Sam Peckinpah

Roller Girl (2009)

Ich finde es selber immer wieder spannend, welcher von meinen drei geplanten Filmen zum „Film der Woche“ aufsteigt (ich wähle die drei Filme jeweils aus, bevor ich sie gesehen habe). Immer wieder erlebe ich da Überraschungen – auch diese Woche wieder: Ich war von vornherein ziemlich sicher, dass The Wild Bunch nach den Sichtungen auf Platz eins stünde. Denn was kann ein kaum bekannter Jugendfilm wie Whip It gegen dieses allseits gepriesene und anerkannte Meisterwerk ausrichten? Oder ein allseits verrissener, dem Vernehmen nach zweitklassiger Monsterfilm wie Kong: Skull Island?
Nachdem ich mit den drei Filmen durch war, stand The Wild Bunch zuunterst auf der Dreier-Bestenliste! Und – nächste Überraschung – Kong ist keineswegs so schlecht, wie er allenthalben besprochen wird! Ich ziehe ihn Peckinpahs ideologisch verklärtem 68er-Western sogar vor („Blasphemie! Blasphemie!“). Aber lest selbst…

FILM DER WOCHE

(dt.: Roller Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg)
USA 2009
Mit Ellen Page, Shannon Eagen, Juliette Lewis, Kristen Wiig, Daniel Stern, Landon Pigg, Andrew Wilson, Marcia Gay Harden, Drew Barrymore u.a.
Drehbuch: Shauna Cross nach ihrem Roman
Regie: Drew Barrymore
Musik: The Section Quartet
Der Film lief offenbar 2011 in den deutschen Kinos. Jedenfalls ist er auf DVD und Blu-ray erhältlich – unter dem Titel Roller Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg

Der vergessene Film der Woche

Der deutsche Titel klingt wie die Antithese zum dazu gehörenden Film: Verkrampft, gewollt originell, holprig, doof.
Whip It hingegen ist erfrischend, originell, überraschend, ausgelassen und höchst unterhaltsam. Ein Film zum Knuddeln.

Im Mittelpunkt steht Bliss Cavendar (Paige), ein verschlossener, schüchterner Backfisch, der einfach nichts so auf die Reihe kriegt, wie ihre Mutter (Gay Harden) das möchte. Mehr zufällig landet sie bei einem Rollerderby-Match und ist begeistert. Obwohl die rüde Sportart absolut nicht zu der scheuen, zierlichen Beauty-Queen-Aspirantin passt, übt Bliss fortan das Rollschuhlaufen, bis sie es beherrscht. Dann meldet sie sich bei einer Rollerderby-Mannschaft zum Trainig. Und wird aufgenommen. Sie wirkt in der Gruppe der rüpel- und machohaft sich aufführenden Weiber zwar bis zuletzt völlig deplatziert, fühlt sich aber vom Teamgeist getragen und inmitten des wild-wütenden Spiel-Getümmels sauwohl.

Es stimmt schon: Die Geschichte bietet nichts Neues. Trotzdem hat Whip It seinen ganz eigenen Reiz und Charme und ist in seiner Art einmalig. Die Aussenseitergeschichte ist mit soviel ehrlichem Engagement und Herzblut erzählt, dass man fast nicht anders kann, als sämtliche Vorbehalte zu vergessen. Das hierzulande unbekannte rauhe Rollerderby-Millieu ist derart scharf und lebendig gezeichnet, dass man gebannt zuzuschaut, wie die rollenden Frauen mit Verve aufeinander losgehen. Eine gute Portion Slapstick und einige halsbrecherische Stunts peppen die Aussenseiter-Story gehörig auf. Und die Schauspielerinnen sind schlichtweg phänomenal, vor allem jene, die als Rollschuhläuferinnen auftreten. Juliette Lewis ist da auch mal wieder zu sehen – als herrlich vulgäres Machoweib. Drew Barrymore, die auch Regie führte, ist zum Kringeln als amazonenhafte „Smashley“, eine menschliche Dampfwalze, die im Spiel nicht nur sämtliche Hiebe abkriegt, sondern sich dafür stets umgehend und gebührend „bedankt“. Mitten im Getümmel von rollenden, brüllenden, geifernden, prügelnden Amazonen saust die elfenhafte Bliss ihren Gegnerinnen um die Ohren, dass ihnen dieselben schlackern.

