Curt Goetz

Provokation 1918 von Lubitsch & Kräly

ICH MÖCHTE KEIN MANN SEIN
Deutschland 1918
Mit Ossi Oswalda, Curt Goetz, Ferry Sikla, Margarete Kupfer u.a.
Regie: Ernst Lubitsch
Dauer: 45 min

Im Zusammenhang mit dem aktuellen „Stummfilm der Woche“ schiebe ich noch eine Kurzbesprechung eines „echten Lubitschs“ nach. Wie schon im „Film der Woche“ zeichnet Hanns Kräly für das Drehbuch verantwortlich. Und hier wie dort steht ein Verkleidungsspiel im Mittelpunkt des Geschehens.

Im Gegensatz zu My Sister from Paris haben wir es hier mit einem Frühwerk zu tun – sowohl Krälys als auch Lubitschs. Die eigene Filmsprache ist noch nicht fertig entwickelt, es zeichnen sich aber schon deutlich einige Charakteristika der beiden Filmschaffenden ab. So ist Ich möchte kein Mann sein schon von erstaunlich direkter Frivolität und Unbekümmertheit, was die Rolle der Geschlechter und deren Umgang miteinander betrifft. Zudem fällt bereits hier die Leichtigkeit auf, mit welcher die Schauspieler geführt werden.

Die Handlung kreist um die junge Ossi (Ossi Oswalda), welche unter dem strengen Regime ihres Onkels und ihrer Gouvernante leidet: Rauchen darf sie nicht, saufen nicht, und mit Männern herumziehen auch nicht. Als dann ihr Onkel nach Amerika abzieht und ihr den autoritären Vormund Dr. Kersten (Curt Goetz – ja, genau der!) vor die Nase setzt, läuft das Fass über: Furchtbar, was man als Frau alles zu erdulden hat! Als Mann wäre das Leben einfacher.
Flugs lässt sich Ossi einen Anzug schneidern, um sich fortan als Mann auszugeben. Und dann gleich ‚rin ins Vergnügen und ab zum Mäusepalast.

Doch schon in der U-Bahn beginnen die Probleme, die sich dann im Tanzlokal fortsetzen. Der Umgang unter Männern ist rüde, sie wird ‚rumgeschubst; dann laufen ihr plötzlich die Weiber alle nach, dass ihr heiss und kalt wird. Und dann taucht auch noch ihr Vormund auf.
Nach anfänglichem Misstrauen freundet dieser sich allerdings mit „Herrn“ Ossi an, nach einem Saufgelage wird sogar auf Brüderschaft getrunken…

Ich möchte kein Mann sein krankt bisweilen am allzu, hm, zupackenden Spiel der Hauptdarstellerin, das aus heutiger Sicht leicht nervig wirkt. Wenn sie burschikos spielen muss, dann spielt sie BURSCHIKOS mit drei Ausrufezeichen. Zudem hängt der Film im Tanzpalast etwas durch.
Doch das sind die einzigen Meckerpunkte, über die hilft einem der gelungene Rest des Films bestens hinweg. Curt Goetz etwa als Vormund mit Doppelmoral macht schon den halben Film aus. Und der Rest ist einfach gut ausgedacht und geschrieben (die Inszenierung ist noch nicht besonders herausragend). Es gibt einige wirklich schöne komische Einfälle, die in flottem Tempo ausgeführt sind.
Das Saufgelage von Ossi und Dr. Kersten, das damit endet, dass sich die beiden „Männer“ knutschend in den Armen liegen, wirkt noch heute provokant, denn Dr. Kersten ahnt ja nicht, dass der Mann, mit dem er da rumzecht, eine Frau ist. Trotzdem küsst er ihn/sie leidenschaftlich.

