Eleanor Parker

Das Geheimnis der Frau in weiss – The Woman in White, 1948

Diese Woche gräbt gabelingeber eine vergessene Literaturverfilmung aus, bespricht das Science-Fiction-Drama Passengers, gibt seine Sicht auf Maggie Smith als The Lady in the Van zum besten – und macht sich in einer neuen Kolumne Gedanken über Cineasten und den sogenannt „bedeutenden Film“.

DAS GEHEIMNIS DER FRAU IN WEISS
(OT: The Woman in White)
USA 1948
Mit Eleanor Parker, Alexis Smith, Sydney Greenstreet, Gig Young, Agnes Moorehead, John Emery u.a.
Drehbuch: Stephen Morehouse Avery nach dem Roman von Wilkie Collins
Regie: Peter Godfrey
Studio: Warner
Der Film war im deutschsprachigen Raum unter dem Titel Das Geheimnis der Frau in Weiss im Fernsehen zu sehen.

Wilkie Collins 1860 entstandener Roman «The Woman in White» gilt als eine der ersten richtigen Detektivgeschichten. Seine komplexe Erzählstruktur erschwert eine Verfilmung in normaler Spielfilmlänge allerdings erheblich. Der nicht mehr bekannte Drehbuchautor Stephen Moorehouse Avery nahm deshalb für die hier besprochene Kinoadaption viele Änderungen vor, um die Handlung in knapp zwei Stunden Spielzeit unterbringen zu können – Änderungen, welche die Fans der Romanvorlage nicht goutieren wollten. The Woman in White fiel durch und ist heute fast völlig vergessen.

Der vom Briten Peter Godrey inszenierte Film gilt als zweitklassige Romanadaption. Zu Unrecht! Natürlich leiten die bereits erwähnten Änderungen die Geschichte gegen Ende in gänzlich andere Bahnen, viele Facetten des Romans, ja ganze Handlungsstränge fallen unter den (Schneide-)Tisch. Trotzdem halte ich The Woman in White für ein insgesamt gelungenes Werk. Drehbuchautor Avery macht das beste aus der Not, kürzen zu müssen: Er rettet den Grundton und die bisweilen unerträgliche Spannung von Collins Roman in den Film hinüber, und indem er die Intrige der beiden Bösewichte etwas entwirrt und vereinfacht, vermeidet er einen der Spannung abträglichen übermässigen Erklärungsaufwand. Zudem schafft er es im Verein mit dem Regisseur und dem Schauspielensemble, Collins’ scharf gezeichnete Figuren fast eins zu eins auf die Leinwand zu bringen. Ein weiteres grosses Verdienst des Drehbuchs und der Regie ist zudem ein dramaturgisch schlüssiges, dichtes Erzählgarn, welches die Zuseher keinen Moment loslässt. Und das trotz der Tatsache, dass die Dramaturgie praktisch auf den Kopf gestellt wurde und vorneweg verraten wird, was das Buch der Spannung wegen bis zuletzt verschweigt!
Unter dem Strich ist eher ein Film „nach Wilkie Collins“ herausgekommen, als eine buchstabentreue Adaption; ein Film, den man durchaus als Lehrstück einer Literaturverfilmung bezeichnen kann.

Als Schwachpunkt empfinde ich eigentlich nur gerade die Besetzung Gig Youngs in der Rolle des Malers Hartright, des eigentlichen «Detektivs» des Romans. Er ist zu blass und fällt in einer prominenten Rolle gegenüber dem Rest des Ensembles ab. Grandios sind dagegen – einmal mehr – Eleanor Powell («Caged!») in der Doppelrolle der «Frau in Weiss» und Sydney Greenstreet als Intrigant von geradezu monströser Abscheulichkeit. Aber auch der Rest der Truppe kann sich sehen lassen.

Dies gesagt, stellt sich sofort die Frage, weshalb Regisseur Peter Godfrey und Autor Avery heute nicht mehr bekannt sind. Unter Godfreys rund zwanzig Filmen finde ich keinen einzigen bekannten Titel. Stephen Moorehouse Averys Filmografie zählt 17 Filme – bekannt ist auch davon heute keiner mehr. Vielleicht waren ihre Filme alle mässig erfolgreich (was ja noch längst nicht gleichbedeutend ist mit «schlecht», wie ich hier Woche für Woche zu zeigen versuche). Avery jedenfalls verstarb kurz nach der Premiere des Filmes im Alter von 55 Jahren – vielleicht wäre seine Zeit noch gekommen.

