Julianne Moore

Crazy Stupid Love (2011)

USA 2011
Mit Steve Carell, Ryan Gosling, Julianne Moore, Emma Stone, Analeigh Tipton, Marisa Tomei u.a.
Drehbuch: Dan Fogelman
Regie: Glenn Ficarra und John Requa
Dauer: 118 min

Dies ist wieder ein Film, dem eines dieser hervorragenden, kürzlich hier so genannten „Sophisticated Screenplays“ zugrunde liegt. Er behandelt ein altbackenes, in über hundet Jahren Kinogeschichte längst abgenudeltes Thema, das aber von einem hervorragenden Drehbuch aufgewertet wird. Es gewinnt dem Thema neue Aspekte ab, vermeidet die alten Klischees, baut überraschende Wendungen ein und wartet mit glänzenden Dialoge und wunderbaren Kinomomenten auf.

Obwohl der Streifen die Liebe im Titel führt, geht es im Grunde ums Trennen. Tatsächlich spielt Crazy Stupid Love verschiedene Aspekte des „Sich-Trennens“ aus; in jedem Fall erscheint die Liebe als etwas Verrücktes, Dummes, ja Störendes – weil sie sich nicht einfach ausschalten lässt. Sie ist nach Jahrzehnten der Beziehung noch immer da, ist übriggeblieben, nachdem sich die anfängliche Leidenschaft verflüchtigt hat.
Im Mittelpunkt steht ein Ehepaar, das sich nach langen Ehejahren trennt. Für den Gatten, Cal (Steve Carell) kommt der Wunsch der Gattin Emily (Julianne Moore) wie der Blitz aus heiterem Himmel und er stürzt – in eine Midlife-Krise. Am Tiefpunkt angelangt, wird der krisengeschüttelte Ehemann in einer Bar von einem erfolgreichen „Womanizer“ (Ryan Gosling) aufgegabelt, der ihm beizubringen verspricht, wie man erfolgreich paarungswillige Frauen anbaggert.

Da der Film als Komödie verkauft wird, kann an dieser Stelle des Resümees die Befürchtung auftauchen, es handle sich um eine dieser billigen 08/15 Hollywood-Klamotten, die mit dumpfen Witzen unterhalb der Gürtellinie nerven. Das war der Grund, weshalb ich den Film bei der Kino-Erstaufführung ausgelassen hatte.
Schaut man sich Crazy Stupid Love vorurteilslos an, wird schnell klar, dass er anders gestrickt ist. Von Beginn weg finden die Macher eine sensible Balance zwischen Komik und Tragödie, die Figuren werden in keinem Moment der Lächerlichkeit preisgegeben. Etwa eine Stunde lang plätschert der Film zwar etwas geschwätzig dahin. Doch die guten Dialoge, die feine Charakterzeichnung und der interessante Handlungsaufbau halten bei der Stange und tragen einen über den etwas länglichen Start hinweg. Trotzdem hätte es nicht geschadet, einige Sequenzen im ersten Teil der Schere zu opfern.

In der zweiten Filmhälfte gewinnt der Film dann deutlich an Fahrt, weil sich die etablierten Figurenkonstellationen plötzlich verschieben: Die bis dahin wie ein Fremdkörper sich ausserhalb der Haupthandlung bewegende Figur der jungen Anwältin Hannah (Emma Stone) integriert sich plötzlich und völlig überraschend ins Gesamtgeschehen und bringt alles durcheinander; und dann wird’s wirklich lustig.

Auch bei Hannah ist Trennung das zentrale Thema, allerdings wird es von einer anderen Seite angegangen: Hannahs aalglatter Anwalt-Freund behandelt sie wie ein Accessoir seiner Kanzlei; doch Hannah lässt sich davon nicht beirren und macht sich punkto „grosse Liebe“ etwas vor. Sie schiebt die längst fällige Trennung immer weiter hinaus.
Auch hier thematisiert der Film das Thema, was eine Trennung mit einem Menschen, mit der Liebe macht. In einer Kurzschlusshandlung wirft sich Hannah ausgerechnet dem uns bekannten Womanizer an den Hals, der Cal inzwischen erfolgreich zu seinem Ebenbild umgepolt hat.

Das fein gesponnene Drehbuch von Crazy Stupid Love stammt aus der Feder Dan Fogelmans, von dem ich hier bereits einmal geschwärmt hatte – im Zusammenhang mit seiner ersten grossen Regierarbeit Danny Collins (in einer Kurzkritik nach dem Hauptbeitrag). Fogelmans Drehbuch geht sein Thema in Grunde absolut ernsthaft an; dabei gibt gibt er immer wieder Anlass zum Nachdenken. Was aber das Verblüffendste ist: Crazy Stupid Love funktioniert tatsächlich auch als Komödie. Weil Fogelman seine genau beobachteten Figuren und deren Nöte aber ernst nimmt, entsteht eine fast schwebende, heiter-melancholische Atmosphäre.
Aber auch die Regisseure Glenn Ficarra und John Requa leisten hervorragende Arbeit! Sie bringen die Vorlage zu bestmöglicher Wirkung, weil sie  das nötige Feingefühl besitzen, diese adäquat, im richtigen (leisen) Ton umzusetzen und die Schauspieler zu grösstmöglicher Zurückhaltung anzuhalten. So entstehen einige intime, schwebende Kino-Momente, die berühren.

