Movie-Magazin 6: Einer weiss zuviel – 1950

WOMAN ON THE RUN
USA 1950
Mit Ann Sheridan, Dennis O’Keefe, Robert Keith, Ross Elliott, Frank Jenks, John Qualen u.a.
Drehbuch: Alan Campbell und Norman Foster nach einer Geschichte von Sylvia Tate
Regie: Norman Foster
Dauer: 77 min
Der Film fand 1952 den Weg in die deutschsprachigen Kinos, und zwar unter dem Titel Einer weiss zuviel.

Vorspann:
Während eines nächtlichen Spaziergangs wird der Maler Frank Johnson (Ross Elliott) Zeuge eines Mordes unter Gangstern. Er hat den Mörder gesehen und kann ihn beschreiben. Das macht ihn wertvoll für die Polizei, die sogleich am Tatort eintrifft und Frank als Kronzeugen verpflichten will. Doch Frank flüchtet aus Angst vor der Rache der Gangster.
Inspektor Ferris (Robert Keith) nimmt Kontakt mit der desillusionierten Frau des Malers auf (Ann Sheridan) und versucht, über sie an seinen Zeugen zu gelangen. Doch diese, ohnehin im Glauben, ihr Mann wolle sie auf diese Weise verlassen, nimmt lieber das lukrative Angebot des Reporters Leggett (Dennis O’Keefe) an, der Franks Geschichte exklusiv in seinem Blatt bringen will und der Gattin 1’000 Dollar verspricht. Gemeinsam mit Leggett macht sie sich auf die Suche, gefolgt von Ferris‘ Leuten – und dem Mörder.

Der Film:
Woman on the Run gehört zu den wenig bekannten Vertretern des Film Noir. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass der unabhängig produzierte Film nach seiner Kinoauswertung in den Tiefen des Paramount-Archivs verschwand. Paramount hatte sich 1950 um den Vertrieb des Films gekümmert. Filmhistoriker und Gründer der „Film Noir Foundation“ Eddie Muller trieb die Kopie nach langer Suche auf und brachte den Film nach all den Jahren an einem Film Noir-Festival 2003 wieder zur Aufführung, wo er begeistert aufgenommen wurde. Muller plante eine aufwändige Restauration. Leider wurde der Film bei einem Studiobrand 2008 zerstört. Es stellte sich heraus, dass es sich um die einzige 35mm Kopie in ganz Amerika gehandelt hatte.
Entschlossen, den Film zu restaurieren, suchte Muller anderswo nach weiteren Kopien. In den Beständen des British Film Institute wurde er schliesslich fündig, und seit kurzem liegt Woman on the Run herrlich restauriert auf Blu-ray und DVD vor.

Woman on the Run ist aus zwei Gründen bemerkenswert (abgesehen davon, dass er hervorragend geschrieben, inszeniert und gespielt ist): Er wurde on location an einigen Schauplätzen San Franciscos gedreht und bietet ein wunderschönes Schwarzweiss-Portrait der Stadt von vor 60 Jahren. Und: Woman on the Run erzählt neben seinem Gangster- und Detekitv-Plot die Geschichte einer gescheiterten Ehe und deren „Heilung“. Letzteres ist für einen Film Noir eher ungewöhnlich – meist stehen einseitige Liebesgeschichten und/oder sexuelle Obsessionen im Zentrum dieses Genres.
Der Rest ist Film Noir in Reinkultur: Stark ausgeleuchtete Schwarzweiss-Kontraste, „hard boiled“-Typen (inklusive einer Frau), zynische Dialoge.