8 / 10

The Woman in White ist in der Reihe Warner Archive Collection erschienen.

 => Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot).

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Filmschnipsel:

PASSENGERS
USA 2016
Mit Chris Pratt, Jennifer Lawrence, Michael Sheen, Laurence Fishburne u.a.
Drehbuch: Jon Spaihts
Regie: Morten Tyldum
Kein Gravity, kein 2001 – die einen Kritiker monieren in ihren Rezensionen, was Passengers alles nicht ist. Die anderen mokieren sich darüber, wo Passengers überall abgekupfert habe: Bei 2001, bei Gravity
Manchmal entsteht der Eindruck, die Kritiker hätten sich gegen gewisse Filme zusammengeschlossen. Dann nämlich, wenn ihnen jeder Vorwand zupasskommt, dagegen zu schießen. Die oben aufgeführten Argumente könnten auch für „Passengers“ ins Feld geführt werden, das erste im Sinne von: „Passengers ist etwas ganz Eigenständiges“, im zweiten Fall im Sinne von: “Passengers verbeugt sich vor den großen Vorbildern“.
Lange wollte ich mir Passengers gar nicht ansehen, die durchs Band negativen Kritiken nahmen mir die Lust. Nun habe ich’s doch getan und komme zu ganz anderen Schlüssen als die Rezensenten.
Der neue Film des Schweden Morten Tyldum (The Imitation Game) ist fürs „Ottonormalpublikum“ wahrscheinlich zu schwierig einzuordnen: Man erwartet dank der werbung Action satt und kriegt – was man gar nicht wollte – ethisches Dilemma plus menschliches Drama. Sowas ist nie gut. Dass allerdings auch viele Kritiker bei getäuschter Erwartung mit Negativreflexen reagieren, erstaunt doch einigermaßen.
Passengers ist zunächst einmal großartiges Erzählkino. Da wird ein menschliches Drama in pointierten Episoden und fein ausgedachten Details ausgebreitet, in aller Ruhe, und die Spannungskadenz wird permanent und schlüssig gesteigert – bis zum großen Knall gegen Ende (der ja angeblich überhaupt nicht in den Film passt und eine Konzession ans Actionpublikum darstellt). „Schlechtes Drehbuch“ habe ich in mehreren Rezensionen gelesen, „oberflächliches Abhandeln von moralischen Fragen“ in anderen. Beides ist falsch. Das Drehbuch ist ausgereift, in sich absolut stimmig und gehört zu den besten, die ein großes US-Studio in letzter Zeit auf die Leinwand gebracht hat. Es meistert jede heikle Klippe, so dass man sich mit dem guten Gefühl zurücklehnen kann: Der Erzähler versteht sein Metier, wird schon nichts schiefgehen. Und genauso ist es.
Und was das „oberflächliche Abhandeln der moralischen Fragen“ angeht: Der Film verzichtet darauf, sie mit dem pädagogisch-moralischen Zeigefinger aufzufahren. Das macht den Umgang mit ihnen aber keineswegs oberflächlich. Sie werden in einer Form dargeboten, die einen unweigerlich tief ins Grübeln bringt darüber, wie man selbst in der Situation gehandelt hätte und hätte handeln sollen.
Am besten betrachtet man Passengers ohne ein Resumee gelesen zu haben. Deshalb sei hier nur das Nötigste verraten: Auf dem interstellaren Flug eines riesigen Raumschiffs geht etwas schief. Von den im Kälteschlaf dahindämmernden Passagieren wacht mitten im 120 Jahre dauernden Flug einer auf – Fehlfunktion der Kälteschlaf-Kapsel. Nach nur 30 Jahren. Noch 90 Jahre Flug stehen bevor.
Zurück in die Schlafkapsel ist unmöglich. Der Passagier ist dazu verdammt, in der künstlichen Welt des riesigen Raumgleiters allein seine Tage zu fristen – bis zu seinem Ende. Er versucht alles, seiner Situation zu entkommen – vergebens. Sein einziger Ansprechpartner ist ein Roboter-Barmann (ein geradezu genialer Einfall!). Es kommt immer wieder zu seltsamen technischen Zwischenfällen, und dem Zuschauer dämmert, dass das Schiff schwer beschädigt sein muss. In der Zwischenzeit fasst unser Passagier einen folgenschweren, ethisch schwer bedenklichen Entschluss…
Ich sage nur noch soviel: Gebt dem Film eine Chance. Es nicht der typische Sci-Fi-Film, darauf sollte man gefasst sein. Aber wer sich darauf einlässt, erlebt ein glänzend und mit viel Witz und Fantasie erzähltes, toll gespieltes, hervorragend inszeniertes, zutiefst menschliches Drama, eingebettet in ein grandioses Production Design.
10 / 10

