Movie-Magazin 8: Hexenkessel (1950) & Leoparden küsst man nicht (1938)

CRISIS
USA 1950
Mit Cary Grant, José Ferrer, Gilbert Roland, Paula Raymond, Signe Hasso, Leon Ames, Ramon Novarro, u.a.
Drehbuch: Richard Brooks nach einer Story von Georg Tabori
Regie: Richard Brooks
Dauer: 96 min
Der Film kam erst 1955 unter dem Titel Hexenkessel in die deutschen Kinos

Vorspann:
Irgendwo in Südamerika: Der amerikanische Arzt Eugene Ferguson (Grant) und seine Gattin (Raymond) landen auf ihrer Urlaubsreise im Staat des Tyrannen Farrago (Ferrer). Im Volk kocht der Zorn, das Militär ist omnipräsent, die Atmosphäre kocht und steht kurz vor der Explosion. Bei der Ausreise werden die Fergusons von Militärs aufgehalten und in den Palst des Diktators verschleppt. Raul Farrago ist krank, tödlich krank und er braucht sofort ärztliche Hilfe. Da er sich nicht mehr hinaus traut, soll der entführte Arzt die notwendige Hirnoperation im Palast durchführen. Ferguson gerät zusätzlich unter Druck der Rebellen, die ihm nahelegen, einen „Kunstfehler“ zu begehen.
Zwischen dem Diktator und dem Arzt entspinnt sich ein hintersinniger Schlagabtausch zu den Themen Demokratie und Diktatur.
Als die Rebellen Fergusons Frau entführen und mit dem Tod bedrohen, um den Arzt für ihre Zwecke zu „motivieren“, verwischen die bis dahin schon unklaren Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ vollends.

Der Film:
Crisis sieht nicht aus wie ein typischer MGM-Film vom Anfang der 50er-Jahre: Keine saubergeleckten, frisch gestrichenen Kulissen, kein Glamour, keine üppige Filmmusik. Statt dessen: Schmutz, Düsterkeit, Gewalt, Undurchsichtigkeit. Auch thematisch unterscheidet sich Crisis von der üblichen MGM-Kost.
Es gibt ihn natürlich schon, den „good guy“, den man im US-Kino bis heute liebt und braucht. Dr. Eugene Ferguson steht stoisch wie ein Fels im zwielichtigen, nicht einfach zu durchschauenden Streit zwischen dem Herrscher und seinem Volk, hält sich streng an den hypokratischen Eid und tut, was er tun muss. Erlaubt sich als Einziger im respressiven Angst-Klima Respektlosigkeiten, weil er weiss, dass er unabdingbar ist. Ferguson ist die einzige Hoffnung, die Farrago noch hat. Und damit erscheint er dem Volk suspekt. Was er tut, kann ihn in Gefahr bringen: Gelingt die Operation, hat er den Mob gegen sich, gelingt sie nicht, zieht er sich den Unmut von Farragos Getreuen und dessen Gattin zu.
Wie kommt er da bloss wieder heil ‚raus? Auch darüber schweigt sich Richard Brooks‘ Erstling am Ende aus – auch das ist MGM-untypisch.

Brooks‘ Filme sind für ihren Bruch mit Hollywood bekannt – ein Wunder, dass der konservative Gigant MGM den jungen Wilden so lange portierte (13 Filme lang). In Crisis ist davon schon einiges sichtbar. Wahrscheinlich gehört er deshalb zu den vergessenen Filmen: Der Zeit war er voraus, er irritierte Kritiker und Publikum – und aus heutiger Sicht fällt er im Vergleich zu anderen Werken dieses Regisseurs ab, weil er zu wenig „Brooks-typisch“ ist.
Nimmt man ihn aber für sich, ohne ihn im Kontext anderer Filme dieses Regisseurs zu sehen und entsprechend zu werten – dann hat man einen Film, welcher dem Lauf der Zeit stand gehalten hat und der politische und gesellschaftliche Themen auf höchst spannende Weise in die Tiefe auslotet.

