Nacht der tausend Sterne (1943)

THOUSANDS CHEER
USA 1943
Mit Kathryn Grayson, Gene Kelly, José Iturbi, John Boles, Mary Astor, Mickey Rooney, Judy Garland, Frank Morgan, Red Skelton, Margaret O’Brien, Lena Horne u.v. a.
Drehbuch: Paul Jarrico und Richard Collins
Regie: George Sidney
Studio: MGM
Dauer: 125 min
Der Film kam spät in den deutschsprachigen Kinos an. Erst 1954 wurde er dort gezeigt, unter dem Titel Nacht der tausend Sterne.

Vorspann:
Die Sängerin Kathryn Jones (Grayson) soll ihren Vater, Colonel Jones (Boles) in Trainingscamp der US-Armee begleiten und dort eine Show zur Hebung der Truppenmoral auf die Beine stellen. Sie verliebt sich in den Soldaten Eddie Marsh (Kelly), der zunächst desertieren will, dank Kathryn aber doch einen Sinn in der militärischen Ausbildung findet und ihr mit der Show hilft. Das letzte Drittel des Films zeigt schliesslich die geplante Show und ist eine Abfolge von Shownummern mit Gastauftritten zahlreicher Hollywood-Stars.

Der Film:
Diesmal gibt der „Klassiker der Woche “ nicht viel Anlass zur Begeisterung. Wie die hier bereits vorgestellten Filme The Human Comedy und The Caterville Ghost wurde er 1943, mitten im Krieg der USA mit Deutschland, gedreht und wie diese diente er zur Hebung der Truppenmoral. Dabei ist Thousands Cheer propagandistisch der direkteste der drei- hier steht das Militär und der einzelne Soldat gänzlich im Zentrum der Handlung.

Thousands Cheer zerfällt in zwei ziemlich desparate Teile: Zwei Drittel des Films gehören der Liebesgeschichte um Kathryn Jones und Private Marsh, der eigentlich Hochseilartist ist. Dieser Teil ist mässig interessant, einerseits wegen der Farblosigkeit sämtlicher Charaktere, andererseits weil diese von völlig uncharismatischen Schauspielern verkörpert werden. Mit Ausnahme von Gene Kelly (der allerdings schauspielerisch sichtlich überfordert ist) und José Iturbi bleibt kein einziger der Akteure und Aktricen der Spielhandlung in Erinnerung. Augenfällig wird dies am Beispiel der Hauptdarstellerin. Judy Garland führt in ihrem Kurzauftritt am Ende des Films in drei Minuten vor, was Charisma und Leinwandpräsenz bedeutet und macht damit augenfällig, wie sehr diese Qualitäten Kathryn Grayson abgehen.

Das letzte Drittel, die grosse Bühnenshow, setzt abrupt ein und wirkt lieblos an den Film drangeklebt. Kein Wunder, griff man dafür zum Teil auf Sequenzen aus zwar fertiggestellten, aber nicht veröffentlichten Filmen zurück, die deutlich sichtbar von anderen Units gefilmt wurden. Der Auftritt von Eleanor Powell etwa wirkt wie eine in einem Take rasch durchfilmte Testaufnahme. Auch Lena Hornes Auftritt wirkt deutlich wie ein Fremdkörper. Auch dass bei fast jeder Musikeinlage wieder ein anderes Orchester zu Gange ist, trägt stark zum Eindruck von Flickschusterei bei, den der Film gegen Schluss stark erweckt.
Weil die Spiel-Handlung mit dem Beginn des Show-Segments jäh wegbricht und nicht wenige der dort gezeigten Nummern zu lang oder zu uninteressant – oder beides – sind , verliert der Zuschauer bald jegliche Geduld. Auf eine zusätzliche Probe wird diese von Mickey Rooneys sowohl angestrengter als auch anstrengender Moderation gestellt. Einzig der vom Pianisten / Dirigenten José Iturbi am Klavier begleitete witzige Song Judy Garlands und Red Skeltons Sketch mit der kleinen Margareth O’Brien glänzen als Perlen aus dem Mittelmass heraus.

