J.A. Bayona

Uzala, der Kirgise (1975)

FILM DER WOCHE

DERSU UZALA
(UdSSR, Japan 1975)
Mit Maksim Munzuk, Yuriy Solomin,
Drehbuch: Akira Kurosawa und Yuriy Nagibin nach dem Bericht von Vladimir Arsenjev
Regie: Akira Kurosawa
Der Film lief 1976 auch in den deutschsprachigen Kinos, unter dem merkwürdigen Titel Uzala, der Kirgise

Es gibt verschiedene DVD-Ausgaben des Films – keine ist perfekt. Die im deutschspachigen Raum seit 2015 erhältliche DVD von der schweizerischen trigon-film ist zwar teuer, gehört aber punkto Bild- und Tonqualität zu den besten und kann guten Gewissens empfohlen werden.

Fünf Jahre hatte es gedauert, bis 1975 nach Dodesukaden (1970) ein weiterer Film von Akira Kurosawa erschien. Dersu Uzala hiess er, und wurde Kurosawas einziges ausserhalb Japans gedrehtes Werk. Wieder fünf Jahre später erschien Kagemusha – von den USA mitproduziert.
In Japan fand Kurosawa nach 1970 keine Geldgeber mehr: Die Filmwirtschaft des Landes lag darnieder, und Dodesukaden war ein Flop. Am Rande der Verzweiflung, nahm Kurosawa eine Einladung der sovjetischen Mosfilm an; den Stoff durfte er selbst wählen. So gelangte ein lang gehegtes Projekt des Altmeisters endlich in den Bereich des Möglichen: Die Verfilmung von Vladimir Arsenjevs 1923 erschienenen Romanbericht „Dersu Uzala“. Kurosawa dreht mit einem russischen Filmteam „on location“, in der sibirischen Taiga. Gefilmt wurde mit 70mm, eine Premiere für den japanischen Altmeister.

Herausgekommen ist ein Kurosawa-Film auf russisch, ein Film notabene, den man auf Grossleinwand sehen sollte. Erzählt wird in elegischen Bildern und langen Einstellungen von der Begegnung eines russischen Landvermesser-Trupps mit einem knorrigen Taiga-Jäger vom Stamm der Golden, dem naturverbundenen Dersu Uzala (keine Ahnung, wie die Bezeichnung „Kirgise“ im deutschen Filmtitel zu suchen hat). Dersus Welt ist die Taiga und der Wald; den festen Wohnsitz hat er nach dem Tod seiner Frau und seiner Kinder aufgegeben.
Vereinfacht gesagt könnte man festhalten, dass Dersu Uzala für die Natur steht und die russischen Soldaten für die Zivilisation.

Der Natur hat Kurosawa mit diesem Film ein Denkmal setzen wollen – in wunderbar komponierten 70mm-Bildern. Man kann in ihnen schwelgen und sich darin verlieren, deshalb wäre es dringend nötig, dass Dersu Uzala endlich restauriert wird, damit er im alten Glanz endlich wieder aufgeführt werden kann. (Der letzten Kino-Vorführung, die ich gesehen hatte, lag eine grünstichige, verblasste Kopie zugrunde.)

Dersu und Arsenjev, die beiden Protagonisten, die im Laufe der episodenhaften Handlung Freunde werden, werden ideal verkörpert von Yurij Solomin (Arsenjev) und Maxim Munzuk (Uzala); letzterer verschmilzt derart mit seiner Rolle und wirkt derart authentisch, dass man sich nicht vorstellen kann, einem Schauspieler zuzusehen, der auch mal in anderen Rollen zu sehen war. Undenkbar auch, sich Kurosawas Wunschbesetzung, Toshiro Mifune als Uzala vorzustellen! Zum Glück ist dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen!