Es gibt im Grunde zwei Arten, einen Film zu bewerten. a.) Im Kontext seiner Zeit und seiner Macher: Hier bewertet man ein Werk mit Blick auf das Gesamtschaffen eines bestimmten Künstlers – ich nenne das mal die „elitäre Sichtweise“. b.) Man vergleicht ein Werk mit dem Gros der anderen vergleichbaren Werke aus jener Zeit oder aus allen Zeiten, betrachtet es somit als eigenständiges Werk – das könnte man als „populäre Sichtweise“ bezeichnen. Der Nachteil oder die Eingeschränktheit der „elitären Sichtweise“ liegt auf der Hand: Es ist, als würde man das heute servierte Dinner von Chefkoch A nicht geniessen, weil es dem sonst so hohen Standard seiner Küche nicht ganz gerecht wird. Dass es aber im Vergleich zum Essen sämtlicher anderer Restaurants der Stadt noch immer ein absoluter Hochgenuss ist, wird unterschlagen; man bringt sich somit um eine Gaumenfreude.
Nun kann das mit dem Bewerten von Filmen natürlich jeder halten, wie er will. Die „elitäre Sichtweise“ soll m.E. der „Elite“ vorbehalten sein – Filmwissenschaftlern und -historikern. Und den „Möchtegern-Spezialisten“, wenn sie sich öffentlich nicht zu sehr damit aufspielen und den Lesern auf die Nerven fallen. Ich für meinen Teil ziehe die „populäre Sichtweise“ vor, da ich erstens einen Film gerne geniesse und mir, zweitens, nicht anmasse, ein Filmspezialist zu sein. Wer meint, diese Sichtweise belächeln zu müssen, der soll bitte diesen Blog verlassen.

Crisis hat durchaus saftiges Fleisch am Knochen, das zudem erstaunlich frisch geblieben ist. Da wären einmal die verschiedenen moralischen Dilemmas, mit denen die Hauptfigur konfrontiert wird. Als junger Arzt schwor sich Ferguson, unter allen Umständen zu helfen, Leben zu retten. Das war seine Hauptmotivation. Nun wird er entführt und sieht sich in Farragos Palast vor die Aufgabe gestellt, das Leben eines Tyrannen retten zu müssen, den das Volk lieber tot sehen würde. Natürlich gibt Ferguson sein Bestes, versucht, den Menschen hinter der Maske zu sehen. Doch dann kommt er in Kontakt mit Widerständlern und wird in Versuchung geführt. Ferguson bleibt standhaft, er hält sich an die ethischen Grundprinzipien.
Und genau darum geht dem Film es im Grunde: Die ethische Haltung. Ferguson ist der Einzige, der in dem Hexenkessel ethisch handelt. Alle anderen haben sich entweder eine eigene kleine Privatethik zusammenfantasiert – Farrago und sein Hofstaat etwa – oder sie richten ihr Handeln nach der Ethik des Marktes – so der Vertreter einer amerikanischen Ölfirma, die sich mit dem Diktator gut stellt. Und die Aufständischen? Ihr Handeln folgt überhaupt keiner Ethik. Der Schluss des Films zeigt, dass hier der nackte Macht- und Zerstörungshunger herrscht.

Cary Grant studiert Brooks‘ Gips

Einer der grossen Vorzüge des Films ist es, dass er die Sichtweisen auf seine Figuren immer wieder in Frage stellt. Der Diktator – ein Monstrum? Vielleicht, aber sicher können wir dessen nicht sein. Er sagt Dinge, die klingen wie Lügen, geben aber doch zu denken und lassen einen nicht los: Ist der vom Volk als Märtyrer gefeierte tote Revolutionär wirklich vom Militär ermordet worden? Farragos Erklärung klingt verdammt plausibel und weist in eine gänzlich andere Richtung. Und der Rebellenführer Gonzales – ist er ein „Guter“ oder ein Aufrührer?
Einzig Ferguson bleibt, was er von Anfang an ist, ein Muster an Integrität, allerdings spürt man in jeder Sekunde, wie er darum ringt. Cary Grant spielt das grandios – obwohl er äusserlich ruhig bleibt und aussieht, als hätte man ihn in Stein gemeisselt, macht er durch wenige Gesichtsmuskelzuckungen deutlich, was für ein Konflikt in ihm lodert.

