Drei Amigos (1986)

Der „Film der Woche“ ist diesmal kein grosses Werk, sondern einfach ein solider, guter Film, genauer: ein unterhaltender Westernspass. Neben zwei weiteren Filmvorstellungen stellt gabelingeber Mutmassungen darüber an, ob Filme Lebenshilfe bieten können.

FILM DER WOCHE
Ein Klassiker:

(dt: Drei Amigos!)
Mit Steve Martin, Martin Short, Chevy Chase, Alfonso Arau, Patrice Martinez u.a.
Drehbuch: Steve Martin, Lorne Michaels und Randy Newman
Regie: John Landis
Der Film lief 1987 auch in deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Drei Amigos!

Letzte Woche war hier von der Westernkomödie Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe die Rede, die mir bei der Zweitsichtung nach etwa 30 Jahren nicht mehr besonders gefallen hatte. Mit Three Amigos versuche ich mein Glück mit demselben Genre, ereneut mit einem Film, den ich vor Jahrzehnten – bei seinem Kinostart – gesehen hatte. Ich fand ihn damals mau. Bei der Zweitsichtung vor ein paar Tagen gefiel er mir jedoch ausgezeichnet – anders als der „Hilfe brauchende Sheriff“, bei dem der Effekt der Umgekehrte war. Schon seltsam, was das Alter mit gewissen Filmen tut (ein Thema, das ich in den „Gedankensplittern“ weiter unten zu vertiefen versuche).
Three Amigos ist wirklich lustig! Viel darüber zu schreiben gibt es mangels Substanz allerdings nicht.

Schon die Ausgangslage des Streifens hat es in sich: Wie bei den glorreichen Sieben wird ein mexikanisches Dörfchen („El Poco“!) von Banditen bedroht. Die Retter sind aber nicht coole Revolverhelden wie im berühmten Vorbild, sondern drei Stummfilmstars in albernen Kostümen, die glauben, zu einem Auftritt nach Mexico beordert worden zu sein.
Wie die drei Unbedarften von einem Fettnäpfchen ins nächste treten, ist zwar alles andere als neu, aber es wird hier mit soviel Können, Gusto und sicherem Gespür fürs Komische kredenzt, dass man von einem Highlight des Genres sprechen kann. Das parodistische Element wird einem hier nicht um die Ohren gehauen wie in den Filmen des Trios Zucker-Abrahams-Zucker (Airplane!), es bleibt dezent im Hintergrund. In Three Amigos wird in erster Linie erzählt, im Vordergrund steht die Geschichte; es handelt sich um einen komischen Film, der im wilden Westen spielt, um einen, der sich en passant über die Elemente und Gepflogenheiten des Western lustig macht. Ausserdem wird ganz zentral auch der Stummfilm und dessen Ära parodiert. Neben einem Ausschnitt aus einem (fiktiven) Stummfilm mit den „drei Amigos“ gibt es zudem absurde Highlights wie einen singenden Busch, einen unsichtbaren Schwertkämpfer und ein Kerkersystem, das es geduldigen Gefangenen ermöglicht, an den Schlüssel der Zelle zu gelangen.

Von den Schauspielern, denen das Ganze sichtlich Spaß gemacht hat, über das wendungs- und gagreiche Drehbuch und die hervorragende Regie bis zur Ausstattung, die immer parodistisch schwankt zwischen Roy Rogers-Kitsch und Realismus, ist alles erste Sahne.
Eine besondere Freude werden Disney-Kenner daran haben: Three Amigos! bezieht sich mehrmals auf Disneys zwei „südamerikanische “ Episodenfilme Three Caballeros und Saludos Amigos. Die Lagerfeuer-Sequenz wo die drei Amigos auf ihrem Weg zum Banditennest Rast machen, ist zudem ein direktes Zitat aus der von Roy Rogers eingeleiteten Episode Pecos Bill aus Disneys 1954 entstandenem Episodenfilm Melody Time.

Die Regie: 9 / 10 – John Landis setzt das wenig ambitionierte Drehbuch hervorragend um. Er setzt nicht auf ausgeklügelte Einstellungen, sondern er verhilft mit seiner Inszenierung den komischen Elementen zu ihrer bestmöglichen Wirkung. Zudem leitet er das Schauspielerteam zu einer homogenen Ensembleleistung an, die rundum Spass macht. Das muss man erst mal können!
Das Drehbuch: 7 / 10 – Eigentlich nichts besonderes, aber mit viel Witz und Routine geschrieben. In den Händen eines weniger fähigen Regisseur hätte es seine Qualitäten zwar behalten, es hätte aber möglicherweise nicht so geglänzt.
Die Schauspieler: 8 / 10 – Nur gerade Joe Mantegna und Patrice Martinez fallen gegenüber dem Rest der Truppe ab, die anderen spielen (schmieren-)komödiantisch auf, dass es eine Freude ist!
Die Filmmusik: 9 / 10 – Elmer Bernsteins Filmmusik ist eine herrliche Zusammenfassung von kernigen Westernfilm-Klängen. Sie ist sowohl eingängig als auch funktional, ohne in irgendeiner Form aufdringlich zu sein.

