Steve Martin

Ninotchka (1939)

Im Gegensatz zu letzter Woche entsprach die Wahl zum „Film der Woche“ diesmal den Erwartungen. Lubitschs Komödienklassiker stellte alle anderen Streifen erwartungsgemäss in den Schatten, inklusive des bombastisch trickreichen, teuren Weltraum-Krachers Valerian.

FILM DER WOCHE

(dt.: Ninotschka)
USA 1939
Mit Greta Garbo, Melvyn Douglas, Ina Balin, Sig Ruman, Felix Bressart, Alexander Granach, Bela Lugosi u.a.
Drehbuch: Billy Wilder, Charles Brackett und Walter Reisch, nach einer Idee von Melchior Lengyel
Regie: Ernst Lubitsch
Musik: Werner R. Heymann
Der Film kam bei uns erst 1948 in die Kinos.

Der eiserne Vorhang ist gefallen, die Berliner Mauer eingerissen, der Sozialismus existiert nicht mehr real, sondern nur noch in den Köpfen und Wunschvorstellungen der Linken. Und gerade deshalb ist Ninotchka noch heute genauso amüsant wie damals, weil er u.a. den Sozialismus frech ad absurdum führt. Dank Billy Wilders Drehbuch – letzterer sollte das Aufeinandertreffen von Sozialismus und Kapitalismus später als Regisseur nochmals genauso scharfzüngig aufgreifen (One, Two, Three, USA 1961) – wird uns die Demontage einer Ideologie genüsslich, mit perlenden Dialogen und viel Situationskomik gespickt vor Augen geführt. Und die Demontage überzeugt: Sie entlarvt den Kommunismus mit einer einfachen Prämisse als theoretischen, ideologisch motivierten Überbau, der nicht funktionieren kann, weil der Faktor Mensch darin schlichtweg nicht eingeplant wurde.

Das Grundkonzept des Ideengebers Melchior Lengyel ist simpel, aber wirkungsvoll: Lass eine Vertreterin des Kommunismus in den Westen reisen, dort die Annehmlichkeiten der freien Welt erleben, sich in einen westlichen Lebemann verlieben – und die Verheissungen des Sozialismus fallen wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Im Film reisen die drei Inspektoren Iranoff, Buljanoff und Kopalski (Ruman, Bressart und Granach) nach Paris, um die Juwelen einer Grossherzogin der Zarenzeit zurückzuholen; sie sollen dem rechtmässigen Besitzer, dem Volk, zurückgegeben werden. Doch die drei erliegen den Verlockungen von Luxus und Lebensfreude und weichen von der Parteilinie ab. Worauf ihnen das Zentralbüro die Genossin Yakushova auf den Hals schickt. Nina „Ninotchka“ Yakushova (Garbo) soll in Paris nach dem Rechten sehen – und erliegt dem Charme des Westens und eines westlichen Charmeurs ebenso wie die drei Inspektoren.

Sieht man die Garbo in Ninotchka das erste Mal, glaubt man nicht an eine Wandlung. Die Frau wirkt derart abgehärmt, verschlossen, kalt und verhärtet, dass man sich besorgt zu fragen beginnt, wie Drehbuch und Regie ihre Wandlung glaubhaft hinbekommen wollen. Es funktioniert, und die eine Sequenz, in der es geschieht, ist die alles entscheidende – von ihr hängt die Glaubwürdigkeit des restlichen Films ab. Die Drehbuchautoren und der Regisseur waren sich dessen genaustens bewusst: Die Szene musste überzeugen, sonst ist der Film gestorben. Aber wie bekommt man eine derartige Wandlung hin?
Der Film zerfällt in der Tat in zwei Hälften: Die erste zeigt Ninotchka als sture Genossin, die zweite, die unmittelbar daran anschliesst, zeigt eine geöffnete, lebenslustige Frau. Keine Zeit, den Prozess langsam entstehen zu lassen. Er musste in eine Szene gepackt werden, sonst wäre der Film an Überlänge erstickt (wie der im selben Jahr entstandene, ausufernde Vom Winde verweht, an den Ninotchka sämtliche Oscars verlor).
Wilder, Brackett und Reisch kamen mit der grandiosen Idee der „Witz-Sequenz“: Ein Lachanfall würde aus Genossin Yakushova von einer Minute zur nächsten zu einem anderen Menschen machen: Count d’Algout (Douglas), der sich in sie verliebt hat, möchte sie in einem Restaurant zum Lachen bringen. Er erzählt einen Witz nach dem anderen, doch die Genossin verzieht keine Miene. Als er sich geschlagen gibt und sich beleidigt zurücklehnt, kippt er mit dem Stuhl in einen voll gedeckten Tisch. Und nun gibt es kein Halten mehr: Das ganze Restaurant brüllt vor Lachen – inklusive „Ninotchka“. Danach ist sie eine andere – und man glaubt es!

