George Sidney

Die Thronfolgerin- Young Bess, 1953

gabelingeber gräbt diese Woche einen sehenswerten, aber vergessenen Hollywood-Ausflug ins britische Königreich aus. Neben den üblichen „Filmschnipseln“ gibt es einen Gedankensplitter zum Thema „Kinokultur anderswo“. Viel Spass bei der Lektüre!

YOUNG BESS
USA 1953
Mit Jean Simmons, Stewart Granger, Deborah Kerr, Charles Laughton, Kay Walsh, Guy Rolfe u.a.
Drehbuch: Jan Lustig und Arthur Wimperis nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Irwin
Regie: George Sidney
Der Film lief 1954 auch im deutschsprachigen Raum in den Kinos – unter dem Titel Die Thronfolgerin.

1953 blickte die Welt nach England – genauer: ins englische Königshaus. Damals wurde Elisabeth II zur Queen gekrönt – ein Ereignis, das schon Jahre voraus hohe Wellen warf. Hollywood sprang dankbar auf den „Royalty-Zug“ auf und verfilmte das Leben der jungen Queen Elisabeth I, Tocher Heinrichs des Achten und Anna Boleyn. Young Bess deckt die Zeitspanne von ihrer Geburt bis zum Moment ihrer Krönung ab.

Young Bess ist also ganz ein Kind seiner Zeit; heute gehört er zu den vergessenen Filmen MGM-Studios. Und trotzdem vermag er, 64 Jahre nach seiner Entstehung, noch immer zu packen und zu faszinieren.
Obwohl ihm keine besondere filmhistorische Bedeutung zukommt und er keine Botschaft transportiert, vermag er glänzend zu unterhalten. Sein Grundthema – die Liebe eines Mannes für zwei Frauen – gehört zudem seit der Erfindung des Kinos bis heute zu den Dauerbrennern der Traumfabrik.

Young Bess versammelt die damalige „Crème de la crème“ der britischen Schauspielergilde: Jean Simmons, Deborah Kerr und Charles Laughton führen ein Ensemble an, das bis in die hinterste Nebenrolle mit hervorragenden englischen Mimen besetzt ist. Stewart Granger ist der einzige, dem man das Attribut „gross“ absprechen könnte. Der gebürtige Brite hält mit dem Rest der Truppe allerdings überraschend gut mit! Der Mann war gar nicht so schlecht, wie ihm immer nachgesagt wird!
Der einzige Nicht-Brite im Film ist der damals elfjährige Rex Thompson, der den Part des kindlichen König Edward inne hat; der Kleine stellt den Rest der Crew fast in den Schatten: Sein britischer Akzent wirkt nicht nur täuschend echt, er schafft es sogar, seiner Sprachfärbung jene pompöse Umständlichkeit zu verleihen, die man vom einem Mitglied des Königshauses erwartet. Ich vermute, Charles Laughton hat ihm Schauspiel-Tipps gegeben, denn der Kleine agiert bisweilen wie eine Miniausgabe des großen Briten (der im Film dessen Vater spielt).
Jean Simmons ist schlichtweg brillant in der Titelrolle. Sie spielt den Part mit solcher Lebendigkeit, dass die Leinwand, bzw., der Bildschirm schier in Flammen steht. In ihrer großen Szene mit Laughton, wo sie sich dem König-Vater widersetzt, sprengen die beiden Vollblut-Mimen fast die Leinwand.

Dem Drehbuch wird zwar Geschichtsverfälschung vorgeworfen, doch sind Kritiker fast einhellig der Meinung, dass Jan Lustig und Arthur Wimperis derart gute Arbeit abgeliefert haben, dass man dies verzeihen könne. Ihre Dramatisierung des historischen Stoffes geht erzählerisch geschickt vor und reichert die Geschichte mit interessanten Nebenfiguren und geschickt eingeflochtenen Episoden zu einem schlüssigen Ganzen. Und Regie-Allrounder George Sydney („Sow Boat“, „Kiss Me, Kate“) bringt das alles mit sicherer Hand und Sinn für räumliche Wirkung zum Leben. Young Bess ist die beste Regieleistung, die ich von ihm bisher gesehen habe. Unterstützt wird er vom damals bei MGM omnipräsenten Cederic Gibbons, der für die grandiosen Bauten zuständig war und von Walter Plunkett, der die herrlichen Kostüme entworfen hat.

Das Ganze ist, in herrlichstem Technicolor, heute noch so lebendig wie damals, als Royalty Trumpf war.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist Young Bess als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

9 von 10

=> Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot). Verkauft!

