Open Range – Weites Land (2003)

USA 2003
Mit Robert Duvall, Kevin Costner, Annette Bening, Michael Jeter, Diego Luna, Abraham Benrubi, Michael Gambon u.a.
Drehbuch: Craig Storper nach einem Roman von Lauran Paine
Regie: Kevin Costner

Open Range, die bislang letzte Regiearbeit des Schauspielers Kevin Costner – steht im Schatten von dessen ungleich populärererm Erstling Dances With Wolfes (dt.: Der mit dem Wolf tanzt). Dass es sich dabei um einen ganz hervorragenden Film handelt, ist im noch immer anhaltenden Hype um Dances With Wolfes untergegangen. Open Range ist ein toll gespielter und inszenierter Film, dem ein starkes Drehbuch zugrunde liegt.

Vier Männer treiben Vieh über die weite Prärie – tagelang ist weit und breit keine andere Menschenseele zu sehen. Boss Spearman ist der Anführer (Duvall), ihm angeschlossen haben sich vor langer Zeit Charley Waite (Kostner) und der gut mütige Riese Mose (Benrubi), seit kurzer Zeit ist auch noch der junge Hispano Buttons (Luna) als eine Art Lehrling mit dabei. Nichts trübt die Einheit der Männer mit der Natur – bis Mose eines Tages nach Proviant ins nächste Kaff geschickt wird und nicht mehr zurückkehrt.
Nun nimmt ein unvorhersehbares Unheil seinen Lauf. Um den Viehtreibern, die ihre Tiere auf dem Weideland des Grossgrundbesitzers Baxter (Gambon) kostenlos grasen lassen, eine Lektion zu erteilen, wurde Mose von Baxters Männern übel zugerichtet und ins Gefängnis geworfen. „Free-grazers“ seien in Harmonville nicht erwünscht, lassen Baxter und der ihm hörige Sheriff verlauten, als Boss und Charley dort nach Mose suchen. Dass Baxter und „sein“ Sheriff damit gegen das Gesetzt verstossen (das „free-grazing“ war damals per Dekret erlaubt), kümmert sie nicht, denn sie wissen sich dank einer bezahlten Schlägertruppe als die Stärkeren.
Das lässt der aufrechte Boss Spearman nicht gelten. Er beharrt auf seinem guten Recht. Da weiss er allerdings noch nichts von der Scharfschützen-Vergangenheit seines Partners Charley…

Open Range beginnt als Pastorale. In wunderschönen, ausschweifenden Landschaftsaufnahmen wird das friedliche Eins-Sein der wortkargen vier Männer mit der Natur zelebriert. Der Einbruch der Zivilisation in dieses Idyll markiert der Besuch in Harmonsville, der allerdings nicht nur negativ gezeichnet wird. Schon bald wird klar, dass Baxter und sein Sheriff die Stadt und seine Bewohner wohl im Griff haben, dass ihre Popularität bei der Bevölkerung allerdings nahezu bei Null liegt. Wegen des Schlägertrupps getraut sich nur (noch) niemand, aufzumucken. Und die Naturburschen finden nicht nur Übles vor in der Zivilisation…
Baxter, ein räudiger Bursche, der vor nichts zurückschreckt, versucht die Männer im Grasland mit allen Mitteln einzuschüchtern und zum Abzug zu bewegen. Je üblere Mittel er zu diesem Zweck einsetzt, desto trotziger wird Boss Spearman. Die Spannung baut sich langsam auf, bis sie sich in einer Gewaltexplosion entlädt.

Open Range ist, wie viele Westernklassiker, eine Parabel. Es geht um die Gewalt, die weitere Gewalt gebiert, ein Prozess, dem sich auch der geläuterte Gunman Charley nicht entziehen kann. Noch einmal muss er zur Pistole greifen, die Umstände treiben ihn unausweichlich dazu, zu töten. Die Gewalt bricht wie das vorhergehende Gewitter über Harmonville herein. Danach, als alles vorbei ist, ist der Weg frei für die Läuterung. Das klingt nicht nur abgedroschen, es ist auch abgedroschen – Ähnliches hat man im Westernkino schon dutzendfach gesehen, am besten wohl in John Fords My Darling Clementine (dt.: Faustrecht der Prärie, USA 1946), am dessen Struktur sich die Handlung von Open Range stark anlehnt.

Das Erstaunliche an diesem Film ist nun, dass man die Abgedroschenheit kaum bemerkt; es fällt einfach nicht ins Gewicht. Drehbuch, Regie und Schauspieler wiegen die Abgedroschenheit der Geschichte mit lebendigem, mitreissendem Erzählen auf. Die beiden Hauptfiguren wachsen einem richtiggehend ans Herz, hinter ihren rauhen Schalen blickt immer wieder Verletzlichkeit, Unsicherheit, Zuneigung hervor, ganz kurz jeweils nur, aber dafür umso wirkungsvoller. Die Schauspieler setzen das subtil um – Kevin Costner war nie so gut wie in diesem Film! – und die Regie – ebenfalls Costner – fängt dies mit sorgfältig und durchdacht aufgebauten Bildfolgen, aussergewöhnlichen inszenatorischen Einfällen und viel Detailliebe ein. Die Oberflächlichkeit der Geschichte spielt schliesslich angesichts der Tiefe der Charaktere keine Rolle mehr. Sie tritt in den Hintergrund, und so wird Open Range mehr und mehr und ganz stark zum Porträt zweier einsamer Männer und deren Freundschaft.

Wie Duvall und Costner das spielen, ist beinah hypnotisch. Sie verschmelzen mit ihren Figuren und schaffen eine Nähe, die in einigen Sequenzen zu rühren vermag – etwa in jener, in der sie sich angesichts des nahenden Todes gegenseitig ihre richtigen Namen verraten. In diesem und anderen Momenten vermischt sich Komik mit Tragik, Charley und Boss erscheinen zutiefst menschlich. Das macht diesen Film aus, damit ragt er aus dem Gros der Kinofilme heraus. Denn was hier passiert, ist wahre Kinokunst: Fast ohne Worte, mit Bildern, Gesten und Blicken Wesentliches auszusagen, das über den Inhalt hinausgeht. Manchmal ist ein Film grösser als die Geschichte, die er zu erzählen hat.

Es ist ein Jammer, dass Kevin Costner nach diesem Werk nie mehr Regie geführt hat. Er ist ein überraschend fähiger, feinsinniger Regisseur! Ebenso schade auch, dass Open Range Craig Storpers bislang einziges Kinodrehbuch geblieben ist.

Die Regie: 9 / 10 
Das Drehbuch:  9 / 10 
Die Schauspieler: 10 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit: Open Range gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray (deutsche Synchro und englische Originalfassung mit dt. Untertiteln). Gestreamt werden kann er zudem bei amazon prime video, maxdome, iTunes, Google Play, Videobuster und Rakuten TV. Leider ist er überall nur in der deutschen Synchro abrufbar
Streaming in der Schweiz: amazon prime video und iTunes.
Leider ist der Film im Stream überall nur in der deutschen Synchro abrufbar die ich als missraten bezeichnen muss. Zudem passt Deutsch einfach nicht in die Prärie – man sollte die Cowboys in ihrem US-Slang reden hören, damit die Authentizität gewährleistet ist, welche die Macher mit viel Sorgfalt zu evozieren versuchten. Deshalb empfehle ich die DVD/Blu-ray!

Bewegte Bilder
Der Trailer – sagt leider nicht sehr viel über den Film aus…

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