American Graffiti – 1973

Ein Filmklassiker auf dem Prüfstand
AMERICAN GRAFFITI

USA 1973
Mit Richard Dreyfuss, Ron Howard, Paul LeMat, Charles Martin Smith, Cindy Williams, Mackenzie Phillips, Candy Clark, Harrison Ford, u.a.
Drehbuch: George Lucas, Gloria Katz und Wilard Huyck
Regie: George Lucas
Studio: Universal
Dauer: 110 min
Der Film lief 1974 unter seinem amerikanischen Originaltitel in den deutschsprachigen Kinos.

Vorspann:
 Wieder einmal habe ich mir einen jener Filme angesehen, die mich bislang nie gelockt haben, die aber für einen Filmliebhaber doch Pflicht sind: George Lucas‘ Kultfilm American Graffiti. Was dabei herausgekommen ist, verraten die folgenden Zeilen…
Inhalt: Drei Jungs auf der Schwelle zum Erwachsenwerden: Curt (Dreyfuss), Steve (Howard) und Terry (Smith) treffen sich vor „Mel’s Drive-In“ um sich noch einmal das Nachtleben ‚reinzuziehen – ‚rumzuhängen und zu -kurven, zu tanzen und Mädchen zu teffen, bevor zwei von ihnen die Stadt verlassen um aufs College zu gehen. Der lange Abend wird schliesslich nur für einen von ihnen zum letzten; nach zahlreichen Episoden graut der Morgen und weil’s so schön war, beschliessen die anderen, daheim zu bleiben.

Der Film:
Eine Jugend in den USA der Sechzigerjahre – thematisch ist American Graffiti ziemlich weit vom Erfahrungshorizont des Schreibenden entfernt, der – inzwischen über 50 – in den 70er-Jahren in einem beschaulichen Dorf des schweizerischen Mittellandes aufgewachsen ist. Die nächste grössere Stadt – die Kantonshauptsadt Aarau – lag zwar in erreichbarer Nähe, war aber genauso beschaulich wie das erwähnte Dorf.
Was ich damit sagen will: American Graffiti hatte mich bis dato mangels Erfahrungskongruenz einfach nicht interessiert. Damals hatte ich ihn gerade verpasst (meine Kino-Ausflüge begannen vier Jahre später, mit dem folgenden Film Georg Lucas‘), danach fand ich mich immer zu alt für „Pennälerfilme“. Aber man kommt ja nicht um den Streifen herum.

Bereut habe ich die Visionierung nicht. Allerdings habe ich auch nicht den Eindruck, ich hätte etwas Wichtiges verpasst, wenn ich sie unterlassen hätte.
Der Film ist erfrischend, witzig, kurzweilig, er packt über seine gesamte Dauer, bleibt aber, wie seine Figuren, letztlich an der Oberfläche seiner schönen Kulisse hängen. Die Charaktere sind eindimensional; zwei von ihnen machen zwar eine Wandlung durch, doch diese betrifft eher eine äusserliche Entscheidung (bezüglich ihrer weiteren Laufbahn) als die Entwicklung einer inneren Haltung.
Entscheidend für den Kultstatus und legendär sind andere Dinge: So steht American Graffiti am Anfang einer Serie von Retro-Filmen wie Coppolas Peggy Sue Got Married oder Zemeckis‘ Back to the Future, die alle undenkbar wären ohne das grosse Vorbild von Übervater Lucas. Der Film lancierte auch die Karriere verschiedener Beteiligter: Der gewaltige und völlig überraschendeGrosserfolg von American Graffiti ermöglichte die Realisation von Star Wars, der Lucas‘ geradezu legendären Rum einbrachte. Sämtliche männlichen Hauptdarsteller, damals noch unbekannt, avancierten zu Stars, die einen vor (Richard Dreyfuss, Harrison Ford, Paul LeMat), die anderen (Ron Howard) hinter der Kamera. Und Francis Ford Coppola, der als Produzent fungierte, widerfuhr schon im Vorjahr, was Lucas‘ noch bevorstand: Ruhm und Grosseinnahmen (The Godfather war anderthalb Jahre vor American Graffiti erschienen).

