Zeit der Unschuld (1993)

USA 1993
Mit Daniel Day-Lewis, Michelle Pfeiffer, Winona Ryder, Stuart Wilson, Richard E. Grant, Miriam Margoyles, Geraldine Chaplin u.a.
Drehbuch: Jay Cocks und Martin Scorsese nach dem Roman von Edith Wharton
Regie: Martin Scorsese
Dauer: 132 min

Inhalt:
New York 1870: Hier lebt der junge Anwalt Newland Archer (Daniel Day-Lewis), der demnächst in eine der wichtigesten Familien der hiesigen Gesellschaft einheitraten wird. Seine Verlobte May (Winona Ryder) ist durch und durch ein Kind dieser Gesellschaft, wo nicht aus Liebe, sondern der Konvention wegen geheiratet wird und die streng nach festgefügten Regeln lebt, welche ein Ausscheren in den Individualismus nicht dulden.
Als Mays Cousine Ellen (Michelle Pfeiffer) in New York eintrifft, droht das fragile Gleichgewicht, in dem sich New Yorkes Upper Class befindet, aus den Fugen zu geraten. Ellen war einst zwecks Heirat mit einem polnischen Graf nach Eurpoa gezogen, ein Schritt, der ihr die New Yorker Gesellschaft nie verziehen hat. Nun ist sie zurück und will die Scheidung – eine weitere Ungeheuerlichkeit!
Newland nimmt sich Ellens an und versucht, die Verfehmte zurück in die Gesellschaft zu integrieren. Dabei verliebt er sie in die freigeistige junge Frau – und stürzt damit nicht nur sich ins Unglück.

Wie ist der Film?
Wunderschön. Tieftraurig. Schrecklich.
Mit diesen drei Schlagwörtern ist eine Bandbreite abgesteckt, die kaum ein Film in vernünftigem Mass zusammführen kann. Doch Martin Scorsese gelingt mit The Age of Innocence das Kunststück. Er schafft es, die erlesene Schönheit der Bilder, der Ausstattung, der Kostüme einerseits mit maximaler Wirkung in Szene zu setzen, andererseits diese als Symbol für die erstickende, bedrückende Enge und Grausamkeit der Gesellschaft begreifbar zu machen, die sich darin bewegt. Die Figuren finden kaum Bewegungsfreiheit neben all den Blumen, Wandbehängen, antiken Möbeln, Bildern, Schmuckstücken, Vorhängen… Sie werden erstickt von der Üppigkeit der Ausstattung, verblassen neben all den Farbkaskaden von Blumen, Stoffen und Tapeten bis zur Bedeutungslosigkeit.
Es wird kein böses Wort gesprochen im Film, und doch wirkt die gesamte Newland und Ellen umgebende Gesellschaft mit zunehmender Filmdauer feindlicher, kälter, erbarmungsloser. The Age of Innocence ist ein betörend schöner Film; doch das Wort „betören“ beinhaltet auch „verführen“, ja „täuschen“. Was da unter der glatten Oberfläche artiger Manieren und Konversation immer wieder, meist kaum merklich aufblitzt, ist abgründig.
Ich kenne keinen anderen Film, der dem Auge so schmeichelt und der gleichzeitig so schmerzt. Zuzusehen, wie die beiden Liebenden, die man im Verlauf der Handlung ob ihrer schieren Verzweiflung ins Herz schliesst, von der Konvention erdrückt werden, so dass ihre Liebe im Keim ersticken muss, das ist fast schlimmer, als Scorseses Gangster in seinen anderen Filmen beim Morden zuzusehen.
Dies gesagt, muss erwähnt werden, dass dieser Effekt ein hohes Mass an Schauspiekunst erfordert. Unterdrückte Gefühle glaubhaft machen zu müssen, gehört zu den schwierigsten schauspielerischen Aufgaben. Michelle Pfeiffer und Daniel Day-Lewis meistern sie mit derartiger Intensität, dass man dieses Liebespaar wohl nicht mehr vergisst. Gut möglich, dass beide hier die grössten Leistungen ihrer Karriere ablieferten. Und gerade von Frau Pfeiffer hätte ich solches nicht erwartet. Sie ist schlichtweg atemberaubend!

Bewertung:
Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch:  9 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Gesamtnote: 10 / 10

Verfügbarkeit:
Der Film lief 1993 unter dem Titel Die Zeit der Unschuld in den deutschsprachigen Kinos.
Er ist auf DVD und Blu-ray erhältlich – Sprachversionen: Deutsche Synchronfassung / englische Originalfassung mit zuschaltbaren deutschen Untertiteln.
Gestreamt werden kann er bei iTunes und Rakuten TV – bei diesen beiden Diensten gibt’s die deutsche und die englischsprachige Originalfassung ohne deutsche Untertitel. Amazon, Microsoft und CHILI bieten den Film ausschliesslich in der deutschsprachigen Fassung.
In der Schweiz kann der Film bei Rakuten TV und iTunes gestreamt werden (Miete oder Kauf).

Auszeichnungen:
Kurioserweise erhielten weder Martin Scorsese noch Michelle Pfeiffer oder Daniel Day-Lewis eine Auszeichnung für diesen Film. Winona Ryder gewann dafür einen Golden Globe als beste Nebendarstellerin, Elmer Bernstein einen Grammy für seine Filmmusik. Und auch einen Oscar gab es – für die Kostüme von Gabriella Pesucci. Doch das war’s dann. The Age of Innocence fand damals wenig Beachtung – heute gilt er unter Filmfreunden als verkanntes Meisterwerk.

Der Trailer
Ein vorbildliches Stück Filmvorschau! Damals schienen die Macher ihre Trailer noch selbst angefertigt zu haben. Ein Trailer ganz im Geist es Films – so sollte es sein!

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