Johnny Depp

Stranger on the Third Floor (1940)

FILM DER WOCHE:

USA 1940
Mit John McGuire, Margaret Tallichet, Peter Lorre, Elisha Cook Jr., Charles Waldron, Charles Halton u.a.
Drehbuch: Frank Partos
Regie: Boris Ingster
Der Film kam im deutschsprachigen Raum nicht in die Kinos. Er ist hierzulande auch nie auf VHS, DVD oder Blu-ray erschienen.

Es gibt eine sehr gute, restaurierte Fassung auf DVD von Warner Archive Collection, die über amazon.de bestellt werden kann.

Peter Lorres Name steht auf dem US-Filmplakat an oberster Stelle – dabei hat der österreichische Schauspieler eine Leinwandpräsenzzeit von gerade mal acht bis zehn Minuten in diesem vergessenen kleinen Film des gebürtigen Russen Boris Ingster. Allerdings beherrscht der von Lorre gespielte titelgebende „Stranger“ den Film, sobald er das erste Mal auftaucht ist. Und es ist denn auch Lorres schauspielerische Leistung, die man so schnell nicht wieder vergisst.
Überhaupt: Obwohl sich die Kritiker über die Qualität dieses Filmes streiten, gräbt er sich ins Gedächtnis jener ein, die ihn gesehen haben.

Überblickt man die wenigen Kritiken, die zum Film verfasst worden sind, stösst man auch auf das Rätselraten darüber, ob Stranger on the Third Floor nun ein film-noir sei oder nicht, ja, ob er vielleicht gar der erste film-noir der US-Filmgeschichte sei – noch vor John Hustons 1941 erschienenem Asphalt Jungle. Die meisten Kritker stellen fest, dass Ingsters Werklein tatsächlich schon Züge und Merkmale des film-noir trägt. Das tut aber auch bereits Fritz Langs 1936 entstandener You Only Live Once. Es gibt auch Elemente des Horrorfilms in Strangers on the Third Floor zu entdecken. Val Lewton lässt grüssen – nicht zuletzt dank dessen Kameramann Nicholas Musuraca, der hier hinter der Kamera stand und für die charakteristische Ausleuchtung, bezw. „Aus-Schattung“ sorgte.

Betrachtet man Stranger… unvoreingenommen, wirkt er wie ein Lehrfilm für angehende Geschworene im US-Rechtssystem. Angsichts der Tatsache, dass in den USA jeder als Geschworener rekrutiert werden kann und konnte, wirkt diese Theorie nicht mal so abwegig. Beweisen jedoch kann ich sie nicht; ich kann nur auf den Eindruck verweisen, den der Film beim Betrachten erweckt.
Im Zentrum steht Mike, ein Gerichtsreporter (McGuire), der just in dem Moment die seiner Wohnung gegenüberliegenden Bar betrat, in welchem der Taxifahrer Joe Briggs (Cook jr.)vor der Leiche des Barbesitzers kniete. Der vorbestrafte Briggs wird zum Mörder gestempelt. Auch Mike ist von der Richtigkeit dieses Verdachtes überzeugt, was er auch als Zeuge vor Gericht durchblicken lässt. Dank seines Artikels zum Vorfall erhielt er zudem eine Gehaltserhöhung, die ihm persönliches Glück verheisst: Endlich kann er mit seiner Verlobten zusammenziehen und diese gar heiraten.
Dank des schlauen Plädojers des Anklägers verurteilen die Geschworenen den Taxifahrer – zu Unrecht, wie dem Publikum längst klar ist – Briggs‘ Verhalten im Gerichtssaal lässt keinen Zweifel daran. Mike hingegen freut sich über die Vorteile, die ihm dieser Fall bringt und beginnt erst, tiefer darüber nachzudenken, als ihm seine Verlobte (Tallichet) ins Gewissen redet.