Grant hatte sich mächtig ins Zeug gelegt für diesen Film. Er bereitete sich auf diese Rolle vor wie auf keine andere, indem er Ärzte und Krankenschwestern interviewte und Operationsabläufe genau studierte. Daneben unterstützte er auch Richard Brooks, der am Set einen schweren Stand hatte – einige der älteren MGM-Stabmitglieder akzeptierten den Neuling nicht. Kameramann Ray June etwa soll Brooks wie einen Schuljungen abgekanzelt haben, und Set Decorator Cedric Gibbons verstrickte ihn in endlose Diskussionen, weil er alles besser zu wissen glaubte. Als ein Kamerawagen Brooks fast den Fuss zerquetschte, scheute dieser sich, zum Arzt zu gehen, weil er befürchtete, MGMs notorisch straffe Zeitpläne würden sein Ausfallen nicht zulassen und man würde ihn ersetzen. Grant schickte ihn mit den Worten zum Arzt, dass sich das Studio in diesem Falle auch gleich einen Ersatzhauptdarsteller suchen könne.

Neben Grant brillieren aber auch sämtliche anderen Darstellerinnen und Darsteller – oder fallen wenigstens nicht negativ auf. Paula Raymond hat als Grants Partnerin nicht viel zu tun, auch Leon Ames als Vertreter der Ölfirma nicht. Die grösste Beachtung gebührt neben Cary Grant dem Puertoricaner José Ferrer (der nicht mit dem fünf Jahre jüngeren Mel Ferrer verwandt ist). Ferrer und Grant bilden zwei charakterliche Gegenpole, deren gemeinsame Szenen vor Spannung und unterschwelligem Ressentiment regelrecht knistern. Als Dr. Ferguson die vorgesehene Operation anhand eines Kunststoff-Kopfes demonstriert, fragt ihn Farrago hinterher: „Und, Doktor – ging die Operation gut?“ Und Ferguson: „Bestens. Sie sind gestorben.“

Abspann:
Der Film fiel an den Kinokassen durch, einerseits, weil er neu und für das damalige Kinopublikum aussergewöhnlich komplex war, andererseits, weil die Presseabteilung, die der Sache offensichtlich nicht traute, alles noch mit einer irreführenden Werbekampagne verschlimmerte. Die Plakate verkündeten „Carefree Cary Grant on a gay holiday“ (s.o.).
Hierzulande kam er zwar in die Kinos, doch auf DVD oder VHS ist er bei uns nie erschienen. Dabei hätte der Film verdient, aus der Versenkung geholt zu werden.
In den USA kann ist er als „DVD on demand“ innerhalb der verdienstvollen Reihe „Warner Archive Collection“ in – na ja, diesmal nur leidlich guter Bildqualität zu bekommen. (Bestellbar zu geringen Versandkosten ist er hier.)

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:

Bringin Up Baby (dt.: Leoparden küsst man nicht; Howard Hawks, USA 1938) Mit Cary Grant, Katharine Hepburn, Charlie Ruggles, u.a.
„Die Screwball-Komödie schlechthin“, so wird Bringing Up Baby einstimmig genannt. Da kann doch was nicht stimmen…?! Da schreiben die Kritiker doch mal wieder voneinander ab?!
25 Jahre nach der Erstsichtung schaue ich mir diesen Klassiker zum zweiten Mal an und komme zum Schluss, dass Bringing Up Baby die Screwball-Komödie schlechthin ist! Vorsichtshalber schicke ich hinterher, dass ich natürlich nicht sämtliche Screwball-Komödien kenne, ich kann die Behauptung also nicht wirklich nachprüfen. Und ich bin mir sicher, dass es den allermeisten, welche dem Film diesen ehrenvollen Stempel verpassen, gleich geht.
Trotzdem: Der Film entspricht genau der Definition einer Screwball-Komödie. Aber wurde diese nicht vielleicht anhand dieses Films verfasst? Hier gerät man ins Grübeln… Man kennt das ja: Irgendein „Cahiers-du-Cinèma“-Schlaukopf hat den Film in Fünfzigerjahren gesehen, für gut befunden und sogleich eine wortreiche Filmtheorie darüber verfasst, und seither redet man nur noch von diesem Film, wenn man „Screwball“ meint.
Uns kann das egal sein. Die Fünfzigerjahre sind längst passé und wir schauen uns die Filme mit anderer Sichtweise, unter geänderten Voraussetzungen an. Und da lässt sich feststellen, dass Bringing Up Baby zu den lustigsten Filmen gehört, die ich kenne (und ich kenne viele lustige Filme!). Der „Screwball“ wird hier von Katharine Hepburn verkörpert – und wie! Bislang mochte ich diese Aktrice nicht besonders – für ihre Rolle in diesem Film liebe ich sie! Ihre hyperaktiv-exzentrische Susan gehört zu den unvergesslichen Kinofiguren. Cary Grant zieht zwar alle Register, hat aber gegen diesen kopflosen Wirbelwind kaum Chancen. Die Hepburn ist der Film.
Sie spielt eine Millionärstochter, welche dem verhuschten Paläontologen Huxley permanent in die Quere kommt und dabei ein Unglück nach dem anderen verursacht. Was Huxley auch tut (eigentlich will er nur sein Brontosaurus-Skelett fertig stellen), Susan taucht aus dem Nichts auf, und schon sieht der Professor aus wie durch den Schredder gezogen.
Bringing Up Baby ist ein typischer „Props-Film“: Irgendwelche Gegenstände (eng. props) spielen eine ganz wichtige Rolle, verschwinden aber ständig oder werden verwechselt und halten damit die Handlung am Laufen, die Charaktere beschäftigt. Hier ist es ein Saurierknochen.
Zudem gibt es eine ganze Reihe verschrobener Charaktere, die mit ihren Reaktionen auf den Wahnwitz des Geschehens zusätzlich für Erheiterung sorgen.
Howard Hawks inszeniert Dudely Nichols‘ irrwitziges Drehbuch mit grösstmöglichem Gespür für komödiantisches Timing: Jede Pointe sitzt und entfaltet durch minuziöse Vorbereitung ihre Wirkung maximal. Und immer ist die Kamera am genau richtigen Platz, um diese Wirkung auch optisch wirkungsvoll einzufangen.
Ein Schatz von einem Film! Wer den noch nicht kennt: Unbedingt endlich ansehen!

