Verliebt in scharfe Kurven

IL SORPASSO
Italien 1962
Regie: Dino Risi
Darsteller: Vittorio Gassman, Jean-Louis Trintignant, Catherine Spaak, Claudio Gora, Luciana Angiolillo u.a.
Drehbuch: Dino Risi, Ettore Scola und Ruggero Maccari
Deutschsprachige Kinoauswertung 1963 unter dem Titel Verliebt in scharfe Kurven
Dauer: 105 min

DER FILM:
Il sorpasso gehört zu den Klassikern der „Comedia all’Italiana“ – was ich als Widerspruch empfinde, denn er endet tragisch. Wenn man Filmen schon Stempel verpassen will, dann würde „Road Movie“ hier eigentlich besser passen, denn im Zentrum stehen eine Reise im Auto und zwei Hauptprotagonisten, die sich selbst und einander im Verlauf der Fahrt näher kommen. „Road movie mit komödiantischen Untertönen“ wäre wohl keine schlechte „Schubladisierung“, denn die erste Hälfte ist wirklich von unwiderstehlicher Komik.

INHALT:
Bruno, ein grossmäuliger, exaltierter, ja geradezu hyperaktiver Lebemann (Gassman) trifft im Rom zur Siestazeit zufällig auf den introvertierten Studenten Roberto (Trintignant) und lädt ihn spontan zu einer „kurzen Fahrt“ in seinem Sportwagen ein. Die Fahrt wird immer länger und führt dank zahlreicher Vorwände, Zwischenfälle und „Notwendigkeiten“ immer weiter von Rom weg. Bis zum nächsten Morgen haben die beiden unterschiedlichen Männer je die Familie des anderen kennengelernt und sind sich persönlich ein grosses Stück – bis zur wahren Freundschaft – näher gekommen. Doch da geschieht etwas Unvorhergesehenes…

DIE UMSETZUNG:
(enthält Spoiler)
Il sorpasso ist ein Film, in dem äusserlich praktisch nichts geschieht: Bruno kurvt mit Roberto in der Gegend herum. Auch innerlich, auf der psychologischen Ebene, passiert auf den ersten Blick wenig. Bruno ist permanent laut, bestimmend und witzig, Roberto scheu, verklemmt und still. Blickt und hört man allerdings genau hin, entdeckt man ein ganzes, feines Geflecht von Reaktionen und Gegenreaktionen, das sich zwischen den beiden Protagonisten entspinnt: Robertos ständige Ambivalenz dem anderen gegenüber – er schwankt ständig zwischen Bewunderung und Ablehnung; Brunos feines Gespür für zwischenmenschliche Details, das immer wieder neben seiner lauten Art aufscheint; die wachsende Zuneigung der beiden füreinander – neben der unglaublich präzisen Charakterzeichnung tragen diese Feinheiten in der menschlichen Beobachtung (fast) den ganzen Film.
Es erstaunt nicht, dass Regisseur Dino Risi ursprünglich Psychologie studiert hat – in der feinsinnigen Figurenzeichnung liegt eine der grossen Stärken dieses Films. Die psychologischen Feinheiten werden von den beiden Hauptdarstellern hervorragend und vollkommen glaubhaft umgesetzt; es ist eine Freude, ihnen bei ihrem Spiel zuzusehen!
Solange die beiden unterwegs sind, schlägt der Film einen heiteren, komödiantischen Ton an, wobei die Komik in erster Linie Brunos Charakter und dessen Dialogtext entspringt („Antonioni? Bei L’éclisse bin ich sanft eingeschlummert. Ein grossartiger Regisseur!“).
Ein weiteres Charakteristikum von Risis Film ist das präzise und zugleich ironische Zeichnen eines Zeitbildes des damaligen Italien. Die Aufbruchstimmung der frühen Sechzigerjahre wird in der ziellos-unbeschwerten Autofahrt reflektiert, das Filmen „on location“ sowie das Festhalten diverser Zeitgeist-Manifestationen (u.a. öffentliche Twist-Origen zu entsprechenden italienischen Schlagern) verleiht dem Film eine hohe Authentizität. Er wird zum innerlichen und äusserlichen Zeitbild des damaligen Italien.
Im autolosen letzten Drittel allerdings verliert der Film die Richtung, er verliert sich in einer von zuvielen neu auftauchenden Figuren verursachten Beliebigkeit; Bruno und Roberto interagieren hier nur noch sporadisch, und weil diese Interaktion der Motor des Films war, fällt er gegen das Ende hin plötzlich ab. Der aufgesetzt wirkende Schluss tut das seine dazu, die Gesamtwirkung von Il sorpasso zu schmälern.
Der italienische Filmtitel (wörtlich „das Überholen“) ist übrigens eine Anspielung auf die Manie italienischer Männer, in allen Lebenslagen „den Macho“ heraushängen und andere spielerisch deklassieren zu wollen/zu müssen. In Brunos Fall führt dies am Schluss zum Tod Robertos – ein allzu leichtsinniges Überholmanöver führt zu einem für den Freund tödlichen Unfall am Ende des Films. Ein Ende, das aufgesetzt wirkt und so abrupt kommt, dass es wie ein Fremdkörper in das Geschehen eindringt. Mit dem gewaltsamen Tod Robertos erhält Brunos Verhalten zuletzt eine moralische Bewertung, die aufgesetzt und damit störend wirkt, weil sie einfach nicht zum Rest des Werks passen will.
So wird, was so schön begann und im letzten Drittel etwas gar zähflüssig vertröpfelte, gewaltsam zu einem Ende gebracht, das dem übrigen Film fremd ist, ihn gar in seinem Fluss und seinem Geist empfindlich stört. Und das genau in dem Moment, in dem in Robertos Charakter eine Entwicklung auszumachen ist.
Die „Moralinspritze“ am Schluss ist als Kommentar auf Brunos „easy living“ von den Autoren und vom Regisseur explizit so gewollt; sie wird aber derart unsensibel eingesetzt, und der Film endet gleich nach dem Unfall derart abrupt, dass man unweigerlich an die sprichwörtliche Moralkeule denken muss.

