Mister Cinderella – 1936

Ein vergessener Film
MISTER CINDERELLA

USA 1936
Mit Jack Haley, Betty Furness, Arthur Treacher, Raymond Walburn, Monroe Owsley, Edward Brophy, Rosina Lawrence u.a.
Drehbuch: Richard Flournoy und Arthur V. Jones nach einer Story von Jack Jevne und Richard Flournoy
Regie: Edward Sedgwick
Studio: Hal Roach
Dauer: 75 min
Der Film wurde im deutschsprachigen Raum bis heute nie gezeigt.

Vorspann:
Ein unbekannter Film mit einem Hauptdarsteller, der heute zwar weltberühmt ist, dessen Name jedoch kaum einer kennt. Oder hat schon wer von Jack Haley gehört? Gesehen habt Ihr in garantiert schon…

Der Film:
Es gibt wunderbare Filme, die fallen durch sämtliche Maschen; das ist heute nicht anders als früher.
Ich habe mir das Entdecken solcher Filme auf die Fahnen geschrieben, und diese Woche bin ich – einmal mehr dank der erstaunlichen Warner Archive Collection – wieder fündig geworden.
Der heute vorgestellte Film ist nicht einer jener „Filmfreaks-haben-schon davon-gehört“-Filme; Mister Cinderella ist wirklich komplett vergessen, er befindet sich ausserhalb jeden cinéastischen Radars – jedenfalls hier in Europa.

Wie konnte es soweit kommen? Der Film ist eine Screwball-Komödie (fast) reinsten Wassers, hochamüsant von Anfang bis Ende, mit grandiosen Darstellern, einem Drehbuch, das die Verrücktheiten dramaturgisch äusserst geschickt dosiert und sie gegen Ende hin immer schneller aufeinander folgen lässt, und das alles wird von einer punkto Komödie höchst versierten Regie zu maximaler Wirkung gebracht.
Wie also konnte es soweit kommen, dass der Film damals ausserhalb der USA keinen Verleiher fand – mit der Ausnahme von Venzuela?

Die Hauptrollen in Mister Cinderella werden, erstens, nicht von Stars gespielt. Im Zentrum steht ein Schauspieler, der ausserhalb der USA nicht auch nur halbwegs bekannt ist. Jack Haley heisst er und wurde hierzulande dank eines Kultfilms dann zwar schon berühmt und blieb es bis heute; doch obwohl ihn alle kennen, werden die wenigsten auf seinen Namen reagieren. Doch davon später.
Zweitens: Mister Cinderella ist ein B-Film ohne grosse „production values“, dem man das bescheidene Budget ansieht. Der Regisseur hat, drittens, ebenfalls keinen klingenden Namen. Und der Film löste bei seinem Erscheinen kein grosses Echo aus – was eher auf Pech schliessen lässt (das gibt es im Movie-Business öfter als man denkt) als auf die Qualität des Films.

Mister Cinderella ist nun kein Meisterwerk. Aber er kann mit den besten Vertretern des Genres „Screwball-Comedy“ mithalten, bis auf die Dialoge vielleicht, die hier weder besonders geschliffen sind, noch im Maschinengewehr-Takt abgefeuert werden. Das Hal Roach-Studio war in den Dreissigerjahren dank Leuten wie Charley Chase und Leo McCarey auf das Genre spezialisiert und lotete dessen Grenzen und Gesetze aus wie kein anderes. Mit Ed Sedgwick stand zudem ein Mann hinter der Kamera, der Buster Keatons letzte beiden Stummfilme The Cameraman und Spite Marriage als Co-Regisseur begleitet hat und von diesem viel über komödiantisches Timing gelernt hatte.

Aber wer ist nun Jack Haley?
Wer The Wizard of Oz (dt.: Der Zauberer von Oz; USA 1939) kennt, der kennt Jack Haley! Er hat als „Tin Man“ ein Quentchen Unsterblichkeit erlangt. Dass Haley ein fähiger Komödiant war, konnte man dort vermuten – Mister Cinderella bestätigt den „Verdacht“ aufs Schönste: Allein die mimischen Nuancen von Haleys Baby-Face würden den Film schon lohnen. Sein Gesicht scheint immer zwei Gefühlsregungen gleichzeitig zu spiegeln, völlige Verwirrung und pures Entsetzen, und simultan dazu macht er glaubhaft, dass er beides hinter einer freundlichen Fassade zu verstecken versucht. Damit ist er den ganzen Film über beschäftigt, denn die Geschichte, in welche er da hineingezogen wird, wird mit zunehmender Filmdauer irrer, deren verrückte Wendungen kommen immer rasanter.

Joe Jenkins (Haley) ist ein verträumter kleiner Hotel-Barbier, der gerne via Illustrierten im Leben der Reichen und Berühmten schwelgt. Durch einen Identitätstausch mit einem seiner Kunden, dem exzentrischen Millionär Merryweather – der Barbier soll sich an einer Party als Merryweather ausgeben – gerät er als eine art männliche Cinderella in eine haarsträubende Geschichte. Weil Merryweather als finanzieller Retter eines Projekts des Autoherstellers Randolph bei dessen Party erwartet wird, hoffiert der Gastgeber Joe wie eine Diva, weil er den Millionör vor sich wähnt. Die Tochter des Automoguls, die von Joe bewunderte Aktrice Patricia Randolph ist natürlich auch dort, was amuröse und andere Verwicklungen mit sich bringt. Schliesslich sollen die beiden sogar heiraten.