Überhaupt – die Schauspieler: Sie sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, erzielen mit kleinen Gesten grösstmögliche Wirkung – es ist eine Freude, dem Ensemble zuzuschauen. Besonders schön: Marisa Tomei als durchgeknallte Englischlehrerin und Kevin Bacon als Buchhalter!

So ist Crazy Stupid Love eine erfeuliche Ensembleleistung wie aus einem Guss, ein fein austarierter Unterhaltungsfilm, der immer wieder mit einem kleinen Schuss Tiefang angereichert ist.

Die Regie: 9 / 10 
Das Drehbuch:  9 / 10 
Die Schauspieler: 9 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit:
Crazy Stupid Love gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und Blu-ray (deutsche Synchro / englische Originalfassung, gemäss den Infos von amazon allerdings ohne deutsche Untertitel).
Gestreamt werden kann er bei amazon, Netflix, iTunes und Microsoft – alle drei bieten den Film sowohl in deutscher Synchronisation als auch in der orginalen Sprachfassung mit deutschen Untertiteln an.
maxdome und Videoload haben die deutsche Synchronisation und die orginale Sprachfassung ohne deutsche Untertitel im Programm.
Nur deutsch ist er auf GooglePlay, Videobuster, RakutenTV, freenet video und Sony zu sehen. 

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Tonfilm-Seitensprung: Eine ideale Verfilmung

AN IDEAL HUSBAND
England 1999
(dt.: Ein idealer Ehemann)
Mit Jeremy Northam, Rupert Everett, Cate Blanchett, Julianne Moore, Minnie Driver, John Wood u.a.
Regie: Oliver Parker
Dauer: 93 min

Oliver Parker scheint ein wahrer Oscar Wilde-Verehrer zu sein: Er bereitete bereits drei Werke des britischen „Skandalautors“ für die Leinwand auf: The Importance of Being Ernest, The Picture of Dorian Gray und An Ideal Husband, Wildes fünftes Theaterstück.

An Ideal Husband beginnt in Minne, schrammt knapp am Disaster vorbei und endet glimpflich, mit einer Lektion für alle Beteiligten.
Sir Robert Chiltren und seine Gattin Gertrude (Jeremy Northam und Cate Blachett) gelten in der feinen britischen Gesellschaft als das perfekte Paar, Sir Robert, Mitglied des Unterhauses, wird gar als halber Heiliger verehrt. Kein Makel befleckt seine weisse Weste; er ist gerecht, loyal, treu und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Doch nun taucht eine ehemalige Schulkollegin Lady Gertrudes auf, Mrs. Laura Chiveley (Julianne Moore) und erpresst Sir Robert auf übelste Weise. Er soll im Unterhaus seine Ablehnung eines betrügerischen Projektes in Zustimmung umwandeln, sonst werde sie eine düstere Polit-Affäre aus seiner Vergangenheit ans Licht bringen.

Sir Robert strampelt – den dunklen Punkt in seiner Vergangenheit konnte er bislang erfolgreich vertuschen. Mehr noch als den Gesichtsverlust in der Gesellschaft fürchtet er jenen vor der geliebten Ehefrau, die ihn idealisiert.
Zu Hilfe kommt ihm ausgerechnet Lord Goring (Rupert Everett), der faule, selbstgefällige Upper-Class-Nichtsnutz, der durch diese Affäre plötzlich seine Nächstenliebe entdeckt…

Man muss Oliver Parkers Verfilmung als geglückt bezeichen, wenn nicht sogar als Glücksfall. Beglückend ist er auf alle Fälle. Der Regisseur/Drehbuchautor bringt Wildes Stück, seine Dialoge und Bonmots so richtig zum Funkeln. Es wurde ein Zeit- und Sittenbild, das eine Zeit und eine Gesellschaft lebendig werden lässt, in welcher die Konvention und der Schein alles galt, wo Eheleute sich mit „sie“ anredeten und wo artig und gepflegt parliert wurde. Das alles lässt er in erlesenen Dekors und geschmackvollen Kostümen geschehen, dargeboten von einer erstklassigen Schauspielertruppe, die bis in die kleinste Nebenrolle ideal besetzt ist. Da zählt jedes Stirnrunzeln, jeder Seitenblick, und die Darsteller platzieren die kleinen Gesten mit einer Leichtigkeit, die zu Herzen geht.

An Ideal Husband, Version 1999, ist nicht einfach abgefilmtes Theater. Parker hat daraus einen bewegten und beschwingten Film gemacht, in dem das Bild neben dem Wort zu seinem Recht kommt, indem es das Geschehen immer wieder kommentiert, ironisch infrage stellt oder kommende Ereignisse erahnbar macht. Von Theater ist da fast nichts mehr zu spüren.
Neben der Offenlegung der menschlichen Schwächen und Fehler, die heute noch dieselben sind wie zur Entstehungszeit des Stücks (1894), enthält der Film kaum Aktualität. Aber: Indem er diese, in die Konventionen von damals gekleidet, in unsere Zeit hinüberblendet, präsentiert er Stoff, an dem wir geistig zu arbeiten haben.

8,5/10



Der Film ist als DVD bei amazon bestellbar.