Drew Barrymore, die ich als Schauspielerin ausserordentlich schätze, hat hiermit ihre erste Regiearbeit abgeliefert – eine Wucht in Tüten! Es ist zu hoffen, dass dem Film weitere folgen.
Sie inszeniert das onehin schon superbe Drehbuch mit solcher Lust, Lockerheit und Einfallsreichtum, dass es eine Freude ist. Wenn man einem Film den Spass anmerkt, den die Dreharbeiten gemacht haben, dann diesem. Barrymores Inszenierung macht mit schierer Lust wett, was an Erfahrung und Know-How noch fehlt. Whip It ist nicht perfekt inszeniert, es gibt ein paar Schnitzer, aber wen stört’s? Für einen Erstling kommt er ganz schön selbstbewusst ‚rüber (die Inszenierung der Rollerderby-Sequenzen war für eine Newcomerin bestimmt kein Zuckerschlecken!) .

Barrymore hat zudem eine handverlesene Schar grandioser Darstellerinnen und Darsteller zur Hand. Niemand fällt ab, alle spielen sie auf höchstem Niveau. Whip It ist ein Ensemblefilm im besten Sinn, denn ein Ensemblegeist ist jederzeit spürbar. Das reisst mit, steckt an, begeistert. Da stimmt alles, vom Soundtrack bis zur Kamera. Ansehen!

Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 9 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

KONG: SKULL ISLAND
USA 2017
Mit: Tom Hiddleston, Brie Larson, Samuel L. Jackson, John Goodman, John C. Reilly u.a.
Drehbuch: Dan Gilroy, Max Borenstein und Derek Connolly nach einer Story von John Gatins
Regie: Jordan Vogt-Roberts
Musik: Henry Jackman
Was ist dieser Film verrissen worden – wegen ein paar unlogischer Szenen. Dabei ist er hervorragend gemacht, sehr gut gespielt, gut geschrieben und absolut solide inszeniert; das Beste ist aber das Production Design: erstklassig!
Sicher, es stimmt, es gibt ein paar Ungereimtheiten. Wenn man aber Ungereimtheiten zum zentralen Kriterium macht, dann müsste man noch ganz andere Kinowerke bachab schicken! Aber es ist halt einfacher, in den Tenor einzustimmen, als fundiert degegenzuhalten.
Kong: Skull Island ist bei weitem kein Film für die Ewigkeit, aber die geballte Negativpropaganda hat er weiss Gott nicht verdient.
Im Grunde ist der Film eine ironische Verbeugung vor den Monster-Filmen der 50er-, 60er und 70er-Jahren, deren Markenzeichen ja nicht unbedingt die Logik war. Kong kommt allerdings mit grossen Budget und den Mitteln heutiger Tricktechnik daher und ist angepasst an heutige Sehgewohnheiten. Deshalb wird die ironische Grundabsicht wahrscheinlich gemeinhin übersehen. Wie zur Zeit der Monsterkino-Hochblüte üblich, enthält Kong eine gesunde, naive Botschaft: Er zeigt, was geschieht, wenn der Mensch in seiner grenzenlosen Dummheit in ein Ökosystem eingreift. Der zerstörerische Mensch tritt hier in Form eines stupiden, rachsüchtigen Militär-Betonkopfs (Jackson) in Erscheinung. Ferner treten auf: Das Fräulein in Nöten, der coole Abenteurer, der skrupellose Geschäftsmann und der weise Eingeborene – das typische, schablonenhafte Personal der guten alten Monsterfilme halt.
Das Production Design (Stefan Dechant) wurde in keiner mir bekannten Kritik erwähnt, obwohl es dem Film einen ganz besonderen Zauber verleiht – es evoziert eine Art „sense of wonder“, die man im Kino lange vermisst hat.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