Lubitsch wusste genau, dass sein Film mit dieser Szene stand oder fiel. Sie musste einfach funktionieren! Der grosse Unsicherheitsfaktor war ausgerechnet die Darstellerin der zentralen Figur: Die Garbo war am Set ausgesprochen kapriziös und schwierig. Melvyn Douglas gab später zu Protokoll, dass sie der Lachanfall vor grosse Probleme gestellt habe. Lachen rangierte bislang ganz unten auf der Skala ihrer Gefühlsregungen. Nicht umsonst galt diese Szene dann als Sensation, der Film wurde sogar damit beworben („Garbo laughs!“).
Lubitsch kriegte das Kunststück hin, die introvertierte Aktrice aus sich herausgehen zu lassen. Der Lachanfall wirkt nicht nur echt, er wirkt auch ansteckend (Melvyn Douglas äusserte den Verdacht, es sei ein Voice-Double, eine nachträgliche Sychonisation im Spiel gewesen). Und damit funktionierte auch der Rest des Films, der bis heute Generationen von Film freunden begeistert und bezaubert.

Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

PARENTHOOD
(dt.: Eine Wahnsinnsfamilie)
USA 1989
Mit Steve Martin, Mary Steenburgen, Jason Robards, Dianne Wiest, Martha Plimpton, Rick Moranis, Tom Hulce
Drehbuch: Lowell Ganz und Babaloo Mandel
Regie: Ron Howard
Musik: Randy Newman
Parenthood thematisiert das Thema „Kinder und Eltern“ anhand einer Grossfamilie, bestehend aus Opa Frank (Robards), dessen inzwischen erwachsenen vier Kindern und deren Kinder. Das ergibt fünf Familien, die jede nach einem anderen „Konzept“ funktioniert. Das Konzept des Film ist höchst ergiebig und wurde – in leicht abgeänderter Form – von der noch immer laufenden TV-Serie Modern Family übernommen. Es ermöglichte den Machern, damals gängige Familienformen aufzugreifen und zu persiflieren. Und da im Witz immer ein Körnchen Wahrheit steckt und die damals gängigen Formen noch heute „en vogue“ sind, hat Parenthood kaum etwas von seiner Wirkung und Aktualität eingebüsst.
Da wird etwa die noch heute grassierende Therapierwut in der Schule thematisiert, pubertäre Irrläufe, der Hochbegabtenwahn – mit sicherem Gespür lokalisierten die Drehbuchautoren die sensiblen Themen, obwohl diese damals noch relativ neu waren. Und am Ende destillieren sie eine Wahrheit aus all den elterlichen Irrungen und Wirrungen, die ihre Gültigkeit noch in 20’000 Jahren haben wird.
Alle gezeigten Schicksale und Probleme bleiben allerdings eher harmlos und werden zuletzt auch noch wundersam in Minne aufgelöst; trotzdem muss man den Autoren doch erhebliches Talent zugestehen: Obwohl die Familiengeschichten als Gesellschaftskomödie aufbereitet werden, scheint doch immer wieder der Ernst durch; nicht selten bringt der Witz den Ernst der Sache auf den Punkt. Und das geschieht mit einer scheinbaren Lockerheit, die man im europäischen Kino schlichtweg vergebens sucht. Die gesamte Darstellertruppe unterstützt diesen Ton in idealer Weise – allesamt Komödianten vor dem Herrn, denen ein plötzliches Umschwenken auf ernste Töne keine Schwierigkeiten bereitet.
Parenthood ist wegen seiner Oberflächlichkeit in erster Linie ein Unterhaltungsfilm – ein wirklich guter. Langweile kommt in den zwei Stunden Laufzeit nie auf, und gewisse Situationen sind derart sec auf den Punkt gebracht, dass es eine Freude ist.
Die Regie: 6 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS
(dt.: Valerian und die Stadt der tausend Planeten)
Frankreich 2017
Mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna, Ethan Hawke u.a.
Drehbuch: Luc Besson nach den Comics von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin
Regie: Luc Besson
Musik: Alexandre Desplat
Nach Subway und Le grand bleu wollte ich keinen Besson-Film mehr sehen; ich fand beide hohl und prätentiös. Der Regisseur, obwohl damals voll „in“ und gefeiert, war danach für mich abgeschrieben. Ich hielt mich daran und schaute mir keinen einzigen Besson-Film mehr an (es interessierte mich auch keiner mehr). Doch weil man ja niemals „nie“ sagen soll, liess ich mich diese Woche überreden und ging ins Kino.
Ich stelle fest: Besson ist noch keinen Schritt weiter. Ein Armutszeugnis.
Damit lasse ich es bewenden – ich weiss, das Urteil ist völlig undifferenziert. Aber ich habe nicht die geringste Lust, über diesen zeitverschwendenden Schmarren weitere Worte zu verlieren. Doch – noch dies: Wie kann ein Regisseur zwei derart untalentierten Darstellern wie Dane DeHaan und Cara Delevigne die Hauptrollen übertragen, wenn er weiss, dass die beiden den ganzen Film tragen müssen? Weil er nicht merkt, wie schlecht sie sind? Weil er ausser auf die Special Effects auf nichts sein Augenmerk legte?
Die Regie: 6 / 10
Das Drehbuch: 4 / 10
Die Schauspieler: 4 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 5 / 10