Der Film beginnt in gemächlichem Tempo: Die Hauptfiguren werden eingeführt, der Identitätstausch des Millionärs wird eingefädelt, die Party und die Verwechslung nehmen ihren Lauf, die beiden Hauptprotagonisten kommen sich näher. Dann wird der Verrücktheits-Level dank der Verwicklung weiterer Charaktere in den Plot gesteigert. Just als Joe und die Automoguls-Tochter von der rabiaten, geschäftstüchtigen Schwester ihres Vaters verkuppelt werden, taucht die von Sehnsucht geplagte Gattin des echten Millionärs im Haus auf. Ihr auf den Fuss folgt ihr rachsüchtiger Bruder, der Merryweather ans Leder will, weil der das Schwesterherz vernachlässigt; dann taucht zudem ein unfähiger Detektiv auf, der von des Millionärsschwagers geplantem Anschlag gehört hat und das Attentat verhindern will. Bald geht es im Hause Randolph zu wie in einem Taubenschlag für Verrückte. Mittendrin unser armer Barbier, der nicht weiss, wie ihm geschieht. Die Reichen spinnen, und nur der Butler behält die Fassung. Aber nur mit allerhöchster Not.

Das Ganze ist mit viel Sinn für verbale und physische Komik geschrieben – und ausgeführt wird es einem Regisseur, der genau weiss, wie man die Pointen wirkungsvoll zur Geltung bringt, ja, der den Witz mit seiner Inszenierung noch steigert: Durch stetiges Anziehen des Tempos – dazu gehören hektische Auf- und Abtritte, von Wortschwällen begleitete hektische Gänge durchs Haus, treppauf, treppab, Tür auf, Tür zu; es gibt Szenen, die bestechen durch die schiere Anmut der synchronen Bewegung – Keaton lässt grüssen!

Nochmals: Mister Cinderella ist kein Meisterwerk, aber ein höchst amüsante, spritzige Komödie, die bestens unterhält und eindrücklich zeigt, was komödiantisches Timing heisst. Und die es bei uns noch zu entdecken gilt!

Abspann:
Den Film gibt es in der Warner Archive Collection in der amerikanischen Originalfassung ohne Untertitel zu kaufen; das Bild ist etwas grobkörnig. Hier kann er für annehmbare Versandkosten bestellt werden.

 

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Ein aktueller Film:

Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children (dt: Die Insel der besonderen Kinder, USA 2016) Regie: Tim Burton; mit Asa Butterfield, Eva Green, Samuel L. Jackson, Terence Stamp u.a.
Tim Burtons neustes Werk, eine Jugendbuchverfilmung, handelt von Wunderkindern im wahrsten Sinn des Wortes und einem Ort ausserhalb der Zeit, der ihnen Zuflucht ist. Zuflucht vor den grauenvollen Monstern, die Doktor Barron geschaffen hat. Leider setzt Burton in den Sand, was eine spannend-witzige Fantasyschnurre hätte werden können. Der Mann ist einmal mehr derart absorbiert von seinen eigenen morbiden Fantasien, dass er keinen Blick mehr für eine sinnvolle oder spannende Dramaturgie übrig hat. Diesmal sind seine Morbiditäten regelrecht abstossend und für 12-jährige vollkommen ungeeignet und unverständlich. Tote, augenlose, aufgebahrte Kinder und Männer, die sich dank täuschender Computeranimation ohne Zwischenschnitte in grausige Monster verwandeln und dann auch noch die Augen der getöteten Kinder verspeisen, sie sind nichts für kindliche Gemüter – schon gar nicht, wenn das Grauen derart täuschend echt erscheint. Jedenfalls setzte ab der Hälfte des Films ein erheblicher Exodus traumatisierter junger Kinobesucher ein.

Vorschau:
Im nächsten Blogbeitrag steht wieder ein Filmklassiker auf dem Prüfstand. Ich habe mir endlich einen Film angesehen, der mich bislang nie gelockt hat, der aber für einen Filmliebhaber doch Pflicht ist: George Lucas‘ Kultfilm American Graffiti. Was dabei herausgekommen ist, verrate ich demnächst auf diesem Blog.

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4 Kommentare

  1. Hal Roach ist ja eigentlich auch ein Garant für gute Filme, oder habe ich da etwas falsch in Erinnerung?
    Ich gebe zu, hättest du gleich „berühmter Tin Man“ geschrieben, wäre ich bestimmt drauf gekommen 🙂 So hat mir der Name auch nicht wirklich etwas gesagt.

    1. Hal Roach war der Produzent der Laurel & Hardy-Filme, der „kleinen Strolche“ und der Charley-Chase-Kurzfilme – er hat seine Teams stets machen lassen und hatte das Vertrauen, dass was Brauchbares dabei herauskam – jedenfalls bis gegen Ende der Dreissigerjahre.
      Dass ich den „Tin Man“ nicht zu Beginn schon erwähnte, war natürlich Absicht – damit jeder Leser die Erfahrung machen kann, dass ihm der Name zwar nix sagt, er den Schauspieler aber kennt.

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