Die Drehbuchautoren bauen aber immer wieder kleine witzige Auflockerungen in ihren äusserst dicht gewobenen Plot mit ein – etwa den herrchenlosen Hund des Malers, dem sich schliesslich der Poizeiinspektor, der härteste Hund von allen, annimmt. Oder die blitzenden Dialog-Duelle zwischen der Ehefrau und dem Reporter.
So gesehen ist Woman on the Run nicht wirklich ein typischer Film Noir – aber einer den zu entdecken sich unbedingt lohnt.
Leider darf von der Handlung nicht allzuviel verraten werden; der Spoiler-Alarm geht bereits in der Hälfte der Nacherzählung los. Da wird dem Publikum nämlich die Identität des eingangs noch nicht sichtbaren Killers bereits enthüllt – aber nur dem Publikum. Hitchcock hätte seine Freude an dem Film gehabt, denn genau das mochte er auch: Während die Protagonisten im Dunklen tappen, weiss der Zuschauer um die Gefahr, die sie umgibt. Aber was sage ich da – „hätte“? Hitchcock kannte Woman on the Run wahrscheinlich; es gibt Hinweise, dass er sich von der Rummelplatz-Sequenz am Schluss deses Streifens zu seiner eigenen Rummelplatz-Sequenz in Strangers on a Train (dt.: Der Fremde im Zug, USA 1951) hat inspirieren lassen. Das Finale von Woman on the Run spielt sich auf San Franciscos Rummel „Carmel’s Playland“ ab und endet mit einer höllischen Achterbahnfahrt, die Hitchcock in der Tat Ehre gemacht hätte. Franks Gattin sitzt in einem der Wagen fest und rast abwärts, jede Rechtskurve gibt ihr einen kurzen Blick auf ihren ahnungslosen Mann frei – dem sich der Killer unaufhaltsam nähert.

Abspann:
Norman Foster, heute kaum mehr bekannt, war eine interessante Figur in Hollywoods Filmbusiness. Foster war nicht nur Regisseur, er schrieb auch zu vielen seiner Filme die Drehbücher. Das Schreiben stand am Anfang seiner Karriere – er arbeitete als Reporter und verfasste einige Theaterstücke. Auch als Schauspieler liess er sich einsetzen – so kam er zum Film.
Am Anfang seiner Regisseur-Karriere steht die Mr. Moto-Reihe mit Peter Lorre, für die er fast alle Folgen inszenierte. Danach widmete er sich mit Charlie Chan einem weiteren chinesischen Ermittler – er drehte drei Episoden mit Sidney Toler. Zwischen 1943 und 1948 drehte er fünf Spielfilme auf Spanisch, in Mexico, zu denen er ebenfalls die Drehbücher beisteuerte. Zuvor arbeitete er mit Orson Welles an Journey Into Fear. Welles selbst holte Foster „ins Boot“, als er merkte, dass er den Film wegen Überlastung nicht selbst inszenieren konnte. Kennengelernt hatten sich die beiden übrigens bei den Dreharbeiten zu Welles vorausgehendem Film, dem nie fertiggestellten It’s All True. Dort hätte Norman Foster eigentlich nur Hintergrundszenen aufzunehmen gehabt, die dann in den fertigen Film hätten einkopiert werden sollen – doch aufgrund seiner Fähigkeiten stieg er zum Co-Regisseur und Co-Autor auf.
Foster drehte eine Reihe von Spielfilmen ganz unterschiedlicher Genres; in den späten Fünfzigerjahren stieg er bei Disney ein, für den er die zwei Davy Crockett-Filme mit Fess Parker und Buddy Ebsen drehte und dann in einigen Disney-TV-Shows Regie führte (u.a. Zorro). Verheitratet war Norman Foster mit den Schauspielerinnen Claudette Colbert und Sally Blane (einer Schwester von Loretta Young).

Weil der ursprüngliche Inhaber des Copyrights die Rechte nicht erneuerte, zählte Woman on the Run rechtlich als public domain, das heisst, er wurde quasi zum Allgemeingut. Deshalb zirkulierten einige miserable DVD-Fassungen davon auf dem US-Markt. Dem wurde vor kurzem Abhilfe mit einer sorgfältigen Restauration durch das UCLA Film & Television Archive geschaffen. Der Film ist in den USA und in England auf DVD/ Blu-ray erschienen. (Bestellbar zu geringen Versandkosten ist er hier.)
Hierzulande ist/war er je weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS erhältlich. Abhilfe tut Not – die hohe Qualität des Werks würde eine Veröffentlichung rechtfertigen!