Aber das war’s dann auch schon. In Begeisterung ausgebrochen bin ich nicht, dafür ist der Film zu spezifisch amerikanisch – genausogut kann ich mir einen japanischen Film ansehen, ich verstünde da aus Gründen des kulturellen Unterschiedes genausovieles nicht. Ob er das Lebensgefühl der damaligen Youngsters trifft oder nicht, kann ich aus demselben Grund nicht sagen.
Ein schöner, unterhaltsamer, einflussreicher Film – den ich mir wohl nicht nochmals ansehen werde. Das mangelnde Interesse, das ich dem Film gegenüber bislang hegte, ist mir auch nach der Sichtung geblieben.

Abspann:
Der Film ist hierzuland auf DVD und Blu-ray verfügbar.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Ein Klassiker auf dem Prüfstand:
Born Yesterday (dt.: Die ist nicht von gestern; USA 1950) Regie: George Cukor; Mit Judy Holliday, William Holden, Broderick Crawford, Howard St.John u.a.
Cukors Theaterverfilmung um einen Schriftsteller, welcher der vulgären Braut eines noch vulgäreren Wirtschaftsgangsters die westliche Kulur und das Denken näher bringt, ist zwar recht lebendig inszeniert, toll gespielt und streckenweise ganz witzig, vermag aber insgesamt nicht so recht zu überzeugen. Die Verwandlung der Gangsterbraut geht zu schnell vonstatten und wird allzu oberflächlich abgehandelt um glaubwürdig zu sein. Und mit der Glaubwürdigkeit bleibt denn auch das Publikumsinteresse auf der Strecke.
Die Quintesszenz aber, dass sich mit (politischer) Bildung das institutionalisierte Verbrechertum eindämmen liesse, hat durchaus etwas für sich – auch und gerade heute!

 

Ein aktueller Film:
Willkommen bei den Hartmanns (D 2016) Regie: Simon Verhoeven; mit Eric Kabongo, Heiner Lauterbach, Senta Berger, Florian David Fitz, Palina Rojinski, Elias M’Barek u.a.
Der Film zur Willkommenskultur. Die wohlhabende, aber ziemlich neurotische deutsche Familie Hartmann nimmt einen nigerianischen Flüchtling bei sich auf. Die daraus resultierenden Kulturzusammenstösse, Verwicklungen und Probleme thematisiert der Film in Komödienmanier, wobei das komödiantisch-satirische Niveau erfreulich hoch ist: Da wo der Film die nordeuropäischen Befindlichkeiten durch die Augen der Fremden beobachtet und sie als ziemlich bescheuert entlarvt, hat er seine stärksten Momente. Ansonsten wirkt er recht hilflos und desorientiert. So bringt er zwar die mit der Flüchtlingsthematik zusammenhängenden Probleme alle zur Sprache, bleibt dabei aber derart unverbindlich und oberflächlich, dass es mit der Zeit ärgerlich wird. Ein Alibi-Islamist kommt ebenso vor wie die obligaten Rassisten, Frau Merkel kriegt eins ans Bein, linke Hyper-Aktivisten auch, und natürlich ist „unser Flüchtling“ ein echter und kein Wirtschaftsmigrant. Der Film ist mit seinem expolsiven Thema auf derart verkrampfte Weise um Ausgewogenheit bemüht, dass sein Aussagewert am Ende gegen null ausschlägt. Aber damit spiegelt er unbewusst den gespaltenen inneren Zustand Deutschlands: „Kritisch sein ist ok, aber bloss keinen xenophoben Anschein erwecken und leise treten dabei; in diesem Land regierten schliesslich mal Nazis“.

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2 Kommentare

  1. Interessant an diesem Film ist fùr mich das Detail gewesen, dass Entstehungsjahr (1973) und Handlungsjahr (1962) nur elf Jahre auseinanderliegen, das Jahr 1962 hier aber schon als ein altes, vergangenes Amerika inszeniert wird. Wer würde zum Beispiel auf die Idee kommen, einen solchen Retrofilm heute über das Jahr 2005 zu drehen? Die Antwort liegt wohl darin, dass Amerika in den 60ern so viele schmerzhafte, radikale Änderungen durchlebt hat (Vietnam, Hippies, Kennedy-Attentate, … – passend dazu wird am Filmende ja auch erwähnt, dass zwei der vier Jugendlichen die 60er nicht überleben), dass die USA gewissermaßen in der Zwischenzeit ihre Unschuld verloren hatte und ein aneeded Land geworden war. Das war für mich immer der Kern dieses schönen Filmes, den ich sehr schätze, wohl auch, weil ich Doo-Wop-Musik sehr mag.

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