In der Glut des Südens – Terrence Malick

DAYS OF HEAVEN
USA 1978
Mit Richard Gere, Dawn Adams, Sam Shepard, Linda Manz,
Drehbuch und Regie: Terrence Malick
Kamera: Nestor Almendros und Haskell Wexler
Deutschsprachige Kino-Erstaufführung 1979; imdb.com verzeichnet zwei deutsche Titel: Tage des Himmels und  In der Glut des Südens
Produktion: Paramount
Dauer: 97 min
Im deutschsprachigen Raum war der Film auf DVD verfügbar – inzwischen ist er vergriffen und nur noch zu irrwitzig hohen Sammlerpreisen erhältlich

Vorspann:
Inhalt: Rast- und heimatlos reisen der junge Bill, seine kleine Schwester Linda und seine Geliebte Abby auf der Suche nach Arbeit durch die USA. Seit der jähzornige Bill im Affekt den Vorarbeiter seines letzten Arbeitsortes getötet hatte, befindet sich das Trio auf der Flucht. Nach langer Fahrt auf dem Dach eines Güterzuges landen die drei auf der abgeschiedenen Farm eines einsamen Getreidegrossbauern. Da Bill Abby als seine Schwester ausgibt, entsteht schon bald ein unheilvolles Liebesdreieck, welches Bill und Abby zu ihren Gunsten ausnutzen wollen. Da die Tage des Farmers offenbar gezählt sind, rechnet man sich ein reiches Erbe aus, wenn Abby den Farmer heiratet. Da es aber nach der Hochzeit mit dessen Gesundheit aufwärts geht, spitzt sich die Situation unerträglich zu…

Der Film:
Schon wieder eine Filmbesprechung, die ich mit dem Satz beginne: „Eigentlich ist die Handlung zweitrangig“. Dieser Satz weist untrüglich auf den Umstand hin, dass die Cinématografie und /oder das Visuelle im Zentrum stehen. In der Tat ist Terence Malicks Days of Heaven ein „Bilder-Film“, an dessen künstlerischem Erfolg der Mann an der Kamera entscheidenden Anteil hatte. So wie Jack Cardiff Essentielles zu Werken wie Black Narcissus oder The Red Shoes beigetragen hat, so ist der Name Nestor Almendros untrennbar mit Days of Heaven verbunden. Allerdings nicht allein, wie wir gleich sehen werden.

Hauptprotagonist dieses Films ist – das Licht. Malick und Almendros schaffen Bilder von unglaublicher Schönheit, mit Hilfe natürlichen Lichts, wie man es bis dahin im US-Kino nie gesehen hatte. Doch gleich muss präzisiert werden: Der Regisseur hatte einen erheblichen Anteil am Gelingen des Licht-Experimentes. Seine Entscheidung, Days of Heaven bis auf wenige Ausnahmen ohne jede künstliche Beleuchtung zu drehen, fusste auf einer soliden Kenntnis lichtempfindlicher Filmmaterialien sowie der damals neuartigen Kameramodelle. Das Wie bildete während der Dreharbeiten trotzdem immer wieder Herausforderungen, die er mit Nestor Almendros‘ Fachwissen und Unterstützung erfolgreich anging. Der Europäer  Almendros war (u.a. als „Hauskameramann“ François Truffauts) Experimente und Improvisationen eher gewöhnt als seine amerikanischen Kollegen, die an starke, rigide Konventionen gebunden waren. Die am Projekt beteiligten einheimischen Hilfskameramänner jedenfalls opponierten zum Teil heftig gegen Malicks Intentionen. Dass dieser etwa Figuren im Gegenlicht und ohne Gegenbeleuchtung filmen wollte, fanden sie total daneben. „So sieht man doch ihre Gesichter gar nicht!“ Das ging damals gegen jede gängige amerikanische Kino-Konvention.

Almendros wirkte da ausgleichend; er zeigte sich deutlich zugänglicher für Malicks Ideen. Nach etwa zwei Dritteln Drehzeit musste er das Projekt  allerdings verlassen, da er mit Truffaut eine weitere Verpflichtung eingegangen war. Der Dreh von Days of Heaven dauerte länger als geplant und Truffauts neues Projekt (La chambre verte) liess sich nicht verschieben. Als seinen Nachfolger wurde Haskell Wexler geholt, der Almendros‘ Arbeit unter Malicks Anleitung so nahtlos und Werkgetreu fortführte, dass weder Wexler noch Almendros später mit Sicherheit sagen konnten, wer nun welche Szene geschossen hatte.

Days of Heaven ist nach Aussage von Nestor Almendros zudem der erste Film, in dem eine rundum bewegliche, „schwebende“ Kamera zum Einsatz kam (dank der sog. Panaglide, einer von Panavision entwickelten Alternativen zum Steadycam-System). Sie konnte z. Bsp. in einem Bach stehende Akteure umkreisen, ohne dass dort Schienen hätten verlegt werden müssen (was eh‘ kaum zu bewerkstelligen gewesen wäre), oder sie konnte den Protagonisten in das von Art director Jack Fisk vollständig nachgebaute Farmhaus folgen und sie von einem Zimmer zum anderen begleiten. Das muss damals einen verblüffenden Eindruck aufs Publikum gemacht haben – heute ist sowas gang und gäbe.

