Sacramento – 1962

RIDE THE HIGH COUNTRY
USA 1962
Mit Joel McCrea, Randolph Scott, Ron Starr, Mariette Hartley, R.G. Armstrong, James Drury u.a.
Drehbuch: N.B. Stone jr, Sam Peckinpah und William Roberts (die beiden letzteren ohne Nennung)
Regie: Sam Peckinpah
Studio: MGM
Dauer: 93 min
Der Film lief 1962 auch in den deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Sacramento

Vorspann:
Peckinpahs zweiter Kino-Western veränderte das Genre nachhaltig. Schmutz und Hässlichkeit hielten Einzug, die Helden sind zwei müde und alte gewordene Haudegen. Die unbegrenzten Möglichkeiten des Westens sind passé, die Moderne hat den Westen eingeholt. Vorbei die Zeit der romantischen Verklärung, im Western hat der Realismus Einzug gehalten. Ride the High Country gilt als der letzte der alten Western und als der erste der neuen.
Inhalt: Steve und Gil (McCrea und Scott), zwei alte Kumpel aus glorreichen Tagen, treffen sich und beschliessen, für die lokale Bank Gold aus einem Goldgräberkaff hinter den Bergen abzuholen und es sicher durch einen Bergpass zur Bank zu transportieren – ein gefährliches Unternehmen, das bislang dank Ueberfällen nur zu Verlusten geführt hat. Zusammen mit dem jugendlichen Heisssporn Heck (Starr) machen sie sich auf den Weg und bekommen bald Gesellschaft einer jungen Frau (Hartley), welche in dieselbe Goldgräbersiedlung will, weil ihr Verlobter dort arbeitet. Sie möchte ihn heiraten.
Dadurch gerät das bislang ruhige Unternehmen zum Höllenfahrtskommando, denn der Bräutigam entpuppt sich als grässliche Type mit einer noch grässlicheren Sippe. Die rasch improvisiete Hochzeit gerät zum Albtraum und unser Botentrio mutiert unversehens zur Schutztruppe für die junge Frau. Mit dem Gold und der fliehenden Braut reiten sie talwärts, die rachsüchtige Sippe des Bräutigams dicht auf den Fersen…

Der Film:
Nach der Sichtung dieses Klassikers fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Plötzlich wurde mir bewusst, weshalb ich mit den alten Westernfilmen so oft meine liebe Mühe habe: Die vor 1962 gedrehten Filme dieses Genres sind alle so „clean“ – jene von MGM sowieso, da war einfach alles clean, frisch gestrichen oder gewaschen. Aber auch in Western anderer Studios. Die Frisuren sitzen auch nach einem Höllenritt sauber und adrett. Die Hemden der Helden werden sowieso nie schmutzig, egal, was geschieht. Die Prostituierten sehen frisch und proper aus, wie aus dem Ei gepellt. Die Häuser wirken alle wie frisch gestrichen oder neu gebaut. Vor 1962 scheinen die meisten Western aus Disneyland zu kommen.
Peckinpah, der von deutschen Einwanderern abstammte (ursprünglich hiess seine Familie Beckenbach), machte Schluss mit der allgemeinen Sauberkeit. Mit diesem Film. Seine Prostituierten sind abgewrackte, traurige Gestalten. Das Goldgräberdorf ist eine provisorisch hingewürfelte, dreckige Zeltsiedlung, eine von ungewaschenen, irr blickenden Aasgeiern bevölkerte Vorhölle. Auch wenn Ride the High Country noch nicht die für diesen Regisseur legendäre stilisierte Gewaltdarstellung aufweist, welche später den Actionfilm in neue Bahnen lenkte, so weist er doch eine für seine Zeit bemerkenswette Radikalität auf und markiert einen Wendepunkt punkto „Look“, welcher das Genre stark beeinflusste.

