George Cukor

Die Frauen (1939)

USA 1939
Mit Norma Shearer, Rosalind Russell, Joan Crawford, Mary Boland, Joan Fontaine, Paulette Goddard, Marjorie Main u.a.
Drehbuch: Jane Murfin und Anita Loos nach dem Bühnenstück von Clare Boothe Luce
Regie: George Cukor

The Women heisst der Hollywood-Filmklassiker aus dem Jahr 1939, der bis in die hinterste Nebenrolle (130 an der Zahl) nur mit Frauen besetzt war (offenbar waren sogar die mitspielenden Tiere alles Weibchen).
Heute ist The Women praktisch vergessen, damals war er in aller Munde – nicht nur, weil sich die Klatschpresse darüber beklagte, dass sie über keinerlei Romanzen am Set berichten konnte. Hinter der Kamera stand ein Regisseur, der in Hollywood als „the ladies‘ director“ bekannt: George Cukor (Gaslight, My Fair Lady).

The Women dreht sich praktisch nur um eines – um Männer. Vor allem um Stephen Haines, den untreuen Gatten der Filmheldin Mary Haines (Shearer). Wie die Geier stürzen sich Marys High-Society-„Freundinnen“ auf die Seitensprung-Geschichte, welche im besten Beauty-Salon der Stadt herumerzählt wird. Schadenfreude und Sensationsgier sind schier grenzenlos, als bekannt wird, dass Stephen mit einer „Gewöhnlichen“, mit einer Parfümverkäuferin angebandelt hat. Die noble Damenwelt delektiert sich richtiggehend an Marys Schicksal, das unabwendbar scheint und schliesslich zur Scheidung führt.
Es gibt – soviel sei verraten – ein Happy End; das läuft zwar der Logik und der Absicht des Vorangegangenen etwas zuwider und ist der damaligen Heile-Welt-Studiopolitik geschuldet, doch es ist so übertrieben und schlau inszeniert, dass es trotzdem ins ironische Gesamtbild passt.

Zugrunde liegt dem Film ein damals populäres Bühnenstück. Drehbuchautorin Jane Murfin, die schon zu Zeiten des Stummfilms für die bewegten Bilder schrieb, hatte das Stück ziemlich wortgetreu für den Film adaptiert. Der damals noch relativ neue „Hayes-Code“ verlangte jedoch, dass sämtliche in den USA hergestellten Filme auf „Antössigkeiten“ überprüft und diese im Voraus eliminiert wurden – andernfalls wäre die Zensurbehörde eingeschritten. Unzählige Dialogstellen in Murfins Drehbuch wurden als „zu gewagt“ gekennzeichnet und zurückgewiesen. Also wurde mit Anita Loos eine weitere Drehbuch-Veteranin engagiert, welche die riskanten Stellen glätten musste – während der laufenden Dreharbeiten. Loos fand einige gewitzte Möglichkeiten, die Anzüglichkeiten zu verstecken – so kommt etwa das Wort „Bitch“ in der Originalfassung mehrmals in eleganter, salonfähiger Umschreibung vor.

Wie die meisten Cukor-Filme besticht auch The Women durch betörende Eleganz, die von der Inszenierung über die Kulissen bis zu den Kostümen das Motto des Film zu bilden scheint – wären da nicht die perfiden Dialoge und der bittere Inhalt, die dem äusseren Schein diametral entgegenstehen. Da wird geheuchelt und gelogen, dass sich die Balken biegen, gewütet und getobt, gekrischen, geflennt und sogar geprügelt, dass es eine Lust ist. Das Stück ist ein gefundenes Fressen für Schauspielerinnen, und man merkt den Beteiligten den Spass an, den sie beim Dreh offenbar hatten.
Die Besetzung ist praktisch perfekt, jede Rolle hat ihre ideale Darstellerin. Rosalind Russell, die sich hier als Vollblutkomödiantin entpuppt, stiehlt als sensationslüstern-hyperaktive Bohnenstange zwar allen anderen die Show, doch die sind alle derart gut, dass ihre Darstellungen neben Russells Glanzleistung haften bleiben.

Trotz der ernsten Thematik trägt The Women alle Insignien einer Screwball-Komödie: Es kommen Reiche drin vor, die sich „komisch“ verhalten (hier: übertrieben sensationslüstern), Slapstick-Elemente, das Tempo der Inszenierung ist hoch und es gibt „Schnellfeuer-Dialoge“, die sich teilweise überlappen. Man muss sich streckenweise stark konzentrieren, um dem rasenden Geplapper folgen zu können.
Das bedeutet auch, dass der Film sein Thema nicht wirklich vertieft; er nimmt es wohl ernst, indem er durchexerziert, was eine Scheidung für eine Frau bedeuten kann, er thematisiert sogar – für jene Zeit aussergewöhnlich – die Nöte der Scheidungs-Kinder; doch immer wieder verfällt er in einen unverbindlich-amüsierten Tonfall, der Tiefe wohl andeutet, sie aber letztlich ausschliesst.

