Schloss im Mond – Rouben Mamoulian

LOVE ME TONIGHT
USA 1932
Mit Maurice Chevalier, Jeanette MacDonald, Charles Ruggles, Charles Butterworth, J. Aubrey Smith, Myrna Loy, u.a.
Drehbuch: Samuel Hoffenstein, Georg Marion Jr. & Waldemar Young, nach einem Stück von Léopold Marchand und Paul Armont
Musik: Richard Rodgers und Lorenz Hart
Regie: Rouben Mamoulian
Deutschsprachige Kino-Erstaufführung 1932 unter dem Titel Schloss im Himmel; im TV wurde der Film unter dem Titel Schönste, liebe mich ausgestrahlt (ARD, 1972)
Produktion: Paramount
Dauer: 89 min

Vorspann:
Die Besprechung ist Teil meiner kurzen Reihe über frühe amerikanische Film-Musicals:
-Golden Dawn (bereis erschienen – klick hier)
Love Me Tonight
-Noch zu bestimmendes Busby Berkeley-Musical

Inhalt: Maurice, ein lebenslustiger Schneider aus Paris, gerät ins Schloss des Herzog d’Artelin, weil der dort weilende Graf de Vareze ihm noch Geld für 15 Anzüge schuldet. Weil der nichtsnutzige Graf vor dem Herzog das Gesicht wahren will, gibt er den Schneider kurzerhand als Baron aus. Die gelangweilte, noch immer ledige Tochter des Grafen, Prinzessin Jeanette, verliebt sich in Maurice, froh, endlich eine Alternative zu dem einen möglichen Bräutigam (81) und dem anderen (12) gefunden zu haben. Als Maurice seine wahre Identität enthüllt, steht der Hof Kopf.

Der Film:
Mit dem Aufkommen des Tonfilm wollte das Publikum im Kino Musicals sehen – und Hollywood gab ihm, wonach es verlangte. Hunderte von kürzeren und längeren mehr oder weniger zusammenhängenden Nummernrevuen wurden bis 1930 abgedreht, die Sängerinnen und Sänger konnten sich wegen der fix montierten Mikrophone kaum bewegen, die in schalldichten Boxen gezwängten  Kameras ebenfalls nicht. Im Verlauf dreier Jahre machte die Tontechnik allerdings gewaltige Fortschritte. Und davon soll hier berichtet werden.

Rouben Mamoulians Love Me Tonight gilt als Meilenstein des Genres. Man reibt sich auch heute noch die Augen, wenn man sich den Film anschaut. Unglaublich, was da alles drin steckt! Man hat das Gefühl, da wollte einer nicht nur  den ultimativen Tonfilm drehen, sondern gleichzeitig auch noch das Genre gegen den Strich bürsten, es neu erfinden und die alten Konventionen durch den Kakao ziehen. Zudem ist Love me Tonight derart spritzig, fantasievoll und originell, dass er über die Jahrzehnte kaum an Wirkung verloren hat.

Schon der Beginn des Films ist höchst ungewöhnlich – er beginnt mit einer „Grossstadt-Sinfonie“, die in erster Linie aus rhythmisierten Geräuschen besteht. Paris erwacht, in einem kleinen Quartier hält das Leben so langsam Einzug, ein Arbeiter nach dem anderen kommt aus seiner Wohnung. Zunächst ist nur das gleichmässige Schlagen eines Strassenbauarbeiters zu hören. Dann kommt ein Clochard ins Bild, und der Pickel-Schlag wird von dessen Schnarchen kontrapunktiert. Immer weitere Geräusche kommen hinzu, bis die Stadt „brummt“.
Schwenk zu Maurice, dem Hauptprotagonisten, der sich zum „Song of Paree“ bereit macht, zur Arbeit zu gehen. Dabei folgt ihm die Kamera durch die Wohnung, übers Treppenhaus auf die Strasse, wo verschiedene Passanten in das Lied einstimmen. Dabei sind Darsteller und Kamera permanent in Bewegung. Nichts mehr übrig vom bis dahin üblichen statischen „Singen an Ort“! Maurices Bewegungen folgen dem Rhythmus des Stücks, die Sequenz ist für die damalige Zeit unglaublich dynamisch.
Danach folgt eine der gelungensten und originellsten Musicalsequenzen, die ich kenne: Mamoulian stellt über den Song „Isn’t it romantic?“ eine Verbindung zwischen den beiden Hauptprotagonisten her, die sich noch nicht kennen und hunderte von Kilometern voneinander entfernt sind. Der Song beginnt in Maurices Atelier, wo es von einem Kunden auf die Strasse getragen wird. Ein Taxifahrer greift es auf, dessen Fahrgast nimmt es mit in den Zug, wo es von einer Truppe Soldaten übernommen wird. Diese funktionieren es stracks in ein Marschlied um, zu dem sie durchs Gelände stampfen, wo es ein Zigeunerjunge hört, der es ins Lager mitbringt. Als Zigeunerweise dringt es schliesslich ans Ohr von Prinzessin Jeanette, die im benachbarten Schloss auf dem Balkon schmachtet, von Liebe träumt und den Song in dieser Stimmung zu Ende führt. Die Sequenz charakterisiert zudem in groben Zügen die beiden Hauptprotagonisten und umreisst die Ausgangslage zum folgenden Geschehen.