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Vorschau

Ich war heuer für zwei Tage am Filmfestival in Locarno. Die folgenden drei Filme, die ich dort gesehen habe, werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Jules et Jim (Frankreich 1962)

The Big Sick (USA 2017)

Wonderstruck (USA 2017)

 

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Drei Amigos (1986)

Der „Film der Woche“ ist diesmal kein grosses Werk, sondern einfach ein solider, guter Film, genauer: ein unterhaltender Westernspass. Neben zwei weiteren Filmvorstellungen stellt gabelingeber Mutmassungen darüber an, ob Filme Lebenshilfe bieten können.

FILM DER WOCHE
Ein Klassiker:

(dt: Drei Amigos!)
Mit Steve Martin, Martin Short, Chevy Chase, Alfonso Arau, Patrice Martinez u.a.
Drehbuch: Steve Martin, Lorne Michaels und Randy Newman
Regie: John Landis
Der Film lief 1987 auch in deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Drei Amigos!

Letzte Woche war hier von der Westernkomödie Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe die Rede, die mir bei der Zweitsichtung nach etwa 30 Jahren nicht mehr besonders gefallen hatte. Mit Three Amigos versuche ich mein Glück mit demselben Genre, ereneut mit einem Film, den ich vor Jahrzehnten – bei seinem Kinostart – gesehen hatte. Ich fand ihn damals mau. Bei der Zweitsichtung vor ein paar Tagen gefiel er mir jedoch ausgezeichnet – anders als der „Hilfe brauchende Sheriff“, bei dem der Effekt der Umgekehrte war. Schon seltsam, was das Alter mit gewissen Filmen tut (ein Thema, das ich in den „Gedankensplittern“ weiter unten zu vertiefen versuche).
Three Amigos ist wirklich lustig! Viel darüber zu schreiben gibt es mangels Substanz allerdings nicht.