Tja, da macht man sich dann seine Gedanken darüber, wie das 1918 wohl angekommen sein mag. Die „goldenen Zwanzigerjahre“, wo die Sitten etwas lockerer wurden, waren noch nicht in greifbarer Nähe (offiziell begannen sie erst 1924). Leider ist darüber nichts in Erfahrung zu bringen; zeitgenössische Kritiken hoben immer wieder den komödiantischen Aspekt des Films hervor, der offenbar auf grosses positives Echo gestossen sein muss. Möglicherweise wurde die provokante Kusssequenz ebenfalls unter diesem Aspekt betrachtet; somit hätte diese ihre Wirkung verfehlt. Jedenfalls damals; heute wirkt die Provokation taufrisch.
Fazit: Ein erfrischend frecher Film, der noch heute mit seinem prickelnden Witz besticht und der zudem einige kurze Einblicke gewährt ins Berlin von damals.

7/10

Die hier besprochenene DVD stammt aus der Masters of Cinema-Serie des britischen Labels Eureka. Der Film wurde von Transit Film und der Murnau-Stiftung sehr schön restauriert, die originalen (sehr witzigen) deutschen Zwischentitel wurden belassen.

Die Begleitmusik kommt vom Klavier. Leider wird nicht genannt, wer da spielt und wer komponiert hat. Die Begleitung ist sehr repetitiv, ich hatte sie nach kurzer Zeit über.

 

Verfügbarkeit:
England
: Der Film stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Masters of Cinema. Er ist Teil des 6-DVD-Sets Lubitsch in Berlin; dieses kann bei amazon.co.uk – im Moment (12.Oktober 2010) massiv verbilligt – bezogen werden. Regionalcode 2. Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.
Deutschsprachiger Raum: Hier ist der Film in identischer Qualität ebenfalls erschienen, im Box-Set Ernst Lubitsch Collection (die praktisch identisch ist mit dem Box-Set aus England). Es ist bei amazon. de zu beziehen.

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FRIEDRICH SCHILLER – EINE DICHTERJUGEND (1923)

Deutschland 1923
Mit Theodor Loos, Hermann Vallentin, Isabel Heermann u.a.
Regie: Curt Goetz
Dauer: 102 min.

Zugegeben: Der Titel klingt trocken und spröde. Friedrich Schiller – eine Dichterjugend. Aber: Lasst Euch nicht abschrecken, liebe Stummfilmfreundinnen und – freunde. Dahinter verbirgt sich eine echte Entdeckung!

Doch zuerst werden sich einige fragen, ob der Regisseur mit jenem berühmten Curt Goetz identisch sei, der so wunderbare Bühnenwerke wie Frauenarzt Dr. Praetorius oder Das Haus in Monevideo verfasst und sie in den Fünfzigerjahren auch selbst verfilmt hatte.
Ja, er ist’s, und der “Schiller” war sein erster Film als Regisseur. Seinen zweiten drehte er übrigens erst 1938 (Napoleon ist an allem schuld).

Mit dem Stummfilm hatte Goetz aber schon vor dem Schiller zu tun, zunächst als Darsteller und dann auch als Drehbuchautor (etwa Das Skelett des Herrn Markutius oder Die Dame in Schwarz, beide 1920). Leider konnte ich über die Umstände, die Goetz zu seiner ersten Regiearbeit führten, nichts finden, auch der Grund der eher ungewöhnlichen Themenwahl bleibt im Dunkeln.

Da wechselt also plötzlich ein Schauspieler und Drehbuchautor namens Curt Goetz (damals noch Kurt Götz) hinter die Kamera und dreht einen abendfüllenden Film, der noch heute durch seine Frische überzeugt und vor allem durch die geschickte Handhabung der filmischen Mittel und der filmischen Sprache erstaunt. Wenn man den Schiller heute anschaut, glaubt man das Werk eines gestandenen Regisseurs vor sich zu haben. Da gibt es geschickte Parallelmontagen, die absolut ausgewogen erscheinen, Bildschnitte im genau richtigen Moment, und die Schauspieler agieren weitgehend ohne das damals übliche dick aufgetragene Pathos.

Weiter fällt die Oekonomie der Zwischentitel auf; vieles wird mit dem Bild und der Geste gesagt. Wenn ein Zwischentitel erscheint, fällt er in der Regel durch sprachliche Klarheit und Raffinesse auf. Viele davon sind zudem im Stuttgarter Dialekt gehalten, was dem Film eine zusätzliche authentische und nicht selten auch eine komische Note verleiht.