In seiner Episodenhaftigkeit nimmt Dersu Uzala bereits die Spätwerke Kurosawas vorweg, insbesondere Dreams, Rhapsody in August und Maadadayo. Auf ihren Wanderungen durch die ussurischen Wälder und die Taiga begegnen Arsenjev und Dersu unter anderem einem chinesischen Eremiten, misshandelten Opfern eines bösartigen Eingeborenenstammes und dem Tiger. Mehrmals kommen die Russen dank Uzalas Hilfe mit dem Leben davon; sie realisieren im Lauf des Zusammenseins, was ihnen der Waldmensch voraus hat. Arsenjev und er werden trotz ihrer Fremdheit und ihres unterschiedlichen Hintergrundes dicke Freunde.

Dersu Uzala ist ein Film der Bilder. Er braucht nicht viele Worte, er kommt völlig ohne cineastische Mätzchen, Symbolismus und Kunstgewerblichkeit aus. Er besitzt einen ehrlichen, kindlichen Blick auf die Wahrheit der Dinge und bewirkt durch seine Simplizität Ergriffenheit und Erkenntnis.
Kurosawa beweint mit Arsenjev das Verschwinden der Natur aus den Herzen der Menschen. Er tut dies, indem er dem Zuschauer das Herz wieder für sie öffnet, in der Hoffnung, dem Verschwinden zu einem Aufschub zu verhelfen. Damit hat er nie an Aktualität verloren.
Die taurige letzte Episode allerdings kündet von der Hoffungslosigkeit dieses Unterfangens.

Die Regie: 10 / 10 – Kurosawa vertraut nicht einfach auf die Schönheit der fotografierten Landschaft – er komponiert in der wilden Taiga Bilder, die mitten ins Herz treffen.
Das Drehbuch: 10 / 10 – Ohne Schnörkel und überflüssige Worte wird ruhig und gradlinig und mit Vertrauen auf die Bilder erzählt.
Die Schauspieler: 10 / 10 – Die beiden Hauptdarsteller verschmelzen beide mit ihren Rollen. Insbesondere Maksim Munzuks Leistung ist unvergesslich.
Die Filmmusik: 9 / 10 – Isaac Schwarts, ein damals renommierter Film- und Bühnenmusik-Komponist hat eine differenzierte, bisweilen eigenwillige, an gewissen Stellen leicht aufdringliche Filmmusik geschrieben, die das Gezeigte im Grossen und Ganzen ideal unterstützt und transportiert.
Gesamtnote: 10 / 10

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Kurzkritiken


HAIL THE CONQUERING HERO

(dt.: Heil dem siegreichen Helden)
USA 1944
Mit Eddie Bracken, Ella Raines, William Demarest, Raymond Walburn, Franklin Pangborn u.a.
Regie und Buch: Preston Sturges
In einer Zeit, in der Amerika seine Filme in den Dienst der Kriegspropaganda stellte und Hurrapatriotismus und Durchhalteparolen die Kinokost bestimmten, drehte Hollywoods enfant terrible Preston Sturges Komödien, die zwar Amerikas Engagement im Krieg thematisierten, die sich aber doch stark von der patriotisch gefärbten Kriegspropaganda unterschieden.
Hail the Conquering Hero handelt vom wegen Heuschnupfen aus der Armee ausgemusterten Marinesoldaten Woodrow Truesmith (Bracken), der sich der Schande wegen nicht mehr nach Hause traut. Ein Trupp Marines unter der Leitung von Sergeant Hepplefinger (Demarest) heckt aus Mitleid einen Plan aus, der gehörig in die Hose geht: Einer der Soldaten ruft Woodrows Mutter an und erzählt, ihr Sohn sei ehrenhalber entlassen worden.
Als Woodrow nach Hause kommt, ist er in Abwesenheit bereits zum Helden stilisiert worden. Und nun fangen seine Probleme erst an…
Der Film ist eine Sturges – typische Parforcetour. Die spitzen Dialoge rattern wie Trommelfeuer, der Slapstick scheint allgegenwärtig, die Handlung wird rasant vorangetrieben, was dem Film ein Tempo verleiht, das immer wieder den Rand der Hysterie streift. Sturges nimmt den blindwütigen Patriotismus seiner Landsleute ebenso gekonnt aufs Korn wie die undurchsichtigen Machenschaften der Politik. Das Ganze inszeniert er mit überbordenden Massenszenen gekonnt als tempo- und gagreichen Reigen kleinbürgerlichen Grössenwahns. Grandios!
Es gibt eine englische DVD (Region2) des Films; sie kann bei amazon.de bestellt werden .
Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 9 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