Die Handlung und die Dramaturgie sind dabei recht einfach gestrickt. Zwei alte Haudegen und ein junger, unterwegs zu einem Goldtransfer. Einer der Alten paktiert mit dem Jungen, sie wollen sich mit dem Reichtum zu gegebener Zeit aus dem Staub machen. Ein Mädchen schliesst sich ihnen an, sie wird das Unternehmen ins Unglück stürzen, die beiden Alten aber in der „guten Sache“ einen. Schliesslich werden die vier von einer Truppe Galgenvögel mit Mordabsichten verfolgt, es kommt zum Showdown; einer der Alten kommt dabei ums Leben.
Das ist alles. Und doch ist der Film Kraft seiner Bilder und seiner Inszenierung von einer Innovationskraft, die ins Heute nachwirkt. In Ride the High Country herrscht eine Art erzählerischer Minimalismus, der mit kleinsten Mitteln (seien das Gesten oder prägnante „one-liner“) grösstmögliche Wirkung erzielt. Das Drehbuch wurde in einem mehrgängigen Prozess entschlackt und genau den Anforderungen angepasst, die der Regisseur im Kopf hatte. Der Realitätsnähe der Bilder entsprach eine möglichst unkompliziert sich entwickelnder Handlungsverlauf mit Figuren, die ihre Vielschichtigkeit nur sporadisch aufblitzen lassen. All das ist Peckinpah meisterhaft gelungen. Weder wird der Film jemals langweilig noch erscheinen seine wortkargen Hauptfiguren eindimensional. Da gibt es einmal eine kurze Dialogsequenz, welche man als Zuschauer nicht versteht – die beiden Alten erinnern sich anhand eines Stichwortes an eine gemeinsam erlebte Geschichte; beide brechen unvermittelt in ausgelassenes Gelächter aus. Die Szene enthüllt schlaglichtartig und ohne für uns verständlichen Kontext das starke Band, die Verbundenheit, die zwischen den beiden besteht, eine Verbundenheit, die durch ihre gemeinsame Geschichte entstanden ist. Das ist echte Meisterschaft. Ride the High Country war Peckinpahs zweiter Kinofilm.

Sam Peckinpah

Die Bilder wirken auch auf den heutigen Betrachter noch aufregend. Es gibt z.Bsp. eine lange Aufnahme, die McCrea und Scott im Ritt begleitet; die Pferde legen ein beträchtliches Tempo vor, die beiden Protagonisten diskutieren gerade eine wichtige Sache – die Kamera zeigt sie in der Halbtotale und folgt ihnen die ganze Zeit ohne nennenswerte Schwankungen, und zwar mindestens eine Minute lang. Sowas habe ich noch in keinem Western gesehen, die Szene hat mich verblüfft. Keine Ahnung, wie das gedreht worden ist. McCrea und Scott sitzen auf echten Pferden und reiten sichtlich durch unwegsames Gelände (oder jedenfalls wird dieser Anschein täuschend geweckt).
Der Showdown am Schluss dürfte für damalige Zuschauer ziemlich verblüffend gewirkt haben: Die beiden Protagonisten marschieren auftechten Gangs und aus vollen Rohren schiessend einfach auf ihre Gegner zu. Sowas bekam man ein paar Jahre später in den sog. Spaghetti-Western häufig zu sehen – Peckinpah hat’s erfunden.
Von der berühmt-berüchtigten peckinpah’schen Gewaltdarstellung ist hier noch kaum etwas zu sehen – die Gewalt ist aber als unterschwellige Gefahr in der Sequenz im Goldgräberdorf permanent spürbar. Sie könnte jederzeit losbrechen.

Die Entstehungsgeschichte dieses Klassikers war höchst wechselvoll. Bereits das Drehbuch ging seltsame Wege. Richard Lyons, der Produzent, hatte von MGM den Auftrag, einen kostengünstigen Western für den europäischen Markt zu fabrizieren. Gegenüber seinem Freund William Roberts (dem Drehbuchautor von Die glorreichen Sieben) erwähnte Lyons, er sei auf der Suche nach einem geegneten Stoff, worauf ihm dieser ein älteres Drehbuch seines Kumpels N.B. Stone empfahl. Es trug den Titel Guns in the Afternoon und handelte von zwei alternden Westernhelden.
Schaut man sich die Filmografie des N.B. Stone, dann stutz man: Der Mann hat ein paar Drehbücher für TV-Westernserien geschrieben, und nur zwei fürs Kino.
Die Wahrheit ist, dass jenes von Ride the High Country nicht wirklich von ihm stammt. Stone erhielt zunächst von Produzent Lyons den Auftrag, sein altes Drehbuch umzuarbeiten. Das war mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, die vornehmlich damit zusammenhingen, dass Stone ein starker Trinker war und praktisch nichts auf die Reihe kriegte, was Lyons von ihm verlangte. William Roberts, der sich wegen seiner Empfehlung an der Misere schuldig fühlte, überarbeitete das mittlerweile ziemlich disparate Buch – kostenlos. Nachdem Peckinpah mit im Boot war, nahm auch er es sich nochmals vor und überarbeitete es ein drittes Mal gründlich und machte es zu seinem Werk. In den Credits erschien nur Stones Name.