Trotzdem ist The Women ist ein durchwegs amüsantes Kinostück, das noch heute Spass macht und glänzend unterhält, eines jener Glamour-Vehikel, die später zum Markenzeichen des MGM-Studios wurden.

Militante Feministinnen werden sich vom Film wahrscheinlich beleidigt fühlen und ihn deshalb verbieten wollen, da die Frauen alles Clichéetypen sind und einige davon in wenig vorteilhaftes Licht gerückt werden. Wäre Letzteres nicht der Fall, so wäre der Film allerdings todlangweilig. Zudem waren zu jener Zeit auch die Film-Männer Clicéetypen, und einige wurden lächerlich dargestellt. Das gehörte (und gehört) zum Genre der Komödie.

Die Regie: 10 / 10 
Das Drehbuch:  9 / 10 
Die Schauspielerinnen: 9 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit: The Women gab es im deutschsprachigen Raum auf DVD (deutsche Synchro und englische Originalfassung mit dt. Untertiteln); leider ist diese vergriffen und ist nur noch antiquarisch erhältlich. Gestreamt werden kann der Film aber noch, bei maxdome und iTunes (Deutsch und Englisch ohne Untertitel).
Streaming in der Schweiz: iTunes (Deutsch und Englisch ohne Untertitel).

Bewegte Bilder
Ein kurzer Ausschnitt aus dem letzten Akt des Films, der in einer Herberge für geschiedene Frauen im Scheidungsparadies Reno spielt.

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Tonfilm-Seitensprung: Auf Hitchcocks Spuren

GASLIGHT
(dt.: Das Haus der Lady Alquist)
USA 1944
Mit Ingrid Bergman, Charles Boyer, Joseph, Cotten, Angela Lansbury, Dame May Whitty, u.a.
Regie: George Cukor
Dauer: 114 min

Das Haus der Lady Alquist – wer kennt ihn nicht, diesen Klassiker des viktorianischen Kinogrusels?!
Ingrid Bergman als hochsensible, verschüchterte Dame aus gutem Haus; Charles Boyer als monströser Ehemann – beides Rollen, welche die beiden Schauspieler nie mehr loswurden, Rollen, welche als Klischee eins wurden mit den Namen der beiden Akteure. Dabei konnte gerade Charles Boyer ganz anders als „nur“ fies hinter halb geschlossenen Augenlidern hervorlinsen. Wobei das „Nur“ natürlich fehl am Platz ist: Sowohl er als auch seine Film-Partnerin spielen ihre Rollen ganz hervorragend – und genau das ist wohl der Grund für die Festlegung auf diese Rollentypen.

Wenn wir von der herausragenden Schauspielerleistungen sprechen, müssen wir auch den Rest der Besetzung ins Lob miteinbeziehen: Jeder einzelne Schauspieler, jede Schauspielerin ist nicht nur perfekt besetzt, sie geben alle ihr bestes. Die damals 18-jährige Angela Lansbury trat hier zum ersten Mal in Erscheinung – sie wurde gleich für den Oscar nominiert. Eine weitere Nomination erhielten Boyer und Bergman – letztere gewann die begehrte Trophäe denn auch.

Ein Schauspielerfilm erster Güte also. Hervorragende schauspielerische Leistungen sind praktisch in allen Filmen George Cukors zu finden – sie waren eines seiner Markenzeichen. Das andere war die Ausstattung. Wie der Mann hier wieder in Dekors und Kostümen schwelgt und wie atmosphärisch er das vernebelte London der viktorianischen Zeit auferstehen lässt! Es ist eine Augenweide. Doch anders als bei seinem Kollege Mitchell Leisen – der punkto Ausstattung ähnliche Vorlieben pflegte – stimmt bei Cukor auch die Inszenierung und das Timing. Es gibt Szenen, welche als Lehrstücke für die filmische Inszenierung eingesetzt werden könnten. Was Cukor etwa in der Konzert-Sequenz mit dem Schnitt und der Kadrage (und ohne Zuhilfenahme von bedrohliche anschwellender Filmmusik) macht, vermittelt höchste Spannung, obwohl eigentlich nichts passiert (siehe zweites „scree-capture“, unten). Die Sequenz macht innere Vorgänge sichtbar, welche das Filmpublikum in höchste Alarmbereitschaft versetzen.
Und die erste Liebesszene des Film weckt bereits zu Anfang des Films durch die Wahl der „richtigen“ Umgebung (siehe erstes „screen-capture“, unten) böse Vorahnungen auf den Fortgang dieser Liebe im Lauf der Geschichte. Man könnte sagen, Cukor wandle mit Gaslight auf Hitchcocks Spuren, gehe dabei aber – Fans des Suspense-Meisters mögen mir verzeihen – bildsprachlich subtiler vor.

Gaslight ist ein Genreklassiker, den zu sehen sich nicht nur lohnt, dessen Kenntnis auch zur Pflicht jedes ernsthaften Filminteressierten gehört.
9/10


Die deutsche DVD des Film ist bereits „out of print“, kann aber noch bei privaten Anbietern via amazon. de bestellt werden.