Sophia Loren

Hidden – Die Angst holt dich ein

Alles ist im Fluss: gabelingeber hat mal wieder das Blog-Konzept geändert. In Zukunft (fragt sich bloss, wie lange…) soll derjenige Film an prominenter Stelle stehen, der ihm in der laufenden Woche am besten gefallen hat – und nicht mehr eine Entdeckung aus der Vergangenheit. Der Rest der visionierten Filme wird unter der Rubrik „Kurzkritiken“ abgehandelt – in absteigendem Gefälligkeitsgrad. So präsentiert sich dem regelmässigen Blogleser wöchentlich ein empfehlenswerter Titel.

HIDDEN
USA 2015
Mit Alexander Skarsgard, Andrea Riseborough, Emily Alyn Lind, u.a.
Drehbuch und Regie: The Duffer Brothers
Der Film kam im deutschsprachigen Raum nicht in die Kinos, sondern wurde unter dem Titel Hidden – Die Angst holt dich ein direkt auf DVD veröffentlicht.

Im Horrorgenre bin ich kaum bewandert. Ich mache mir nichts aus Schocks und Gore. Auch Zombies interessieren micht kaum. Trotzdem gibt es immer mal wieder Vertreter des Genres, die mich aufhorchen lassen. Wie Hidden. Bei genauer Betrachtung stellt sich allerdings die Frage, ob Hidden überhaupt ein Horrorfilm ist.
Da geht es um eine Familie (Vater, Mutter, Kind), die sich in einem Luftschutzbunker versteckt. Seit Monaten harren sie da unten in der Düsternis aus, haben sich zwischen Beton und Stahl ein alternatives Leben eingerichtet. Es geht ums nackte Überleben, denn draussen ist etwas, etwas Schreckliches vor dem man sich verstecken muss.

Der Zuschauer tappt lange im Dunkeln, bekommt durch die Gespräche zwischen Eltern und Kind Häppchenweise mit, was geschehen ist, und das macht Hidden ungemein spannend. Die Handlung setzt ein, lange nachdem sich das Leben im Bunker etabliert hat und für die Eingeschlossenen zur „Normalität“ geworden ist. Man wird langsam eingeweiht, das Bild vervollständigt sich zunehmend im Fortgang der filmischen Erzählung. Nebenbei wird die Frage aufgeworfen, was ein „gutes Leben“ sei. Wir erleben ein westliche Mittelstandsfamilie, die plötzlich all ihrer Privilegien beraubt wird und nur noch mit dem Allernötigsten auskommen muss. Dieses Allernötigste erscheint ihnen unter den gegebenen Umständen als Segen – schliesslich leben sie noch um haben in ihrem Versteck Ruhe vor dem Unaussprechlichen. „Oben“ ist eine Seuche ausgebrochen, eine Seuche, welche die Menschen zu Monstern – sogenannten „Breedern“ –  hat mutieren lassen.

Zunächst nimmt man Teil am Alltag der drei Flüchtlinge. Die Situation im Kleinen wie im Grossen wird herauskristallisiert. Gleichzeitig wird die Psychologie der vielleicht letzten Überlebenden scharf umrissen. Das ist ungemein spannend, obwohl äusserlich nichts geschieht. Geschickt bauen die Filmemacher ihre Erzählung auf mehreren Ebenen auf und legen den Grundstein für das, was danach kommt.

Eine verirrte Ratte im Bunker ist Schuld, dass die Situation plötzlich aus dem Ruder läuft. Von einem Augenblick zum nächsten steigt die Gefahr einer Entdeckung, denn die Aufmerksamkeit der „Breeder“ scheint auf geradezu unheimliche Weise gesteigert zu sein. Und tatsächlich: Der Bunker wird entdeckt. Und dann gibt es kein Halten mehr.

Genau in dem Moment, wo ich dachte: So, das war’s nun, jetzt fällt das so kunstvoll aufgebaute Gerüst und die ganze sorgfältig austarierte Figurenpsychologie in sich zusammen und der Film artet in eine adrenalingesättigte Verfolgungsjagd aus – genau in dem Moment warten die Filmemacher mit einem schlauen Twist auf.