Schon die Ausgangslage des Streifens hat es in sich: Wie bei den glorreichen Sieben wird ein mexikanisches Dörfchen („El Poco“!) von Banditen bedroht. Die Retter sind aber nicht coole Revolverhelden wie im berühmten Vorbild, sondern drei Stummfilmstars in albernen Kostümen, die glauben, zu einem Auftritt nach Mexico beordert worden zu sein.
Wie die drei Unbedarften von einem Fettnäpfchen ins nächste treten, ist zwar alles andere als neu, aber es wird hier mit soviel Können, Gusto und sicherem Gespür fürs Komische kredenzt, dass man von einem Highlight des Genres sprechen kann. Das parodistische Element wird einem hier nicht um die Ohren gehauen wie in den Filmen des Trios Zucker-Abrahams-Zucker (Airplane!), es bleibt dezent im Hintergrund. In Three Amigos wird in erster Linie erzählt, im Vordergrund steht die Geschichte; es handelt sich um einen komischen Film, der im wilden Westen spielt, um einen, der sich en passant über die Elemente und Gepflogenheiten des Western lustig macht. Ausserdem wird ganz zentral auch der Stummfilm und dessen Ära parodiert. Neben einem Ausschnitt aus einem (fiktiven) Stummfilm mit den „drei Amigos“ gibt es zudem absurde Highlights wie einen singenden Busch, einen unsichtbaren Schwertkämpfer und ein Kerkersystem, das es geduldigen Gefangenen ermöglicht, an den Schlüssel der Zelle zu gelangen.

Von den Schauspielern, denen das Ganze sichtlich Spaß gemacht hat, über das wendungs- und gagreiche Drehbuch und die hervorragende Regie bis zur Ausstattung, die immer parodistisch schwankt zwischen Roy Rogers-Kitsch und Realismus, ist alles erste Sahne.
Eine besondere Freude werden Disney-Kenner daran haben: Three Amigos! bezieht sich mehrmals auf Disneys zwei „südamerikanische “ Episodenfilme Three Caballeros und Saludos Amigos. Die Lagerfeuer-Sequenz wo die drei Amigos auf ihrem Weg zum Banditennest Rast machen, ist zudem ein direktes Zitat aus der von Roy Rogers eingeleiteten Episode Pecos Bill aus Disneys 1954 entstandenem Episodenfilm Melody Time.

Die Regie: 9 / 10 – John Landis setzt das wenig ambitionierte Drehbuch hervorragend um. Er setzt nicht auf ausgeklügelte Einstellungen, sondern er verhilft mit seiner Inszenierung den komischen Elementen zu ihrer bestmöglichen Wirkung. Zudem leitet er das Schauspielerteam zu einer homogenen Ensembleleistung an, die rundum Spass macht. Das muss man erst mal können!
Das Drehbuch: 7 / 10 – Eigentlich nichts besonderes, aber mit viel Witz und Routine geschrieben. In den Händen eines weniger fähigen Regisseur hätte es seine Qualitäten zwar behalten, es hätte aber möglicherweise nicht so geglänzt.
Die Schauspieler: 8 / 10 – Nur gerade Joe Mantegna und Patrice Martinez fallen gegenüber dem Rest der Truppe ab, die anderen spielen (schmieren-)komödiantisch auf, dass es eine Freude ist!
Die Filmmusik: 9 / 10 – Elmer Bernsteins Filmmusik ist eine herrliche Zusammenfassung von kernigen Westernfilm-Klängen. Sie ist sowohl eingängig als auch funktional, ohne in irgendeiner Form aufdringlich zu sein.

Gesamtnote: 8,5 / 10

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Kurzkritiken

Ein vergessener Film:
DAS GEHEIMNIS DES STEINERNEN MONSTERS

(The Monolith Monsters)
USA 1957
Mit Grant Williams, Lola Albright, Les Tremaine, Trevor Bardette u.a.
Drehbuch: Norman Jolley und Robert M. Fresco
Regie: John Sherwood