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Filmschnipsel:


SHAUN, DAS SCHAF – DER FILM
(OT: Shaun the Sheep Movie)
GB 2015
Drehbuch und Regie: Mark Burton und Richard Starzak
Eigentlich wollte ich in diesen Film nur mal kurz ‘reingucken. Aus Nostalgie, denn früher fand ich die Aardman-Filme («Wallace & Gromit») ganz toll. Ich erwartete nichts, denn Shaun, das Schaf ist doch eine Kinderserie, oder?
Der Film hatte mich im Nu erobert. Ich blieb hängen. Und nicht nur das: Nach und nach kamen weitere Familienmitglieder (mein erwachsener Sohn und meine Frau) herein – und verliessen den Filmraum bis zum Schluss nicht mehr.
Ein glänzender Animationsfilm! Dass Aardman in der Zeit der überbordenden, alles verschlingenden Computeranimation noch immer abendfüllende Plastilin-Filme macht, wusste ich gar nicht. Auf jeden Fall setzen sie hier ein brilliantes Gegengewicht. Shaun das Schaf – Der Film lebt von dem, was Aardmans Filme immer ausgemacht hat: Von unglaublich skurrilen, schrägen Einfällen, typisch britischem Understatement und liebevoller Handarbeit. Und von wegen «Kinderfilm»!
Die Schafe rund um Shaun langweilen sich, der Bauer langweilt sich, sogar die Spinne im Dachgebälk langweilt sich: Täglich der gleiche öde Trott. Die Schafe beschliessen, daraus auszubrechen und sich mal im Haus des Farmers eine Auszeit zu gönnen. Zu diesem Zweck wollen sie den «Herr und Meister» ausser Hauses locken. Diese Aktion aber geht schief und löst eine unglaubliche Verkettung von Unglücksfällen aus, an deren Ende alle in der Grossstadt landen, der Bauer sein Gedächtnis verliert und die Schafe vor einem rabiaten Tierfänger flüchten müssen.
Der verrückte Plot ist mit so vielen brillianten Einfällen und Gags aufgepeppt, dass es ein Fest ist. Unterhaltung vom Besten (obwohl kein Wort gesprochen wird)! Sehr zu empfehlen!
9 / 10


HIDDEN FIGURES

Mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Jim Parsons, Kirsten Dunst u.a.
Drehbuch: Allison Schroeder und Theodore Melfi
Regie: Theodore Melfi
Filme «Nach einer wahren Begebenheit» sind seltsamerweise oft unglaubwürdig. Weil die Tatsachen oft gestaucht und verkürzt werden, damit sie in die normale Kinolänge passen. Das ist auch hier der Fall. Die vier genialen «coloured Ladies», die zwar der NASA die Raumfahrt ermöglichten, deren Namen aber nie an die Oeffentlichkeit gelangten, werden von diesem Film zu Papiertigern gemacht. Hidden Figures wirkt wie eine filmische Pflichtübung, zu der niemand wirklich Lust hatte – ausser vielleicht die drei hervorragenden Hauptdarstellerinnen. Ohne ihr spürbares Engagement würde das Publikum in Langeweile versinken.
Weder ist beim Drehbuch irgendeine Inspiriertheit auszumachen, noch fällt Theodore Melfis Regie (St. Vincent) durch besonderes Inszenierungstalent auf.
Der Film zieht sich betulich bis zäh dahin, was daran liegt, dass die Heldinnen vom Drehbuch nicht mit genügend Fleisch ausgestattet wurden.
6 / 10

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Gedankensplitter

Kino anderswo
Für schweizerische Filmfreaks gilt Deutschland nach wie vor als cinematografisches Entwicklungsland: Dort kommen die Filme nur in der deutschen Synchronfassung in die Kinos. Ein barabarischer Zustand! Wenn die deutschen Kollegen dann gar anfangen, die Synchronfassungen nach ihrer Güte zu bewerten und sie zu verteidigen, wird’s für die Schweizer vollends unverständlich. (Am Rand sei bemerkt, dass die Kinos, welche untertitelte Originalfassungen spielen, in der Schweiz inzwischen immer weniger werden.)
Handkehrum reagieren deutsche Kinofreunde fassungslos, wenn ihnen in der Schweiz mitten in einer dramaturgisch sensibeln Stelle des Films das Pausensignet aufs Cineastenauge gedrückt wird und darauf eine Eisverkäuferin mit Bauchladen den Saal betritt. Die Schweizer müssen grad‘ was sagen von wegen Barbarei!

Andere Länder, andere Sitten. Endlos sind die Streitgespräche über die Ethik der Filmsynchronisation oder der Pausenunterbrechung. Wer damit gross geworden ist, stösst sich lustigerweise weniger an einem „no-go“ als die anderen. Fazit: Man gewöhnt sich an jede Unsitte, man muss nur früh genug damit anfangen!

