Schnipsel im April

ORLACS HÄNDE (Robert Wiene, Oesterreich 1925, Kino)
Robert Wiene hat neben dem Caligary auch noch andere Filme gedreht – Orlacs Hände zum Beispiel. Darin ist nur Conrad Veidts Spiel expressionistisch, das Dekor ist ziemlich „diesseitig“. Wienes Werk – fünf Jahre nach Caligary entstanden – ist eine Art früher Psychothriller, der ganz schön packt und an den Nerven zerrt! Pianist Paul Orlac verliert bei einen Zugunglück seine Hände. Da gerade ein Massenmörder hingerichtet wurde, wagt Orlacs Arzt ein Experiment: Die Handtransplantation. Doch die Möderhände scheinen ein (mörderisches) Eigenleben zu entwickeln. Dazu taucht plötzlich ein unheimlicher Zeitgenosse auf, der Orlac langsam in den Wahnsinn treibt. Auch wenn dieser Wahnsinn für heutige Geschmäcker schauspielerisch masslos übertrieben erscheint, die Geschichte und deren Aufbau ist unglaublich spannend. Bis zum happy ending sitzt man auf Nadeln.

FAIRY TALE: A TRUE STORY (dt: Fremde Wesen; Charles Sturridge, GB 1999; DVD)
Die mit grossem Staraufgebot in Nebenrollen (Peter O’Toole, Harvey Keitel, Bill Nighy, Paul McGann) verfilmte Chronik der sog. Cottingley Fairies. 1917 fotografierten zwei 9-jährigen Mädchen Feen, die sie beim Spielen am Bach entdeckt hatten. Die Fotos sorgten in England für grosses Aufsehen, da sie damals für echt erklärt wurden. Sir Arthur Conan Doyle schrieb sogar ein Buch über das Phänomen (The Coming of the Fairies). Allerdings stellte sich das Ganze in den 80er-Jahren als Betrug heraus. Der Film, der nach der Aufdeckung des Schwindels gedreht wurde, tut allerdings so, als wären die Feen echt gewesen. Damit wird er zur filmischen Märchenstunde, die zwar hervorragend gemacht, steckenweise bezaubernd und insgesamt sehr unterhaltsam ist, die einen aber ratlos zurücklässt.

THE LIFE OF PI (dt.: Schiffbruch mit Tiger; Ang Lee, USA 2009; DVD)
Ang Lees Adaption von Yann Martels Roman ist schön, wunderbar farbenfroh – und leblos. Das Leben des indischen Jungen Piscine Molitor Patel, kurz Pi, dessen Vater einen Zoo leitet, der eines Nachts in einem grandiosen Sturm auf einer Überfahrt nach Kanada untergeht, wobei der Junge und ein Tiger sich in ein Beiboot retten können und sich als Schiffbrüchige langsam zusammenraufen, bis sie auf einer seltsamen Insel stranden – ist eine Abfolge von Episoden, deren Glaubwürdigkeit im zähen Bemühen des Regisseurs um sinnvolle und originelle 3D-Effekte und CGI-Sperenzchen ins Hintertreffen gerät und dadurch fad wird.

THE STRANGE DEATH OF ADOLF HITLER (James P. Hogan, USA 1943; Kino)
Was für ein Titel! Und was für ein Film! Fritz Kortner schrieb das Drehbuch zu diesem amerikanischen B-Film, und es treten praktisch nur deutsche und österreichische Schauspieler auf – Regie führt ein Amerikaner James P. Hogan. Klingt interessant und ist es irgendwo auch – wenn nur nicht alle derart schlecht spielen würden! Wenn nur die Dialoge nicht so hölzern und die Geschichte nicht so unglaubwürdig wäre!
Ein Wiener Angstellter wird von der Gestapo entführt, weil er den Führer so perfekt nachahmen kann. Nach einer Gesichts-OP sieht er aus wie Adolf persönlich und soll als Führer-Double in der Öffentlichkeit eingesetzt werden. Doch er kann fliehen…
The Strange Death of Adolf Hitler zeichnet zwar ein differenziertetes Bild von der deutschen Bevölkerung unter der Nazi-Herrschaft als andere US-Propaganda-Filme jener Zeit, doch ist er derart billig gemacht und so hölzern, dass sich diese daneben wie inszenatorische Meisterwerke ausnehmen.
Dem Hauptdarsteller Ludwig Donath gebührt die zweifelhafte Ehre, das verstörendste (weil „echteste“) Hitler-Double der Filmgeschichte zu sein.

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