’tis als beste und erfolgreichste französische Filmkomödie. Auf der Seite imdb.com erreicht er eine Wertung von 8 Sternen – was für eine Komödie aussergewöhnlich hoch ist – und liegt damit gleichauf mit Howard Hawks Bringing Up Baby (siehe Movie-Magazin 8). Das Filmpodium Zürich nahm ihn auf in seine Reihe Das erste Jahrhundert des Films, die mit Meilensteinen der Filmgeschichte besetzt ist. Genug Gründe, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen.
Nach sovielen Superlativen musste ich mir bei der Sichtung des Streifens allerdings die Augen reiben: Diese seichte Klamotte soll die beste französische Komödie ihrer Zeit gewesen sein? Der erfolgreichste Film? Stand es in den Sechzigerjahren derart schlecht um das französische Kino? Oder um das Publikum?
Mit dem besten Willen entlockt mir dieser Film nichts als ein müdes Lächeln zwischendurch. „Zum totlachen“? Von wegen. Eher zum totlangweilen.
Die Handlung ist simpel gestrickt – keinerlei „Sophistication“, kein kunstvoller Aufbau, nichts weiter als eine plumpe Abfolge von Ereignissen: Absturz englischer Piloten über dem von Deutschland besetzten Paris. Flucht mit Hilfe einiger Franzosen. Verkleidung. Wieder Flucht. Weitere Verkleidungen. Flucht. Und so weiter. In den langen Handlungslöchern dazwischen kaspert de Funès herum, Bourvil gibt den Trottel. Lustig? Nein!
Ergibt sich in Brining Up Baby einiges an Verwicklungen nur schon aus dem Beruf Cary Grants (Paläontologe), so bleibt es für die Handlung von La grande vadrouille völlig irrelevant, dass de Funès‘ Figur Dirigent und Bourvils Charakter Maler ist. Der eine könnte auch Bankier sein, der andere Bäcker. Oder Erdnussbutterproduzent und Strassenkehrer. Aus dem unterschiedlichen gesellschaftlichen Stand der beiden Protagonisten – eigentlich eine Steilvorlage für bissige Sozialkritik – weiss der Film erstaunlich wenig Kapital zu schlagen.
So folgt in dieser vielgelobten Komödie nichts auf gar nichts. Es gibt keine ausgefeilte komödiantische Herleitungen, keinen kunstvollen Aufbau von Situationen und Gags. Nur ein plumpes und mit der Zeit ermüdendes „und dann, und dann, und dann“. Szenen, die im Fortgang der Handlung keine weitere Funktion haben, als einen Lacher abzuliefern oder eine „komische Situation“ zu zeigen. Die Sequenz etwa, wo die deutschen Offiziere die Zimmer verwechseln und sich je zu einem der französischen „Widerständler“ ins Bett legen. Haha! Der dicke Deutsche schnarcht und nervt de Funès, der glaubt, Bourvil neben sich liegen zu haben. Wer de Funès Grimassen nicht lustig findet (ich!), hat hier eigentlich nichts zu lachen, denn die Szene stützt sich ganz und gar darauf ab.
Und da sind wir beim wohl entscheidenden Punkt: Sowas wie de Funès würde im heutigen Kino nicht mehr funktionieren, mit Grimassen allein lässt sich kein Komödienerfolg mehr erzielen. Auch ein Jerry Lewis wäre heute chancenlos. Damals hatte das offenbar noch funktioniert. Mehr als „lustige“ Grimassen haben La grande vadrouille und seine Nachfolger (Les aventures de Rabbi Jacob etc.) nicht zu bieten; die Filmemacher konnten sich offenbar ganz auf deren Wirkung verlassen. Darüber hinaus vermisst man eine sorgfältig ausgearbeitete Handlung, ein gut konstruiertes Drehbuch, genaues komödiantisches Timing, geistereich-lustige Dialoge – schmerzlich. Es reicht nicht zum Meisterwerk, wenn der eine Komiker zwischendurch ein paar Quietschgeräusche von sich gibt, herumhibbelt und krakeelt, während der andere dumm aus der Wäsche schaut und sich wie ein kleines Kind benimmt.
Fazit: La grande vadrouille hält der Ueberprüfung als unsterblicher Filmklassiker nicht stand. Er wirkt heute angestaubt und datiert.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene klassische Filme:

Dangerous (Alfred E. Green; USA 1935) Mit Bette Davis, Franchot Tone, Margaret Lindsay u.a.
Für ihre Rolle als gefallener, dem Alkohol verfallener Bühnenstar Joyce Heath erhielt Bette Davis ihren ersten Oscar (von zwei). In der Tat ist ihre Darstellung grossartig, doch der Rest des Film kann alles andere als mithalten. Nach einem Drittel scheint ihre Sucht wie durch ein Wunder verschwunden und glimmt nur noch zwischendurch auf. Und die Geschichte dümpelt auf Soap-Opera-Niveau absehbar dahin. Immerhin: Ihre Leistung im ersten Drittel ist grandios – und auch danach wertet sie das billige Melodram mit ihrer Präsenz erheblich auf.