Natürlich gibt es immer auch noch krassere Beispiele, anhand deren man das eigene Weltbild wieder einigermassen geraderücken kann. In Honkong zum Besispiel werden die Filme jeweils mit drei Sets Untertiteln gezeigt: Mandarin, Kantonesisch und Englisch. Die chinesischen Schriftzeichen verdecken die Hälfte des Filmbildes. (Jedenfalls war das noch zur Zeit der britischen Regierung so; heute sind die englischen Untertitel ja möglicherweise verschwunden…)
Und im Fernsehen wird ein Film dauernd von irgendwelchen barbarischen Marktschreiern unterbrochen.
Seien wir also froh um unsere Kinokultur und geniessen sie – solange man sie uns noch geniessen lässt!

 

Nacht der tausend Sterne (1943)

THOUSANDS CHEER
USA 1943
Mit Kathryn Grayson, Gene Kelly, José Iturbi, John Boles, Mary Astor, Mickey Rooney, Judy Garland, Frank Morgan, Red Skelton, Margaret O’Brien, Lena Horne u.v. a.
Drehbuch: Paul Jarrico und Richard Collins
Regie: George Sidney
Studio: MGM
Dauer: 125 min
Der Film kam spät in den deutschsprachigen Kinos an. Erst 1954 wurde er dort gezeigt, unter dem Titel Nacht der tausend Sterne.

Vorspann:
Die Sängerin Kathryn Jones (Grayson) soll ihren Vater, Colonel Jones (Boles) in Trainingscamp der US-Armee begleiten und dort eine Show zur Hebung der Truppenmoral auf die Beine stellen. Sie verliebt sich in den Soldaten Eddie Marsh (Kelly), der zunächst desertieren will, dank Kathryn aber doch einen Sinn in der militärischen Ausbildung findet und ihr mit der Show hilft. Das letzte Drittel des Films zeigt schliesslich die geplante Show und ist eine Abfolge von Shownummern mit Gastauftritten zahlreicher Hollywood-Stars.

Der Film:
Diesmal gibt der „Klassiker der Woche “ nicht viel Anlass zur Begeisterung. Wie die hier bereits vorgestellten Filme The Human Comedy und The Caterville Ghost wurde er 1943, mitten im Krieg der USA mit Deutschland, gedreht und wie diese diente er zur Hebung der Truppenmoral. Dabei ist Thousands Cheer propagandistisch der direkteste der drei- hier steht das Militär und der einzelne Soldat gänzlich im Zentrum der Handlung.

Thousands Cheer zerfällt in zwei ziemlich desparate Teile: Zwei Drittel des Films gehören der Liebesgeschichte um Kathryn Jones und Private Marsh, der eigentlich Hochseilartist ist. Dieser Teil ist mässig interessant, einerseits wegen der Farblosigkeit sämtlicher Charaktere, andererseits weil diese von völlig uncharismatischen Schauspielern verkörpert werden. Mit Ausnahme von Gene Kelly (der allerdings schauspielerisch sichtlich überfordert ist) und José Iturbi bleibt kein einziger der Akteure und Aktricen der Spielhandlung in Erinnerung. Augenfällig wird dies am Beispiel der Hauptdarstellerin. Judy Garland führt in ihrem Kurzauftritt am Ende des Films in drei Minuten vor, was Charisma und Leinwandpräsenz bedeutet und macht damit augenfällig, wie sehr diese Qualitäten Kathryn Grayson abgehen.

Das letzte Drittel, die grosse Bühnenshow, setzt abrupt ein und wirkt lieblos an den Film drangeklebt. Kein Wunder, griff man dafür zum Teil auf Sequenzen aus zwar fertiggestellten, aber nicht veröffentlichten Filmen zurück, die deutlich sichtbar von anderen Units gefilmt wurden. Der Auftritt von Eleanor Powell etwa wirkt wie eine in einem Take rasch durchfilmte Testaufnahme. Auch Lena Hornes Auftritt wirkt deutlich wie ein Fremdkörper. Auch dass bei fast jeder Musikeinlage wieder ein anderes Orchester zu Gange ist, trägt stark zum Eindruck von Flickschusterei bei, den der Film gegen Schluss stark erweckt.
Weil die Spiel-Handlung mit dem Beginn des Show-Segments jäh wegbricht und nicht wenige der dort gezeigten Nummern zu lang oder zu uninteressant – oder beides – sind , verliert der Zuschauer bald jegliche Geduld. Auf eine zusätzliche Probe wird diese von Mickey Rooneys sowohl angestrengter als auch anstrengender Moderation gestellt. Einzig der vom Pianisten / Dirigenten José Iturbi am Klavier begleitete witzige Song Judy Garlands und Red Skeltons Sketch mit der kleinen Margareth O’Brien glänzen als Perlen aus dem Mittelmass heraus.

