Richard Barthelmess

Verlorene Seelen

THE LAST FLIGHT
USA 1931
Mit Richard Barthelmess, David Manners, Helen Chandler, Johnny Mack Brown, Elliott Nugent u.a.
Drehbuch: John Monk Saunders
Regie: William Dieterle

Die Sinnlosigkeit und die Leere nach dem ersten Weltkrieg, die Seelenlosigkeit des American Dream nach einer Zeit der Not und des Grauens – der berühmteste Chronist dieser Zeit und dieses Lebens war F. Scott Fitzgerald. The Great Gatsby wurde eben neu verfilmt, Parallelen ins Heute sind unübersehbar.
The Last Flight, ein heute gründlichst vergessener Film, beleuchtet dieselbe Epoche und zeigt denselben „Ennui“ der Zwanzigerjahre. Interessanterweise ist das Bindeglied zwischen The Last Flight und The Great Gatsby der Schauspieler/ Regisseur Elliott Nugent. Nugent spielt hier einen Vertreter der sog. „verlorenen Generation“, während er in der 1949-er Verfilmung von The Great Gatsby Regie führte.

Geschrieben wurde The Last Flight von John Monk Saunders, einem ehemaligen Piloten im ersten Weltkrieg. Sein berühmtestes Drehbuch verfasste Saunders für Howard Hawks‘ Film Dawn Patrol, und William Wellmans berühmter Stummfilm Wings basiert auf Saunders Kurzgeschichten.
Regie führte bei unserem „vergessenen Film der Woche“ der deutsche Schauspieler und Regisseur Wilhelm Dieterle, The Last Flight war seine erste Regiearbeit für Hollywood.

Der Film ist hervorragend inszeniert – obwohl Dieterle zurückhaltend bleibt, fällt eine hohe Meisterschaft in der Bildsprache und der psychologischen Schauspielerführung auf. Die Isoliertheit der Figuren wird räumlich immer wieder, in verschiedenen Variationen sichtbar gemacht, sie wird zum tragenden Element der Inszenierung. Auch die extrem „künstlichen“, fast hölzernen Dialoge zielen auf diese Wirkung ab: Jede Figur scheint mit sich selbst allein zu sein, wie Mantras werden die Namen der Angesprochenen fast in jedem Satz ausgesprochen – ohne dass die Betreffenden im Bild sichtbar sind. Was zunächst irritierend wirkt, unterstreicht die Leere, in der sich sämtliche Protagonisten befinden.

Eine Handlung existiert praktisch nicht. The Last Flight zeigt das ziel- und richtungslose Leben von fünf physisch und psychologisch malträtierten Fliegerkameraden nach dem Ende des ersten Weltkriegs. Ohne Perspektive treibt die Gruppe, lachend und scherzend von einer Bar zur nächsten, von Paris nach Lissabon; der Alkohol scheint ihr Hauptnahrungsmittel zu sein. In einem Lokal gabelt man die wohlhabende Nikki auf, eine weitere „verlorene Seele“, welche kurzerhand in den Männerbund aufgenommen wird. Nichts wird von den Freunden ernst genommen, nicht einmal der eigene Tod. Im Gegenteil, im letzten Drittel des Films wird deutlich, dass dieser sogar herbeigesehnt wird. Der Tod Sheps auf dem Rummelplatz wirkt wie eine Metapher auf das Leben, welches die Kameraden führen. Inmitten rauschenden Lebens sterben die fünf einen langsamen seelischen Tod, der von dreien schliesslich aktiv, auf fast absurde Weise vollzogen wird. Die Rummelplatz-Sequenz, in welcher Shep zu quirliger Karussellmusik stirbt, erinnert frappant an Hitchcocks Strangers on A Train. Dort wird eine Protagonistin auf einem Rummelplatz ermordet – den musikalischen Hintergrund dazu bildet eine Karussellorgel. Da The Last Fligt damals in England zu sehen war (im Gegensatz zu Deutschland), fällt die Hypothese der Inspiration Hitchcocks durchaus in den Bereich des Möglichen.

Ein toller Film. Offenbar verschwand er kurz nach der Erstaufführung in den Tiefen der Archive, nicht zuletzt, weil offenbar kaum Werbung dafür gemacht wurde. Dank der Warner Archive Collection, die ihn vor drei Jahren wieder ans Licht brachte, ist er heute zumindest in den USA wieder zu einer gewissen Bekanntheit gekommen.
Anzumerken bleibt, dass es sich hier um die bislang die einzige mir bekannte WAC-Ausgabe handelt, an deren Bildqualität ich etwas zu bemängeln habe – offenbar liess sich von diesem gründlich vergessenen Film keine gut erhaltene Kopie mehr auftreiben.

