Gurinder Chadha

Kurzkritiken

Diese Woche ist es passiert, dass keiner der drei geplanten Filme das Zeug zum „Film der Woche“ hatte (8 Punkte oder mehr). Deshalb heute in aller Kürze:

Drei Kurzkritiken

THE NIGHT MY NUMBER CAME UP
England 1955
(dt.: Sie waren 13)
Mit Michael Redgrave, Alexander Knox, Denholm Elliott, Sheila Sim, u.a.
Drehbuch: R.C. Sherriff nach einer Geschichte von Victor Goddard
Regie: Leslie Norman
Musik: Malcolm Arnold
Der vergessene Film der Woche
Dieses unterhaltsam-spannende britische Flugzeug-Drama war mein Film-Highlight der Woche. In der Tat lassen sich die ersten zwei Drittel des Streifens interessant und vielversprechend an: Ein britischer Marine-Oberst erzählt anlässlich einer Abendgesellschaft in Hong Kong von einem Traum, der ihn in der vergangenen Nacht geplagt hatte. Darin kam ein mit 13 Personen beladenes Propellerflugzeug auf der Reise nach Tokyo vom Kurs ab und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Da einige Details genau auf einen am folgenden Tag geplanten Tokyo-Flug passen, macht sich bei jenen Gästen, die mit besagter Maschine fliegen sollen, ein leichte Unbehagen breit. Je näher der Flug kommt, desto mehr weitere Details bewahrheiten sich durch im letzten Moment vorgenommene Änderungen. Schliesslich ereignet sich praktisch alles genauso, wie der Marine-Oberst es geträumt hatte und die Katastrophe wird unabwendbar – nicht zuletzt dank der Bemühungen der Hauptbeteiligten, vernünftig zu bleiben.
Zunächst wähnt man sich in einem dieser schönen britischen Mystery-Filmen; zudem kommt die interessante Frage auf, ob unser Leben einer Vorbestimmung folgt. Doch leider lässt The Night my Number came up mit zunehmender Filmdauer nach und wird unerwartet oberflächlich und absehbar.
Was bleibt, sind gute schauspielerische Leistungen, eine gute Spannungsdramaturgie und atmosphärische Bilder.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7,5 / 10


VICEROY’S HOUSE

England 2017
(dt.: Der Stern von Indien)
Mit Hugh Bonneville, Gillian Anderson, Manish Dayal, Huma Qureshi, Om Puri u.a.
Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Moira Buffini und Gurinder Chadha
Regie: Gurinder Chadha
Musik: A.R. Rahman
Der neue Film der indisch-britischen Regisseurin Gurinder Chadha (Bend It Like Beckham) beweist, dass diese durchaus auch aufwändige und teure Grossprojekte handhaben kann. Ihr neuster Streich, Viceroy’s House, spielt in Indien am Ende der Kolonialzeit, der Film fokussiertdieses Ende und zeigt auf, mit wieviel Leid und Schrecken der britische Rückzug aus der ehemaligen Kolonie verbunden war. Der Viceroy des Titels, Lord Mountbatten (Bonneville), der den Abzug zu organisieren hatte, steht zuletzt als Spielball der politisch Mächtigen vor den Ruinen seines eigentlichen Vorhabens, während das riesige Land in Unruhen und Gewaltakten unterzugehen droht und schliesslich auseinanderbricht.
Der geschichtlich-politische Teil von Viceroy’s House ist recht gut gelungen. Die Autoren schaffen es, den historischen Figuren Leben einzuhauchen und der Umstand, dass diese allesamt von hervorragenden Darstellern und Darstellerinnen verkörpert werden, ist ein weiterer Pluspunkt. Auch die Ausstattung kann sich sehen lassen.
Doch leider flechten die Macher eine Romeo-und Julia-Geschichte ein, die so plakativ und schnulzig daherkommt, dass man sich zeitweise im falschen Film wähnt. Die beiden Erzählebenen gehen partout nicht zusammen, und so irritiert Viceroy’s House immer wieder und desavouiert die Absichten der Filmemacher permanent. Man hatte wohl Angst vor zuviel politischem Stoff und beschloss, dem Leid der geteilten Nation (in Hindus, Sikhs und Muslime) ein Gesicht zu geben. Unnötig – die Bilder sprächen für sich. Die schnulzige Filmmusik verwässert die starken Passagen zusätzlich.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 6 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

BUTTERFLY ON A WHEEL / SHATTERED
England 2007
(dt.: Spiel mit der Angst)
Mit Pierce Brosnan, Gerard Butler, Maria Bello, Claudette Mink, Emma Karawandy u.a.
Drehbuch: William Morrissey
Regie: Mike Barker
Musik: Robert Duncan
Wochenende beim erfolgreichen Werbefachmann Neil Randall (Butler): Er fährt zur Weekend-Party seines Chefs, Gattin Abby (Bello), hat sich zur Girls Night verabredet… und die kleine Tochter? Verbringt das Weekend natürlich mit einer Nanny. Einer neuen…
Auf dem Rücksitz des elterlichen Autos versteckt sich allerdings ein Fremder namen Tom Ryan (Brosnan), der während der Fahrt plötzlich mit einer Knarre zum Vorschein kommt und verkündet, er hätte die kleine Tochter in seiner Gewalt. Fortan hätten Neil und Abby nach seiner Pfeife zu tanzen, sonst würde die „Nanny“ das Kind erschiessen. Als erstes wird Neils Konto geleert…
Butterfly on a Wheel des Briten Mike Barker lässt einen mit zunehmender Dauer die Haare immer steiler zu Berge stehen. „Was will dieser Psychopath eigentlich?“, so fragt man sich mit jedem neuen, jedes Mal noch perfideren Schachzug des Entführers.
Die Antwort kommt spät, zu spät. Erst ganz am Schluss erfährt der Zuschauer, was wirklich hinter dieser ganzen Demütigungs-Parforcetour steckt. Weil aber die Charaktere bis zum Schluss eindimensional bleiben, hat die Auflösung wenig Wirkung. Das Motiv hinter der Entführung wird so spät eingeführt, dass keine Zeit für die dafür nötige thematische Vertiefung bleibt und die Plattheit der Figuren verhindert eine rückbezügliche Reflexion.
Handwerklich absolut solide gemacht, aber leider ist das Drehbuch allzu oberflächlich – der Brisanz der kontroversen Thematik absolut nicht angemessen.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 6/ 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

*****************************************************************************************

Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird (hoffentlich!) zum „Film der Woche“ gekürt…

Cat Ballou (dt.: Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming; USA 1965)

After Hours (dt.: Die Zeit nach Mitternacht; USA 1985)

Patriot’s Day (dt.: Boston; USA 2016)

Advertisements