Der eigentliche Star zumindest der beiden ersten Filmdrittel ist José Iturbi; die beiden Hauptakteuere Grayson und Kelly hatten erst in wenigen Filmen mitgespielt, sie in fünf, er in vier, und waren noch kaum bekannt. Iturbi dagegen schon. Allerdings nicht vom Kino. Der geborene Spanier war in den 20er-Jahren als pianistisches Wunderkind bekannt. In Amerika feierte er grosse Erfolge und machte ab 1933 auch als Dirigent von sich reden. Obwohl er heute praktisch vergessen ist, zur Zeit der Dreharbeiten war der klassisch ausgebildete Musiker wahrscheinlich bekannter als die beiden Hauptdarsteller; Thousands Cheer war sein erstes Filmengangement, das im Anfangstitel wie ein Grossereignis zelebriert wird. Entsprechend seines Status räumte man ihm viel Platz im Film ein: Man sieht ihn mehrmals ganze Stücke entweder dirigieren oder auf dem Klavier spielen. Die Handlung ruht in diesen Momenten (und nicht nur in diesen!).

Thousands Cheer ruhte bisher auch – in einem Studioarchiv. Das darf er getrost weiterhin tun.

Abspann:
Gene Kelly nachfolgender Film war Tay Garnetts Anti-Nazi-Film The Cross of Lorraine (keine deutsche Veröffentlichung bekannt) von 1943, in welchem er einen Franzosen spielen musste. Wie der Vorgängerfilm zu Thousands Cheer, Georg Sidneys Pilot #5 (ebenfalls 1943) enthielt auch dieser keine Tanzszene. Immerhin gibt es eine solche in Thousands Cheer, doch diese ist eigentlich viel zu kurz. Erst zwei Jahre später kam dann mit Anchors Aweigh (dt.: Urlaub in Hollywood, 1945) Kellys Durchbruch als Tänzer. Regisseur George Sidney, Kathryn Grayson und José Iturbi waren erneut mit von der Partie. Und ein junger Sänger namens Frank Sinatra.
Kathryn Grayson, eine ausgebildete Koloratursopranistin, wurde 1941 für den Film entdeckt. Gemäss ihrer Profession wurde sie in erster Linie in Musicals eingesetzt. Vor Thousands Cheer war sie in Frank Borzages Musical (!) Seven Sweethearts (dt.: Sieben junge Herzen, 1942) als Holländerin zu sehen, danach spielte sie, erneut an der Seite von Gene Kelly im bereits erwähnten Anchors Aweigh. Ihr bis heute bekanntestes Musical ist Show Boat (dt.: Mississippi-Melodie, George Sidney, 1951).
José Iturbi trat nach seinem ersten Leinwandauftritt in Thousands Cheer bis 1951 noch in 9 weiteren Filmen auf, immer als er selbst. Grosse Freude hatte er allerdings nicht an der Filmerei, und so tourte er bis in die 80er-Jahre weiter erfolgreich als Dirigent durch die Welt.
George Sidney drehte vor dem hier rezensierten Musical das bereits erwähnte Kriegsdrama Pilot #5, danach die Musicalkomödie Bathing Beauty (dt.: Badende Venus, 1944) mit Esther Williams und Red Skelton.

Rezeption:
Der Film wurde ein voller Erfolg und brachte dem Studio Einnahmen von über 2 Mio Dollar. Das Presse-Echo schwankte zwischen Begeisterung und lauwarmer Zustimmung. Immerhin wurde der Film für drei Oscars nominiert: Beste Kameraarbeit, beste Filmmusik und beste Art Direction. Er ging in allen Sparten leer aus.

Thousands Cheer ist im deutschsprachigen Raum weder auf DVD noch auf Blu-ray-veröffentlicht worden. Er war auch nicht auf VHS erhältlich.
In den USA erschien er als “DVD on demand” innerhalb der Reihe Warner Archive Collection – mit sehr gutem Bildtransfer (siehe Screenshots).

Der klassische Film diese Woche – Blick in andere Film-Blogs:
Lawrence of Arabia (David Lean, 1962) wird von Film im Dialog diskutiert – zur Sprache kommt auch, weshalb man das imposante Werk auf der grossen Leindwand sehen sollte und weshalb es so schwierig ist, das auch zu tun, wenn er da schon mal gezeigt wird…
Schmutziger Engel (1958), der Erstlingsfilm des Regisseurs Alfred Vohrer, wird im Blog Grün ist die Heide ausführlich vorgestellt.