Meine Bewertung: ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥
Wer sollte sich den Film ansehen:
(Film-)Historisch interessierte Filmfreunde; Liebhaber des Road Movie; Filmfans, die Freude an subtilem Humor und feiner Charakterzeichnung haben.
Wer sollte sich den Film nicht ansehen: Freunde des Schenkelklopf-Humors.

DIE DVD:

Audio: Italienische Orginalfassung
Untertitel: Englisch (ausblendbar)
Extras: Eine Einführung von Regisseur Alexander Payne und eine von Marie-Christin Barrault und Jean-Louis Trintignant; zahlreiche Interviews mit Mitwirkenden; 45-minütiges Portrait des Regisseurs; 22-minütiges Feature über die komplizierte Beziehung des Regisseurs und Vittorio Gassman; Booklet; Kinotrailer
Der Film ist in der Criterion Collection erschienen – einmal mehr vorbildlich restauriert und aufbereitet, dass punkto Bild- und Tonqualität keine Wünsche mehr offen sind.
Auch die vielen Extras überzeugen diesmal fast vollumfänglich (unglaublich, was die Criterion-Leute da immer aufzutreiben im Stande sind!) – vom hervorragenden, äusserst informativen Booklet-Text von Phillip Lopate über die zahlreichen Interviews (mit Dino Risi, Jean-Louis Trintignant, Ettore Scola, Filmhistoriker Rémi Fournier Lanzoni) bis zu der Dokumentation von 2012, Ritorno a Castiglioncello, wo sich viele Crew-Mitarbeiter an einem der Drehorte treffen und über ihre Erfahrungen beim Dreh sprechen – Il sorpasso wird von vielen verschiedenen Seiten und auf sehr unterhaltsame und lehrreiche Weise beleuchtet, der historische Kontext wird aufgerollt. Die Extras vertiefen und erweitern den Blick auf den Film wesentlich. Chapeau!
Alternative: Obwohl die DVD-Veröffentlichung eigentlich schon unschlagbar ist: Criterion hat Il sorpasso auch als Blu-ray veröffentlicht. Hier der Bericht vom DVD-Beaver.
Im deutschsprachigen Raum ist der Film nie auf DVD oder Blu-ray erschienen.

VORHER-NACHHER:
Dino Risis Vorgängerfilm hiess A porte chiuse (dt.: Blumen für die Angeklagte), und entstand 1961 mit Anita Ekberg in der Hauptrolle. Im selben Jahr wie, aber nach Il sopasso entstand die Komödie La marchia su Roma, wieder mit Gassman in der Hauptrolle und in Zusammenarbeit mit Ettore Scola und Ruggero Maccari. Risis wohl bekanntester Film ist Profumo di donna, wieder mit Gassman. (dt.: Der Duft der Frauen, 1974). Martin Brests Scent of a Woman ist das US-Remake davon.
Vittorio Gassman drehte vorher unter Roberto Rosselini Anima nera (dt.: Schwarze Seele) an der Seite von Nadja Tiller; danach kam La marchia su Roma (s.oben).
Jean-Louis Trintignant war zuvor in Alan Cavaliers Le combat dans l’ile (dt.: Der Kampf um die Insel, 1962) neben Romy Schneider zu sehen. Danach konnte man ihn in einem weiteren italienischen Film neben Vittorio Gassman sehen,  in Il successo (1963) von Mauro Morassi und Dino Risi – wieder nach einem Drehbuch von Ettore Scola und Ruggero Maccari.

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