THE WILD BUNCH
USA 1969
Mit: William Holden, Ernest Borgnine, Robert Ryan, Edmond O’Brien, Warren Oates u.a.
Drehbuch: Walon Green und Sam Peckinpah nach einer Stroy von Walon Green und  Roy N. Sickner
Regie: Sam Peckinpah
Musik: Jerry Fielding
Sam Peckinpahs „geheiligter“ Western – endlich habe ich auch gesehen! Er gilt als das Hauptwerk des berüchtigten Regisseurs, man kommt als Filminteressierter nicht drumherum.
Wieso eigentlich nicht? Ich habe mich zweieinhalb Stunden entweder gelangweilt, genervt oder gewundert.
Aber zuerst mal: The Wild Bunch kommt eine Schlüssesposition im amerikanischen Neo-Western zu, deshalb ist er wichtig. Zu diesen Meriten ist er einerseits mit seiner realistischen Gewaltdarstellung, ja, mit der Zelebrierung seiner Gewaltdarstellung gekommen. Nie zuvor wurden im Kino Einschüsse in menschliche Körper derart wirklichkeitsgetreu gezeigt – und auch noch nie derart gehäuft und derart langsam (Zeitlupe). Die Neuerung bekam darauf einen festen Platz im Kino.
Das andere Verdienst ist, dass Peckinpah dem Western seine bis damals üblichen Glorifizierung versagt und eine ziemlich dreckige Geschichte erzählt – von einer Bande desillusionierter Typen, die sich den wüsten Zeiten angepasst haben, alle Moral in den Wind schrieben und rauben, was und wo sie können.
Dieser Western glit als Sinnbild auf den Vietnamkrieg und die damit „aus den Fugen“ geratene Zeit.
Peckinpah zeigt das amoralische Treiben der Grossen und das amoralische Treiben der Kleinen. Man kann das ganz toll finden, und alte 68er tun das auch, weil es ganz auf der Linie ihrer Weltaschauung liegt.
Tickt man weniger links, dann erkennt man die Schwächen in diesem Film. Zum Besispiel im Drehbuch – es arbeitet vornehmlich mit Macho-Schablonen, welche die ganze Filmdauer über nicht lebendig werden. Oder in der Regie – da gibt es Längen, leere Stellen, Anschlussfehler, sich selbst überlassene Schauspieler, holprige Übergänge… Und schliesslich im Schauspiel – einige der Nebendarsteller chargieren, dass es ein Graus ist (Edmond O’Brien, L.Q. Jones, Emilio Fernández). Die ewige, auch zu unpassendsten Gelegenheiten im Hintergrund plärrende mexikanische Band raubt einem zudem den letzten Nerv.
The Wild Bunch mag seinen Platz in der Filmgeschichte haben – wobei ich seine Meriten zumindest fragwürdig finde – unter einem wirklich guten Film stelle ich mir allerdings etwas anderes vor.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

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Film des Monats Juli

Von den Filmen der Woche im Juli bekommt der jeweils von mir bestbewertete das Prädikat „Film des Monats“. Die „Filme der Woche“ im Juli waren:
The Circle (2017)
Die amerikanische Nacht (1973)
Captain Fantastic (2016)
The Man in the Glass Booth (1975)

La nuit américaine – Die amerikanische Nacht
Frankreich1973; Regie und Drehbuch: François Truffaut
Eine hinreissende Liebeserklärung ans Kino: Der französische Regisseur Ferrand (François Truffaut) beginnt in den Filmstudios von Nizza mit den Dreharbeiten zu seinem neuen Film “Meine Ehefrau Pamela”. Wie so oft ereignen sich während den Dreharbeiten jedoch zahlreiche Verwicklungen: Komplikationen bei den Dreharbeiten, Allüren der Schauspieler, ihre Gefühlsschwankungen und ständiger Druck vom Produzenten. Für Ferrand stellt sich immer wieder die Frage, ob er seinen Film jemals fertig stellen wird. (moviepilot.de)
Trailer
Zum Artikel in diesem Blog
„La nuit américaine“ kaufen (der Film ist auf einer Blu-ray, resp. DVD der amerikanischen Criterion Collection erhältlich)

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Ninotchka (dt.: Ninotschka; USA 1939)

Parenthood (dt.: Eine Wahnsinnsfamilie; USA 1989)

Valerian and the City of a Thousand Planets (dt.: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten; Frankreich 2017)

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Sacramento – 1962

RIDE THE HIGH COUNTRY
USA 1962
Mit Joel McCrea, Randolph Scott, Ron Starr, Mariette Hartley, R.G. Armstrong, James Drury u.a.
Drehbuch: N.B. Stone jr, Sam Peckinpah und William Roberts (die beiden letzteren ohne Nennung)
Regie: Sam Peckinpah
Studio: MGM
Dauer: 93 min
Der Film lief 1962 auch in den deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Sacramento