Steht im ersten Teil die Psychologie, das von drei Schauspielern getragene intensive Kammerspiel im Zentrum, so ist es im zweiten Teil die Action, die dominiert. Doch auch diese ist nie reiner Selbstzweck, denn ab hier beginnt man, das im ersten Teil Erfahrene neu zu überdenken.
So, mehr will ich jetzt der Fairness halber nicht verraten und Hidden nur noch zur Ansicht empfehlen. Der Film, ein höchst interessanter Mix aus Horrorfilm und Kammerspiel, stammt von Matt und Ross Duffer, bekannt als „die Duffer Brothers“, dieselben, welche auch für die derzeit erfolgreiche Netflix-Mystery-Serie Stranger Things verantwortlich zeichnen.

9 / 10

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Kurzkritiken


GESTERN, HEUTE, MORGEN

(OT: Ieri, oggi, domani)
Italien 1963
Mit Sophia Loren, Marcello Mastroianni, Aldo Giuffré, u.a.
Drehbuch: Eduardo De Filippo, Cesare Zavattini u.a.
Regie: Vittorio De Sica
Einer jener typischen Episodenfilme, die in den Sechzigerjahren in Italien „in“ waren. Im Mittelpunkt jeder Episode steht eine (von der Loren gespielte) Frau.
Die erste Episode heißt „Adelina“ und handelt von einer Frau und Mutter in Neapel, die einer Gefängnisstrafe wegen Schmuggels nur entgehen kann, wenn sie permanent schwanger bleibt. Ehemann Mastroianni ist schwer gefordert…!
Teil 2, „Anna“, zeigt einen Ausflug einer reichen, gelangweilten Fabrikantengattin mit einem Schriftsteller.
Teil 3: „Mara“ ist eine Prostituierte, die einen notgeilen Kunden permanent vertrösten muss, weil ständig irgendwas dazwischenkommt.Der Film legt mit der ersten Episode einen fulminanten Start hin. Sie sprüht nur so vor Leben, die Erzählung ist witzig und das Milieu ist fabelhaft gut getroffen.
Leider enttäuscht der Rest des Films. Die letzte Episode ist zwar auch ganz unterhaltsam, doch hier lahmt das Drehbuch. Cesare Zavattini, aus dessen Feder auch die schwache zweite Episode stammt, hat offensichtlich Mühe mit dem Fokus. Man weiß nie so richtig, was nun eigentlich im Zentrum der Geschichte steht und das Lavieren ermüdet auf Dauer.Dank dem wechselvollen Spiel der beiden Hauptdarsteller gewinnt aber auch noch die schwächste Episode. Der Film zeigt deutlich, wie fabelhaft vielseitig die Loren und der Mastroianni waren. In jeder Episode verwandeln sie sich in völlig andere Charaktere. Zudem waren beide grandiose Komödianten!
7 / 10


DIE HÜTTE – EIN WOCHENENDE MIT GOTT

(OT: The Shack)
USA 2017
Mit Sam Worthington, Octavia Spencer, Radha Mitchell u.a.
Drehbuch: John Fusco, Andrew Lanham und Destin Cretton nach dem Buch von William P. Young
Regie: Stuart Hazeldine
„Brot backen mit Gott! Über’s Wasser laufen mit Jesus! Gönnen sie sich ein Wellnesswochenende mit der Dreifaltigkeit!“
So könnte der Werbeslogan dafür lauten, was in diesem Film gezeigt wird.
Doch von Anfang an: Während Mack Phillips seinen Sohn vor dem Ertrinken rettet, wird seine jüngste Tochter entführt und umgebracht. Schon die Ausgangslage mit ihrer Konstruiertheit macht stutzig. Doch es kommt noch dicker!
Nach dem Tod der Tochter fällt Mack in eine tiefe Depression. Da erhält er eine schriftliche (!) Einladung – von Gott. Mack soll zur Hütte zurückkehren, in der seine Tochter ermordet wurde, an den Ort, den er in schrecklichster Erinnerung hat. Er tut es – wider jede Vernunft.
Und dort trifft er nun – Gott. In (natürlich!) weiblicher Form; in Form der schwarzen Schauspielerin Octavia Spencer. Sie backen Brot zusammen. Mack stellt Fragen, Gott/Octavia beantwortet sie weise.
Jesus ist auch da, und der heilige Geist ebenso. Das ganze „Wochenende mit Gott“ ist in Bilder gefasst, die aus der Werbung einer Wellnessfarm stammen könnten. Die ganze Zeit wird weise gemurmelt, über Themen sinniert wie: „Weshalb lässt Gott Gräueltaten zu?“ Und auf jede Frage gibt es eine Antwort.
Es gibt bedenkenswerte Aussagen in diesem Film. Doch das Ganze kommt derart selbstgerecht daher, dass es fast nicht erträglich ist. Im Film – und in der Buchvorlage wohl ebenso – gibt Gott selbst die Antworten. Das Buch wurde aber von einem Menschen geschrieben. Einem Menschen, der offensichtlich weiß, wie Gott denkt und tickt. Wer das von sich glaubt, ist anmassend. Und da wird es für mich abstossend.
Der ganze Film ist eine Lektion in Frömmigkeit, bunt und plakativ umgesetzt, auf dem Niveau eines amerikanischen Fernsehgottesdienstes. Die Schauspieler sind samt und sonders – und sichtlich – von der schwierigen Aufgabe überfordert.
Ogottogott!
2 / 10