Der Fall ist derart plakativ und simpel aufgezogen, dass der Gedanke, Stanger on the Third Floor könnte als „Lehrfilm“ konzipiert worden sein, bei mir schon früh auftauchte.
Nebenbei sei erwähnt, dass der Film trotz aller Holzschnittartigkeit überzeugt, denn die Effekte, die er offenbar erzielen sollte, erreicht er mühelos. Wie Cook jr. etwa die Unschuld seiner Figur mimisch ‚rüberbringt, so dass kein Mensch im Publikum auch nur eine Sekunde daran zweifelt, das hat schon Klasse!
Und genau da liegt die Irritation und zugleich das Verdienst dieses Werks: Trotz aller Schwächen (Plakativität, Dialogeschwächen, wenig überzeugende Leistung der Hauptdarstellerin) fasziniert er auf verschiedenen Ebenen und überzeugt in der Gesamtschau, obwohl man zwischendurch immer wieder denkt: „Das geht jetzt aber gar nicht.“

Einerseits ist dies das Verdienst der Regie. Die Atmosphäre, die einsetzt, nachdem Mike zu zweifeln beginnt, nachdem die Schuldgefühle einsetzen, ist beklemmend. Dieser Teil des Films spielt ausschliesslich in der Enge seines Mietshauses, die klaustrophobische Ausmasse annimmt. Eine delirierende Traumsequenz verdichtet die Schuldgefühle zu einem bildgewaltigen Ausflug in dem Expressionismus nachempfundene Gefilde; spätestens ab da kann man sich der Sogwirkung der Bilder nicht mehr entziehen.
Ein weiteres grosses Plus sind die Nebendarsteller, allen voran Peter Lorre und Elisha Cook Jr., aber auch Charles Halton als nervtötender Nachbar, Ethel Griffies als Vermieterin oder Oscar O’Shea als Richter; sie wiegen die durchschnittliche Leistung des Hauptdarstellers und die unterdurchschnittliche Leistung der Hauptdarstellerin mehr als auf. Lorre gibt eine Art Reprise seiner Rolle aus „M“ und brennt sich mit seinen beiden kurzen Auftritten ins Gedächtnis der Zuschauer ein.

Ein weiteres Argument für meine „Lehrfilm“-Theorie ist die Tatsache, dass die Identifikationsfigur sich bald selbst in die Rolle des unschuldig Verdächtigten gedrängt fühlt: In der Nachbarwohnung des schuldgeplagten Mike geschieht ein weiterer Mord; Mike erkennt plötzlich, dass der Verdacht auf ihn fallen könnte – aus exakt denselben Gründen, die dem Taxifahrer vor Gericht zum Verhängnis wurden.
„Fällt Eure Verdikte nicht vorschnell, falls Ihr dereinst mal als Geschworene in einer Jury sitzen solltet!“, das gibt der Film seinem Publikum als deutliche Mahnung mit auf den Weg. Dass er darüberhinaus so packend und künstlerisch überezeugend geraten ist, das ist ein angenehmer Nebeneffekt, der Stranger in the Third Floor noch heute sehenswert macht.

Fazit: Ein vergessener kleiner, schwer in ein Genre einzuordnender Film, der einiges falsch macht, anderes aber wieder dertart richtig, dass er eine regelrechte Sogkraft entwickelt.

Die Regie: 9 / 10 – Der gebürtige Litauer Boris Ingster führte bei nur drei Filmen Regie – alle drei sind heute vergessen. Er schrieb Drehbücher und trat als Produzent in Erscheinung. Dieser Film zeigt, dass er als Regisseur durchaus talentiert war.
Das Drehbuch: 7 / 10
– Etwas plakativ, aber dramaturgisch sehr effektiv. Verfasst hat es Frank Partos, aus dessen Feder auch der ungleich berühmtere Mystery-Film The Uninvited (dt.: Der unheimliche Gast; Lewis Allen, 1944) stammt.
Die Schauspieler: 8 / 10 – Das mangelnde Talent der beiden Hauptdarsteller wird von den grandiosen Nebendarstellen weettgemacht.
Die Filmmusik: 9 / 10 – Subtile, effektive Musik von Roy Webb, welche die düstere Stimmung des Film bestens unterstützt.
Gesamtnote: 8 / 10