Drei kurze Anmerkungen noch zu drei am Film Beteiligten:
Helen Chandler, die in diesem Film schlichtweg grossartig ist, kämpfte zeitlebens tatsächlich mit einem schweren Alkoholproblem, das ihrer Filmkarriere 1938 ein Ende setzte. Ihre bekannteste Rolle war die der Mina in Tod Brownings Dracula-Verfilmung.
Auch Richard Barthelmess, ein grosser Star der Stummfilmzeit, drehte nur noch bis 1942. Obwohl er einer jener Stummfilmschauspieler war, die auch im Tonfilm Erfolg hatten, zog er sich vom Filmgeschäft zurück und lebte von seinem beträchtlichen Vermögen.
Drehbuchautor John Monk Saunders beging 1939 Selbstmord.
8/10

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Ein amerikanischer Stummfilmklassiker

TOL’ABLE DAVID
(dt.: Der Überfall auf die Virginiapost)
USA 1921
Mit Richard Barthelmess, Gladys Hulette, Ernest Torrence,
Regie: Henry King
Dauer: 90 min

In den USA zählt dieser Stoff fast zum Allgemeingut: Ein Jüngling, der sich gerne als Mann sieht, von allen anderen aber herablassend als „passabel“ („tol'(er)able“) bezeichnet wird, bekommt die Chance, sich zu bewähren. Unzählige Stummfilme funktionierten nach diesem Muster, allen voran mehrere Werke Buster Keatons und Harold Lloyds. So zählte bezeichnenderweise Harold Lloyd Tol’able David zu seinen Lieblingsfilmen, er benutzte für seinen zweitletzten Stummfilm, The Kid Brother, sogar Motive daraus. In den USA zählt Tol’able David noch heute zum (stumm-)filmischen Allgemeingut – mehr noch als das Tonfilm-Remake von 1930.

Das will noch nichts heissen, ich weiss. Aber Tol’able David ist tatsächlich hervorragend. Er wurde von Henry King (The Song of Bernadette) inszeniert, der damit seinen ersten Regie-Erfolg feierte (es gibt Stummfilmfreunde, die behaupten es sei sein bester Film). Das Drehbuch stammt von King selbst, sein Co-Writer war Edmund Goulding, der später auch ins Regiefach wechselte (u.a. Grand Hotel).

Tol’able David überzeugt durch die realistische Darstellung des Lebens im amerikanischen Hinterland – viele Nebendarsteller waren Laien, Einwohner der Orte, an welchen gedreht wurde. Henry King stammte selber aus den Bergen Virginias, wo der Autor der Romanvorlage, Joseph Hergesheimer die Geschichte angesiedelt hatte. Vielleicht wirkt der Film deshalb so authentisch. Andererseits wirkt auch der 22 Jahre später entstandene, von mir ebenfalls hoch geschätzte Song of Bernadette  so, als wäre er in on location in Frankreich gedreht worden. Die Authentizität scheint eines von Kings Markenzeichen gewesen zu sein.

David Kinemon, ein Jüngling an der Schwelle zum Erwachsenwerden, träumt davon, wie sein älterer Bruder den Postkarren zu fahren, der mehrere kleine Orte verbindet und neben der Post auch Fahrgäste transportiert. Alle blicken auf ihn herab, auch die niedliche Esther Hatburn, die Tochter eines benachbarten Bauern.
Bei ebendiesem Hatburn ziehen eines düsteren Tages drei rohe Gesellen ein, ein Cousin und dessen zwei Söhne. Sie wollen sich vor dem Arm des Gesetzes verstecken. Als Dank für die gewährte Gastfreundschaft terrorisieren die drei Bauer Hatburn und seine Tochter. Aber auch die Nachbarschaft kriegt ihren Teil ab. Als Davids Bruder sich wehrt, rastet der älteste der Söhne aus und verletzt ihn derart, dass er zum Krüppel wird.

Und von da an wendet sich der bis dahin leicht komödiantische Film, der das Leben der „Hinterwäldler“ nachsichtig-liebevoll aufs Korn nimmt, zum veritablen Drama. Vater Kinemon erleidet dank der schrecklichen Nachricht eine Herzattacke und stirbt. Nun fehlt der Familie das Einkommen und sie muss den Hof verlassen. David kommt im Laden des lokalen Gemischtwarenhändlers als Hilfskraft unter. Als der Postkarrenfahrer wegen Trunksucht kurzfristig ausfällt, kommt Davids grosse Stunde: Weil Not am Mann ist und die Zeit drängt, darf er den Karren steuern. Er fährtin Richtung Hatburns Haus – und da endlich kommt sein Moment der Bewährung: in einem erbitterten Kampf überwältigt David den übermächtigen „Goliath“ Hatburn.

Tol’able David ist nicht mehr und nicht weniger als ein sehr solider, gut gemachter, höchst unterhaltsamer Film. Er macht sehr geschickt Gebrauch von dem relativ neuen Medium Film – es haftet ihm nichts von der schwerfälligen Einfachheit an, die uns heute in vielen anderen Werklein aus jener Zeit ins Auge stechen. Henry King hat die Lektionen gut gelernt, welche D.W. Griffith und andere in jenen Pionier-Jahren des Kinos gegeben haben.

Á propos: Griffith wollten den Stoff ursprünglich selbst verfilmen, doch Richard Barthelmess, der hier als Mitproduzent fungierte, schnappte ihm die Rechte vor der Nase weg. Griffith soll immerhin angetan gewesen sein vom Ergebnis.
Kings Film wirkt heute noch – er liesse sich gut verwenden, um „Uneingeweihte“ mit dem Stummfilm bekannt zu machen. Und das ist wohl das grösste Kompliment, das man einem derart alten Film machen kann.
8/10

Ich habe mir den Film auf Schmalfilm (Super8) angeschaut. Die Firma Blackhawk veröffentlichte ihn in den Sechzigerjahren für den amerikanischen Heimkinomarkt integral auf vier vollen 120m-Spulen. Die Bildqualität auf diesem alten Streifen ist hervorragend; für das Kinoerlebnis habe ich mittels (halbwegs) passender Musik ab CD gesorgt.
Natürlich ist der Film auch auf DVD erhältlich – allerdings nur in den USA.
Untenstehende Bilder stammen weder von der Super8-Fassung noch von der DVD, sondern aus dem www!