Ramon Novarro

Ramon Novarro singt

THE PAGAN
USA 1929
Darsteller: Ramon Novarro, Donald Crisp, Dorothy Janis, Renée Adorée u.a.
Regie: W.S. van Dyke

Ein Südseedrama – ich hatte mich schon gefragt, was mir bloss durch den Kopf ging, als ich diesen Film bestellte.
Doch, es fiel mir wieder ein: Es war meine Lust, Unbekanntes zu entdecken, die Möglichkeit, dadurch überrascht zu werden.

Ein erster Blick in die DVD liess mich erschauern: Da hüpfte doch tatsächlich der damalige Star und Frauenschwarm Ramon Novarro halbnackt als neckischer Eingeborener durch die palmengesäumte Szenerie – singend!

Trotzdem nahm ich mir eines Abends Zeit für The Pagan – und erlebte tatsächlich eine angenehme Ueberraschung!

Doch zuerst: The Pagan wurde an Originalschauplätzen und on location auf den Paumotu-Inseln (franz. Polynesien) gedreht – einer von mehreren Filmen, für welche die Crew um Regisseur W.S. Van Dyke (Tarzan, the Ape Man, The Thin Man) exotische Schauplätze aufsuchte.
Zudem war dies der letzte Stummfilm Ramon Novarros, einer jener  Stummfilmstar, die den Sprung in den Tonfilm schafften und auch nach der Umstellung gut im Geschäft blieben.

Und: Novarros Stimme war in diesem Stummfilm zum ersten Mal zu hören – er gibt den damals berühmten Pagan-Song zum besten. Da Novarro ein ausgebildeter Sänger mit Opernambitionen war, konnte er den Gesangspart gleich selbst übernehmen. Sein Pagan-Song wurde zum ersten filmmusikalischen Hit der Filmgeschichte. Der Tonfilm war unerbittlich auf dem Vormarsch.

Nach dem Grosserfolg von The Jazz Singer (1927) stellten die Studios weltweit langsam aber sicher auf Tonfilm um; die Stummfilme, die noch in Arbeit waren, wurden mit Geräuscheffekten und vereinzelten Gesangseinlagen auf Tonfilm getrimmt.
The Pagan (und andere Filmen aus den Jahren 1927 – 1931) macht nacherlebbar und erahnbar, was die Kinogänger um 1930 durchgemacht hatten: Die Entwicklung des klingenden und sprechenden Films, welche die Kinogeschichte unwiederbringlich in eine neue Richtung geführt hat, der kurze Zeit tobende Konkurrenzkampf zwischen dem altbewährten, letztlich dem Untergang geweihten Stummfilm und dem modernen, revolutionären Tonfilm.
Für mich sind diese späten Stummfilme etwas besonderes, dokumentieren sie doch das letzte Aufbäumen einer Kunstform, die danach für immer verschwand.

Zu jener Zeit hatten viele dieser Stummfilme bereits einen eigenen integrierten „Soundtrack“, eine konservierte Musikbegleitung, welche es ermöglichte, dass Kinogänger im ganzen Land nicht nur dasselbe sahen, sonder auch dasselbe hörten. Diese originale Musikbegleitung ist hier erhalten geblieben und auf der DVD zu hören.

Zurück zum Film. The Pagan überrascht auf mehreren Ebenen:
Zum einen erzählt er auf recht subversive Weise die alte Geschichte vom edlen Eingeborenen: Der Bösewicht, der die verderbliche, profitorientierte westliche Kultur verkörpert, ist hier ein gottesgläubiger Kirchgänger, der sich auf christliche Grundwerte beruft.
Die andere Ueberrschung ist Ramon Novarro. Er verkörpert den „Eingeborenen“ mit derart glaubhafter Naivität und sorgloser Kindlichkeit, dass es nicht mehr gestellt wirkt. Mich hat er damit vollkommen für seine Figur eingenommen. Ihm und seiner ähnlich agierenden und zudem bildschönen Partnerin Dorothy Janis ist es zu verdanken, dass die Geschichte überhaupt funktioniert und zu Herzen geht. Das Liebesgeplänkel zwischen den beiden gehört zu den bezauberndsten der Filmgeschichte. Nach dem Motto Was sich liebt, das neckt sich jagen sie sich wie zwei balgende Kinder gegenseitig haarezupfend oder sich Tritte verabreichend durch die Szenerie, ohne dass dies je peinlich erscheinen würde.

Der Bösewicht wird von Donald Crisp gegeben, einem Schauspieler/Regisseur, der bereits in D.W. Griffiths Broken Blossoms (1919) in einer ähnlichen Rolle unsere Abscheu erregt hat. Obwohl er privat offenbar ein absolut umgänglicher und herzlicher Mensch war, gerieten ihm Sanguiniker die auf der Leinwand stets unvergesslich glaubhaft. Was Novarro und Janis auf der Seite der Guten leisten, leistet er auf der Seite der Bösen: Unvergessliches.
Und um dem hervorragenden Schauspielerensemble die ganze Ehre zu erweisen sei auch noch Renée Adorée erwähnt, die genauso grossartig und mit ganzem Einsatz die Dorfhure verkörpert.