Der eigentliche Star zumindest der beiden ersten Filmdrittel ist José Iturbi; die beiden Hauptakteuere Grayson und Kelly hatten erst in wenigen Filmen mitgespielt, sie in fünf, er in vier, und waren noch kaum bekannt. Iturbi dagegen schon. Allerdings nicht vom Kino. Der geborene Spanier war in den 20er-Jahren als pianistisches Wunderkind bekannt. In Amerika feierte er grosse Erfolge und machte ab 1933 auch als Dirigent von sich reden. Obwohl er heute praktisch vergessen ist, zur Zeit der Dreharbeiten war der klassisch ausgebildete Musiker wahrscheinlich bekannter als die beiden Hauptdarsteller; Thousands Cheer war sein erstes Filmengangement, das im Anfangstitel wie ein Grossereignis zelebriert wird. Entsprechend seines Status räumte man ihm viel Platz im Film ein: Man sieht ihn mehrmals ganze Stücke entweder dirigieren oder auf dem Klavier spielen. Die Handlung ruht in diesen Momenten (und nicht nur in diesen!).

Thousands Cheer ruhte bisher auch – in einem Studioarchiv. Das darf er getrost weiterhin tun.

Abspann:
Gene Kelly nachfolgender Film war Tay Garnetts Anti-Nazi-Film The Cross of Lorraine (keine deutsche Veröffentlichung bekannt) von 1943, in welchem er einen Franzosen spielen musste. Wie der Vorgängerfilm zu Thousands Cheer, Georg Sidneys Pilot #5 (ebenfalls 1943) enthielt auch dieser keine Tanzszene. Immerhin gibt es eine solche in Thousands Cheer, doch diese ist eigentlich viel zu kurz. Erst zwei Jahre später kam dann mit Anchors Aweigh (dt.: Urlaub in Hollywood, 1945) Kellys Durchbruch als Tänzer. Regisseur George Sidney, Kathryn Grayson und José Iturbi waren erneut mit von der Partie. Und ein junger Sänger namens Frank Sinatra.
Kathryn Grayson, eine ausgebildete Koloratursopranistin, wurde 1941 für den Film entdeckt. Gemäss ihrer Profession wurde sie in erster Linie in Musicals eingesetzt. Vor Thousands Cheer war sie in Frank Borzages Musical (!) Seven Sweethearts (dt.: Sieben junge Herzen, 1942) als Holländerin zu sehen, danach spielte sie, erneut an der Seite von Gene Kelly im bereits erwähnten Anchors Aweigh. Ihr bis heute bekanntestes Musical ist Show Boat (dt.: Mississippi-Melodie, George Sidney, 1951).
José Iturbi trat nach seinem ersten Leinwandauftritt in Thousands Cheer bis 1951 noch in 9 weiteren Filmen auf, immer als er selbst. Grosse Freude hatte er allerdings nicht an der Filmerei, und so tourte er bis in die 80er-Jahre weiter erfolgreich als Dirigent durch die Welt.
George Sidney drehte vor dem hier rezensierten Musical das bereits erwähnte Kriegsdrama Pilot #5, danach die Musicalkomödie Bathing Beauty (dt.: Badende Venus, 1944) mit Esther Williams und Red Skelton.

Rezeption:
Der Film wurde ein voller Erfolg und brachte dem Studio Einnahmen von über 2 Mio Dollar. Das Presse-Echo schwankte zwischen Begeisterung und lauwarmer Zustimmung. Immerhin wurde der Film für drei Oscars nominiert: Beste Kameraarbeit, beste Filmmusik und beste Art Direction. Er ging in allen Sparten leer aus.

Thousands Cheer ist im deutschsprachigen Raum weder auf DVD noch auf Blu-ray-veröffentlicht worden. Er war auch nicht auf VHS erhältlich.
In den USA erschien er als “DVD on demand” innerhalb der Reihe Warner Archive Collection – mit sehr gutem Bildtransfer (siehe Screenshots).

Der klassische Film diese Woche – Blick in andere Film-Blogs:
Lawrence of Arabia (David Lean, 1962) wird von Film im Dialog diskutiert – zur Sprache kommt auch, weshalb man das imposante Werk auf der grossen Leindwand sehen sollte und weshalb es so schwierig ist, das auch zu tun, wenn er da schon mal gezeigt wird…
Schmutziger Engel (1958), der Erstlingsfilm des Regisseurs Alfred Vohrer, wird im Blog Grün ist die Heide ausführlich vorgestellt.

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