Sylvia Sidney

Tonfilm-Seitensprung: Hölle auf Erden

Endlich: Meine vor Monaten angekündigte Review von Fritz Langs Tonfilmschaffen ist einen Schritt weitergekommen. Ich kann nicht versprechen, dass sie in Zukunft schneller voranschreitet – es gibt auch von anderen Regisseuren einfach zu viele interessante Filme!

YOU ONLY LIVE ONCE
(dt.: Gehetzt)
USA 1937
Mit Henry Fonda, Sylvia Sidney, Barton MacLane, u.a.
Regie: Fritz Lang
Dauer: 86 min

In Fritz Langs zweitem im US-Exil gedrehtem Film gibt es, neben den beiden Hauptfiguren nur gerade drei mit positiven Eigenschaften besetzte Charaktere: Der Gefängnispater Dolan (William Gargan), der Anwalt Steven (Barton MacLane) und der Gefängnisinsasse Buggsy (Warren Hymer). Der grosse Rest, die ganze „Belegschaft“ der Nebenfiguren ist seelisch verkommen, fies, selbstgerecht, egoistisch, dumm und in der Gesamtheit seines Auftretens hässlich. Es ist, als wolle der gerade aus Deutschland geflüchtete Regisseur Fritz Lang zeigen, dass die Welt nichts anderes sei als die von der Kirche beschworene Hölle, von der uns nur der Tod erlösen könne, der seinerseits den Eintritt ins Paradies bedeute. Als der von allen irdischen Mächten gehetzte und schliesslich tödlich verwundete Ex-Sträfling Eddie (Henry Fonda) mit seiner toten Frau im Armen schliesslich stirbt, hört er eine himmlische Stimme, die ihn mit den Worten zu sich ruft: „Eddie! The gates are open, Eddie! You’re free!” Expliziter geht es nicht.

Lang selbst bezeichnete You Only Live Once als „ein bisschen zu sehr konstruiert“. In der Tat krankt das Drehbuch von Gene Towne und C. Graham Baker stark an einer ständig sicht- und spürbaren Konstruiertheit; Langs meisterhafte Inszenierung lässt dies zwar bisweilen vergessen, nach Filmende sass zumindest ich mit einem bitteren Nachgeschmack da.

Henry Fonda spielt den Ex-Sträfling Eddie Taylor, der mit seiner Verlobten Joan (Sylvia Sidney) ein bürgerliches Leben anfangen will.
Schon sehr schnell wird klar: Die Gesellschaft wird dies nicht zulassen. Eddie wird im Honeymoon-Hotel erkannt, worauf das frisch getraute Brautpaar brutal auf die Strasse gesetzt wird. Dann verliert er seine Arbeit – ein Ex-Sträfling kann sich keine Fehler leisten. Ohne Job kann Eddie die Raten am Haus nicht mehr bezahlen.
So geht das weiter und immer weiter. Eddie hat keine Chance. Ständig trifft er auf bornierte, hässliche, bösartige Bürger oder Gesetzesvertreter, die ihm seine Vergangenheit vorhalten und seinen guten Willen ignorieren, kurz, die ihm genüsslich übel wollen. Alle haben sie sich gegen ihn verschworen. Zuletzt sitzt er wieder im Gefängnis – unschuldig zum Tod verurteilt.

Parallelen zu Langs Vorgängerfilm Fury bieten sich geradezu an: Ein Unschuldiger wird von der Gesellschaft verurteilt und in die Rolle des Bösewichtes geradezu gedrängt. Entlud sich in Fury der Hass der Bürger in einem einzigen unheilvollen Moment, zieht sich der Hass in You Only Live Once über einen Zeitraum von mehreren Monaten und über den ganzen Film hinweg. Wo er sich auch hinwendet, Eddie trifft nur auf Hass und Borniertheit.

Gegen eine solche Aussage wäre nichts einzuwenden. Die grosse Schwäche des Films ist aber die: Man glaubt diese konstante Folge von üblem Willen nicht, weil sie in dieser Häufung und in der gezeigten Konstellation schlicht nicht möglich ist. Ein Beispiel von (zu) vielen: Eddie bricht aus dem Todestrakt auch (wie er das tut ist schon unglaubwürdig genug); er nimmt den Gefängnisarzt als Geisel und bahnt sich einen Weg zum Gefängnistor. „Wenn ihr schiess, stirbt der Arzt“, schleudert er der bewaffneten Polizistenmeute entgegen. Die Atmosphäre ist zum Zerreissen gespannt. Und genau in diesem Moment – nach monatelanger Wartezeit – trifft das Begnadigungsschreiben ein. Natürlich glaubt der zum Letzten entschlossene Eddie kein Wort, erschiesst den sich nährenden Pfarrer – und hat sich damit erstmals eines wirklichen Verbrechens schuldig gemacht, das ihn nun zum Gejagten macht.