The Story of Mankind (Irwin Allen; USA 1957) Mit Ronald Colman, Vincent Price, Cedric Hardwicke, John Carradine, u.a.
Die Menschheit steht vor (dem jüngsten?) Gericht, denn eben wurde auf dem Planeten die Wasserstoffbombe erfunden. Ein Vertreter der Menschheit (Colman) und der Teufel (Price) diskutieren nun, ob man die Menschen den Planeten in die Luft jagen lassen soll („dann ist da unten endlich Ruhe“) oder nicht. In einem Streifzug durch die Geschichte der Menschheit finden beide Seiten jeweils Argumente zur Verteidigung ihres Standpunktes. Dieser originelle Ansatz wird leider zunichte gemacht durch unfassbar dämliche Dialoge, eine schlechte Inszenierung und durch unfeiwillig komische Fehlbesetzungen: So tritt etwa Peter Lorre als Kaiser Nero auf, mit Tunika und österreichischem Akzent auf („Böan, feier, böan!“), Virginia Mayo gibt eine Sexy-Girlie-Kleopatra, Charles Coburn ist als Hippokrates hinter einem dicken Rauschebart nicht zu erkennen und Harpo Marx tritt als Sir Isaac Newton in Erscheinung… Auch Chico und Groucho tauchen irgendwo im Film auf. The Story of Mankind gilt übrigens als letzter gemeinsamer Film der Marxens – obwohl sie keine gemeinsame Szene haben.
Der Streifen ist so schlecht, dass er schon fast wieder… naja, gut nicht, aber immerhin interessant ist. Auszuhalten ist das zusammengestückelte Machwerk nur schwer! Es fand seinerzeit jedenfalls keinen Verleiher im deutschsprachigen Raum – aber das will ja noch nichts heissen.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

A Hologram for the King (dt.: Ein Hologramm für den König; Tom Tykwer, USA 2016) Mit Tom Hanks  u.a.
Tom Hanks als verzweifelter Handlungsreisender Alan wird von seiner Firma in die Wüste geschickt, um dem saudischen König ein IT-Projekt zu verkaufen. Doch dieser taucht einfach nicht auf, und so entwickelt sich die Geschichte zum einer Art „Warten auf Godot“, Absurditäten inbegriffen. Der Handlungsreisende wird auf sich selbst zurückgeworfen, lässt sein Leben Revue passieren und taucht in die fremdartige, rückständische Kultur des Landes ein: Life on Mars. Das hat durchaus seinen Reiz und Tom Tykwer setzt dies gekonnt in Szene.
Am Schluss tut Alan sich mit einer saudischen Ärztin zusammen – er ein Gestrandeter des Globalismus, sie eine Gestrandete einer von Männer beherrschten Kultur. Schade ist das Ende nicht glaubhaft. Für eine saudische Frau wäre es schlichtweg unmöglich, im eigenen Land mit einem „Ungläubigen“ eine Beziehung zu beginnen.

Independence Day: Resurgence  (dt.: Independence Day: Wiederkehr; Roland Emmerich, 2016)
Den ersten Independence Day hatte ich – das muss ich zu meiner Schande gestehen – nie gesehen. Trotzdem konnte ich mich in der Neuauflage köstlich amüsieren. Die Effekte sind spektakulär, die Story wird in schönster klassischer Katastrophenfilm-Dramaturgie abgespult, die Schauwerte reissen nicht ab, und was das Beste ist: Der Film nimmt sich selbst nicht ernst. Zahllose Kalauer in den genau richtigen Momenten verhindern jeglichen Verdacht, das Ganze könnte ernst gemeint sein und die bösen Aliens stünden für irgendeine aktuelle Gefahr. Der Film ist technisch ambitioniertes Popcornkino und als solches funktioniert er wunderbar. Drei Mal darf man raten, was mir besser gefallen hat: Die grosse Sause oder der neue Independence Day...