Gesamtnote: 8,5 / 10

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Kurzkritiken

Ein vergessener Film:
DAS GEHEIMNIS DES STEINERNEN MONSTERS

(The Monolith Monsters)
USA 1957
Mit Grant Williams, Lola Albright, Les Tremaine, Trevor Bardette u.a.
Drehbuch: Norman Jolley und Robert M. Fresco
Regie: John Sherwood

Was für ein Filmstoff: Wachsende Steine bedrohen die Menschheit. Den Streifen musste ich einfach sehen!
Obwohl die blödsinnige Grundidee mit einer Ernsthaftigkeit umgesetzt wurde, als handle es sich um ein seriöses Drama, macht The Monolith Monsters Spass. Wahrscheinlich gerade, weil der Ton so ernsthaft ist. Man fühlt sich in die eigene Kindheit zurückversetzt, wo man im Klettergerüst des benachbarten Spielplatzes „Raumschiff Enterprise“ gespielt hatte, und alles war absolut echt.
Wie Gremlins reagieren die Steine auf Wasser: Dangerous when wet! Das kühle irdische Nass lässt die scheinbar harmlos in der Wüste herumliegenden Gesteinssplitter (es handelt sich um Meteoritenteile) zu wahren Gebirgen heranwachsen, welche dann irgendwan umstürzen, zerbersten und alles unter ihren Trümmern begraben. Aus den entstandenen Splittern wachsen sogleich neue Stein-Türme. Auf diese Weise „purzeln“ die wachsenden Steine auf die US-Kleinstadt San Antonio zu.
Dabei handelt es sich um das wahrscheinlich langsamste Film-Monster der Filmgeschichte – wenn man denn überhaupt von einem Monster sprechen kann. Die Retter haben jedenfalls reichlich Zeit, ein Gegenmittel zu finden. Während die Steine im Schneckentempo durch eine Schlucht auf das Städtchen zutrudeln. bleibt Musse für verschiedene Tests und Erörterungen.
Grant Williams, ein recht limitierter, aus anderen „Monster“-Filmen jener Zeit bekannter Schauspieler (Die unglaubliche Geschichte des Mister C.), führt den Retter-Trupp an. Anders als in Jack Arnolds oben erwähntem, berühmtem Film schrumpft er hier nicht zusammen, sondern wächst über sich hinaus. Salopp gesagt: In „Mr. C“ schrumpft Grant, hier hingegen wächst Granit. Monster-Filmer Jack Arnold hatte auch hier seine Finger drin, die hanebüchene Geschichte stammt nämlich von ihm.
Insgesamt ein amüsanter Ausflug in die paranoiden 50er-Jahre, wo im Kino sogar Steine als Bedrohung der Menschheit angesehen wurden. Der Filmtrick notabene ist das Beste an diesem Film – die Steine und ihr Wachsen wirkt erstaunlich wenig lachhaft.
Die Filmmusik klingt bisweilen etwas gar schräg und nervt immer mal wieder mit Holzhammer-Effekten, welche die Bemügung der Inszenierung um Zwischentöne gehörig unterlaufen. Sie stammt von Irving Gertz, Herman Stein und – überraschenderweise – Henry Mancini.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 6 / 10
Die Filmmusik: 5 / 10
Gesamatnote: 6 / 10