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Hello, my Name is Doris
(Michael Showalter, USA 2015) Mit Sally Field, Max Greenbaum, Tyne Daly, Peter Gallagher, u.a.
Ein Film, der leider nicht bei uns zu sehen war. Das sollte sich noch ändern, denn Sally Field ist eine Bombe! Sie spielt die alte Jungfer Doris, die jahrzehntelang bei ihrer kranken Mutter gelebt hat und nach deren Tod plötzlich schutzlos im Leben steht. Und sich in den jungen neuen Bürokollegen verliebt. Lässt Harold & Maude grüssen? Nein, der Film geht ganz andere Wege. Und mitten drin Sally Field, der die Rolle der ältlichen Schrulle auf den Leib geschrieben ist. Michael Showalter (The Baxter) schrieb und inszenierte diese quer in der Landschaft stehende Geschichte mit viel Sinn für Witz und Schalk und führt die verschupfte Doris wunderbar behutsam durch alle Stationen des Erwachens. Und Sally Fields (Norma Rae, Smoky and the Bandit) ist so knuddelig und verschroben, wie man sie noch nie gesehen hat. Eine echte Entdeckung!


Elvis & Nixon
(Liza Johnson, USA 2016) Mit Michael Shannon, Alex Pettyfer, Kevin Spacey, Colin Hanks, u.a.
Gerade wird Elvis & Nixon hierzulande (in der Schweiz) von der Kritik hochgejubelt. Der Spielfilm, der eine fiktionalisierte Vorgeschichte um das reale Zusammentreffen zwischen dem „King“ und dem damals (1970) mächtigsten Mann der Welt bastelt, ist zwar durchwegs amüsant, läuft aber im Grunde ins Leere. Die Erkenntnis, dass „jene ganz oben“ einsam und allein sind, ist nicht gerade neu. Die Regie hinterlässt keinen bleibenden Eindruck und das Spiel der beiden Hauptdarsteller, Shannon und Spacey überzeugt nicht vollends. Dafür wartet das Drehbuch mit einigen schönen Episoden und Wendungen auf.
Ein unterhaltsamer Film, der in den USA wahrscheinlich auf mehr Interesse und Echo stösst als bei uns.

Vorschau:
Das nächste Film-Magazin stellt einen hierzulande nie gezeigten, zu Unrecht vergessenen meisterhaften Film Noir von Anthony Mann vor: Side Street aus dem Jahr 1949. Darin gerät ein unbescholtener Briefbote (Farley Granger) durch einen Diebstahl in eine Erpressergeschichte und wird schliesslich sowohl von Gangstern als auch der Polizei quer durch New York gejagt.
Der „Filmklassiker auf dem Prüfstand“ wird Gérard Ourys La grande vadrouille (dt.: Die grosse Sause, 1966) sein.

 

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