Vorschau:
In den letzten Wochen musste ich den Blog wegen eines grossen, zeitintensiven Chorprojektes etwas zurückstellen. Das nächste Movie-Magazin lässt demnach wahrescheinlich wieder etwas auf sich warten. Es wird sich mit William Wylers Familiendrama The Little Foxes (dt.: Die kleinen Füchse, 1941) befassen, einem Film, der in den USA zwar wohl bekannt ist, bei uns aber nie recht Fuss fassen konnte. Er handelt von einer Südstaatenfamilie, die wegen der Gier dreier ihrer Mitglieder zerstört wird. Bette Davis glänzt als intrigantes Scheusal. Der Titel des Filmklassikers auf dem Prüfstand ist zur Zeit noch offen.

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Kampf der Welten – John Lee Hancocks „Saving Mr Banks“

Tom Hanks spielt Walt Disney – doch Saving Mr. Banks, der jetzt in den Kinos läuft, ist aber viel mehr als ein weiteres Biopic. Es geht darin um das Verarbeiten traumatischer Erlebnisse.

Saving Mr Banks

Walt Disneys Mary Poppins gehört zu meinen Lieblingsfilmen – Ehrensache, dass ich mir Saving Mr. Banks gleich zum Kinostart anschauen ging, denn John Lee Hancocks neues Kinowerk behandelt die Entstehungsgeschichte dieses Films. Das impliziert jedenfalls der Trailer. Doch das thematische Hauptschwergewicht liegt woanders.

Im Zentrum von Saving Mr. Banks steht die Mary Poppins-Autorin P. L.Travers. Diese verliess 1961 ihr geliebtes Haus in London, um in Kalifornien die Adaption ihres Romans zu überwachen. Walt Disney räumte ihr das Vetorecht ein – zum ersten Mal in seiner Karriere, denn die resolute Dame war erst nach zwanzigjährigen Verhandlungen bereit, dem Studio eventuell die Rechte an ihrem Roman abzutreten – unter der Bedingung, dass die Adaption ihr zusage. Andernfalls hatte sie das Recht, einen Rückzieher zu machen. „Es wird keine von ihren albernen Trickfilmadaptionen!“, sagte sie dem Micky-Maus-Erfinder ins Gesicht. Zudem wollte sie kein Musical, Dick van Dyke war ihr für die Rolle des Bert nicht genehm und die Farbe rot durfte im Film nicht vorkommen – weil sie diese satt hatte.

Saving Mr Banks zeigt in teils amüsanten, teils erhellenden Sequenzen die äusserst schwierigen Drehbuchsitzungen mit Miss Travers. Ganz klar im Zentrum steht aber die Lebensgeschichte der Autorin, genauer: Deren traumatische Kindheit. Durch zahlreichen Rückblenden, die sich immer wieder mit den Ereignissen im fröhlichen Disney-Studio verweben und diese konterkarieren, gewinnt der Film an Spannung. Der niedlichen Poppins-Filmhandlung, die im Studio entwickelt wird, stehen die schrecklichen Kindheitserinnerungen der Autorin gegenüber. Da Miss Travers Elemente und Personen ihrer Lebensgeschichte in den Roman um die zauberhafte Nanny hat einfliessen lassen, ergibt dies in Hancocks neuem eine zusätzliche dritte Ebene. So entsteht ein Spannungsfeld, das Saving Mr. Banks eine Dynamik und Sprengkraft verleiht, die der schwache Trailer nicht vermuten lässt.

Wie Mr. Banks, der Vater der beiden Kinder im Buch, arbeitete der Vater der Autorin als Bankangesteller. Der äusserst fantasiebegabte junge Mann litt unter der Stumpfsinnigkeit des Berufs und unter der Borniertheit seiner Vorgesetzten. Er begann zu trinken und entfremdete sich dadurch mehr und mehr von seiner Familie. Für die kleine, „Ginty“ war dies besonders schmerzlich, da sie ihm sehr nahe stand – ihr ganzes Erzähltalent und ihre Fantasie geht auf den geliebten Vater zurück. In eindringlichen Sequenzen wird ohne Worte deutlich, wie sehr das kleine Mädchen darunter leidet, den Vater am qualvollen Abstieg in seine private Hölle nicht hindern, ihm darin nicht beistehen zu können. Sie muss hilflos zuschauen, wie er sich langsam zu Tode säuft.
Auch den Filmmogul Walt Disney verbinden schlimme Erlebnisse in seiner Jugendzeit mit dem Vater. So unterschiedlich die beiden Protagonisten sind, so nahe stehen sie sich in ihren Jugendtraumata. Mr Banks wird für beide die wichtigste Figur in Mary Poppins. Ihn gilt es zu retten, ja: zu heilen!

