Fellinis Satyricon – Federico Fellini

FELLINI SATYRICON
Italien 1969
Mit Martin Potter, Hiram Keller, Salvo Randone, Max Born, Magali Noel, Capucine, Alain Cuny, u.a.
Regie: Federico Fellini
Drehbuch: Federico Fellini und Bernardino Zapponi, nach dem Roman von Gaius Petronius
Deutschsprachige Kinopremiere 1970 unter dem Titel Fellinis Satyricon
Dauer: 130 min
Im deutschsprachigen Raum auf DVD verfügbar (allerdings um sechs Minuten gekürzt)

Vorspann:
Inhalt: Der römische Student Encolpius und dessen Freund Ascyltus, zwei homosexuelle junge Männer, erleben eine Reihe von Auschweifungen und Abenteuer im alten Rom zur Zeit des Kaisers Nero. Zunächst streiten die beiden um die Gunst des Knaben Giton, treten nach einem Besuch im Bordell in Diskurs mit dem Dichter Eumolpus, erleben Orgien, Kriege, Gefangenschaft, Liebe und Wollust, Entführen ein Orakel und kämpfen gegen den Minotaurus. Unter anderem.

Der Film:
Im Grunde hat der Film keine Handlung. Er reiht in loser Folge Episoden aus dem alten Rom aneinander; einem Rom notabene wie es Fellinis Fantasie entspringt. Die Episoden sind durch zwei sexuell freizügige Hauptfiguren miteinander verbunden. Im Film ist weder ein Sinn noch eine Moral auszumachen, alles ist fragmentarisch, ein Kaleidoskop von Monstrositäten, Grausamkeiten und Irrsinn, das sich immer wieder in neue flüchtige Panoramen und Bilder auflöst. Fellini Satyricon ist ein Bildersturm gegen die Regeln und Konventionen des Kinos, der einzig den Launen und Obsessionen seines Regisseurs folgt und der so stark im damaligen Zeitgeist (Hippie-Bewegung, 1968, freie Liebe) verhaftet ist, dass er heute datiert erscheint.

Fragmente
Die Vorlage ist ein Roman des römischen Dichters Gaius Petronius, der nur noch fragmentarisch erhalten ist. Das Fragment ist denn auch das Stilmittel des Films. Fragmente finden sich überall, in den immer wieder plötzlich abbrechenden oder von anderen Geräuschen übertönten, oftmals in Fantasiesprachen oder verschiedenen italienischen Dialekten gebrabbelten Dialogfetzen; in abrupt mittendrin abreissenden oder unvermittelt mittendrin einsetzenden Handlungssträngen; Figuren werden eingeführt, die kurze Zeit später sang- und klanglos wieder aus dem Film verschwinden; menschliche oder tierische Leben werden gewaltsam beendet; Themen werden aufgegriffen, Erzählungen begonnen, aber nie zu Ende geführt. Damit spiegelt Fellini die Vorlage zwar adäquat, für den Zuschauer erwächst daraus allerdings mit zunehmender Filmdauer und dank Überlänge eine Geduldprobe. Man kann sich nirgends festhalten, keine Figur besitzt Konstanz ausser die beiden Hauptprotagonisten, diese scheinen jedoch keinerlei Charakter oder Eigenschaften zu besitzen. Ständig entzieht Fellini den Sehgewohnheiten der Zuschauer den Boden, indem er den Film gegen alle Konventionen der filmischen Erzählung bürstet.