The Pagan lebt fast vollständig vom packenden Spiel seiner Hauptdarsteller. Mit weniger Herzblut wäre aus dieser Story nie der Film geworden, der sie nun unsterblich macht. Die herrlichen Bildkompositionen tragen auch das ihre zum positiven Eindruck bei, doch ohne diese vier SchauspielerInnen wäre heute von The Pagan wohl nicht mehr die Rede. Dies mag sicher auch das Verdienst des Regisseurs sein, der das Quartett offenbar zu Bestleistungen anzuspornen wusste.

Ach ja, die Handlung:
Ein rücksichtsloser, brutaler weisser Geschäftsmann beutet einen eingeborenen Plantagenbesitzer aus, kriegt aber zuletzt seine verdiente Strafe.

Fazit: The Pagan ist kein Muss, kein Meilenstein, kein Kunstwerk. Aber er prägt sich ins Gedächtis ein und berührt mit einer ehrlichen Botschaft und engagiertem Spiel. The Pagan ist eine lohnende filmische Entdeckung. Nicht mehr und nicht weniger.
7,5/10

Die DVD: Die Bildqualität ist sehr gut, das Bild ist scharf und klar, mit sehr guten Kontrasten. Der Film wurde restauriert.

Als Musikbegleitung ist die MovieTone-Einspielung von 1929 zu hören.

Reginalcode: 0

Bestellung : Der Film stammt aus dem DVD-R Sortiment von Warner Archive Classics. Eine der wenigen und im Moment preisgünstigsten Möglichkeiten, ihn nach Europa zu bestellen bietet Turner Classics. Es lohnt sich auch, bei DeepDiscount reinzuschauen; je nach Angebot ist er dort günstiger.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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BEN-HUR: A TALE OF THE CHRIST (1925)

USA 1925
Mit Ramon Novarro, Francis X.Bushman, May McAvoy, Betty Bronson u.a.
Regie: Fred Niblo (und ungenannt Rex Ingram, Charles Brabin, Christy Cabanne, J.J. Cohn)
Dauer: 143 min

Ben Hur – wer kenn ihn nicht, den Film von 1957, der als erster mit elf Oscars beglückt wurde? Der Film mit dem Wagenrennen?

Wer aber weiss, dass bereits 1908 eine Kurzfilmversion des damals berühmten Romans von General Lew Wallace entstand? Und wer kennt den Stummfilm von 1925, welcher der oscardekorierten Neuverfilmung punkto Monumentalität mühelos das Wasser reichen kann? Um letztere zu sehen lohnt es sich, die 4-DVD-Box Ben Hur 1957 von Warner zu kaufen. Da ist sie nämlich als Extra enthalten – und stiehlt dem Hauptfilm die Schau!

Unglaublich, aber wahr: Es gibt Sequenzen, die hauen einen aus den Socken. Das Wagenrennen zum Beispiel. In der von William Wyler inszenierten Neuversion wirkt es direkt zahm und geordnet im Vergleich zum wilden Furor, den Fred Niblo im Film von 1925 entfesselt. Da reibe ich mir die Augen und überlege, ob ich im Stummfilm je eine derart mitreissende Actionsequenz gesehen habe. Sicher, Carl Davies aufpeitschende Filmmusik trägt das ihre dazu bei, aber die Schnittfolgen, die Aufnahmen aus der mitfahrenden Kamera, die Aufnahmewinkel – das wirkt alles derart waghalsig und modern, dass es einem beim Zuschauen fast den Atem verschlägt. Die Gerüchte, dass bei den Dreharbeiten Dutzende von Pferden und einige Komparsen ihr Leben lassen mussten, rücken angesichts dieser scheinbar mit nur wenigen Special-Effects durchexerzierten Rennwagensequenz in den Bereich des Möglichen.

Daneben wartet “der alte” Ben Hur mit unvergesslichen Bildern oder Sequenzen auf, die man in der viel berühmteren Neuverfilmung vergeblich sucht und die sich ins Gedächtnis einbrennen. Etwa die Sequenz in der Galeere, die sich als Sinnbild sinnloser Menschenschinderei ins Gedächtnis einbrennt. Oder Christus’ Weg nach Golgatha, wo nur ein Kreuz zu sehen ist, das halb aus der Menschenmenge herausragt und sich einen Weg durch sie hindurch zu bahnen scheint.

Und damit sind wir beim springenden Punkt angelangt: Dieser Ben Hur ist (wie auch die Neuverfilmung) in erster Linie ein Schaustück, ein Spektakel, das die Massen ins Kino locken sollte. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Thema (die Erlösung der Juden durch Jesus Christus) sucht man darin ebenso vergeblich wie ein einleuchtendes dramaturgisches Konzept: Da werden einfach zwei Geschichten nebeneinander geführt – jene von Jesus Christus und jene von Judah Ben-Hur – lange Zeit ohne einsichtigen Grund, und auch der Schluss bringt keine zwingende Klarheit in dieser Sache. A Tale of the Christ, das war für damalige Verhältnisse wohl einfach ein weiterer Publikumsmagnet.