Dank einer Führungsrochade bei MGM bekam es Peckinpah mit einem ziemlich ignoraten Studioleiter zu tun, der während der Testvorführung des fertiggestellten Films einpennte und ihn daraufhin als „unbrauchbar“ titulierte. Er wurde als zweiter Teil eines Doppelprogramms in die US-Kinos gebracht und gelangte dort zusammen mit dem in Italien produzierten Historien-Schinken I Tartari (dt.: Die Tataren; Richard Thorpe & Ferdinando Baldi; I, USA 1961) zur Aufführung. Erwartungsgemäss flopte er, trotz einiger hervorragender Kritiken. In Europa hingegen erkannte man die Qualität des Films, hier hatte er einen beachtlichen Erfolg, der dazu führte, dass er MGM doch noch einigen Profit einbrachte.
Weshalb dem Film vom deutschen Verleih der Titel Sacramento verpasst wurde, bleibt auch nach dessen Sichtung ein Rätsel.

Joel McCrea sagte Peckinpah damals voraus, dass er es als Regisseur weit bringen werde. Er sollte Recht behalten.
Für Mc Crea und Randolph Scott wurde Ride the High Country zum glorreichen Schlusspunkt ihrer beispiellosen Westernkarrieren. Auch das ist dieser Film: Eine Verbeugung vor zwei der prägnantesten Protagonisten des alten Westernfilms.

Abspann:
Hierzuland ist der Film leider nur noch gebraucht und zu teils überhöhten Sammlerpreisen auf DVD erhältlich. Eine Neuausgabe dieses grossen Klassikers wäre dringend angezeigt!

*****************************************************************************************

Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – ein vergessener Film

Romance in Manhattan (dt.: Novak liebt Amerika; Stephen Roberts, USA 1935) Mit Francis Lederer, Ginger Rogers, Jimmy Butler, Arthur Hohl, u.a.
Ein vollkommen vergessener Film um einen illegalen Immigranten während der grossen Depression.
Der tschechische Immigrant Karel Novak (Lederer) wird mangels ausreichender finanzieller Mittel vom Immigration-Office in New York zurück in sein Land geschickt. Kurz nachdem sein Boot abgelegt hat, springt Novak von Bord und schwimmt zurück zum Hafen. Dabei bleibt seine Geldbörse auf der Strecke. Völlig mittellos versucht er Fuss zu fassen und gerät an das Chorus-Girl Sylvia (Rogers), die ihn bei sich aufnimmt. Fortan teilen sich Novak, Sylvia und deren kleiner Bruder Frank (Butler) die Arbeitsbeschaffung durch verschiedene Gelegenheitsjobs. Doch eine regelrechte Pechsträhne scheint das Trio befallen zu haben – ein Rückschlag folgt auf den anderen. Und dann soll der minderjährige Frank auch noch in ein Heim eingewiesen werden…
Romance in Manhattan wurde zwar 1935 gedreht, doch man glaubt sich darin in die Jahre des aufkommenden Tonfilms zurückversetzt; jene Filme waren unglaublich geschwätzig, doch das Publikum war dank dem neuartigen Ton völlig fasziniert. Heute sind diese Streifen kaum mehr auszuhalten, weil die Cinèmatografie weit hinter den Dialog zurücktrat. Im vorliegenden Film ist das zwar nicht mehr derart krass, das permanente Geschwafel ist aber doch ziemlich enervierend. Praktisch alles wird auf der Dialogebene abgehandelt – und die Dialoge sind platt und uninspiriert (Drehbuch: Jane Murfin und Edward Kaufman).
Schauspielerisch ist das alles ganz ordentlich, doch die Regie und vor allem das Drehbuch sind derart schwach, dass die Ermüdung beim Publikum schon einsetzt, bevor die erste Filmhälfte vorbei ist. Völlig einfallslos und ohne jeden Charme wird da Situation an Situation gereiht, die Handlung wird abgespult, ohne das Geschehen mit Leben zu füllen. Ein vergessener Film, der durchaus zu Recht vergessen wurde.
Offenbar gelangte er damals in die deutschen Kinos, unter dem ungelenken Titel Novak liebt Amerika.

Vorschau:
Oh, What A Lovely War ist der Titel von Richard Attenboroughs erster Regiearbeit. Seine Verfilmung eines damals bekannten Bühnenwerks führt die Genres Musical und Kriegsfilm zusammen und arbeitet mit grossem Staraufgebot. Ich habe mir den hierzulande kaum mehr bekannten, in England aber noch sehr populären Film aus dem Jahr 1969 angeschaut und verrate, wie er heute wirkt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s