Joseph Cotten

Ich werde dich wiedersehen (1944)

USA 1944
Mit Ginger Rogers, Joseph Cotten, Shirley Temple, Spring Byington, Tom Tully u.a.
Drehbuch: Marion Parsonnet nach einem Hörspiel von Charles Martin
Regie: William Dieterle

„Ein körperlich und seelisch versehrter amerikanischer Kriegsheimkehrer findet Genesung durch Kontakt und Liebe zu einer verurteilten Totschlägerin, die über Weihnachten aus dem Gefängnis beurlaubt ist. Ein sympathisches Drama mit optimistischer Perspektive, das die Emotionen und das Lebensgefühl der Nachkriegszeit in den USA widerspiegelt.“
-Lexikon des internationalen Films-

„This is a pressing recommendation that as many of you see it as can.“ „He [Joseph Cotten] plays the shell-shocked veteran with supreme restraint and with a calm and determined independence that beautifully reveals his pain and pride.“
-Bosley Crowther, New York Times-

„This Selznick project originated in a radio play (by Charles Martin), and it may have sounded like a good movie idea. But oh, my!“
-Pauline Kael-

Pauline Kael, von 1968 bis 1991 eine wegen ihrer Spitzzüngigkeit gefürchtete amerikanische Filmkritikerin, kommt zum Schluss, dass I’ll Be seeing You „verdammt nahe an unertäglich heranreicht. Nach der Sichtung dieses vergessenen Films kann ich mich über ihr Urteil – das sie übrigens ohne jegliche Argumente fällt – nur wundern. Da halte ich mich lieber an Bosley Crowther oder das renommierte Lexikon des internationalen Films (s. oben). I’ll Be seeing You ist ein bittersüsses Melodrama, das Douglas Sirks möglicherweise gefallen hätte. Einige Passagen mögen dem heutigen Betrachter zwar als „kitschig“ ins Auge stechen, doch die ernsthafte und packende Behandlung der Hauptthematik lässt mich darüber hinwegsehen. I’ll Be Seeing You war einer der ersten US-Filme, die das Thema „posttraumatische Belastungsstörung“ im Zusammenhang mit dem Krieg an die Öffentlichkeit brachte – in einer Zeit, in welcher Krieg im Kino zu Durchhaltezwecken gemeinhin positiv besetzt wurde. Man darf dem von David O. Selznick produzierten Streifen durchaus einen gewissen Pionierstatus zugestehen.

Etwas „Unerträgliches“ konnte ich darin beim besten Willen nicht ausmachen; ausser vielleicht – allerdings in moderatem Rahmen – in Shirley Temples Spiel. Doch dazu später.
Ginger Rogers und Joseph Cotten machen ihre Sache hervorragend – vor allem Rogers überzeugt und überrascht: Sie spielt bewusst gegen den romantisierenden Ton des Films an und macht das Ganze überhaupt erst  – sorry, Pauline – erträglich! Sie gibt die desillusionnierte Verurteilte, in deren Leben plötzlich die Hoffnung aufkeimt, derart bodenständig und robust, dass man ihr die Gefängnisinsassin abnimmt. Cotten gibt den Gegenpart sanft, beherrscht, doch tief drin verstört, stumm gegen seine Dämonen ankämpfend. Auch ihm nimmt man das ab. Mit der Glaubwürdigkeit der beiden Hauptakteure hat der Film gewonnen, alles andere ist – erfreuliches – Zugemüse: Die subtile Regie Dieterles (man sehe sich nur die wunderbare Anfangszene am Bahnhof an, in der er die beiden Hauptfiguren als „zwei Seiten einer Medallie“ einführt); das effiziente, schnörkellose Drehbuch; die sympathischen Nebendarsteller.

Nur eben: Shirley Temple, der einstige Kinderstar. Ihr mangelndes schauspielerisches Talent sorgte auch während der Dreharbeiten für Kopfzerbrechen. Zu ihren Gunsten muss gesagt werden, dass sie eine der schauspielerisch schwierigsten Stellen des ganzen Films zu bewältigen hatte. Und das ohne richtige Schauspielausbildung!
Zur Zeit von I’ll Be seeing You versuchte die Temple gerade verzweifelt, ihre Popularität in erwachsenen Rollen zu erhalten. In einer der letzten Szenen von Dieterles Film entdeckt sie, dass ihretwegen die Beziehung der beiden Hauptprotagonisten zerbrochen ist. Sie ist bestürzt, entsetzt und untröstlich. Das bekam Miss Temple beim Dreh einfach nicht hin, und Selznick war mit der Szene nicht zufrieden. Also holte er, nachdem der Film schon im Kasten war, George Cukor, der die fragliche Szene nachträglich nochmals mit ihr drehen sollte. Das wurde zum Schockmoment ihrer Karriere: Cuckor geriet nach mehreren fehlegeschlagenen Versuchen ausser sich, brüllte sie an, machte sie richtiggehend fertig. Erreicht hatte er nur wenig: Shirley Temples „grosse Szene“ fällt leider noch immer ab.