Verglichen mit früheren Musicals ist Love Me Tonight bahnbrechend. Was Mamoulian hier alles an Experimenten, Neuerungen und Regelbrüchen ‚reinpackt ist schier unglaublich. In welchem anderen Musical sieht man die beiden Protagonisten während des gesamten grossen Liebesduetts pennend im Bett liegen? In welchem anderen Musical bis dato war die ganze Action derart rhythmisiert und auf die Musik abgestimmt, dass man von der Musik als einem dritten Hauptdarsteller sprechen muss? Und in welchem anderen Film sieht und hört man J. Aubrey Smith singen? Love Me Tonight ist nach Ansicht der Filmhistoriker das erste Musical, in welchem die Songs nicht Selbstzweck sind, sondern die Handlung vorantreiben.
Mamoulian – auch das war bislang nie dagewesen (und nachher evtl. auch nicht) – begann erst mit dem Dreh, nachdem Rogers & Hart ihre Partitur fertig hatten. Mamoulian bat Richard Rodgers, auch die Hintergrundmusik im Voraus zu komponieren. Üblicherweise erledigte das ein untergeordneter Komponist im Nachhinein.
Auf diese Weise entstand nicht nur eine durchgängig einheitlicher Score, Mamoulian konnte zudem die Szenen dem Rhythmus der Komposition ideal anpassen. Da er den Film auch selbst Schnitt, konnte er seine Vorstellungen durchsetzen. Am augefälligsten wird dies in der Jagd-Sequenz, wo die Musik zwischen martialischem Jäger-Gedönse und leichtfüssigem Hirschhüpf-Pizzicato changiert. Rodgers gab Mamoulian so die Möglichkeit, die Sequenz im Sinne der Komosition zu konzipieren und sie durchzurhythmisieren. Andere Sequenzen wurden durch die Hintergrundmusik erst inspiriert, etwa jene, in der Maurice das riesige leere Schloss erkundet.

Vieles an dem Film wirkt noch etwas holprig und ungelenk, was wohl dem kruden technischen Stand des sound equipment geschuldet ist, dem Mamoulian mit seinen Ideen hier weit vorauseilt. Seine Inszenierung und Einfälle stellten aber die Messlatte für andere ambitioniere Regisseure dar, den Standard, den es zu erreichen und mit fortschreitenem technischem Fortschritt zu verfeinern galt.

Abgesehen von den cinéastischen Freuden sind auch die Songs vom berühmten Duo Rodgers & Hart (Pal Joey) das reine Vergnügen: Witzig, ironisch, frech und spritzig. Hier der Text zu „Mimi“:

My left shoe's on the right foot
My right shoe's on my left
Oh! Listen to me, Mimi,
Of reason I'm bereft!
The Buttons of my trousers
Are buttoned to my vest.
Oh! Listen to me, Mimi,
There's passion in my breats!

REFRAIN
Mimi,
You funny little 
good-for-nothing Mimi,
Am I the guy?
Mimi,
You sunny little honey
Of a Mimi,
I'm aiming high.
Mimi,
You've got me
Sad and dreamy.
You could free me
If you'd see me.
Mimi,
You know I'd like to 
Have a little
Son of a Mimi
By and By

Der Film ist herrlich, von Beginn bis Ende. Jede Rolle ist perfekt besetzt; die Darsteller müssen einen Heidenspass beim Drehen gehabt haben – jedenfalls kommt es so ‚rüber, trotz Berichten über die permanente Gespanntheit des Regisseurs während des Drehs. Das zugrund liegende Stück ist kurzweilig, die Dialoge funkeln nur so mit ironischen Spitzen und Bonmots. Die Dekors des Deutschen Hans Dreier (er war Art Director in mehreren Filmen Josef von Sterbergs) sind wunderbar märchenhaft.

Ursprünglich sollte George Cukor den Film drehen – glücklicherweise stieg der aus und Mamoulian wurde „ins Boot“ geholt, eine auf den ersten Blick seltsame Wahl, denn die ersten drei Filme des gebürtigen Armeniers waren deftige Dramen (darunter Dr. Jekyll and Mr. Hyde). Auf den zweiten Blick passt die Wahl aber, denn Mamoulian hatte am Broadway bereits erfolgreich und mit viel Innovationsgeist Operetten und Musicals inszeniert, darunter 1927 eine gefeierte Version von Porgy and Bess.
Mamoulian erkundete die Möglichkeiten des Tonfilms mit grossem Erfindungsgeist – davon zeugt (u.a.) Love Me Tonight. In späteren Jahren verlor er sein Verve und wandte sich wieder vermehrt der Bühne zu, wo er wiederum Beachtliches leistete. Rouben Mamoulian drehte nur 19 Filme. Dank seiner frühen Tonfilme zählt er zu den Grossen des Kinos.

Nachspann:
Isn’t it romantic gehört zu den schönsten Sequenzen des Film. Hier ist sie:


Nachvertonung: Die bewegten Gesangs-Sequenzen in diesem Film wurden zu einem Playback gedreht und hinterher nachvertont – auch dies eine damals eine für Musicals eher neuartige Vorgehensweise. Trotzdem gibt es mindestens zwei Sequenzen, wo sich Mamoulian über das statische Singen mokiert und Chevalier direkt in die Kamera und somit ins Publikum singen lässt.
Der Film war ursprünglich 105 Minzen lang. Für eine Re-Issue in den späten Vierzigerjahren mussten aber wegen dem Hays-Code unzählige „heikle“ szenen entfernt werden. Diese sind heute verschollen.
Maurice Chevalier war vor Love Me Tonight an der Seite des Trickfilm-Vamps Betty Boop zu sehen – im Fleischer-Cartoon Stopping the Show. Danach kam ein weiterer Kurzfilm: In Hollywood on Parade (No.A7) gibt er den Song „Louise“ zum besten.
Jeanette MacDonald stand bereits in ihrem Vorgängerfilm mit Maurice Chevalier zusammen von der Kamera: Für Ernst Lubitsch drehten sie One Hour With You. Danach trat auch sie in Hollywood on Parade (No.A7) auf, mit dem Titelsong aus Love Me Tonight.

 

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