Solche Momente vermitteln den Zuschauenden deutlich das Gefühl, dass die Welt, die Menschheit, das Schicksal von den Filmemacher mit allen Mitteln als ungerecht und böse hingebogen werden soll, nur damit die Aussage des Film am Schluss aufgeht. An jeder Handlungs-Kreuzung wählen die Drehbuchautoren den schlimmstmöglichen Weg. Eddie hat soviel Pech wie Donald Duck, und es gibt Momente, da wähnt man sich in einem billigen B-Movie.
Vergleiche mit John Fords vier Jahre später entstandenem Meisterwerk The Grapes of Wrath drängen sich auf – interessanterweise lieh auch dort Henry Fonda der geschundenen Hauptfigur seine Duldermiene. Auch bei Ford treten abscheuliche Figuren auf – aber auch das Gute hat dort – wie in der Realität auch – seinen Platz.

Die positiven Figuren bei Lang handeln bei näherer Betrachtung entweder unglaubwürdig (der Mit-Sträfling Buggsy, der dem Todeskandidaten kurz vor der Exekution zu einer Waffe verhilft), dumm oder schwach (der Gefängnispfarrer redet zwar edelmütig, verschuldet aber durch sein Handeln Eddies Mordtat; Eddies der Anwalt kann trotz aller Anstrengung nichts zum Positiven richten, jedenfalls bleiben seine Taten folgenlos angesichts der Übermacht der niederen Instinkte).

So mag der Film zwar Langs Weltsicht durchaus wiedergeben – weitere grundpessimistische Werke sollten folgen – zu seinen Meisterwerken zähle ich You Only Live Once jedoch nicht, denn das würde ein gutes Drehbuch einschliessen.

Man muss dem Regisseur Fritz Lang aber zugute halten, aus dem schwachen Stoff das denkbar Beste gemacht zu haben – Kraft seiner Bilder und der stringenten Inszenierung. Die ständigen verbalen Anspielung auf das bittere Ende wirken penetrant und angesichts der Bilder unnötig, die Lang findet, um dasselbe auf wesentlich subtilere Weise zu bewirken, indem sie das Unterbewusstsein des Betrachters darauf vorbereiten: In einem Teich wird das Spiegelbild des glücklichen Paares von Wellen ausgelöscht; eine Kinderschaukel im Regen kündet das Zerbrechen des Traumes vom bürgerlichen Leben an. Solche Metaphern wirken heute zwar auch etwas aufdringlich, doch lassen solche Bilder erkennen, dass die Stummfilmzeit 1937 noch nicht weit zurück lag. Lang wurde mit seinen Stummfilmen gross und legte auch in Hollywood noch immer deutlich mehr Wert auf die Bildsprache, als den Worten zu vertrauen.

Und darin liegt nach meiner Ansicht der Wert dieses eher schwachen Films: In der Kraft der Bilder und im Vertrauen auf deren narrative Qualität. Sie sind in der Tat so stark, dass man sich die Löcher im Drehbuch und in der Logik gefallen lässt. Dies war ja bereits in Metropolis der Fall – doch dem lag das deutlich bessere Drehbuch zugrunde.
7/10

You Only Live Once ist im deutschsprachigen Raum auf DVD erhältlich und kann bei amazon.de bestellt werden.

Tonfilm-Seitensprung: Fritz Lang dreht jetzt in Hollywood

Fritz Lang ist vor allem für sein Stummfilmschaffen und für den frühen Tonfilm M – eine Stadt sucht einen Mörder bekannt – kurz: für seine in Deutschland gedrehten Filme.
In deren Schatten standen und stehen immer noch die Filme, die er nach seiner Emigration in den USA gemacht hat. Ich zumindest, so wurde mir plötzlich bewusst, kenne die wenigsten davon. Das soll sich nun ändern; ich habe mir vorgenommen, das gesamte amerikanische Werk Langs zu sichten und zu besprechen. Soweit ich feststellen konnte, ist es vollständig auf DVD greifbar – das Meiste davon tatsächlich in Deutschland.
Ich versuche, bei meiner in unregelmässigen Abständen voranschreitenden Erkundungstour chronologisch vorzugehen und beginne mit dem ersten Film, den Fritz Lang drehte, als er nach der „Zwischenstation“ in Frankreich in den USA Fuss zu fassen suchte. (Seinen einzigen französischen Film Liliom werde ich noch aufzutreiben versuchen).