Was für ein Filmstoff: Wachsende Steine bedrohen die Menschheit. Den Streifen musste ich einfach sehen!
Obwohl die blödsinnige Grundidee mit einer Ernsthaftigkeit umgesetzt wurde, als handle es sich um ein seriöses Drama, macht The Monolith Monsters Spass. Wahrscheinlich gerade, weil der Ton so ernsthaft ist. Man fühlt sich in die eigene Kindheit zurückversetzt, wo man im Klettergerüst des benachbarten Spielplatzes „Raumschiff Enterprise“ gespielt hatte, und alles war absolut echt.
Wie Gremlins reagieren die Steine auf Wasser: Dangerous when wet! Das kühle irdische Nass lässt die scheinbar harmlos in der Wüste herumliegenden Gesteinssplitter (es handelt sich um Meteoritenteile) zu wahren Gebirgen heranwachsen, welche dann irgendwan umstürzen, zerbersten und alles unter ihren Trümmern begraben. Aus den entstandenen Splittern wachsen sogleich neue Stein-Türme. Auf diese Weise „purzeln“ die wachsenden Steine auf die US-Kleinstadt San Antonio zu.
Dabei handelt es sich um das wahrscheinlich langsamste Film-Monster der Filmgeschichte – wenn man denn überhaupt von einem Monster sprechen kann. Die Retter haben jedenfalls reichlich Zeit, ein Gegenmittel zu finden. Während die Steine im Schneckentempo durch eine Schlucht auf das Städtchen zutrudeln. bleibt Musse für verschiedene Tests und Erörterungen.
Grant Williams, ein recht limitierter, aus anderen „Monster“-Filmen jener Zeit bekannter Schauspieler (Die unglaubliche Geschichte des Mister C.), führt den Retter-Trupp an. Anders als in Jack Arnolds oben erwähntem, berühmtem Film schrumpft er hier nicht zusammen, sondern wächst über sich hinaus. Salopp gesagt: In „Mr. C“ schrumpft Grant, hier hingegen wächst Granit. Monster-Filmer Jack Arnold hatte auch hier seine Finger drin, die hanebüchene Geschichte stammt nämlich von ihm.
Insgesamt ein amüsanter Ausflug in die paranoiden 50er-Jahre, wo im Kino sogar Steine als Bedrohung der Menschheit angesehen wurden. Der Filmtrick notabene ist das Beste an diesem Film – die Steine und ihr Wachsen wirkt erstaunlich wenig lachhaft.
Die Filmmusik klingt bisweilen etwas gar schräg und nervt immer mal wieder mit Holzhammer-Effekten, welche die Bemügung der Inszenierung um Zwischentöne gehörig unterlaufen. Sie stammt von Irving Gertz, Herman Stein und – überraschenderweise – Henry Mancini.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 6 / 10
Die Filmmusik: 5 / 10
Gesamatnote: 6 / 10

Ein zeitgenössisches Werk:
CERTAIN WOMEN
USA 2016
Mit Laura Dern, Michelle Williams, Kirsten Stewart, Lily Gladstone, Jared Harris u.a.
Drehbuch und Regie: Kelly Reichardt
Nachdem mich letzte Woche The Retrieval so begeistert hatte, war mein Interesse an unabhängig produzierten US-Filmen geweckt. Ich bekam Lust auf mehr.
Von Kelly Reichardts Certain Women wurde ich nun allerdings enttäuscht. Der Episodenfilm, in dessen Zentrum vier Frauen im Hinterland des US-Staates Montana stehen, bleibt im Fragmentarischen stecken und entlässt einen unbefriedigt.
Ich erwarte von einem Film, dass er mir etwas erzählt, dass er mich teilhaben lässt am Schicksal seiner Charaktere. Kelly Reichardt beginnt zwar zu erzählen, drei Mal (je ein Mal pro Episode), bricht aber immer wieder ab und lässt einen jedes Mal mit offenen Enden allein. „Den Rest könnt ihr euch selber denken“, scheint sie zu sagen. Was ist das für eine Erzählerin, die das Publikum auf halber Strecke sitzen lässt? Dahinter steckt die verbreitete Unsitte mancher pädagogisch angehauchter Filmemacher, das Publikum erziehen zu wollen: Konsumieren ist pfui!
Das ist von mir aus legitim, nur sollte man das vorher ankündigen, wenn man Leute wie mich, die gerne etwas erzählt bekommen, nicht verprellen will: „Achtung – diesen Film muss man sich selbst zu Ende erzählen!“
Frau Reichardts Figuren sind kaum fassbar, sie sind skizzenhaft, undefiniert. Man mag sich deshalb gar nicht richtig auf sie einlassen. Sie sind einem nach kurzer Zeit einfach egal.
Ich erwarte von einem Film das Gegenteil! Ich will mich einlassen auf die Figuren und deren Geschichte. Das kann ich aber nur, wenn jemand interessant und glaubhaft erzählt. Beides gelingt Kelly Reichardt in diesem Film nicht. Die Erzählungen beginnen jeweils interessant, verlieren sich dann aber im Nirwana der „Interpretation“: Man muss raten, weshalb die Figuren nun so und so handeln. Auf welcher Seite sie stehen. Was ihre Motivationen sind. Sowas kann durchaus interessant sein – wenn der Filmemacher das Talent besitzt, trotzdem Spannung zu erzeugen. Hier wirkt es nur öde.
Es entsteht der Eindruck, Frau Reichardt habe selbst keine Lust, sich auf ihre Geschichten einzulassen. Vielleicht liegt das an mangelndem Erzähltalent…
Die erste Episode dreht sich um eine Anwältin, die von einem bedürftigen Mandanten bedrängt wird. Die zweite von einer zerrütteten Familie, die in der Wildnis ein Haus bauen will. Und die letzte von einer Anwältin, die in einem gottverlassenen Kaff Vorlesungen über Schulrecht hält und dort eine Bewundererin findet.
Der Filmplakat gibt übrigens einen perfekten Eindruck des Films: Nebelhaft, problembeladen, depro. Die Filmmusik (Jeff Grace) ist praktisch nicht vorhanden. Erst gegen Schluss des Film wabern ein paar liegende Akkorde im Hintergrund.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 3 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 3 / 10
Gesamtnote:
5 / 10