Abgebrochen:
– Guardians of the Galaxy, Vol.2
(James Gunn, USA 2017): Keinerlei vernünftige Handlung, die Schauspieler unter Latex und zentimeterdick Schminke begraben, der allseits gepriesene Humor gewollt, verkrampft, kaum der Rede wert. Die Story vom gottgleichen Vater des Helden ein Bockmist sondergleichen… Nee danke!
The Constant Nymph (dt.: Jungfräuliche Liebe / Liebesleid; Edmund Goulding, USA 1943): Oh wow! Charles Boyer, Joan Fontaine und Peter Lorre in einem in der Schweiz spielenden Backfisch-Drama. Chees-y!

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Gedankensplitter

Das Drehbuch
Regisseure werden von der Filmkririk im allgemeinen für alles gelobt oder gerügt, was an einem Film gelungen oder misslungen ist. Dass sie für wichtige Aspekte gar nicht verantwortlich sind, wird gemeinhin übersehen; zu stark hat sich die in den 50er-Jahren geprägte, romantisierende Vorstellung vom „cinèma auteur“, vom Autorenfilm, in den Köpfen festgesetzt.
Dem Regisseur kommt üblicherweise keinerlei Verdienst für das dramaturgische Gerüst zu, es sei denn, er hätte am Drehbuch mitgearbeitet. Trotzdem liest man immer wieder Kommentare, wie jenen in der neusten Ausgabe unseres Lokalblattes zu Mick Jacksons Film Denial. Da beklagt sich der Filmkritiker über das Ende des Films und lastet das angebliche Misslingen dem Regisseur an. Dann holt er zu einem Rundumschlag aus: Jacksons letzter bekannter Film Bodyguard liege ja inzwischen über zwanzig Jahre zurück, seither hätte der nichts „Gescheites“ mehr gedreht und auch Bodyguard sei schon schnulzig gewesen. Was für eine Meisterleistung journalistischen Durchblicks! Dass Jackson in England zwischenzeitlich zahlreiche Fernsehfilme inszeniert hat, die hier gar nicht zu sehen waren, kümmert den Lokal-Kritiker nicht. Weshalb weiss er, dass sie „nichts Gescheites“ waren? Hat er sie wirklich gesehen? Mick Jackson ist kein herausragender Regisseur, aber ihm die Schwächen des Drehbuchs anzulasten zeugt von filmjournalistischer Inkompetenz. Genausowenig kann man dem Regisseur die Stärken eines Drehbuchs gutschreiben. Aber die meisten Filmkritiker tun genau das. Sie vermögen nicht zwischen dem Stoff und seiner Inszenierung zu unterscheiden.
Sehr schön lässt der Einfluss des Drehbuchs in Filmen wie dem oben erwähnten Ieri, oggi, domani von Regisseur Vittorio de Sica belegen, den man als Pflichtstück für angehende Filmjournalisten erklären sollte: Der Film hat drei Episoden, zwei Drehbuchautoren und einen Regisseur. Die erste Episode perlt und pulsiert vor Witz und Lebendigkeit, die anderen beiden kommen mit ihrer Handlung einfach nicht zu potte. Sie haben kein erzählerisches Zentrum und mäandern von einem Thema zum andern. Die erste Episode stammt von einem anderen Autor als die beiden letzten. Gegen deren Drehbuch-Schwächen kann auch der Regisseur wenig ausrichten.