In Kritiken wird Hancocks Film nun angekreidet, er würde am Schluss nicht den Tatsachen folgen, das Ende sei  „beschönigend“. Diese Sichtweise zielt m.E. am Anspruch des Films vorbei. Wer Saving Mr. Banks nur als „Chronik der Entstehung von Disneys Mary Poppins“ sieht, dem mag das so vorkommen – dem entgeht allerdings das Wesentliche des Films. Abgesehen davon, dass die Behauptung, das Ende sei „falsch“ unbegründet bleibt (wie die Autorin unmittelbar auf den fertigen Film reagiert hat, ist nicht verbürgt), zielt sie am Wesen des Films vorbei. Dieser stellt nämlich die Frage ins Zentrum, wie der Mensch traumatische Erlebnisse verarbeitet – und das Zusammentreffen von Walt Disney und P.L. Travers ist ein Modell, eine „Versuchsanordnung“, die Antworten zur Diskussion stellt. Und der Schluss, so, wie er sich in Saving Mr Banks präsentiert, beinhaltet eine der Antworten. Er rührt zu Tränen, das stimmt, ist aber nicht verlogen, sondern einfach tröstlich. Von einem happy ending zu sprechen, erscheint mir vermessen: Für die Autorin ist nach dem Filmende längst nicht „alles wieder gut“. Aber sie erlebt eine Katharsis. Wie tief diese geht, lässt der Film offen.

Das Treffen Disney-Travers inszeniert Hancock als einen ungleichen „Kampf der Giganten“, bei dem der charismatische Disney von Anfang an der Unterlegene ist. Frau Travers ist zu keinerlei Konzessionen bereit, weil sie eigentlich möglichst schnell die Vertrags-Hintertür benützen und sich aus dem Projekt verabschieden möchte. „Uncle Walt“ jedoch schafft es mit unglaublichem psychologischem Feingefühl, sie „im Boot“ zu halten. Aus diesem „Clash of the Titans“ und der Intensität, mit der die beiden Hauptdarsteller ihre Rollen spielen, bezieht Saving Mr. Banks zusätzliche Spannungsenergie. Ebenso aus der liebevollen Zeichnung sämtlicher Nebenfiguren und deren perfekter Besetzung: Colin Farrell als Vater, Paul Giamatti als Chauffeur, Jason Schwarzman und B.J. Novak als Komponistenduo Sherman & Sherman, Lily Bigham als Sekretärin und Bradley Withford als Drehbuchautor – sie sind allesamt hervorragend.

