Hello Dolly (1969)

USA 1969
Mit Barbara Streisand, Walter Matthau, Michael Crawford, Danny Lockin, Marianne McAndrew, E.J.Peaker, Louis Armstrong u.a.
Drehbuch: Ernest Lehman nach dem gleichnamigen Bühnenmusical von Michael Stewart und dieses nach dem Roman von Thornton Wilder
Regie: Gene Kelly
Dauer: 148 min

Vorbemerkung:
„It’s quite amazing what people go through to make something entertaining for others.“ („Es ist schon erstaunlich, was Leute durchmachen um Unterhaltung für andere zu erzeugen.“). Der Ausspruch stammt vom Drehbuchautor / Produzenten dieses Film, Ernest Lehman (über den wir bereits im vorletzten Beitrag gesprochen hatten). Er bezieht sich auf die unerträglichen Zustände am Set von Hello Dolly, die aus der Abneigung zwischen Walter Matthau und Barbara Streisand entstanden. Matthau, selbst nicht mit grosser Bescheidenheit gesegnet, regte sich über Streisands aufgeblähtes Ego derart auf, dass er sich weigerte, mit ihr im selben Raum zu sein. Und auch Regisseur Gene Kelly kam mit der Streisand nicht klar.
So ist es erstaunlich, dass ein derart leichtfüssiger, fröhlicher Film auf einer derart wackeligen Basis und in einer derart vergifteten Atmosphäre entstehen konnte.

Inhalt:
Die verwitwete Heiratsvermittlerin Dolly Levi (Barbara Streisand) lockt den reichen Ladenbesitzer Horace Vandergelder (Walter Matthau) und dessen Angestellte aus dem Vorort Jonkers nach New York, wo sie mit einigen Ränkespielen Vandergelder für sich zu erobern versucht.

Wie ist der Film?
Obwohl sich der Filminhalt in einem Satz zusammenfassen lässt, zieht sich Hello Dolly über fast zweieinhalb Stunden – und das ohne einen Moment langweilig zu werden! Viel Zeit wird Dollys Ränkespielen und den daraus entstehenden Verwicklungen gewidmet – und natürlich den Musical-Nummern. Obwohl Hello Dolly wegen seiner aus dem Ruder laufenden Produktionskosten ein gigantischer Flop wurde, gehört er heute zu den grossen Klassikern des US-Filmmusicals. Der Tänzer und Choreograf Gene Kelly veranstaltet als Regisseur einen derart glänzend choreografierten Reigen sich jagender Regie-Einfälle, dass sogar die ruhigeren Passagen für Stauen sorgen. Die bewegten Passagen hingegen reissen einen fast vom Hocker, und da diese in der Mehrheit sind, kann dem einen oder anderen die ständige Aufgekratztheit des Filmes manchmal zuviel werden. Man spürt deutlich dass Gene Kelly in erster Linie Tänzer und vor allem Choreograf war: Nahezu alle Szenen, auch jene, in denen nicht getanzt wird, haben etwas Tänzerisches, sind kleine Choreografien. Das macht den Film ungemein lebendig. Einige der Nebendarstellerinnen und -darsteller bekunden jedoch mit dem vom Regisseur permanent geforderten exaltiertenen Spiel sichtlich Mühe.
Der Schwachpunkt des Films ist aber der deutlich spürbare Geltungsdrang der beiden Hauptakteure Streisand und Matthau, die sich hier ein Duell im gegenseitigen An-die-Wand-spielen liefern, was mit dem eigentlichen Projekt nichts mehr zu tun hat. Die zwei harmonieren spürbar nicht, und ihre Vermählung am Ende wirkt vollkommen unglaubwürdig.
Insgesamt wurde Hello Dolly trotz der widrigsten Umstände ein bezaubernder, beschwingter und unbeschwerter Filmspass, der einen mit seinem überbordenden inszenatorischen Schwung, seinen glänzenden Regieeinfällen und herrlichen Musiknummern für über zwei Stunden aus dem Alltag reisst. Dass die oben erwähnten Negativpunkte kaum ins Gewicht fallen, spricht für den Regisseur, der sich hier so richtig austobte – ohne das Budget im Blick zu behalten…
Es gibt neben den hohen Produktionskosten allerdings noch einen zweiten Grund für den finanziellen Misserfolg des Films: Hello Dolly wirkt dank Kellys Inszenierungsstil, als stamme er aus den 50er-Jahren – man schrieb aber das Jahr 1969! So etwas Gestriges, Überholtes wollten die Leute zu Zeiten des Vietnamkriegs und der beginnenden Jugendrevolten nicht sehen. Hello Dolly wurde damit zum letzten wirklich grossen, klassischen Filmmusical.

Bewertung:
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8
Die Schauspieler: 7 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

Zum weiterlesen – Das sagen andere Blogger zu Hello Dolly:
Schritte Richtung Film

Verfügbarkeit:
Der Film lief 1969 unter seinem Originaltitel in den deutschsprachigen Kinos.
Er ist auf DVD und Blu-ray erhältlich – Sprachversionen: Deutsche Synchronfassung / englische Originalfassung mit zuschaltbaren deutschen Untertiteln.
Gestreamt werden kann er bei amazon und Microsoft in der deutschen Fassung, bei iTunes und CHILI gibt’s die deutsche und die englischsprachige Originalfassung ohne deutsche Untertitel.
In der Schweiz kann der Film bei iTunes gestreamt werden (Miete oder Kauf), allerdings nur in Englisch und Französisch…

Der Trailer:

 

Abgebrochen
(ein kleiner Überblick über Filme, deren Sichtung ich abgebrochen habe und die deshalb hier nicht näher besprochen werden):
Manhattan (Woody Allen, USA 1979)
Ein endloses Gelaber um den Bauchnabel der von Woody Allen verkörperten Hauptfigur und einiger anderer New Yorker Intellektueller. Ein Film mit tollen Bildern und einigem Wortwitz, aber ohne jeglichen Bezug zur Wirklichkeit des Publikums (ausser es stammt aus New York).
Wag the Dog (dt.: Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt; Barry Levinson, USA 1997)
Auch in dieser ziemlich unscharfen Politsatire wird viel zu viel gelabert. Ein Troubleshooter-Team soll einen sexuellen Übergriff des US-Präsidenten medial vertuschen und zettelt deshalb einen fiktiven Krieg mit Albanien an. Zu spekulativ, um wirklich zu überzeugen. Zudem bleibt der Film viel zu lange ohne erkennbaren Fokus und wird von schablonenhaften Figuren bevölkert.

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