Vorspann:
Peckinpahs zweiter Kino-Western veränderte das Genre nachhaltig. Schmutz und Hässlichkeit hielten Einzug, die Helden sind zwei müde und alte gewordene Haudegen. Die unbegrenzten Möglichkeiten des Westens sind passé, die Moderne hat den Westen eingeholt. Vorbei die Zeit der romantischen Verklärung, im Western hat der Realismus Einzug gehalten. Ride the High Country gilt als der letzte der alten Western und als der erste der neuen.
Inhalt: Steve und Gil (McCrea und Scott), zwei alte Kumpel aus glorreichen Tagen, treffen sich und beschliessen, für die lokale Bank Gold aus einem Goldgräberkaff hinter den Bergen abzuholen und es sicher durch einen Bergpass zur Bank zu transportieren – ein gefährliches Unternehmen, das bislang dank Ueberfällen nur zu Verlusten geführt hat. Zusammen mit dem jugendlichen Heisssporn Heck (Starr) machen sie sich auf den Weg und bekommen bald Gesellschaft einer jungen Frau (Hartley), welche in dieselbe Goldgräbersiedlung will, weil ihr Verlobter dort arbeitet. Sie möchte ihn heiraten.
Dadurch gerät das bislang ruhige Unternehmen zum Höllenfahrtskommando, denn der Bräutigam entpuppt sich als grässliche Type mit einer noch grässlicheren Sippe. Die rasch improvisiete Hochzeit gerät zum Albtraum und unser Botentrio mutiert unversehens zur Schutztruppe für die junge Frau. Mit dem Gold und der fliehenden Braut reiten sie talwärts, die rachsüchtige Sippe des Bräutigams dicht auf den Fersen…

Der Film:
Nach der Sichtung dieses Klassikers fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Plötzlich wurde mir bewusst, weshalb ich mit den alten Westernfilmen so oft meine liebe Mühe habe: Die vor 1962 gedrehten Filme dieses Genres sind alle so „clean“ – jene von MGM sowieso, da war einfach alles clean, frisch gestrichen oder gewaschen. Aber auch in Western anderer Studios. Die Frisuren sitzen auch nach einem Höllenritt sauber und adrett. Die Hemden der Helden werden sowieso nie schmutzig, egal, was geschieht. Die Prostituierten sehen frisch und proper aus, wie aus dem Ei gepellt. Die Häuser wirken alle wie frisch gestrichen oder neu gebaut. Vor 1962 scheinen die meisten Western aus Disneyland zu kommen.
Peckinpah, der von deutschen Einwanderern abstammte (ursprünglich hiess seine Familie Beckenbach), machte Schluss mit der allgemeinen Sauberkeit. Mit diesem Film. Seine Prostituierten sind abgewrackte, traurige Gestalten. Das Goldgräberdorf ist eine provisorisch hingewürfelte, dreckige Zeltsiedlung, eine von ungewaschenen, irr blickenden Aasgeiern bevölkerte Vorhölle. Auch wenn Ride the High Country noch nicht die für diesen Regisseur legendäre stilisierte Gewaltdarstellung aufweist, welche später den Actionfilm in neue Bahnen lenkte, so weist er doch eine für seine Zeit bemerkenswette Radikalität auf und markiert einen Wendepunkt punkto „Look“, welcher das Genre stark beeinflusste.

Die Handlung und die Dramaturgie sind dabei recht einfach gestrickt. Zwei alte Haudegen und ein junger, unterwegs zu einem Goldtransfer. Einer der Alten paktiert mit dem Jungen, sie wollen sich mit dem Reichtum zu gegebener Zeit aus dem Staub machen. Ein Mädchen schliesst sich ihnen an, sie wird das Unternehmen ins Unglück stürzen, die beiden Alten aber in der „guten Sache“ einen. Schliesslich werden die vier von einer Truppe Galgenvögel mit Mordabsichten verfolgt, es kommt zum Showdown; einer der Alten kommt dabei ums Leben.
Das ist alles. Und doch ist der Film Kraft seiner Bilder und seiner Inszenierung von einer Innovationskraft, die ins Heute nachwirkt. In Ride the High Country herrscht eine Art erzählerischer Minimalismus, der mit kleinsten Mitteln (seien das Gesten oder prägnante „one-liner“) grösstmögliche Wirkung erzielt. Das Drehbuch wurde in einem mehrgängigen Prozess entschlackt und genau den Anforderungen angepasst, die der Regisseur im Kopf hatte. Der Realitätsnähe der Bilder entsprach eine möglichst unkompliziert sich entwickelnder Handlungsverlauf mit Figuren, die ihre Vielschichtigkeit nur sporadisch aufblitzen lassen. All das ist Peckinpah meisterhaft gelungen. Weder wird der Film jemals langweilig noch erscheinen seine wortkargen Hauptfiguren eindimensional. Da gibt es einmal eine kurze Dialogsequenz, welche man als Zuschauer nicht versteht – die beiden Alten erinnern sich anhand eines Stichwortes an eine gemeinsam erlebte Geschichte; beide brechen unvermittelt in ausgelassenes Gelächter aus. Die Szene enthüllt schlaglichtartig und ohne für uns verständlichen Kontext das starke Band, die Verbundenheit, die zwischen den beiden besteht, eine Verbundenheit, die durch ihre gemeinsame Geschichte entstanden ist. Das ist echte Meisterschaft. Ride the High Country war Peckinpahs zweiter Kinofilm.