Womit wir beim Inhalt wären. Ben Hur beginnt mit der Herbergsuche von Maria (Betty Bronson) und Josef und der darauffolgenden Geburt Jesu. Dann, nach etwa einer Viertelstunde,  gibt es einen harten Bruch im Konzept. Wir befinden uns plötzlich im Palast der jüdischen Adelsfamilie Ben-Hur. Prinz Judah Ben-Hur (Ramon Novarro) trifft auf seinen alten Freund Messala (Francis X. Bushman), der inzwischen das Lager gewechselt und römischer Zenturio geworden ist. Obwohl die beiden fröhlich alte Zeiten aufleben lassen, ahnt man, dass sich da ein Konflikt anbahnt. Als Judah mit seiner Familie vom Dach ihres Herrschaftshauses den Einzug des neuen römischen Stadthalters beobachtet, rutscht ihm versehentlich ein lockerer Ziegel unter der Hand weg und erschlägt den Stadthalter. Messala stürmt mit seiner Truppe Ben-Hurs Haus. Judah wird Galeerensträfling, seine Mutter und seine Schwester kommen in den Kerker, wo sie an Lepra erkranken.

Bei einem Piratenangriff rettet Judah dem römischen Schiffskommandanten das Leben, der ihn daraufhin als Sohn adoptiert. Als freier römischer Bürger frönt er dem Wagenrennsport, was schon bald zum berühmten Streitwagenrennen führt, bei welchem er sich an Messala rächen kann. Danach begegnet er Jesus auf dessen Weg nach Golgatha, Mutter und Schwester werden im Vorbeigehen noch schnell von ihrer Lepra geheilt, und ausser dem Tod des Erlösers am Kreuz gibt es fortan keine weiteren Unbilden mehr zu verzeichnen. Aber: “Er wird ewig leben”, sagt Judah Ben-Hur kurz vor dem fade-out, womit der Erlöser gemeint ist und somit auch ins Happy Ending mit einbezogen wird.

Der aufmerksame Leser merkt vielleicht am Unterton meiner letzten Zeilen, dass ich die Story nicht als stärkstes Element dieses Films gewichte. Wer dem Inhalt grossen Wert beimisst, macht besser einen Bogen um diesen Film.
Wer aber Schauwerte, grosses Spektakel und monumentale Kulissen schätzt – und zu jenen zähle ich mich in meinen schwachen Momenten durchaus selbst – wird an Ben-Hur, dem Stummfilm seine helle Freude haben. Ihnen sei der Film wärmstens empfohlen.

Ein paar kurze Worte noch zur Produktion: Als Regisseur erscheint im Vorspann nur der Name Fred Niblos. In Wahrheit waren vier weitere Regisseure an Ben-Hur beteiligt. Rex Ingram war der erste, er wurde aber schon im Anfangsstadium des Films gefeuert. Offenbar führte Fred Niblo das Projekt dann zu Ende. Irgendwo zwischendrin arbeiteten aber auch noch Charles Brabin und Christy Cabanne und J.J. Cohn am Film mit. Es ist aber nicht klar, wie lange und ob alle vier gleichzeitig beteiligt waren, oder ob sie einander ablösten.
Die Dreharbeiten müssen ein Fiasko gewesen sein – es gab Pannen, Unstimmigkeiten am Set und offenbar tödliche Unfälle; ein schrecklicher Unfall beim Wagenrennen wurde sogar im fertigen Film belassen. Das ging ins Geld und so fuhr der Film trotz grossem Publikumserfolg einen schweren Verlust für MGM ein.
Michael

Die DVD-Ausgabe: Der Film wurde fürs Fernsehen restauriert, die Bildqualität ist gut bis sehr gut. Viele Sequenzen wurden viragiert. Ben-Hur enthält einige im Zweifarben-Technicolor-Verfahren gedrehte Farbsequenzen, die sehr gut erhalten sind. Alles in allem ein angenehmes Seherlebnis.

Die Musikbegleitung von Carl Davies unterstützt den Film effektiv: Es handelt sich um eine Fassung für voll besetztes Orchester, die sowohl monumental donnert als auch verhalten zu säuseln vermag. Sehr gelungen und ehrlich, weil sie den Spektakelcharakter des Films keinen Moment verleugnet.

Regionalcode 2

Estras: Das 1957 gedrehte Remake von William Wyler; zwei abendfüllende Dokumentarfilme, vornehmlich zur Entstehung des Remakes; weitere Extras wie Probendokumentationen, Wochenschauberichte u.Ä.m.

Bestellung: Der Film befindet sich in einer 4-DVD-Box, die im deutschsprachigen Raum erschienen ist. Zur Zeit am günstigsten hier erhältlich. Und für eine Bestellung in der Schweiz hier klicken.
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