Otto, zieh die Bremse an – 1937

OH, MR PORTER
GB 1937
Mit Will Hay, Moore Marriott, Graham Moffatt, Dave O’Toole, Sebastian Smith, Agnes Lauchlan u.a.
Drehbuch: J.O.C. Orton, Val Guest und Marriott Edgar nach einer Originalstory von Frank Launder
Regie: Marcel Varnel
Dauer: 82 min
Im deutschsprachigen Raum kam der Film erst 1950 in die Kinos, unter dem irreführenden Titel Otto, zieh die Bremse an

Vorspann:
Aus den Dreissigerjahren sind bei uns fast keine britischen Filme bekannt; dass auch in England in dieser Epoche Beachtliches hergestellt wurden, beweist die schrullige Komödie Oh, Mr Porter! mit dem hierzulande praktisch unbekannten Komiker Will Hay in der Hauptrolle. Der Streifen, der in England noch immer ein fester Begriff ist, zählt bei uns zu den vergessenen Filmen. Eine Neuentdeckung.
Inhalt: Der unbedeutende Bahnangestellte William Porter (Hay) will hoch hinaus. Da seine Schwester mit dem Eisenbahn-Präsidenten verheiratet ist, wird Porter vom „Zugrad-Klopfer“ zum Bahnhofstvorstand befördert. Allerdings teilt der Schwager dem unfähigen Potter einen winzigen Bahnhof im hintersten Irland zu. Buggleskelly heisst das Kaff, und der Bahnhof ist seit Jahren stillgelegt: Kein Zug hält mehr dort. Trotzdem treiben sich dort noch immer zwei Bahnhofsangestellte herum, und Mr Potter ist wild entschlossen, den beiden dubiosen Gestalten Arbeitsmoral beizubringen. Eine Gangsterbande und ein lokaler Fluch erschweren das Leben das Leben des frischgebackenen Stationsvorsteher zusätzlich…

Der Film:
„Buggleskelly“ ist in England ein Begriff, genauso wie dieser Film. Hierzulande ist weder der Name des Films noch der seines Hauptprotagonisten ein Begriff, obwohl Oh, Mr Porter in den Fünfzigerjahren in den deutschen Kinos gezeigt wurde – allerdings blieb dies der einzige von Will Hays Filmen, der den Weg zu uns gefunden hat. Der 1949 verstorbene Hay, in Grossbritannien eine nationale Institution wie etwa Margareth Rutherford, ist bei uns höchstens anglophilen Filmkennern bekannt. Dass es sich durchaus lohnt, dessen Komödien neu zu entdecken, zeigt dieser Film, der erfreulicherweise soeben im deutschsprachigen Raum auf DVD erschienen ist (s. unten).

Moffatt, Marriott, Hay und Varnel

Oh, Mr Porter steht den bekannteren und späteren Komödien der Ealing-Studios (Passport to Pimlico, Ladykillers, The Lavender Hill Mob u.a.) in nichts nach. Hier wie dort tun skurrile Figuren skurrile Dinge. Der Humor ist bisweilen absurd und wird mit einem Understatement durchgezogen, der ihn noch potenziert.
Schon in den Dreissigerjahren lagen die Stärken der britischen Komödie offenbar im Drehbuch und in der Wahl der Darsteller – jedenfalls legt Oh, Mr Porter diesen Schluss nahe. Der heilige Ernst, mit dem Hay Porters lächerliche Unternehmungen durchexerziert, ist zum Kringeln. Etwa, wenn er sich dranmacht, den verlotterten Bahnhof von Buggleskelly optisch zu verschönern, um die täglich durchratternden Schnellzüge zum Verweilen zu animieren. In einem der zu diesem Zweck neu angelegten Blumenbeete steht plötzlich der Name der Station – Jeremiah Harbottle, sein methusalemhafter Mitarbeiter hat ihn mit Steinen als Mosaik gelegt. Allerdings steht da „Buggleskkely“. „‚Buggleskelly'“ schreibt man mit zwei „L“, bemerkt Porter. „Das sind aber 13 Buchstaben“, gibt Harbottle zu bedenken, „das bringt Unglück.“ Porter: „Dann nimm ein „K“ raus, das merkt eh‘ kein Mensch.“
Porters Feldzug gegen die Bahnbürokratie und der konstante Kampf, seine beiden renitenten Mitarbeiter zu korrektem Handeln zu bewegen, wir mit ebensoviel Liebe zum Detail und ebenso wunderbaren schrulligen Einfällen erzählt, wie man das von den späteren Ealing-Comedies kennt.

Marcel Varnel

Die Drehbuchautoren, zu denen auch der spätere Regisseur Val Guest (The Quatermass Xperiment; dt: Schock, GB 1955) gehörte, sorgen für eine konstante Folge von absurd-komischen Dialogperlen: Sehr oft wird eine komische Situation von einer verbalen Pointe noch verdelt. Das hat in Grossbritannien Tradition – die heimlichen Stars der klassischen britischen Komödien waren die Autoren, nicht die Regisseure. Letztere machten praktisch alle absolut hervorragende Arbeit und wussten genau, wie Komödie am besten funktioniert, waren aber im Grunde (auf hohem Niveau) austauschbar. Der Regisseur von Oh, Mr Porter (und mehreren weiteren Will Hay-Vehikeln), Marcel Varnel, war zwar gebürtiger Franzose, doch auch auf ihn trifft die obige Beschreibung zu. Er weiss die skurrile Geschichte perfekt ins Bild zu rücken und jeder Pointe zu ihrer maximalen Wirkung zu verhelfen. Mehr nicht; aber auch nicht weniger! (Wieviele Regisseure standen der Entfaltung einer Pointe nicht schon im Weg!)

Obwohl Will Hay komödiantisch mit den Grossen des britischen Kinos mithalten kann (Guinness, Rutherford, Holloway etc), ist sein Stern bei uns nie richtig aufgegangen. Hay war nicht nur Filmkomödiant, sondern kurioserweise auch noch ein bekannter und allseits respektierter Amateur-Astronom mit eigenem, selbst konstruiertem Observatorium im Garten! So konnte er etwa die Entdeckung des grossen weissen Flecks auf Saturn für sich in Anspruch nehmen, ein Phänomen, das 1933 für ein paar Monate zu beobachten war und darauf verschwand. Mit einem selbstgebauten Mikrometer vermass Hay die Positionen verschiedener Kometen. Und 1935 verfasste er ein Buch mit dem Titel Through my Telescope.
Oh, Mr Porter ist heute sein – innerhalb Grossbritannien – bekanntester Film. Ob es sein bester ist, darüber streiten sich die englischen Filmkenner. Er ist aber derart gut, dass er eine Visionierung lohnt. Die anderen Hay-Werke gilt es für uns noch zu entdecken… Auch ohne Teleskop und Mikrometer!

Nachspann:
Der Film wurde im Deutschsprachigen Raum vor kurzem auf DVD veröffentlicht, mit der original englischen Tonspur und der deutschen Synchronisation aus den 50er-Jahren, die erstaunlich gut gelungen ist. Hier geht es zum Angebot.

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Film-Schnipsel

Vorschau:
Eines Tages lässt sich aus heiterem Himmel am Radio die Stimme Gottes vernehmen – auf sämtlichen Radiostationen weltweit. Handelt es sich um einen Scherz oder ist ER es wirklich?
Aus dieser höchst interessanten Prämisse hat MGM 1950 einen Film gemacht – Regie: William A. Wellman. Das Werk heisst The Next Voice You Hear und ist heute völlig vergessen. Ob gerechtfertigt oder nicht, das ist demnächst hier nachzulesen…

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