Sam Peckinpah

Die Bilder wirken auch auf den heutigen Betrachter noch aufregend. Es gibt z.Bsp. eine lange Aufnahme, die McCrea und Scott im Ritt begleitet; die Pferde legen ein beträchtliches Tempo vor, die beiden Protagonisten diskutieren gerade eine wichtige Sache – die Kamera zeigt sie in der Halbtotale und folgt ihnen die ganze Zeit ohne nennenswerte Schwankungen, und zwar mindestens eine Minute lang. Sowas habe ich noch in keinem Western gesehen, die Szene hat mich verblüfft. Keine Ahnung, wie das gedreht worden ist. McCrea und Scott sitzen auf echten Pferden und reiten sichtlich durch unwegsames Gelände (oder jedenfalls wird dieser Anschein täuschend geweckt).
Der Showdown am Schluss dürfte für damalige Zuschauer ziemlich verblüffend gewirkt haben: Die beiden Protagonisten marschieren auftechten Gangs und aus vollen Rohren schiessend einfach auf ihre Gegner zu. Sowas bekam man ein paar Jahre später in den sog. Spaghetti-Western häufig zu sehen – Peckinpah hat’s erfunden.
Von der berühmt-berüchtigten peckinpah’schen Gewaltdarstellung ist hier noch kaum etwas zu sehen – die Gewalt ist aber als unterschwellige Gefahr in der Sequenz im Goldgräberdorf permanent spürbar. Sie könnte jederzeit losbrechen.

Die Entstehungsgeschichte dieses Klassikers war höchst wechselvoll. Bereits das Drehbuch ging seltsame Wege. Richard Lyons, der Produzent, hatte von MGM den Auftrag, einen kostengünstigen Western für den europäischen Markt zu fabrizieren. Gegenüber seinem Freund William Roberts (dem Drehbuchautor von Die glorreichen Sieben) erwähnte Lyons, er sei auf der Suche nach einem geegneten Stoff, worauf ihm dieser ein älteres Drehbuch seines Kumpels N.B. Stone empfahl. Es trug den Titel Guns in the Afternoon und handelte von zwei alternden Westernhelden.
Schaut man sich die Filmografie des N.B. Stone, dann stutz man: Der Mann hat ein paar Drehbücher für TV-Westernserien geschrieben, und nur zwei fürs Kino.
Die Wahrheit ist, dass jenes von Ride the High Country nicht wirklich von ihm stammt. Stone erhielt zunächst von Produzent Lyons den Auftrag, sein altes Drehbuch umzuarbeiten. Das war mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, die vornehmlich damit zusammenhingen, dass Stone ein starker Trinker war und praktisch nichts auf die Reihe kriegte, was Lyons von ihm verlangte. William Roberts, der sich wegen seiner Empfehlung an der Misere schuldig fühlte, überarbeitete das mittlerweile ziemlich disparate Buch – kostenlos. Nachdem Peckinpah mit im Boot war, nahm auch er es sich nochmals vor und überarbeitete es ein drittes Mal gründlich und machte es zu seinem Werk. In den Credits erschien nur Stones Name.