THE LADY IN THE VAN
GB 2015
Mit Maggie Smith, Alex Jennings, Jim Broadbent u.a.
Drehbuch: Alan Bennet
Regie: Nicholas Hytner
Maggie, Maggie, Maggie!
Maggie Smith-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten! Dame Maggie spielt eine heruntergekommene Pennerin, die sich mit ihrem kaputten Autobus in einem feinen Quartier Londons auf der Strasse einnistet – in der Nachbarschaft des Autors Alan Bennett. Auf den Erlebnissen des echten Bennett – ein in England bekannter Theaterautor – beruht der Film, er selbst schrieb das Drehbuch und wird von Schauspieler Alex Jennings gleich doppelt verkörpert: Als sein Schriftsteller-Ich und sein Alltags-Ich streitet Bennett öfters mit sich selbst. Die „Lady im Autobus“ kürt Bennett zu ihrem persönlichen Vertrauten und lässt ihn zwischen Verantwortungsgefühl und Indifferenz hin und her schwanken.
Mir wurde die ganzen 100 Minuten über nicht klar, was dieser Film eigentlich will. Er bleibt seltsam distanziert, über die Hauptfiguren erfährt man zu wenig, um sich involvieren zu lassen. Im Endeffekt dreht sich der Film mehr um den Nabel seines Autors als um die titelgebende Lady: Bennetts Lavieren zwischen Hilfsbereitschaft und dem Drang, sich Probleme vom Hals zu halten, steht im Zentrum – und lässt einen doch recht kalt.
Lustigerweise scheint dem Autor dies selbst bewusst zu sein: Einmal lässt er zwei seiner Protagonisten , zwei Nachbarn, sich über eines seiner Theaterstücke unterhalten: „Ich bin nicht schlau geworden daraus“, sagt der eine, worauf seine Gattin meint: „Das Stück dreht sich eigentlich nur um ihn. Wie immer.“
Dank Dame Maggie ist The Lady in the Van trotzdem sehenswert. Sie trägt den Film mit ihrem grandiosen Portrait eines heruntergekommenen Schlachtrosses, einer am Leben und am Glauben irr gewordenen ehemaligen Nonne, die ihre Umwelt terrorisiert und die feine Nachbarschaft aufmischt.
7 / 10

