Der Mann, der die Ohrfeigen bekam

HE, WHO GETS SLAPPED
USA 1924
Regie: Victor Sjöström
Mit Lon Chaney, Norma Shearer, John Gilbert, Tully Marshall, Marc McDermott u.a.
Drehbuch: Carey Wilson und Victor Sjöström, nach einem Theaterstück von Leonid Andrejew
Deutschsprachige Kinoauswertung 1925 unter dem Titel Der Mann, der die Ohrfeigen bekam
Dauer: 72 min

DER FILM:
Victor Sjöströms zweiter Stummfilm in Amerika; einer der besten Filme, die zum Motiv des traurigen Clowns gedreht wurden; der erste Film, den MGM selbst produzierte und der den Löwen Leo im Logo hatte.
Eigentlich war He Who Gets Slapped als Starvehikel für den gerade an MGM ausgeliehenen „Man with a thousand faces“, Lon Chaney gedacht. Doch wer das Werk heute betrachtet, dem wird vor allem Sjöströms einfallsreiche und subtile Regieführung und dessen starke Bildsprache auffallen.

INHALT:
Der Wissenschaftler Paul Beaumont (Chaney) steht kurz vor dem Durchbruch mit einer bahnbrechenden Forschungsarbeit. Als er damit vor die Akademie der Wissenschaft tritt, muss er feststellen, dass der Baron, der ihn bislang generös protegiert hat, ihm die Unterlagen geklaut hat und Beaumonts Ergebnisse nun vor der Akademie als die seinen ausgibt. Beaumont wehrt sich, wird aber vom versammelten Kollegium ausgelacht. Dieses Gelächter und die Ohrfeige, die der Baron ihm verabreicht, bewirken eine psychische Krise, die von der Erkenntnis, dass auch seine Gattin sich von ihm abgewendet hat, verstärkt wird. Beaumont zieht sich von der Wissenschaft zurück und geht zum Zirkus. Als Clown legt er sich den pathetischen Namen „He who gets slapped“ zu und feiert mit einer Ohrfeigennummer riesige Erfolge. Dabei durchlebt er immer wieder jenen schrecklichen Moment vor der Akademie. Als Consuelo, eine neue Artistin (Shearer) dem Zirkus beitritt, verliebt sich nicht nur „He“ in sie – zwischen ihr und dem jungen Artisten Bezano (Gilbert) entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte. Consuelos Vater will die Tochter aber mit dem bösen Baron verkuppeln…
Als Beaumonts dies erfährt, nimmt er schreckliche Rache.

DIE UMSETZUNG:
Dicke Post! He who gets Slapped entstammt einem Theaterstück des Russen Leonid Andreyev – dickes Pathos und erstickende Schwermut beherrschen die Handlung. Heute nimmt man von solch scwülstigen Stoffen in der Filmbranche eher Abstand, zu Stummfilmzeiten jedoch waren derart archaische Rachedramen aber en vogue. Ein Zuschauer des Jahres 2014 benötigt schon eine rechte Portion guten Willens, um He who gets Slapped und dessen Portrait der Welt als einem von Dummheit und Niedertracht vergifteten Ort durchzustehen. Dabei kommt ihm Sjöströms Regie allerdings zu Hilfe! Der aus Schweden „importierte“ Regiemeister ist um grösstmögliche Zurückhaltung bemüht, hält die Akteure und Aktricen zu schauspielerischer Untertreibung an – wie mehrere Quellen berichten, liefert Lon Chaney hier das differenzierteste Charakterportrait seiner Karriere ab. Sjöström – der in den Credits seiner amerikanischen Filme als „Victor Seastrom“ aufgeführt wird – bringt zudem eine im amerikanischen Film bis dahin kaum gekannte inszenatorische Raffinesse ein, welche das Geschehen mit aussagestarken Bildern, noch heute begeisternden Montagen und traumartigen Überblendungssequenzen kommentiert. Zudem stellt er der in düsteren, dunklen Bildern portraitierten Niedertracht eine lichte Gegenwelt, jene der beiden Liebenden, entgegen. Das Lachen Consuelos und Bezanos ist echt und kommt von Herzen – während das hämische oder irre Lachen aller anderen Protagonisten etwas Bedrohliches, ja Erdrückendes hat. Die Sequenz, in der Sjöström „He“s im Grunde grausame Watschennummer ausbreitet, hat dank dem permanenten, stumpfen Gelächter der Zuschauer etwas Verstörendes. Dass sich allerdings auch Consuelo und Bezano köstlich darüber amüsieren, lässt den Schluss zu, dass Sjöström dem Guten in der Welt wenig Chancen eingeräumen wollte.
He who gets Slapped ist ein inszenatorischen Meisterstück des Stummfilms, das – ganz ähnlich wie Murnaus Sunrise – damalige amerikanische Sehgewohnheiten mit europäischer Inszenierungskunst kreuzte.