Ein zeitgenössisches Werk:
CERTAIN WOMEN
USA 2016
Mit Laura Dern, Michelle Williams, Kirsten Stewart, Lily Gladstone, Jared Harris u.a.
Drehbuch und Regie: Kelly Reichardt
Nachdem mich letzte Woche The Retrieval so begeistert hatte, war mein Interesse an unabhängig produzierten US-Filmen geweckt. Ich bekam Lust auf mehr.
Von Kelly Reichardts Certain Women wurde ich nun allerdings enttäuscht. Der Episodenfilm, in dessen Zentrum vier Frauen im Hinterland des US-Staates Montana stehen, bleibt im Fragmentarischen stecken und entlässt einen unbefriedigt.
Ich erwarte von einem Film, dass er mir etwas erzählt, dass er mich teilhaben lässt am Schicksal seiner Charaktere. Kelly Reichardt beginnt zwar zu erzählen, drei Mal (je ein Mal pro Episode), bricht aber immer wieder ab und lässt einen jedes Mal mit offenen Enden allein. „Den Rest könnt ihr euch selber denken“, scheint sie zu sagen. Was ist das für eine Erzählerin, die das Publikum auf halber Strecke sitzen lässt? Dahinter steckt die verbreitete Unsitte mancher pädagogisch angehauchter Filmemacher, das Publikum erziehen zu wollen: Konsumieren ist pfui!
Das ist von mir aus legitim, nur sollte man das vorher ankündigen, wenn man Leute wie mich, die gerne etwas erzählt bekommen, nicht verprellen will: „Achtung – diesen Film muss man sich selbst zu Ende erzählen!“
Frau Reichardts Figuren sind kaum fassbar, sie sind skizzenhaft, undefiniert. Man mag sich deshalb gar nicht richtig auf sie einlassen. Sie sind einem nach kurzer Zeit einfach egal.
Ich erwarte von einem Film das Gegenteil! Ich will mich einlassen auf die Figuren und deren Geschichte. Das kann ich aber nur, wenn jemand interessant und glaubhaft erzählt. Beides gelingt Kelly Reichardt in diesem Film nicht. Die Erzählungen beginnen jeweils interessant, verlieren sich dann aber im Nirwana der „Interpretation“: Man muss raten, weshalb die Figuren nun so und so handeln. Auf welcher Seite sie stehen. Was ihre Motivationen sind. Sowas kann durchaus interessant sein – wenn der Filmemacher das Talent besitzt, trotzdem Spannung zu erzeugen. Hier wirkt es nur öde.
Es entsteht der Eindruck, Frau Reichardt habe selbst keine Lust, sich auf ihre Geschichten einzulassen. Vielleicht liegt das an mangelndem Erzähltalent…
Die erste Episode dreht sich um eine Anwältin, die von einem bedürftigen Mandanten bedrängt wird. Die zweite von einer zerrütteten Familie, die in der Wildnis ein Haus bauen will. Und die letzte von einer Anwältin, die in einem gottverlassenen Kaff Vorlesungen über Schulrecht hält und dort eine Bewundererin findet.
Der Filmplakat gibt übrigens einen perfekten Eindruck des Films: Nebelhaft, problembeladen, depro. Die Filmmusik (Jeff Grace) ist praktisch nicht vorhanden. Erst gegen Schluss des Film wabern ein paar liegende Akkorde im Hintergrund.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 3 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 3 / 10
Gesamtnote:
5 / 10

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Gedankensplitter

Lebenshilfe

Als der oben besprochene „Film der Woche“, Three Amigos, in die Kinos kam, war ich gerade mal 23. Ich schrieb im Nebenjob Filmrezensionen für eine grössere Lokalzeitung des schweizer Mittellandes. Three Amigos konnte ich in einer Pressevorführung begutachten.
Leider ist mir der genaue Wortlaut meiner damals verfassten Kurzkritik nicht mehr präsent; ich weiss nur noch, dass ich mich für John Landis‘ Westernparodie nicht sonderlich begeistern konnte. Three Amigos kam damals bei den hiesigen Kritikern allgemein nicht gut an. Seither habe ich ihn nie wieder gesehen.
30 Jahre später: Three Amigos kommt auf Blu-ray heraus – als Sonderedition zum runden Jubiläum. Hatte ich mich getäuscht?
Eine Neuvisionierung führte schliesslich zu einem gänzlich anderen Urteil als beim ersten Mal. Warum?
Jede(r) kennt das Phänomen, dass sich „Filme mit den Jahren verändern“. Natürlich ist es umgekehrt – die Jahre verändern den Film, oder besser dessen Rezeption – doch das Phänomen, weshalb der eine Film bei einer Neusichtung verliert, während ein anderer gewinnt, ist damit noch nicht erklärt. Bei einer dritten Sorte wiederum bleibt die Sicht gar unverändert.
Das sind die Rätsel des Lebens und des Wachsens. Interessant sind von den angesprochenen Filmen vor allem jene, die gut bleiben, durch alle persönlichen Wandlungen hindurch. Sie sind vermutlich wichtig. Möglicherweise enthalten sie Antworten auf wichtige (Lebens-)Fragen. Oder wichtige persönliche Einsichten. Vielleicht beinhalten sie Leitmotive für das eigene Leben.
Wurde diese Theorie (Behauptung) jemals untersucht? Könnte sich möglicherweise lohnen… Ein Film, der einen durch das ganze Leben, durch alle persönlichen Wandlungen und Veränderungen hindurch begleitet, muss etwas tief in der Persönlichkeit Liegendes zum Schwingen bringen. Vielleicht bringt er einen auf eine Spur beim Rätseln um das eigene Wesen.
Der Film als Lebenshilfe – das wäre doch mal eine nähere Untersuchung wert… Vielleicht wird dann endlich entdeckt, dass es Filme mit Heilwirkung gibt.

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Vergessene Filme: The Search (dt.: Die Gezeichneten; USA 1948)

Klassiker: Wo hu cang long (dt.: Tiger & Dragon; Taiwan / China / USA 2000)

Zeitgenössisches Filmschaffen: Get Out (USA 2017)

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