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:
Eine neue Rubrik.
Wenn ich in diesem Blog schon vornehmlich Filme vorstelle, die im Strom der Zeit „untergegangen“ und heute kaum mehr bekannt sind, was ist dann mit den bekannten? Kommen die auch mal zur Sprache?
Ich weise ja immer wieder darauf hin, dass es unter den vergessenen Werken auch Entdeckung zu machen gilt, sogar kleinere und grössere Meisterwerke. Da kommen schon Gedanken darüber auf, weshalb die eigentlich vergessen sind. Und weshalb andere Filme demgegenüber eine so grosse Reputation geniessen.
Es gibt wohl zwei Hauptgründe, weshalb ein gutes Kinowerk in der Versenkung verschwindet: Fehleinschätzung von Seiten der Kritik zur Zeit der Erstaufführung und/oder mangelndes Publikumsinteresse zum selben Zeitpunkt. Beides kann einem Film den Todesstoss versetzen. Beides kann passieren, wenn ein Film „quer in der Landschaft“ steht, seine Qualitäten nicht wahrgenommen werden können weil er einerseits am gerade herrschenden Zeitgeist vorbeirasselt oder nicht in die gerade herrschende Ideologie der kulturellen Eliten passt. Die Idee, dass die Filmkritik und die Rezeption ein Werk neutral und „unbefleckt“ bewertet, ist eine Illusion.
Umgekehrt führen obige Ausführungen zum Schluss, dass auch öffentlich gefeierte und bis heute anerkannte Meisterwerke (Zufalls-)Produkte des Zeitgeistes/der Ideologie sein müssen. Und aus diesem Grund sollten sie, nach meiner Auffassung, immer mal wieder einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.
Aber genau dies findet nicht statt. Lieber betet man die Litanei früherer Gralshüter der Kritik und der Kulturszene nach als selber zu denken; man könnte sich ja blamieren.
Ich habe mich fürs Blamieren entschieden. In dieser neuen Kolumne werde ich mir sporadisch gefeierte Kinowerke vorknöpfen und fragen: Ist das wirklich ein Meisterwerk? Ist die Reputation dieses Films gerechtfertigt? Hat er im Heute überhaupt noch Bestand?
Und da Film ein Zwitterding zwischen Kunst und Kommerz darstellt, darf man – so bin ich überzeugt – diese „heiligen Werke“ durchaus aus dem Elfenbeinturm der Filmwissenschaft herausholen, sie in die Realität des interessierten Filmkonsumenten stellen und sie aus dessen Sicht prüfen. Denn Filme wollen ja gesehen werden. Sie wurden vornehmlich für ein Publikum gedreht (jedenfalls die meisten), nicht für die wissenschaftliche Analyse im akademischen Olymp.
Sollte ich mit dieser Auffassung jemandem auf den Schlips getreten sein, so ist dies mit voller Absicht geschehen…
Les 400 coups (dt.: Sie küssten und sie schlugen ihn; François Truffaut, Frankreich 1959) Mit Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy u.a.
Mit der „nouvelle vague“ hatte ich seit jeher meine liebe Mühe. Zu aggressiv verteufelten mir deren Exponenten die herkömmliche Art, Kino zu machen. Der Realitätsanspruch, den sie zum kategorischen Imperativ und singulärem Qualitätsmerkmal erhoben, ist im Grunde ein Witz, war damals aber durchaus im Zeitgeist verortet. Kein Film kann m.E. den Anspruch erheben, ein Abblid der Realität zu sein, da letztlich doch alles Inszeniert ist und dem subjektiven Empfinden des Regisseurs unterliegt. Ich gebe zu, dass ich ein Fan des artifiziellen Kinos bin – es ist schlichtweg ehrlicher.
Doch zum Film: Les 400 coups steht ganz am Beginn der nouvelle vague. Er ist stark autobiografisch gefärbt und zeigt das Leben des „schwierigen“ Schuljungen Antoine Doinel – Truffauts alter ego – der im Lauf der Handlung zum Delinquenten wird und in ein Heim gesteckt wird. Der Genauigkeit halber muss erwähnt werden, dass dieser Antoine Doinel eine Mischung aus Truffaut und dem Darsteller des Jungen, Jean-Pierre Léaud ist. Léaud hatte eine ähnliche Laufbahn hinter sich, als Truffaut ihn für das Projekt auswählte. Interessant ist, dass Truffaut und Léaud im Lauf der Jahrzehnte fast miteinander verschmolzen, denn der Regisseur holte die Figur und ihren Hauptdarsteller im Lauf der Jahrzehnte immer wieder vor die Kamera – insgesamt fünf Mal. Und immer spielt Leaud Truffaut und liess auch die eigene Biografie einfliessen.
Les 400 coups ist ein wunderbarer Film! Ein Meisterwerk, wirklich! Berührend, feinfühlig, fantasievoll, hervorragend gespielt und grossartig inszeniert. Ein Film, der die Zeiten bis heute ohne Schaden zu nehmen überdauert hat. Man wird ihn auch im 50 Jahren noch ansehen und verstehen können, denn die thematisierten gesellschaftlich Themen sind zeitlos. Zudem handelt es sich hier wohl um den Film der nouvelle vague, welcher der von ihren Exponenten angestrebten Authentizität am nächsten kommt: Sowohl Truffaut als auch sein Hauptdarsteller Léaud wussten genau, wovon sie erzählten. Die vielen in die Geschichte eingewobenen Episoden wirken authentisch, beleben den Film und treiben ihn unaufhaltsam voran. Trotz aller „Wahrheit“ ist der Film nie bitter oder anklagend. Er zeigt auf und vertraut auf die Wirkung seiner Bilder. Truffaut war von Beginn weg ein absolut selbstbewusster Filmemacher.
Fazit: Ein Meisterwerk
Sie küssten und sie schlugen ihn ist im deutschsprachigen Raum vor kurzen auf Blu-ray erschienen. Auch auf DVD ist er zu haben.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Edge of Tomorrow (dt.: Dough Liman, USA 1914) Mit Tom Cruise, Emily Blunt,
Die Aliens sind (mal wieder) da! Dough Limans Science-Fiction-Spektakel geht von einer Uralt-Prämisse aus (Aliens erobern die Erde und müssen vom Militär bekämpft werden) und peppt diese mit einer Prise … und ewig grüsst das Murmeltier auf. Tom Cruise ist der Deserteur Cage, der in ein Todeskommando-Camp an die Alien-Bekämpfungs-Front starfversetzt wird. Als er bei einem Feldeinsatz umkommt, wacht er kurz nach seiner Ankunft im Camp wieder auf und durchlebt die ganze Tortour nochmals. So geht das endlos weiter: Immer wenn Cage stirbt, wiederholt sich die Geschichte ab seiner Ankunft im Camp. Im Lauf der Zeit lernt er, sein Verhalten den kommenden Ereignissen anzupassen – und überlebt jedes Mal ein wenig länger. So kommt er dahinter, dass er nicht der einzige mit dieser „Auferstehungs-Krankheit“ ist – und dass er den Aliens unter einer bestimmten Voraussetzung einen vernichtenden Schlag zufügen könnte. Doch bis dahin vergehen unzählige Leben…
Die Story ist im Grunde sinnloser Fantasy-Quark. Das Aufsehenerregende an diesem Streifen ist die Inszenierung; sie ist ein Triumph der erzählerischen Verknappung – faszinierend, wie sie trotz harter Schnitte und rabiater Zeitsprünge weder Überblick noch Erzählfluss aus den Augen verliert und so den Bezug zum Publikum aufrecht erhält. Nur das aufgesetzt Ende passt nicht in die „Logik“ des Vorangegangenen. Da musste wieder mal auf Biegen und Brechen einer auf Patriotisch gemacht werden.

