Im Westen nichts Neues (1930)

USA 1930
Mit Lew Ayres, Louis Wolheim, John Wray, Slim Summerville u.a.
Drehbuch: George Abbott, Maxwell Anderson und Del Andrews nach dem Roman von Erich Maria Remarque
Regie: Lewis Milestone

Einer der grössten Filmklassiker aller Zeiten, wird All Quiet on the Western Front gern als „Mutter aller (Anti-)Kriegsfilme“ bezeichnet.
Obwohl bereits zu Stummfilmzeiten thematisch vergleichbare Kinowerke entstanden, gebührt dem von Lewis Milestone inszenierten Film ein besonderer Platz innerhalb der Filmgeschichte. Tatsächlich beziehen sich fast alle nachfolgenden Antikriegsfilme in der einen oder anderen Form auf dieses Werk – von Stanley Kubricks Paths of Glory bis zu Oliver Stones Platoon. All Quiet on the Western Front setzte formale Massstäbe, die zur Zeit seines Erscheinens in den Kinos wie eine Bombe einschlugen und die zum Teil noch immer Gültigkeit haben. Die aufgesplitterte, episodenhafte Erzählstruktur und die Unmittelbarkeit, mit welcher die Filmemacher nicht zuletzt dank der neu etablierten Tonsysteme scheinbar direkt ins Kriegsgeschehen eintauchten, war damals unerhört, neu, aufregend und aufrüttelnd.

Somit ist angedeutet, dass der Film heute am besten in Kenntnis der damaligen zeitlichen Umstände gewürdigt werden kann. Wer die ersten Gehversuche des Tonfilm kennt, sich des cinèmatografischen Rückschrittes bewusst ist, den das Aufkommen des Tons mit sich brachte, dieses dem statischen Mikrophonstadort geschuldete Erstarren in einzelnen, unbeweglichen Einstellungen, der kann erst ermessen, welcher Durchbruch Milestones  Film mit seinen überaus dynamischen Sequenzen für die Filmwelt war. Es ist somit die Machart, die dieses Werk zu etwas Besonderem macht; der Inhalt ist dank Remarques Vorlage zwar stark, aber er ist eben auch stark gealtert. Modernere Versionen des Genres haben All Quiet..  punkto Wirkung längst überholt.
Mit anderen Worten: Es handelt sich hierbei um einen Filmklassiker für Cinèasten, ein Juwel für filmhistorisch Interessierte. Die „normalsterblichen“ Filmegucker, für welche ich meine Texte verfasse, mögen den Streifen partiell durchaus als eindrücklich empfinden, doch die über zwei Stunden Dauer ziehen sich bisweilen doch gar in die Länge.

Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe idealistischer junger Männer, die dem Krieg zunächst jubelnd in die Arme eilen, die ihren Irrtum angesichts der Realität allerdings schnell realisieren; der Rest der Handlung lässt sie den Horror des Krieges stellvertretend für die Zuschauer hautnah erleben. Am Ende ist keiner von ihnen mehr am Leben.

Die Filmografie von Regisseur Milestone nimmt sich aus wie ein Gemischtwarenladen: Er hat Komödien gedreht, Musicals, Western und Dramen. Bekannt ist er vor allem für drei Filme: Für den hier besprochenen, die Erstverfilmung von Ocean’s Eleven (1960) und für Mutiny on the Bounty (dt.: Meuterei auf der Bounty, 1962) mit Marlon Brando und Trevor Howard. Einzig in der Remarque-Verfilmung lief Milestone zu wirklicher Grösse auf, diesem Werk drückte er seinen Stempel auf und setzte damit Massstäbe. Ohne Milestone wäre der Film nicht, was er ist. Die stakkatoartig geschnittenen Bilder vom Schlachtfeld gehen nicht zuletzt dank rasender Kamerafahrten noch heute unter die Haut. Obwohl statisch montierte Mikrophone und in schalldichten Gehäusen verpackte Kameras zu Beginn der Tonfilmzeit jegliche Kamerabewegungen verunmöglichten, fanden sich dank Milestones Insistieren Möglichkeiten, Kamerafahrten einzusetzen: Einerseits wurde stumm gedreht und der Ton wurde hinterher aufgenommen. Andererseits kam hier erstmals ein neu entwickelter Sound-Kran zum Einsatz, welcher erlaubte, das Mikrofon über das Geschehen zu bewegen. Beides etablierte sich sofort im Filmbusiness. Die Nachsynchronisation in All Quiet… ist zudem derart sorgfältig gemacht, dass sie als solche nicht bemerkbar ist.