Dank einer Führungsrochade bei MGM bekam es Peckinpah mit einem ziemlich ignoraten Studioleiter zu tun, der während der Testvorführung des fertiggestellten Films einpennte und ihn daraufhin als „unbrauchbar“ titulierte. Er wurde als zweiter Teil eines Doppelprogramms in die US-Kinos gebracht und gelangte dort zusammen mit dem in Italien produzierten Historien-Schinken I Tartari (dt.: Die Tataren; Richard Thorpe & Ferdinando Baldi; I, USA 1961) zur Aufführung. Erwartungsgemäss flopte er, trotz einiger hervorragender Kritiken. In Europa hingegen erkannte man die Qualität des Films, hier hatte er einen beachtlichen Erfolg, der dazu führte, dass er MGM doch noch einigen Profit einbrachte.
Weshalb dem Film vom deutschen Verleih der Titel Sacramento verpasst wurde, bleibt auch nach dessen Sichtung ein Rätsel.

Joel McCrea sagte Peckinpah damals voraus, dass er es als Regisseur weit bringen werde. Er sollte Recht behalten.
Für Mc Crea und Randolph Scott wurde Ride the High Country zum glorreichen Schlusspunkt ihrer beispiellosen Westernkarrieren. Auch das ist dieser Film: Eine Verbeugung vor zwei der prägnantesten Protagonisten des alten Westernfilms.

Abspann:
Hierzuland ist der Film leider nur noch gebraucht und zu teils überhöhten Sammlerpreisen auf DVD erhältlich. Eine Neuausgabe dieses grossen Klassikers wäre dringend angezeigt!

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – ein vergessener Film

Romance in Manhattan (dt.: Novak liebt Amerika; Stephen Roberts, USA 1935) Mit Francis Lederer, Ginger Rogers, Jimmy Butler, Arthur Hohl, u.a.
Ein vollkommen vergessener Film um einen illegalen Immigranten während der grossen Depression.
Der tschechische Immigrant Karel Novak (Lederer) wird mangels ausreichender finanzieller Mittel vom Immigration-Office in New York zurück in sein Land geschickt. Kurz nachdem sein Boot abgelegt hat, springt Novak von Bord und schwimmt zurück zum Hafen. Dabei bleibt seine Geldbörse auf der Strecke. Völlig mittellos versucht er Fuss zu fassen und gerät an das Chorus-Girl Sylvia (Rogers), die ihn bei sich aufnimmt. Fortan teilen sich Novak, Sylvia und deren kleiner Bruder Frank (Butler) die Arbeitsbeschaffung durch verschiedene Gelegenheitsjobs. Doch eine regelrechte Pechsträhne scheint das Trio befallen zu haben – ein Rückschlag folgt auf den anderen. Und dann soll der minderjährige Frank auch noch in ein Heim eingewiesen werden…
Romance in Manhattan wurde zwar 1935 gedreht, doch man glaubt sich darin in die Jahre des aufkommenden Tonfilms zurückversetzt; jene Filme waren unglaublich geschwätzig, doch das Publikum war dank dem neuartigen Ton völlig fasziniert. Heute sind diese Streifen kaum mehr auszuhalten, weil die Cinèmatografie weit hinter den Dialog zurücktrat. Im vorliegenden Film ist das zwar nicht mehr derart krass, das permanente Geschwafel ist aber doch ziemlich enervierend. Praktisch alles wird auf der Dialogebene abgehandelt – und die Dialoge sind platt und uninspiriert (Drehbuch: Jane Murfin und Edward Kaufman).
Schauspielerisch ist das alles ganz ordentlich, doch die Regie und vor allem das Drehbuch sind derart schwach, dass die Ermüdung beim Publikum schon einsetzt, bevor die erste Filmhälfte vorbei ist. Völlig einfallslos und ohne jeden Charme wird da Situation an Situation gereiht, die Handlung wird abgespult, ohne das Geschehen mit Leben zu füllen. Ein vergessener Film, der durchaus zu Recht vergessen wurde.
Offenbar gelangte er damals in die deutschen Kinos, unter dem ungelenken Titel Novak liebt Amerika.

Vorschau:
Oh, What A Lovely War ist der Titel von Richard Attenboroughs erster Regiearbeit. Seine Verfilmung eines damals bekannten Bühnenwerks führt die Genres Musical und Kriegsfilm zusammen und arbeitet mit grossem Staraufgebot. Ich habe mir den hierzulande kaum mehr bekannten, in England aber noch sehr populären Film aus dem Jahr 1969 angeschaut und verrate, wie er heute wirkt.