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Kurzkritiken

GWOEMUL
(dt.: The Host)
Korea 2006
Mit Kang-ho Song, Hee Bong-Byun, Hae-il Park, Doona Bae, u.a.
Drehbuch: Bong Joon Ho, Won-jun Ha und Chul-hyun Baek
Regie: Bong Joon Ho
Ein amerikanischer Arzt lässt seinen koreanischen Assistenten literweise Formaldehyd in Seouls Han River entsorgen. Kurze Zeit später entdecken zwei Fischer ein kleines, seltsam mutiertes, bissiges Wassertier. Wieder etwas später taucht an der bevölkerten Uferpromenade plötzlich ein riesiges, bizarres Vieh auf, das kurz nach seiner Entdeckung dazu übergeht, die Fussgänger wütend zu attackieren.
So weit folgt der Handlungsverlauf zahlreichen Monsterfilmen klassicher amerikanischer Provenienz. Doch dann wechselt der Film den Fokus, zur Familie des etwas unterbelichteten Food-Stand-Betreibers Park Gang-Doo. Dessen Tochter wird nämlich vom Monster geschnappt, verschleppt und zunächst für tot gehalten. Nach einer intensiven Trauerphase ruft das Töchterchen plötzlich ihren Vater mit ihrem Handy an, kurz bevor das Gerät den Geist aufgibt: Sie werde in einem Abwasserkanal festgehalten. Schön! Aber in welchem?
In der Folge konzentriert sich Regisseur Bong Joon Ho (Snowpiercer) auf die Suche der Familie nach Parks Tochter. Der Rest des Films gestaltet sich als Wechselbad zwischen Horror, Slapstick, Drama und Tragödie. Das funktioniert überraschend gut und ist hervorragend in Szene gesetzt. Doch hinterher fragt man sich, was The Host nun eigentlich soll. Für einen reinen Unterhaltungsfilm dringt er zu tief ins Thema Familienbande ein; allerdings bleibt er damit dann doch wieder zu sehr an der Oberfläche. The Host will ein Horrorfilm sein, der alles anders macht. Trotz zwischenmenschlichen Exkursen und brillianter Machart bleibt er irritierend leer und kalt.
The Host ist hierzulande als Blu-ray und DVD erhältlich, oder kann über Amazon Video gestreamt werden.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 9 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

PIRATES OF THE CARIBBEAN: DEAD MEN TELL NO TALES
(dt.: Piraten der Karibik: Salazars Rache)
USA 2017
Mit Johnny Depp, Kaya Scodelario, Brenton Thwaites, Javier Bardem, Geoffrey Rush, Kevin McNally u.a.
Drehbuch: Jeff Nathanson
Regie: Joachim Rønning und Espen Sandberg
Jack Sparrow zum Fünten – diesmal unter der Regie zweier Norweger. Weshalb Disney Joachim Rønning und Espen Sandberg mit der Inszenierung betraut hat, darüber kann man nur mutmassen. Vielleicht weil ihr Kon-Tiki-Film (2012) auch mit Wasser zu tun hatte. Egal: Die Effekte-Maschinerie, welche hier in Gang gebracht wird, walzt ihre Bemühungen schlichtweg platt. Im Gewitter der rasenden Film-Schnitte ist sowas wie eine Regieleistung zudem kaum mehr erkennbar. Auch die Schauspielerleistungen gehen im permanenten Krawall und Gedröhne unter. Eine Handlung existiert, aber auch das Drehbuch verliert sich auf seiner Jagd nach immer mehr und immer spektakuläreren Effekten, die im Grunde eine Jagd nach der Gunst des Publikums ist. Einmal mehr werden die Meere von einer Geister-Crew heimgesucht, einmal mehr sucht Jack Sparrow nach einem sagenhaften Schatz, einmal mehr steht ihm ein junges, gutaussehendes Paar zur Seite.
Mit diesem Film kommt die Serie an ihre Grenzen: Noch spektakulärer, noch schneller geht fast nicht mehr. Der Preis, der dafür bezahlt wird ist die Individualität: Der neue „Jack Sparrow“ ist so gesichts- und seelenlos, dass man sich nicht wundert, wenn das umgarnte Publikum der Serie diesmal die endültige Absage erteilen würde.
Der Film läuft zur Zeit in den Kinos.
Die Regie: 5 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 6 / 10
Gesamtnote: 6 / 10

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Gedankensplitter

Mangels Zeit wegen verschiedenen anderweitigen Engagements meinerseits splittern die Gedanken an diversen verschiedenen Orten – nur nicht hier.

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Joe Versus the Volcano (dt.: Joe gegen den Vulkan; USA 1990)

Remember (dt.: Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern; Kanada, Mexiko, Deutschland 2015)

Barakah yoqabil Barakah (dt.: Barakah meets Barakah; Saudi-Arabien 2016)

 

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