Ein Wort noch zu den schauspielerischen Leistungen: Sie sind sehr uneinheitlich ausgefallen. Auf der einen Seite brennt sich der grossartige Louis Wolheim als altgedienter Soldat richtiggehend ins Gedächtnis des Zuschauers ein, auf der anderen steht Hauptdarsteller Lew Ayres, der ersterem punkto Glaubwürdigkeit nicht im entfernstesten das Wasser reichen kann. Er wirkt wie ein Milchbubi, das sich bemüht, seine erste grosse Rolle glaubhaft hinzukriegen.

Mein Fazit: Wer einen eindringlichen Antikriegsfilm sehen möchte, der greife auf einen neueres Werk zurück – es baut bestimmt auf den Meriten von Milestones epochalem Werk auf. Wer filmhistorisch interessiert ist oder den Wurzeln des modernen Antikriegsfilms nachspüren möchte, kommt um All Quiet on the Western Front nicht herum.

Die Regie: 10 / 10 
Das Drehbuch:  8 / 10 
Die Schauspieler: 7 / 10 
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit:
All Quiet on the Western Front (dt.: Im Westen nichts Neues) gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray (deutsche Synchro und englische Originalfassung mit dt. Untertiteln).
Gestreamt werden kann er zudem wie folgt:
Deutsch / Englisch mit dt. Untertiteln: amazon prime video
Deutsch / Englisch:  iTunes
Nur Deutsch: Google Play, Microsoft, videociety.

Bewegte Bilder:

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3 Kommentare

  1. Bekannt ist er vor allem für drei Filme: Für den hier besprochenen, die Erstverfilmung von Ocean’s Eleven (1960) und für Mutiny on the Bounty (dt.: Meuterei auf der Bounty, 1962) mit Marlon Brando und Trevor Howard. Einzig in der Remarque-Verfilmung lief Milestone zu wirklicher Grösse auf, diesem Werk drückte er seinen Stempel auf und setzte damit Massstäbe.

    Das gilt auf jeden Fall für diese drei Filme, wobei er für MUTINY ON THE BOUNTY nur teilweise verantwortlich war, weil Marlon Brando streckenweise die Regie an sich riss. Aber insgesamt hatte Milestone schon noch mehr zu bieten. In einer Umfrage einer Filmzeitschrift nach den besten Regisseuren für den Zeitraum 1930/31 unter 300 Filmkritikern landete Milestone doch tatsächlich auf Platz 1 (der Rest der Liste steht hier). Schon für TWO ARABIAN KNIGHTS gab es einen Oscar für Milestone, FRONT PAGE (die erste Verfilmung des bekannten Stoffs) war immerhin nominiert, und auch später kamen noch ein par gute Filme wie THE STRANGE LOVE OF MARTHA IVERS. Und HALLELUJAH I’M A BUM ist eine durchaus interessante Kuriosität.

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    1. Dass er durchaus (und fast durchs Band) interessante Filme gedreht hat und ein hervorragender Regisseur war, spreche ich ihm in meinem Text ja keineswegs ab. Aber die meisten seiner Filme könnten auch von jemand anderem stammen. „All Quiet on the Western Front“ allerdings trägt das Versprechen einer eigenen, erkennbaren Handschrift – diese kann ich in seinen späteren Werken nicht mehr erkennen (obwohl ich natürlich längst nicht alle gesehen habe!).

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  2. Ich möchte hier bei dem Aspekt, dass der Film für den durchschnittlichen Zuschauer von heute sehr langweilig sei, doch ein wenig aus persönlicher Erfahrung wiedersprechen. Ich hab vor zwei Jahren mein Abitur gemacht und in unserer Oberstufe in Niedersachsen war „Im Westen nichts Neues“ Pflichtlektüre.

    Ich war damals schon filmhistorisch interessiert, während so ziemlich alle Mitschüler höchstens noch die Namen Chaplin und Hitchcock aus dieser kannten. Als der Film an die Reihe kam und gezeigt wurde, war ich daher auch ein bisschen gespannt darauf, wie die anderen auf einen für sie so ungewohnt alten Film reagieren. Zunächst gab es auch Skepsis, aber schließlich waren alle konzentriert und bei den Kriegszenen herrschte eiserne Stimme im Klassenzimmer. Die Meinung aller danach war, dass sie einem über 85 Jahre alten Film nicht zugetraut hatten, noch so modern und fesselnd wirken zu können.

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