Mervyn LeRoy

Der Tote lebt – Johnny Eager, 1941

DER TOTE LEBT
(OT: Johnny Eager)
USA 1941
Mit Robert Taylor, Lana Turner, Van Heflin, Edward Arnold u.a.
Drehbuch: John Lee Mahin und James Edward Grant
Regie: Mervyn LeRoy
Dauer: min
Der Film kam im deutschsprachigen Raum erst 1957, unter dem Titel Der Tote lebt, in die Kinos.

Mit diesem Film sollte Robert Taylors Image aufpoliert werden – vom romantischen Schönling zum «tough guy». Taylor wagte sich in Johnny Eager erstmals an die Darstellung eines negativen Charakters. Als Drahtzieher eines Gangster-Syndikats bietet er zwar keine derart energiegelandene Charakterstudie wie seine Kollegen Edward G. Robinson oder James Cagney, es gelingt ihm aber hervorragend, den abgebrühten, zu Wohlstand gekommenen Underdog glaubhaft zu machen. Taylor gibt den Ganoven als vordergründig ungebildeten Kotzbrocken, der seine im Untergrund schlummernden menschlichen Züge unterdrückt. Ihm zur Seite stellte man die damals 20-jährige Lana Turner – eine Kombination, die in der Filmgeschichte einmalig blieb.

Taylors Darbietung des kaltblütigen Gangsterbosses überzeugt zwar, doch sie wird von Van Heflins Portrait eines philosophierenden Alkoholikers überschattet. Heflin gibt Johnny Eagers desillusionnierten Freund Jeff Hartnett, der vom Drehbuch wie ein Spiegelbild seines Gangster-Freundes konzipiert ist: Im Gegensatz zu Johnny Eager leidet der Intellektuelle Jeff an der Aufgabe seiner Prinzipien und ertränkt seine innere Zerrissenheit mit Alkohol. Der noch sehr junge Heflin gewann für sein grandioses Spiel in diesem Film einen Oscar.
Auch sonst lebt der heute vergessene Film von den durchs Band hervorragenden Schauspielern.
Und auch das Drehbuch und die Regie können sich sehen lassen. Ersteres stammt aus der Feder von John Lee Mahin (Dr. Jeckyll and Mr. Hyde, 1941; Quo Vadis?, 1951) und James Edward Grant (The Alamo, 1960; The Comancheros, 1961). Schade nur, dass ein zentrales Moment der Geschichte nicht glaubwürdig ist: Dass sich Soziologiestudentin Lana Turner in den von Robert Taylor gespielten Negativ-Charakter verliebt – und dass sie an seine Rechtschaffenheit glaubt, obwohl ihr Stiefvater ihn damals hinter Gitter gebracht hat, das mag man als Zuschauer einfach nicht glauben..

 

 

 

 

 

 

Taylor gibt den Gangsterboss Johnny Eager, der (vordergründig) auf den rechten Weg gekommen ist. Brav meldet er sich der nun als Taxifahrer arbeitende Ex-Knasti regelmässig beim Bewährungshelfer und gilt als «geheilt». Doch aus dem Hintergrund leitet er ein Gangstersyndikat. Als sein alter Feind, der Anwalt Farrell (Edward Arnold), ihm auf die Schliche kommt, benützt Eager dessen Tochter, um ihn mundtot zu machen. Doch da geschieht etwas für den Gangster Unvorhergesehenes: Er entwickelt Gefühle…
Der seltsame deutsche Titel bezieht sich übrigens auf eine kurze Episode des Films, die zwar durchaus zentral ist; trotzdem scheint es merkwürdig, gleich den ganzen Film danach zu bennen.
7 / 10

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Filmschnipsel:

LION (Kino)
Australien 2016
Mit Sunny Pawar, Dev Patel, Rooney Mara, Priyanka Bose, Nicole Kidman, u.a.Drehbuch: Luke Davies
Regie: Garth Davis
Nach dem Ansehen des Vorfilms war ich skeptisch – nun bin ich froh, den Kinogang doch gewagt zu haben: „Lion“ ist rundum gelungen. Trotz der zahlreichen Stolperfallen, welche eine Verfilmung dieses Stoffes (der Lebensgeschichte von Saroo Brierley) birgt, haben die Beteiligten alles richtig gemacht.
Das Drehbuch baut die Geschichte glücklicherweise chronologisch auf (und nicht in Rückblenden, wie dies der Trailer suggeriert); so gewinnt die zweite Hälfte, die den erwachsenen Saroo zeigt, an innerer Spannung und Überzeugungskraft.
Die Regie ist wunderbar feinfühlig; Regisseur Garth Davis (dessen erster Kinofilm „Lion“ ist) versteht es meisterhaft, zwischen den Zeilen zu erzählen, Gesten und Mimik sprechen zu lassen, eigene Gedanken des Publikums zuzulassen.
Die Schauspieler sind allesamt hervorragend und werden mit viel Feingefühl und Sinn für leise Töne geführt.
Die Bilder (Kamera: Greig Fraser) sind gross, betörend, bisweilen atemberaubend.
Kurz: „Lion“ hat mich in voller Länge und bis ins hinterste Detail überzeugt. Vielleicht nicht unbedingt ein „wichtiges“ Kinowerk, aber ein beglückendes Filmerlebnis, das bewegt, ohne auf die Tränendrüse zu drücken!
10 / 10

MIDNIGHT SPECIAL (Blu-ray)
USA 2016
Mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Jaeden Lieberher, Kirsten Dunst, Sam Shepard u.a.
Drehbuch und Regie: Jeff Nichols
Jeff Nichols… Jeff Nichols… wer ist das nochmal?
Der Name dieses Ausnahmetalents (Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion) hat sich noch nicht richtig festgesetzt, aber seine Filme „Take Shelter“ und „Mud“ sind noch bestens im Gedächtnis. Und gerade ist sein „Loving“ in den Kinos angelaufen.
Nichols „Midnight Special“ ist ein irres Stück Kino! Völlig unspektakulär und ruhig, fast stoisch, erzählt er die Geschichte einer Kindsentführung – die sich mit zunehmender Filmdauer als etwas völlig Anderes entpuppt.
Zunächst tappt man als Zuschauer im Dunkeln: Worum geht’s da eigentlich?
Stück für Stück erfährt man – jeweils ganz nebenbei – Näheres. Aber bei weitem nicht alles; am Ende des Films sind noch immer einige Geheimnisse nicht vollständig gelüftet.
Diese Erzählweise ist nicht jedermanns Sache; wer sich aber darauf einlassen kann, erlebt ungemein spannende und höchst anregende zwei Filmstunden auf hohem gestalterischen und erzähltechnischem Niveau.
Bald wird klar: Die Entführung geschah aus einer Sekte. Zwei Sektenmitglieder haben einen Jungen entführt. Dieser wurde dort als eine Art Messias verehrt. Einer der Entführer ist der Vater des Kindes. Und: Die Regierung schaltet sich in die Fahndung ein. Sie ist aber nicht eigentlich hinter den Entführern her, sondern hinter dem Kind… Was hat es mit diesem blassen, ernsten Knaben bloss auf sich?
Was am Schluss dabei herauskommt, ist schlichtweg atemberaubend. Eine fantastische Vision!
Wer sich Jeff Nichols Namen noch nicht gemerkt hat, sollte dies nachholen. Er ist einer der eigenwilligsten und talentiertesten Autorenfilmer der USA zur Zeit.
10 / 10

 

 

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