Fellinis Visionen
Nach einer Schaffenskrise – die er notabene im Film Otto e mezzo thematisierte – war Fellini Satyricon für den Regisseur eine Art Befreiungsschlag. Wie in keinem anderem seiner Film schreibt er jegliche Zugeständnisse an Sehgewohnheiten in den Wind und inszeniert rücksichtslos seine Visionen und Obsessionen; erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ein amerikanisches Filmstudio finanziell beteiligt war. Das ergibt abwechslungsweise Sequenzen von faszinierendem Irrsinn, von abstossend-pervertierter Fremdheit, von enervierender Unverständlichkeit oder von lähmender Leere. Und immer wieder Bilder von berückender Schönheit oder faszinierender Gestaltung.
Fellini richtet mit grosser Kelle an – Fellini Satyricon gehörte zu den teuersten Filmen, die in der Cinecittá entstanden. 89 Schauplätze sollen dafür gebaut worden sein, darunter ein mehrstöckiges römisches Apartementhaus, das während eines Erdbebens einstürzt und eine riesige Banketthalle.
Der Maestro orchstrierte und kontrollierte während der Dreharbeiten jedes kleinste Detail. Er plante die Abläufe der einzelnen, teils komplexen, von Statisten übervölkerten Szenen minuziös und machte jedem einzelnen Komparsen klar, wie er sich seine Bewegungen vorstellt. Zwei Schauspielerinnen, die sich am Rand der Szenerie küssen sollten, unterbrach er, weil er sich das Küssen anders vorgestellt hatte: „Nicht wie Lesben, wie Eidechsen!“ Während dem Dreh intimerer Sequezen gab er den Akteuren und Aktricen permanent mündliche Anweisungen über ihre Bewegungen vor der Kamera: „Martin, heb‘ jetzt den Arm. Hiram, hinlegen, zu Martin schauen. Lächeln. Streichle sein Haar“, und so fort. Hinterher wurde der Film dann nachsynchronisiert, nicht zuletzt deshalb, weil ein grosser Teil der Crew entweder englischsprachig war oder keine Schauspielkenntnisse besass. Dieser autokratische Inszenierungsstil lässt das Spiel der Schauspieler hölzern und unbeseelt erscheinen, und auch die nachträglich vorgenommene Synchronisation macht sich negativ bemerkbar, da einige der Sprecher ihre Arbeit miserabel verrichteten.

Wirkung
Die Visionen, die Fellini hier verarbeitet, entspringen stark dem damaligen Zeitgeist: „1968“ ist allgegenwärtig. Fellini war fasziniert von der neuen Revolte der Jugend, der sexuellen Freizügigkeit, der Attacke gegen das Althergebrachte. All das spricht überdeutlich und mit dicken Lettern aus dem Film. Entsprechend gross war die Resonanz auf den Film, zunächst in Europa und danach in Amerika, wo der Film von der Hippie-Bewegung vereinnahmt wurde.
Der radikal persönliche, manche sagen: egomanische Ansatz von Fellini Satyricon löste eine wahre Welle aus. Viele Regisseure bestärkte er in der Haltung oder evozierte diese, Filme nicht für ein gesichtsloses Publikum zu drehen, sondern um eine persönliche Vision zu verfolgen. Nur die wahren Künstlerpersönlichkeiten konnten damit überzeugen.
Heute gereicht Fellini Satyricon das starke Verhaftetsein im 68er-Zeitgeist zum Nachteil: Trotz grossartiger Kamerarbeit (Giuseppe Rotunno) und begeisternder Bildgestaltung wirkt er heute datiert und angestaubt. Er ist viel mehr ein Zeitzeugnis als ein die Zeiten überdauerndes Kunstwerk. Es erstaunt daher nicht, dass er im Schatten der meisten anderen Fellini-Filme steht.

Abspann:
„Fellini Satyricon“ ist ein merkwürdiger Titel für einen Film. Wieso den Regisseur im Titel nennen? Ursprünglich sollte der Film einfach Satyricon heissen – aber kurz vor Drehbeginn wurde bekannt, das eine andere italienische Produktion mit demselben Titel unter der Regie von Gian Luigi Polidoro geplant war. „Jetzt werden meine Filme schon kopiert, bevor ich sie gedreht habe!“, soll Fellini ausgerufen haben. Fellinis Produzenten klagten zwar gegen das Projekt, hatten vor Gericht aber keinen Erfolg: Das Konkurrenzunternehmens durfte den Namen „Satyricon“ im Titel führen, Fellini Satyricon wurde zur Notlösung, um sich von der Konkurrenz abzuheben. United Artists bezahlte dem Studio sogar eine runde Million, damit dieses den Starttermin seines „Satyricon“ um einen Monat hinausschob. Heute ist dieser Film vergessen.
Groucho Marx, Mae West, Danny Kaye und Boris Karloff sollten nach Fellinis Plänen in wichtigen Nebenrollen auftreten. Zudem wollte er Alain Delon und Pierre Clementi für die beiden homosexuellen Hauptprotagonisten. Die beiden letzteren verlangten eine zu hohe Gage, die anderen waren wohl nicht interessiert oder nicht verfügbar.
„Weil es in Italien keine Homosexuellen gibt“ war Fellinis Antwort auf die Frage, weshalb er die Hauptrollen mit englischspachigen Schauspielern besetzt hätte.

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