DIE DVD:
Audio: Musikfassung (keine Angaben zum Komponisten
Zwischentitel: Englisch
Untertitel: keine
Extras: keine
Im deutschsprachigen Raum ist der Film nicht auf DVD erschienen. In den USA gibt es ihn als “video on demand” auf einer DVD-R der Serie Warner Archive Collection. Die Bildqualität ist leider nicht ganz auf der Höhe der Serie, das Bild ist bisweilen nicht ganz scharf; aber das Ganze hält sich in durchaus annehmbaren Grenzen!

VORHER – NACHHER:
Victor Sjöström hatte vor dem hier besprochenen Film gerade seinen ersten Film in den USA gedreht, Name the Man (ebenfalls 1924, verschollen). Danach drehte er Confessions of a Queen (1925), nach Alphonse Dodet (ebenfalls verschollen).
Lon Chaney war längst ein Star, als er in Sjöströms Film auftrat. Sein „Film davor“ hiess The Next Corner (Sam Wood, 1924); auch er ist verschollen. Nach „He“ trat Chaney in Roland Wests The Monster auf.
John Gilbert hingegen war gerade auf dem Weg zu Starruhm, und He who gets Slapped war ein Meilenstein auf dem Weg dorthin. Davor war Gilbert im King Vidor-Film His Hour in der männlichen Hauptrolle zu sehen, danach in dem heute verschollenen The Snob von Monta Bell. Alle drei Filme entstanden 1924 – Gilbert wirkte im selben Jahr zudem bei sechs weiteren Produktionen mit.
Norma Shearer arbeitete einen Film vorher mit Victor Fleming zusammen – in Empty Hands (1924). Einen Film später war sie – auch wieder im selben Jahr – erneut an der Seite von John Gilbert zu sehen – im bereits erwähnten The Snob. Shearer war 1924 in fünf weiteren Filmen zu sehen.
Carey Wilson (Drehbuch) schrieb auch das Buch zu Sinners in Silk, das vor „He“ verfilmt wurde, danach kam So This Is Marriage? aus seiner Feder vor die Kamera – beides Mal führte Hobart Henley Regie, beide Filme sind verschollen. Alle drei Filme kamen 1924 heraus. Nicht weniger als sechs Arbeiten von Carey Wilson wurden 1924 verfilmt. Wilson arbeitete u.a. an Ben-Hur mit und arbeitete auch am Drehbuch zum Clark Gable-Klassiker Mutiny on the Bounty.

Unter folgendem Link kann He who gets Slapped in ganz passabler Qualität online angeschaut werden: https://archive.org/details/HeWhoGetsSlapped1924VictorSjstrmUsa

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2 Kommentare

  1. Vielleicht sollte man ergänzen, dass der Film seinerzeit auf LaserDisc herauskam, in einer „Lon Chaney Collection“, gemeinsam mit „The Unholy Three“ und „The Unknown“.

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