Und schon bin ich mitten im Schwärmen.
Was Goetz und sein Co-Drehbuchautor Max Kaufmann hier mit Schiller machen, hat noch heute exemplarischen Charakter: Eine Ent-pathetisierung der Künstlerfigur und damit eine Art “kultureller Renaturierung” – zurück zum Menschen hinter der Ruhmesmaske. Damit nimmt der Film vorweg, was später Peter Shaffer mit Amadeus vorgeschwebt hatte, natürlich nicht in derart beabsichtigter Deutlichkeit wie jener, dafür mit mehr Nonchalance und Charme. “De Fritzle”, ein Mensch wie du und ich.

Und damit ist ausgesprochen, was ich zu Beginn dieses Textes schon angedeutet hatte: Dieser Schiller-Film ist alles andere als die trockene Abhandlung, welche der Titel vermuten lässt. Es ist ein fast durchwegs heiteres, luftig-leichtes Porträt, mehr jener Zeit als von Schillers Leben. Gedreht wurde an Originalschauplätzen, in Stuttgart und auf Schloss Hohenheim und in den anliegenden Wäldern – dies in einer Zeit, wo viele Filme im Studio entstanden! So erhält der Film eine hohe Authentizität, welche durch die Jahrzehnte spürbar bleibt.

Schauspielerisch wird der Film von zwei Personen getragen: Von Theodor Loos, der den Dichter als linkischen, leicht gehemmten Lulatsch gibt und von Hermann Vallentin, der Schillers Gegenpart, dem Herzog von Württemberg eine raubtierhaft-gefrässige Gefährlichkeit verleiht. Der Rest der Darsteller bleibt dahinter etwas blass, was aber angesichts der Prägnanz der beiden Hauptdarsteller nicht weiter in Gewicht fällt.
Und gegen Ende taucht in einer Schlossszene ein Lakai auf, in dessen Livree der junge Curt Goetz stecken könnte. Bestätigt fand ich diese Vermutung allerdings nirgends, und so bleibt sie hier als Frage stehen.

Ach ja, der Inhalt! Der Film zeigt “Fritzles” Werdegang vom Eintritt in die geistige Enge der Karlsschule als Knabe bis zur Manifestation seines Freigeistes, welche in der Aufführung der Räuber gipfelt und schliesslich zu seiner Flucht aus Stuttgart führt.
Der Film galt übrigens als verloren und wurde vor einigen Jahren in einem russischen Filmarchiv wieder entdeckt. Zum Glück, kann ich nur sagen. Ein etwas anderer deutscher Stummfilm, den ich mir bestimmt wieder ansehen werde.
Michael

Die DVD-Ausgabe: Der Film wurde in einem russischen Filmarchiv wiederentdeckt, restauriert und den Konventionen der damaligen Zeit gemäss viragiert. Einige kurze Passagen fehlen und wurden durch erklärende Texttafeln ersetzt. Die Bildqualtät ist mehrheitlich sehr gut, einige Sequenzen sind etwas zu hell, so dass die Gesichter unkenntlich werden.

Die Musikbegleitung: Improvisierte Klavierbegleitung von Joachim Bärenz sagt das Booklet. Ohweh, dachte ich und war beim Ansehen und -hören angenehm überrascht. Ich hatte schon “improvisierte” Stummfilmbegleitungen gehört, wo der Begleiter bei schnellen Passagen irgendwas gespielt hat, einfach schnell – und zu langsamen Stellen ebenfalls irgendwas, aber langsam. Joachim Bärenz hingegen hat ein Konzept. Er erfindet Musik, die aus Schillers Zeit stammen könnte und streut immer wieder Liedzitate und Passagen aus klassischen Musikstücken ein. Dabei regt seine Begleitung zu eigenen Gedanken an und kommentiert an vielen Stellen das Geschehen. Toll!

Regionalcode 2

Extras: Zwei Pianobegleitungen zur Auswahl, beide von Joachim Bärenz.

Bestellung: Der Film wurde von der edition filmmuseum herausgebracht. Zu bestellen ist sie direkt beim Verlag oder bei amazon. Im Moment ist sie (11. August 2010) am günstigsten hier erhältlich.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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