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Gedankensplitter

Bedeutende Filme
Muss man einen Film wegen seines Status gut finden?
Es gibt zahlreiche „bedeutende“ Filme, mit denen ich nichts anfangen kann. Es gibt welche, die ich ziemlich „daneben“ finde. Und es gibt solche, die mir hervorragend gefallen. Ich könnte jetzt eine Liste mit Beispielen folgen lassen, doch das würde den Rahmen hier sprengen.
Es ist sowieso irrelevant: Begibt man sich auf die Spur der „bedeutenden“ Filme, stösst man eh‘ immer wieder auf dieselben Titel. Es sind zumeist alte Filme, die etwas zu ersten Mal gemacht haben, gezeigt haben, die einen cinématografischen Trend ausgelöst haben, die stilbildend waren. Die Cineasten führen Buch darüber.
Der Filminteressierte, der etwas auf sich hält, will als Cineast gelten; und weil Buchhaltung nicht allen Filmbegeisterten zusagt, beten viele von ihnen, die sich als Cineasten verstehen möchten, die heiligen Listen der Buch führenden Cineasten nach.
Der Filminteressierte (oder Möchtegern-Cineast) tut gut daran, den jeweiligen filmhistorischen Kontext eines Film in Erfahrung zu bringen und um seine Bedeutung zu wissen. Es kann zudem interessant sein, dessen Nachfolger zu sichten, Filme, welche in dessen Fahrwasser entstanden sind, die davon inspiriert wurden. Es ist dies eine historische Sichtweise, und auf diese ist der Cineast fixiert. Der Kontext kann dabei je nach Sichtweise filmhistorischer, kunsthistorischer oder gesellschaftshistorischer Art sein. Aber was ist mit dem Filmfan, der nicht primär historisch interessiert ist? Ist der überhaupt noch ein Cineast?
Manchmal – je länger, je mehr – interessiere ich mich für die handwerkliche Seite der Filme (Regieführung), die erzähltechnische (Drehbuch), die schauspielerische und für die Aussagekraft und Relevanz eines Werks. Weniger – immer weniger – für dessen filmgeschichtliche Seite. Die Filmgeschichte kann nämlich ganz schön anstrengend sein. Anstrengend deshalb, weil man sich – aus Interesse an ihr – Filme ansieht, die man sich sonst nicht ansehen würde. Weil „der Cineast“ sie sehen muss um überhaupt als Cineast zu gelten. Und das will man ja schliesslich.
Mir ist der Zirkus mittlerweile zu mühsam, die Zeit ist mir zu kostbar geworden, um mir Werke anzusehen, die mich in keiner Weise irgendwo berühren. Die erzähltechnische Flops sind, schauspielerisch anspruchslos oder so aufgeblasen kunstgewerblerisch daherkommen, dass man schreien möchte. Sie mir anzusehen, weil sie in der Filmhistorie als „bedeutend“ aufgeführt sind. Also pfeife ich ab sofort auf den Status des Cineasten. Ich kündige!
Ich kann und will einen Film nicht mehr automatisch toll oder auch nur interessant finden, nur weil er filmhistorisch als bedeutend gilt. Dazu muss man sich oft ganz schön verbiegen.
Es gibt Filme, die sind bedeutend ausserhalb von Filmgeschichte. Weil sie besonders gut, besonders herausfordernd, besonders berührend sind. Auch wenn sie in keiner der bekannten Liste vorkommen. Mir egal! Was scheren mich die Listen? Sie haben nichts mit mir zu tun, mit meiner Weltsicht, mit meinem Menschenbild. Es gibt Filme, die da exakt hineinpassen oder es erweitern; sie sind nicht als „bedeutend“ gelistet. Vielleicht gelten sie sogar als „unbedeutend“.
Wenn ich heute einen Film bewerte, dann tue ich dies konsequent aus meiner Sicht und aus meinem Menschenbild heraus. Nicht aus der Beliebigkeit meines Geschmacks heraus, hoffentlich, sondern vom Standpunkt des moralisch und ethisch denkenden und empfindenden Menschen aus. Das ist ein anderer Ansatz als der historische. Ich bilde mir ein, er sei zur Filmbewertung ebenso plausibel und brauchbar wie jener des Cineasten. Die Bewertung erfolgt nach allgemein gültigen gesellschaftsrelevanten Kriterien.
Mit dieser „Befreiung“ fällt mir ein Gewicht von der Seele: Ich habe plötzlich Narrenfreiheit, muss Tarkowski nicht gut finden, darf Godards Werke als aufgeblasenen intelektuellen Quark bezeichnen und Theo Angelopoulos als blasierten Phrasendrescher.

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Verlorene Frauen – 1950

Ein vergessener Film
CAGED
USA 1950
Mit Eleanor Parker, Agnes Moorehead, Hope Emerson, Lee Patrick, Betty Garde, Ellen Corby,  u.a.
Drehbuch: Virginia Kellogg nach ihrer eigenen, zusammen mit Bernard C. Schoenfeld verfassten Story „Women without Men“
Regie: John Cromwell
Studio: Warner Bros.
Dauer: 96 min
Der Film kam 1951 auch in die deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Verlorene Frauen (der Alternativtitel Frauengefängnis stammt möglicherweise von der TV-Auststrahlung – oder umgekehrt; die Sachlage scheint nicht wirklich eruierbar).