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Gedankensplitter

Lebenshilfe

Als der oben besprochene „Film der Woche“, Three Amigos, in die Kinos kam, war ich gerade mal 23. Ich schrieb im Nebenjob Filmrezensionen für eine grössere Lokalzeitung des schweizer Mittellandes. Three Amigos konnte ich in einer Pressevorführung begutachten.
Leider ist mir der genaue Wortlaut meiner damals verfassten Kurzkritik nicht mehr präsent; ich weiss nur noch, dass ich mich für John Landis‘ Westernparodie nicht sonderlich begeistern konnte. Three Amigos kam damals bei den hiesigen Kritikern allgemein nicht gut an. Seither habe ich ihn nie wieder gesehen.
30 Jahre später: Three Amigos kommt auf Blu-ray heraus – als Sonderedition zum runden Jubiläum. Hatte ich mich getäuscht?
Eine Neuvisionierung führte schliesslich zu einem gänzlich anderen Urteil als beim ersten Mal. Warum?
Jede(r) kennt das Phänomen, dass sich „Filme mit den Jahren verändern“. Natürlich ist es umgekehrt – die Jahre verändern den Film, oder besser dessen Rezeption – doch das Phänomen, weshalb der eine Film bei einer Neusichtung verliert, während ein anderer gewinnt, ist damit noch nicht erklärt. Bei einer dritten Sorte wiederum bleibt die Sicht gar unverändert.
Das sind die Rätsel des Lebens und des Wachsens. Interessant sind von den angesprochenen Filmen vor allem jene, die gut bleiben, durch alle persönlichen Wandlungen hindurch. Sie sind vermutlich wichtig. Möglicherweise enthalten sie Antworten auf wichtige (Lebens-)Fragen. Oder wichtige persönliche Einsichten. Vielleicht beinhalten sie Leitmotive für das eigene Leben.
Wurde diese Theorie (Behauptung) jemals untersucht? Könnte sich möglicherweise lohnen… Ein Film, der einen durch das ganze Leben, durch alle persönlichen Wandlungen und Veränderungen hindurch begleitet, muss etwas tief in der Persönlichkeit Liegendes zum Schwingen bringen. Vielleicht bringt er einen auf eine Spur beim Rätseln um das eigene Wesen.
Der Film als Lebenshilfe – das wäre doch mal eine nähere Untersuchung wert… Vielleicht wird dann endlich entdeckt, dass es Filme mit Heilwirkung gibt.

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Vergessene Filme: The Search (dt.: Die Gezeichneten; USA 1948)

Klassiker: Wo hu cang long (dt.: Tiger & Dragon; Taiwan / China / USA 2000)

Zeitgenössisches Filmschaffen: Get Out (USA 2017)