FURY
(dt.: Blinde Wut)
USA 1935
Mit Spencer Tracy, Sylvia Sidney, Bruce Cabot, Walter Brennan, u.a.
Regie: Fritz Lang
Dauer: 85 min

Fritz Langs erster amerikanischer Film (von 1935) gehört, obwohl heute fast vergessen, zu den stärksten und eindrücklichsten Werken seiner langen Regiekarriere. Vordergründig thematisiert er das in den USA damals noch immer grassierende Übel der Lynchjustiz: Ein unbescholtener Mann (Spencer Tracy) wird aufgrund einer Übereinstimmung im Täterprofil (Vorliebe für gesalzene Erdnüsse) für einen gesuchten Kindsentführer gehalten und in einer amerikanischen Kleinstadt zwecks späterer Untersuchung über Nacht inhaftiert. Im Nu verbreitet sich unter den Kleinstädtern das Gerücht, der wahre Verbrecher sei gefasst worden. Bis zum Abend hat sich unter der Leitung eines zwieliechtigen Windbeutels ein Mob gebildet, der randalierend zum Gefängnis marschiert. Der Widerstand des Sheriffs stachelt die Meute zusätzlich auf, das Gefängnis wird in Brand gesteckt und schliesslich in die Luft gejagt.

Lang, der hier auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, führt hier exemplarisch und absolut glaubhaft vor, wie es zu dem Ausbruch kommen konnte, indem er die Zuschauer durch sämtliche Stadien der Eskalation führt, vom harmlosen Versprecher des Hilfssheriffs (Walter Brennan) über den volksfest-ähnlichen Marsch zum Gefängnis bis zum Verschmelzen der Individuen zum zähnebleckenden Mob im Akt der Gewalt. Spätestens da wird klar, dass Lang, der zwei Jahre zuvor aus Deutschland flüchtete, Geschehnisse verarbeitet, welche die Weimarer Republik seit Ende des ersten Weltkrieges beutelten, und welche durch die Machtübernahme der Nazis noch an Aktualität gewannen.

Gelungen ist ihm dabei ein in allen Teilen stimmiger, atmospährisch dichter Film, der von der ersten Minute an eine unglaubliche Sogwirkung ausübt, und der bis heute nichts an Aktualität eingebüsst hat. Fury fokussiert mit kühlem, fast forscherhaftem Blick zwei miteinander verknüpfte, ebenso rätselhafte wie erschreckende menschliche Ur-Phänomene, jenes der scheinbar bedingungslosen Gewaltbereitschaft,  und jenes des ebenso bedingungslosen Mitläufertums. Lang gibt dem Mob ein Gesicht, in dem er einige der darin aufgehenden Individuen bewusst aus der Masse  hervorhebt und ihre Reaktionen studiert. Keiner von ihnen – bis auf den „Anführer“ vielleicht – wäre auf sich allein gestellt zu jener grausamen Tat fähig gewesen. Fury rückt „die Masse“ als Katalysator für Impulse, die das Individuum wohl verspürt, aber unterdrücken kann, ins Zentrum und gibt damit zu denken.

Joe überlebt den Anschlag wie durch ein Wunder. Doch nachdem er, halb wahnsinnig vor Todesangst in jener Zelle unentrinnbar der „Bestie Mensch“ ausgeliefert war, ist er nicht mehr derselbe. Er sei tot, sagt er, und nicht einmal mehr seine Verlobte Katherine (Silvia Sidney) kann ihn ins Leben zurückholen. Joe wird von Rachegefühlen zerfressen. Er will seine Henker am Galgen sehen, und so lässt er seine beiden jüngeren Brüder ein Gerichtsverfahren  gegen die Bürger jener Kleinstadt eröffnen, während er selbst im Schatten bleibt und sich tot stellt. Auch Katherine lässt er im Glauben, er weile nicht mehr unter den Lebenden, doch diese kommt dem Geheimnis langsam auf die Spur…

Fritz Lang und sein Co-Autor Bartlett Cormack rollen die Thematik mit all ihren Schattierungen auf und handeln sie in einem hervorragend durchdachten, für jene Zeit erstaunlich nuancierten Plot exemplarisch ab. Wenn der Racheengel am Schluss zur Vernunft gebracht wird und von seinem Plan absieht, dann ist dies ebensowenig hollywoodmärchenhaft wie der ganze Rest des Films, den man wohl zum realistischsten aller bis dahin erschienenen Lang-Werke zählen muss.
Dabei behält er seine in Deutschland entwickelte Handschrift bei, die sich hervorragend in den amerikanischen Film jener Zeit einfügt: Die Charaktere sind nicht nur psychologisch sehr scharf und differenziert gezeichnet, und erstaunlicherweise gleichzeitig oft an der Grenze zur Karikatur, sie sind auch in sich stimmig und werden mit einigen kleinen, skizzenhaften Gesten vollständig charakterisiert. Und auch die originelle Handhabung des Tons lässt den Regisseur deutlich erkennen: Auch hier – wie bereits in M und im Testament des Dr. Mabuse – werden Dialoge über Szenenwechsel hinweg geführt; die Begleitmusik einer Szene entpuppt sich als Radioübetragung…
10/10

Fury erschien im deutschsprachigen Raum auf DVD, ist aber inzwischen „out of print“. Er kann aber bei privaten Anbietern via amazon noch bezogen werden.