Vorspann:
Marie Allen (Parker), eine 19-jährige, unbescholtene Frau, wird wegen Mithilfe an einem Verbrechen ins Frauengefängnis eingeliefert. Ihr Mann hatte bei einem bewaffneten Überfall 40 Dollar gestohlen, während sie im Auto sass und auf ihn wartete. Die düstere, hoffnungs- und schonungslose Gefängniswelt mit ihren tierisch dahinvegetierenden Insassen schockiert sie zutiefst. Obwohl die Gefängnisleiterin (Moorehead) eine freundliche, warmherzige Frau ist, kann sie sich nicht gegen die monströse Wärterin Harper (Emerson) durchsetzen, welche die Gefangenen ausbeutet und quält. Für Marie wird das Gefängnis zur Hölle, die ihre Menschlichkeit zu zerstören droht.

Der Film:
Das Warner-Studio war in den Dreissigerjahren für seine schonungslos realistischen Filme bekannt, die Funktionsweisen eklatanter sozialer Fehlentwicklungen wie etwa das organisierte Verbrechen aufzeigten. Mervyn LeRoys I am A Fugitive from A Chain Gang (dt.: Jagd auf James A.) nahm sich bereits 1932 den Misständen in amerikanischen Gefängnissen an und bewirkte Reformen in einigen Staaten. Caged sollte fast 20 Jahre danach dasselbe für die Frauengefängnisse tun. Produzent Jerry Wald setzte die ehemalige Reporterin Virginia Kellogg auf die Sache an. Kelloggs hervorragend recherierte Stories ergaben in der Vergangenheit schon mehrmals Stoff für starke Filme, zuletzt für den James Cagney-Klassiker White Heath (dt.: Maschinenpistolen / Sprung in den Tod, Raoul Walsh, USA 1949).
Angeleitet von Wald begann Kellogg mit ihren Recherchen, besuchte Frauengefängnisse, redete mit Insassen, studierte den Gefängnis-Slang und liess sich sogar für kurze Zeit selbst einsperren. Daraus wuchs eine Story, welche Grundlage für das Drehbuch wurde und schliesslich wurde zeitgleich mit dem Filmstart ein Zeitschriftartikel der Autorin veröffentlicht, in welchem sie zusätzlich auf die inhumanen Zustände in den Frauengefängnissen hinwies. Kelloggs Drehbuch wurde 1951 für den Oscar (Kategorie „Story and Screenplay“) nominiert, verlor aber gegen Billy Wilders Sunset Boulevard.

Schaut man sich Caged heute an, drängt sich sogleich der Vergleich mit der Netflix-Serie Orange is the New Black auf, welche fast dieselbe Ausgangslage hat. Obwohl in Caged die damals in den Gefängnissen durchaus aktuellen Themen Homosexualität und Drogen wegen der Zensurbestimmungen ausgeblendet werden mussten, verblüfft der Film mit der seiner Schonungslosikgkeit. Er nimmt sich der Gefängnis-Thematik in der für dieses Studio typisch zupackenden, manchmal schockierenden, aber nie voyeuristischen Manier an – obwohl ihm damals gerade letzteres vorgeworfen wurde. Dass Caged auch nach 66 Jahren noch praktisch nichts von seiner Wirkung eingebüsst hat und neben Orange is the New Black bestehen kann, spricht für seinen Wahrheitsgehalt. Viele der Zu- und Missstände, die in Cromwells Film auftauchen, erscheinen in leicht veränderter Form auch in der erfolgreichen Netflix-Serie.