Das ändert aber nichts daran, dass I’ll Be Seeing You bis heute sehenswert geblieben ist; das Melodram ist zeitlos, das Thema (zwei gesellschaftliche Randfiguren finden zueinander) ebenfalls, und die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller überzeugen immer noch.

Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch:  7 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit: I’ll be seeing you ist im deutschsprachigen Raum aktuell nicht verfügbar, weder auf DVD, Blu-ray noch im Stream.
In den USA ist der Film in restaurierter Fassung und mit einem filmhistorischen Audiokommentar versehen bei Kino Lorber auf DVD und Blu-ray erschienen (Regionalcode 0).

Bewegte Bilder
Via youtube kann der ganze Film in der englischsprachigen Originalfassung und in ansehnlicher Bildqualität angeschaut werden.

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Tonfilm-Seitensprung: Auf Hitchcocks Spuren

GASLIGHT
(dt.: Das Haus der Lady Alquist)
USA 1944
Mit Ingrid Bergman, Charles Boyer, Joseph, Cotten, Angela Lansbury, Dame May Whitty, u.a.
Regie: George Cukor
Dauer: 114 min

Das Haus der Lady Alquist – wer kennt ihn nicht, diesen Klassiker des viktorianischen Kinogrusels?!
Ingrid Bergman als hochsensible, verschüchterte Dame aus gutem Haus; Charles Boyer als monströser Ehemann – beides Rollen, welche die beiden Schauspieler nie mehr loswurden, Rollen, welche als Klischee eins wurden mit den Namen der beiden Akteure. Dabei konnte gerade Charles Boyer ganz anders als „nur“ fies hinter halb geschlossenen Augenlidern hervorlinsen. Wobei das „Nur“ natürlich fehl am Platz ist: Sowohl er als auch seine Film-Partnerin spielen ihre Rollen ganz hervorragend – und genau das ist wohl der Grund für die Festlegung auf diese Rollentypen.

Wenn wir von der herausragenden Schauspielerleistungen sprechen, müssen wir auch den Rest der Besetzung ins Lob miteinbeziehen: Jeder einzelne Schauspieler, jede Schauspielerin ist nicht nur perfekt besetzt, sie geben alle ihr bestes. Die damals 18-jährige Angela Lansbury trat hier zum ersten Mal in Erscheinung – sie wurde gleich für den Oscar nominiert. Eine weitere Nomination erhielten Boyer und Bergman – letztere gewann die begehrte Trophäe denn auch.

Ein Schauspielerfilm erster Güte also. Hervorragende schauspielerische Leistungen sind praktisch in allen Filmen George Cukors zu finden – sie waren eines seiner Markenzeichen. Das andere war die Ausstattung. Wie der Mann hier wieder in Dekors und Kostümen schwelgt und wie atmosphärisch er das vernebelte London der viktorianischen Zeit auferstehen lässt! Es ist eine Augenweide. Doch anders als bei seinem Kollege Mitchell Leisen – der punkto Ausstattung ähnliche Vorlieben pflegte – stimmt bei Cukor auch die Inszenierung und das Timing. Es gibt Szenen, welche als Lehrstücke für die filmische Inszenierung eingesetzt werden könnten. Was Cukor etwa in der Konzert-Sequenz mit dem Schnitt und der Kadrage (und ohne Zuhilfenahme von bedrohliche anschwellender Filmmusik) macht, vermittelt höchste Spannung, obwohl eigentlich nichts passiert (siehe zweites „scree-capture“, unten). Die Sequenz macht innere Vorgänge sichtbar, welche das Filmpublikum in höchste Alarmbereitschaft versetzen.
Und die erste Liebesszene des Film weckt bereits zu Anfang des Films durch die Wahl der „richtigen“ Umgebung (siehe erstes „screen-capture“, unten) böse Vorahnungen auf den Fortgang dieser Liebe im Lauf der Geschichte. Man könnte sagen, Cukor wandle mit Gaslight auf Hitchcocks Spuren, gehe dabei aber – Fans des Suspense-Meisters mögen mir verzeihen – bildsprachlich subtiler vor.

Gaslight ist ein Genreklassiker, den zu sehen sich nicht nur lohnt, dessen Kenntnis auch zur Pflicht jedes ernsthaften Filminteressierten gehört.
9/10


Die deutsche DVD des Film ist bereits „out of print“, kann aber noch bei privaten Anbietern via amazon. de bestellt werden.