Die Wirkung all dieser Neuerungen ist aus heutiger Sicht nicht ohne Weiteres nachvollziehbar; auch die damals unerhörte Arbeit mit dem Licht fand inzwischen Eingang in die filmischen Gepflogenheiten nicht nur des US-Kinos und kommt deshalb heute nicht mehr ganz so elektrisierend zur Geltung wie noch vor 37 Jahren. Trotzdem: Da Malick und sein Team sehr oft während der sogenannten „Magic Hour“ – jener kurzen Zeitspanne, während der die Sonne hinter dem Horizont versinkt – gedreht hatte, liegt eine ganz eigene Atmosphäre über dem Film. Viele jener Sequenzen werden im Film als Morgenszenen „verkauft“ und spielen zur Zeit des Sonnenaufgangs; man sieht die Feldarbeiter zur Getreideernte aufbrechen, viel Filmzeit wird für die detailierete Rekonstruktion der Ernte verwendet – fast mehr als für die eigentliche Handlung. Es gibt hier Aufnahmen von sich bewegenden Menschengruppen in einer scheinbar endlosen Getreidelandschaft, die sprachlos machen – auch heute noch. Und das durch nichts verfälschte Licht lässt sie authentisch aussehen.

Days of Heaven gehört zu den „authentischsten“ Filmen die ich kenne. Auch damit setzte er damals Massstäbe. Die Rekonstruktion des ärmlichen Lebens zu Beginn dieses Jahrhunderts verdankt viel der Lichtregie; aber auch die Kostüme und die Sets tragen das ihre dazu bei – und nicht zuletzt Malicks Entscheidung, Szenen immer wieder abrupt abzubrechen. Der Film besteht aus lauter kleinen, kaleidoskopartigen Impressionen, Fragmenten, wenn man so will. Nichts wirkt ausgearbeitet und gekünstelt, weil wir als Zusachauer immer nur Momentaufnahmen zu sehen bekommen. Bevor sich beim Zuschauer das Gefühl ausbreitet, Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen, versetzt ihn ein abrupter Schnitt woanders hin. In der Fragmentarisierung ähnelt Malicks Werk jenen seines Kollegen Robert Altman, der die Kamera in seinen Schlüsselwerken jeweils scheinbar zufällig eine Personengruppe in den Fokus nehmen und diese ebenso „zufällig“ wieder verlassen liess, um sich der nächsten zuzuwenden.
Bei Malick lag ein Drehbuch mit detailliert ausgearbeiteten Handlung und Dialogen vor. Was da drin stand, wurde auch gedreht. Erst am Schneidetisch, während eines zeitintensiven Prozesses erhielt Days of Heaven seine ungewöhnliche Form. Malick scheute sich offenbar nicht, auch möglicherweise bahnbrechende Sequenzen über Bord zu schmeissen. Als er einmal mit dem Schnitt festsass, lud er seine Kinderdarstellerin Linda Manz ins Tonstudio ein. Sie sollte sich die fertigen Filmsequenzen ansehen und ins Mikrofon reden, was ihr dazu durch den Kopf ging. Das wortgewandte Mädchen tat wie geheissen, unter anderem erzählte sie eine eigene Version des jüngsten Gerichts. Dann wurden Manz‘ Monologe zu den verschiedensten Filmsequenzen abgespielt. Wo sie am besten passten, wurden sie eingefügt. Und sie eröffenten mehrmals Möglichkeiten für wunderbare Szenenübergänge, was Malicks Problem schliesslich löste.

Days of Heaven, Malicks zweites Kino-Werk, wirkt noch heute so frisch und unverbraucht, weil der Regisseur sich um keinerlei zeitgeistig bedingten Konventionen scherte. Das löst ihn aus dem Korsett des Zeitgeschmacks und öffnet ihn für viele kommende Generationen von Filmfreunden.

Abspann:
John Travolta war eigentlich die erste Wahl des Regisseurs für die Rolle des Bill. Travolta war dank des im Vorjahr erfolgreichen Films Saturday Night Fever in aller Munde. Da er zur Zeit des Drehs unabkömmlich war, kam Richard Gere ins Spiel. Gere kam mit Days of Heaven zu seinem viertem Kinofilm, seiner ersten Hauptrolle – und an den Ausgangspunkt seiner Star-Karriere.
Sam Shepard war in Days of Heaven ebenfalls erstmals in einer Film-Hauptrolle zu sehen. Der Autor hatte zwar zuvor schon in zwei Filmen mitgewirkt, allerdings nur in winzigen Mini-Rollen. Danach war er regelmässig in wichtigen US-Filmen zu sehen.
-Auch Brooke Adams wurde mit Days of Heaven (ihr zweiter grosser Kinoauftritt) entdeckt. Ihr Stern sank aber schnell wieder; bis heute war sie regelmässig in grösseren oder kleineren Nebenrollen zu sehen, zu grossem Star-Ruhm kam sie nie. Ihre bekanntesten Filme sind neben Days of Heaven David Cronenbergs Dead Zone und Philip Kaufmans Neuauflage von  Invasion of the Body Snatchers.
Linda Manz wurde für Days of Heaven praktisch aus der Schule rekrutiert. Ihre Filmkarriere schleppte sich bis Mitte der Achtzigerjahre dahin, 1997 holte David Fincher sie für The Game nochmals aus der Versenkung. Der Casting Director von Days of Heaven sagte damals: „Ich vermute, Linda wäre nicht unglücklich, wenn sie keine weiteren Rollenangebote mehr erhielte.“ Damit hatte er – nach Manz‘ eigener Aussage – ins Schwarze getroffen.
Terrence Malick drehte nach seinem Zweitling Days of Heaven zwanzig Jahre lang keinen Film mehr. The Thin Red Line (1998) wurde sein dritter. Inzwischen dreht er in kürzeren Abständen. Sein neustes Werk, Knight of Cups, soll im September bei uns anlaufen.

 

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