Die Zensurbehörden gerieten 1950 richtiggehend in Aufruhr wegen dem Film. Jerry Wald und sein Stab benötigten unendliche Geduld und viel Verhandlungsgeschick, um den Streifen trotz des damals gerade aufkeimenden McCarthyismus durchzukriegen. Wenn man weiss, dass sogar der Anblick einer Toilette auf Betreiben des Zensurverantwortlichen aus dem Film wieder herausgeschnitten werden musste, dann grenzt es an ein Wunder, was alles drin geblieben ist! Caged ist eine schonungslose, bittere und offene Anklage gegen das amerikanische Gefängniswesen, gegen die darin involvierten korrupten Politiker und die damit verbundene menschenverachtende Bürokratie. Die sadistische, von Hope Emerson mit furchterregende vulgärer Grandezza gespielte Wärterin ist keine Übertreibung, im Gegenteil! Gemäss Aussagen der Drehbuchautorin waren solche Figuren in den Gefängnissen keine Ausnahmeerscheinungen. Für den Film musste sie deren Attitüde und Machenschaften sogar deutlich abmildern. Auch der kräftezehrende Kampf der Gefängnisleiterin (Agnes Moorehead) gegen doppelzüngige Gouverneure um Reformen und Gelder wird nicht beschönigt. Ob all das damals etwas bewirkt hatte, ist fraglich. Schaut man sich Orange is the new Black an, der genau dieselben Missstände erneut aufs Tapet bringt, tendiert man dazu die Frage zu verneinen. Tatsache ist, dass kritische Filme wie Caged kurz darauf von der Leinwand verschwanden: Die Zeit von Senator McCarthy war angebrochen. Obwohl Cromwells Film ein grosser Publikumserfolg war, scheint er wenig ausgelöst zu haben. Oder das Rad wurde später wieder zurückgedreht.

Caged ist einer jener Filme, in denen alles stimmt – vom Drehbuch über die Regie bis zu den Leistungen der Nebendarsteller. Man spürt hier deutlich das Engagement des Produzenten, dem der Film ein grosses Anliegen war, der mit seinem Engagement stets präsent war und dafür sorgte, dass alles zusammenpasste. Regisseur John Cromwell – im Jahr darauf von McCarthy mit einem Berufsverbot belegt – liefete hier seine wohl beste Arbeit ab. Alle Gefangenen liefern als „hard boiled broads“ schauspielerische Bestleistungen ab; Agnes Moorehead ist gegen ihren Typus besetzt und glänzt als menschenfreundliche Direktorin; Hope Emerson als sadistische Wärterin ist wohl die Idealbesetzung für diese Rolle; Eleanor Parker jedoch stellt alle in den Schatten. Ihre Leistung raubt einem schlichtweg den Atem. Wie sie die Wandlung vom seelenvollen, verschüchterten Mädchen zum abgestumpften, desillusionierten Geschöpf meistert, ist schon fast unglaublich. Auch wenn diese im Film etwas plötzlich vollzogen wird, man glaubt fast nicht, dieselbe Person vor sich zu haben, derart schauspielerisch perfekt ist ihre Wandlung. Genau diese Wandlung beinhaltet den Stossrichtung der Kritik in Caged: Frauen werden vom unmenschlichen Gefängnissalltag abgestumpft und durch ein korruptes Bewährungssystem kriminell – auch wenn sie es vor ihrer Einlieferung gar nicht waren. Dieses Fazit geht unter die Haut und bildet den desillusionierenden Schlusspunkt des Films.
Zwei der Darstellerinnen wurden für den Oscar nominiert: Hope Emerson und Eleanor Parker; beide gingen leer aus. Emerson verlor ihn an Josephine Hull in Harvey (dt.: Mein Freund Harvey) und Parker an Judy Holliday in Born Yesterday (dt.: Die ist nicht von gestern). Parkers Leistung wurde dafür in Venedig honoriert, wo sie als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde.

John Cromwell macht bei seiner Inszenierung deutliche Anleihen beim deutschen Expressionismus – verquere Kamerawinkel, lange Schatten und harte Schwarzweiss-Kontraste sind Stilmittel, um eine Atmosphäre der Angst und der permanenten Bedrohung zu evozieren. Cromwell gehört zu den US-Regisseuren, die zumindest mir nicht unbedingt geläufig waren. Dabei hat er doch eine ganze Reihe hochgelobter Filme zu verantworten, u.a. Of Human Bondage (1934) mit Bette Davis und Leslie Howard, oder Anna and the King of Siam (1946) mit Irene Dunn und Rex Harrison, die aber alle bei uns keine grosse Bekanntheit erlangten. Dass er in in den Siebzigerjahren in zwei Filmen Robert Altmans  (3 Women und  A Wedding) als Schauspieler mitwirkte, wissen wohl auch nur wenige.
Caged gilt als Cromwells bester Film – und das ist leicht möglich: Das Werk gehört zu den Filmen, die man einmal sieht und nie wieder vergisst.