Vorschau:
Nächste Woche ist hier kurz Sommerpause – ich fahre in Urlaub!

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3 Kommentare

  1. Mir gefällt Deine neue Rubrik! Zumal es nicht einzig darum gehen muss ob es sich bei dem jeweiligen Klassiker um ein Meisterwerk handelt oder nicht. Meisterwerke werden oft hochgejubelt ohne ihnen den kleinsten Makel zuzugestehen. Das fiel mir vor einigen Jahren sehr deutlich auf als ich eine Dokumentation zu Langs „Metropolis“ sah, der meiner Meinung nach zu Recht als Meisterwerk gilt, es aber einzig Lang selbst war, der es innerhalb des Dokumentarfilms wagte kritische Worte zu seinem Werk zu äußern. Der Rest war unreflektiertes Hochjubeln eines tollen Filmes, der durchaus Schwachpunkte besitzt. Von daher begrüße ich Deine neue Rubrik, zumal ich mir auf meinem Blog auch stets die Freiheit nehme offene Worte für jede Art Film zu finden, egal ob es sich um einen anerkannten Klassiker handelt oder nicht.

    1. Besten Dank für Deine Zustimmung!
      „Metropolis“ hat durchaus Mängel – so toll er insgesamt ist. Aber es gibt Sequenzen, die sind aus heutiger Sicht zum auswachsen!
      Ich finde es wichtig, dass man sich nicht einfach von der Übermacht der Kritikermeinung einschüchtern lässt. Dass die einander zum Teil nachplappern, das weiss ich aus meiner eigenen Zeit als Filmkritiker. Ist ja schliesslich einfacher. In jenen Kreisen gab es zwei Leithirsche und die bestimmten die Meinung, die vorzuherrschen hatte. Alles natürlich unausgesprochen….

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