 

A MONSTER CALLS
(dt.: Sieben Minuten nach Mitternacht)
Mit Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Liam Neeson (Stimme), Toby Kebbell u.a.
Drehbuch: Patrick Ness nach seinem Buch
Regie: J.A. Bayona
Eine starke Geschichte macht noch keinen guten Film! Patrick Ness‘ Romanvorlage ist einer jener seltenen, starken Stoffe, die auch verunglückte Verfilmungen überstehen. Nicht dass dieser Film schlecht wäre, er wird nur einfach der Vorlage nicht gerecht.
Romanautor Patrick Ness selbst hat das Drehbuch verfasst – sein erstes – und man merkt, dass er damit bislang keine Erfahrung hatte. Bisweilen verliert er sich im Zauber und in den Schlingen des Mediums Film, dergestalt dass der Kern seiner Geschichte immer wieder verloren geht, bezw. bis kurz vor Schluss nicht wirklich fassbar wird. Er kreiert zwei Nebenhandlungen, die „des Guten zuviel“ sind und sich letztendlich als überflüssig erweisen: Als wäre die Hauptgeschichte für den Zuschauer nicht schon belastend genug, flicht Ness noch eine Mobbing-Geschichte mit drei böswilligen Mitschülern und eine problembeladene Beziehung zum in den USA lebenden Vater ein. Immerhin ist das Ende schlüssig und fügt einen Grossteil des Vorangegangenen zu einem Ganzen zusammen, doch bis es soweit ist, fragt man sich mehr als einmal, was der Film eigentlich will.
J.A. Bayonas Regie hilft dem Stoff auch nicht wirklich; zu zerfahren ist sie, zu nervös, bisweilen zu artifiziell auftrumpfend, dem intimen Stoff über weite Teile nicht angemessen. Das hoch emotionale, schlüssige und konsequente Ende rettet den Film schliesslich.
A Monster Calls erzählt die Geschichte des Teenager Conor, dessen geliebte, künstlerisch veranlagte Mutter an Krebs im Endstadium leidet. Conor bekommt besuch von einem rätselhaften Baum-Monster, der ihn immer sieben Minuten nach Mitternacht besucht, um ihm eine Geschichte zu erzählen. Diese Geschichten haben alle in irgendeiner Form mit Conors Leben zu tun.
A Monster Calls ist eine wunderbare Geschichte über die heilende Kraft der Kunst und der Imagination. Vielleicht kann sie als Film einfach nicht wirklich funktionieren…
Er ist hierzulande als Blu-ray und DVD erhältlich, oder kann über Amazon Video gestreamt werden.

Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 9 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

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Film des Monats Mai

Von den Filmen der Woche im Mai bekommt der jeweils von mir bestbewertete das Prädikat „Film des Monats“. Die „Filme der Woche“ im Mai waren:
Hidden – Die Angst holt dich ein (2015)
The Retrieval (2013)
Drei Amigos! (1985)
Die Gezeichneten (1948)

THE RETRIEVAL
USA 2013; Regie und Drehbuch: Chris Eska
Während des amerikanischen Bürgerkriegs macht sich der junge Will (Ashton Sanders) mit einer Gruppe Kopfgeldjäger nach Norden auf, um einen gesuchten Mann mit Namen Nate (Tishuan Scott) für sie ausfindig zu machen. Doch auf dem Weg zurück in den Süden entwickelt sich eine Beziehung zwischen dem Eingefangenen und dem Jugendlichen und Will wird klar, dass er eine Entscheidung fällen muss… (moviepilot.de)
Trailer (Englisch)
Zum Artikel in diesem Blog
„The Retrieval“ kaufen (der Film ist nur in englischsprachiger Fassung auf einer DVD aus den USA erhältlich)

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Gwoemul (dt.: The Host; Korea 2006)

Pirates of the Caribean: Dead Men tell no Tales (dt.: Fluch der Karibik: Salazars Rache; USA 2017)