Saving Mr. Banks ist aber noch eins – und das vor allem: Ein zutiefst menschlicher und warmherziger Film. Da ich befürchte, dass sich dieser Film nicht lange in den Kinos halten wird, rufe ich zum Hingehen auf. Let’s save Saving Mr. Banks!
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Orphée (1949) OrpheeJean Cocteaus Interpretation des Orpheus-Mythos – einer der grossen Filmklassiker. In zum Teil grossartigen Bildern und mit raffinierten Filmtricks transferiert Cocteau den Stoff von Orpheus und Eurydike ins damalige „Heute“. Entstanden ist ein filmisches Poem, ein surrealistischer Bilderreigen, der auf der Bildebene absolut überzeugt. Die Visionierung ist spannend und oft amüsant. Ich fand den Film interessant – zumal Cocteau einen ganz eigenständigen Bilderkosmos kreierte. Berührt hat mich Orphée allerdings nicht. Die Figuren bleiben papieren, blutleer, der Stoff bleibt zu sehr der Idee verhaftet, ist abgehoben durch die künstlerische Vision, die er transportiert.
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Einfach Blumen aufs Dach (1979) ist eine deutsche Komödie. Sie entstand im Jahre 1979 und wurde damals ein grosser Publikumserfolg. Einfach Blumen aufs DachIn der DDR! Zu einer Zeit, in der Westdeutschland Didi Hallervorden, Thomas Gottschalk und Mike Krüger mit plattem Klamauk durch die Kinos blödelten, wo Eis am Steil Triumphe feierte, wagten „die Ossis“ mit diesem Film satirische Töne gegen staatliche Willkür und Obrigkeitsgläubigkeit. Herausgekommen ist ein eher leiser Film, dessen verschmitzter Witz und liebevolle Verballhornung noch heute wirkt – und dies nicht nur dank der „Ostalgie“! Obwohl er natürlich auch ein Stück Zeitgeschichte ist (er wurde „auf der Strasse“ gedreht und führt dem heutigen Betrachter eine untergegangene Welt inmitten der Mauern Berlins vor Augen) bleibt er universell gültig: Als Satire auf Bürokratie und Obrigkeitsgläubigkeit. Durch die Entscheidungsunfähigkeit eines hohen Funktionärs bekommt die Arbeiterfamilie Blaschke einen Tschaika zugeteilt. Dessen Garage wird grösser als die familieneigene Datsche – und die Parteioberen halten Hannes Blaschke fortan für einen der ihren, was zu köstlichen Komplikationen führt.
Wenn man den Film heute sieht, staunt man, was da alles die Zensur passiert hat. In erster Linie macht dieser Ausflug in eine vergangene Epoche aber einfach richtig Spass! Ein echter Geheimtipp!
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The Adventures Of Tintin (2011) Spielberg verfilmt Hergé – mit den Mitteln der Computeranimation. Das allein ist schon ein Widerspruch in sich, der den Film aber nicht schlechter (auch nicht besser!) macht. Tintin-hi-res-movie-imageTintin, ein lang gehegtes Lieblingsprojekt Spielbergs, hat mehr mit Indiana Jones zu tun als mit den ursprünglichen Comics um Tim & Struppi: Die Action kommt derart knüppeldick, dass man kaum zu Atem kommt – und dass kaum Raum bleibt für die von Hergé liebevoll entworfenen Charaktere. So ist The Adventures Of Tintin ein rasendes Action-Vehikel geworden, das nicht nur mit Versatzstücken von Hergé auftrumpft – auch Carl Barks wird zünftig Reverenz erwiesen und der Regisseur zitiert sich mehrmals selbst. Als Grundlage für die Filmhandlung dienten die beiden Tim & Struppi-Alben Das Geheimnis der Einhorn und Die Krabbe mit den goldenen Scheren. Das inzwischen gereifte motion capture-Verfahren (die Bewegungen echter Schauspieler werden direkt vom Computer bearbeitet und in die Animation übertragen) ergibt verblüffende Effekte, die den Spektakelcharakter des Films noch unterstreichen. Trotzdem ist das Aussehen der Figuren zunächst einmal fremd und gewöhnungsbedürftig.
Zusammenfassend darf man wohl sagen, The Adventures Of Tintin sei ein Muss für Spielberg-Fans und ein Graus für Hergé-Anhänger.
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Carmen (1984) Letzte Woche hatte ich eine Musical-Verfilmung verrissen, jetzt kommt die Oper dran! Francesco Rosis Carmen folgt Bizets Vorlage aufs Wort (was an sich schon problematisch ist) und versetzt sie in eine naturalistische Kulisse. Dadurch entsteht eine störende Diskrepanz zwischen überhöhtem Bühneneffekt und realistischem Gebahren. Rosi verschlimmert diese Diskrepanz durch eine foIkloristische Inszenierung, die Spanien so zeigt, wie sich Kurtli Müller dies vorstellt. Carmen RosiErschwerend kommt dazu, dass sich die Dramaturgie der Oper und die Funktionsweise des Kinos praktisch ausschliessen: Wo die Oper die Wiederholung um der Musik Willen erlaubt, ja verlangt, drängt das Kino vorwärts. So kommt es ständig zu stockendem Kolonnenverkehr, weil die Arien immer viel länger dauern, als der Verstand des Zuschauers arbeitet: Man weiss um den Fortgang der Handlung, muss aber ewig auf das Ende der Arie warten, bevor es endlich weitergeht. Natürlich ist die Musik toll, die Sängerinnen und Sänger erstklassig, doch im Kino kann das nicht funktionieren. Das Ambiente fehlt, dieses durch Folklore zu ersetzen, funktioniert nicht. Julia Migenes hat eine tolle Leinwandpräsenz, der Rest der Besetzung leider nicht. Sowohl Placido Domingo als auch Roggero Raimondi fehlt es an Ausstrahlung. Und somit fällt die ganze Verfilmung flach. Wer Opern nicht mag, wird durch Rosis Film eher bestätigt als eines Besseren belehrt. Ein fataler Effekt.
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