Nachspann:
-Immer wieder geschieht es, dass in einem dieser alten Filme ein scheinbar bekanntes Gesicht auftaucht, dass man einfach nicht einordnen kann. Mir ging es hier mit der Figur der leicht verrückten Gefangenen Emma Barber so. Sie wurde von Ellen Corby gespielt – welche, 20 Jahre später, als Oma Esther in der Serie Die Waltons ihre Sternstunden hatte.
-Apropos „Gesicht“: Auf der Suche nach dem Regisseur des Film leitete mich Google zu u.a. auch zu Fotos des Gesuchten. Da tauchten Bilder von ihm neben Stars von heute auf. Cromwell müsste aber 1979 gestorben sein. Es stellte sich schnell heraus, dass es sich bei den Bildern um den Schauspieler James Cromwell (u.a. The Artist, American Horror Story, Boardwalk Empire) handelte – den Sohn des Regisseurs. Die Ählichkeit ist geradezu unheimlich!
Caged ist bei uns weder auf DVD, Blu-ray noch auch VHS je erschienen – ein Manko, das dringend zu beseitigen wäre! Er ist in der amerikanischen DVD on demand-Serie Warner Archive Collection herausgekommen (RC0) und kann hier zu günstigen Versandkosten bestellt werden.

 

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Filmklassiker auf dem Prüfstand:
The French Lieutenants Woman
(dt.: Die Geliebte des französischen Leutnants; Karel Reisz; GB 1981) Mit Meryl Streep, Jeremy Irons, Leo McKern u.a.
Die Verfilmung des gleichnamigen, 1969 entstandenen Romans von John Fowles entpuppt sich bei der Zweitsichtung 35 Jahre nach der Kinopremeiere als „mixed bag“, der ebenso gemischte Gefühle hinterlässt. Dem Problem, dass der Roman zwei Enden hat – eines „happy“, das andere nicht – begegnete Harold Pinter, der für das Drehbuch zeichnet, mit dem „Kunstgriff“, eine zweite Ebene einzuführen: Neben der im viktorianischen England spielenden Hauptgeschichte gibt es noch eine Handlung im Heute, welche die Filmcrew und die Schauspieler bei der Arbeit zeigt. Die Darsteller der beiden Hauptfiguren beginnen während dem Dreh eine Affäre, ähnlich jener der Figuren, die sie im Film verkörpern. Natürlich war so eine Liaison früher ungleich schwieriger, wo die Auflösung einer Verlobung einem Skandal gleichkam.
Reisz‘ Film lebt von wünderschön komponierten Tableaus und dem Einbezug der Natur im viktorianischen Teil. Zudem erklärt die hervorragende Leistung der jungen Meryl Streep, weshalb sie nach diesem Film zur begehrtesten Aktrice Hollywoods aufstieg.
Auf der anderen Seite enttäuscht einerseits das Drehbuch, das über eine gähnende inhaltliche Leere nicht hinwegtäuschen kann – Pinter hin oder her – und die Leistung Jeremy Irons. Ich hatte gedacht, der Mann müsse der Streep schauspielerisch mindestens ebenbürtig sein. Dem ist aber nicht so. Er fällt neben ihr stark ab. Sein Spiel wirkt gestelzt und aufgesetzt, vor allem in den leider sehr zahlreichen Nahaufnahmen offenbart sich immer wieder Überforderung mit dem zugegeben schwierigen Part.
Fazit: Schöne Bilder und eine hervorragende Hauptdarstellerin machen noch keinen bleibenden Film. The French Lieutanant’s Woman zählt für mich definitiv nicht zu den bleibenden Klassikern.

Poster created by 1darthvader

Vorschau:
Star Trek – The Motion Picture (dt: Robert Wise, USA 1979) entstand mitten im SciFi-Hype, den George Lucas‘ erster Star Wars– Film in den Siebzigerjahren ausgelöst hatte. Das Raumschiff Enterprise startete damals, zehn Jahre nach der TV-Serie mit deutlich höherem Budget im Kino zu neuen Ufern. Die Fans waren entsetzt. Noch heute ist der Film umstritten – die einen verdammen ihn, die anderen erachten ihn als gelungen. Ich habe mir das Werk 37 Jahre nachdem ich als Jugendlicher damals im Kino schwer davon beeindruckt war, wieder angesehen. Mein Fazit demnächst auf diesem Blog.