Das Mädchen aus der Unterwelt

PARTY GIRL
USA 1958
Regie: Nicholas Ray
Darsteller: Robert Taylor, Cyd Charisse, Lee J. Cobb, John Ireland, Corey Allen u.a.
Drehbuch: George Wells
Studio: MGM
Deutschsprachige Kino-Auswertung 1959 unter dem Titel Das Mädchen aus der Unterwelt
Dauer: 99 min

DER FILM:
Heute stelle ich einen weiteren „vergessenen“ Film vor, diesmal von Nicholas Ray (Denn sie wissen nicht, was sie tun, Johnny Guitar). Angesichts der hohen Qualität von Party Girl stellt sich mir zunächst erneut die Frage: Wie werden die einen Filme zu gefeierten Klassikern, während andere als „zweitrangig“ abgestuft werden und in den Archiven verschwinden? Seit ich mich mit der „Warner Archive Collection“ beschäftige, lässt mich diese Frage nicht mehr los, und bevor ich auf Party Girl eingehe, sei mir dazu ein wenig „lautes“…, oder besser, „öffentliches Denken“ erlaubt.

An erster Stelle der Gründe steht wahrschenlich „der Kassenflop“, und er scheint mir der einleuchtendste; er hat schon viele Filme dauerhaft „versenkt“, man lässt danach die Finger davon, redet lieber nicht mehr drüber und vergisst das Debakel.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die „Gunst der Kritiker“. Und die möchte ich genauer unter die Lupe nehmen. Ich meine, dass immer wieder grandiose Filme, oder zumindest deren Ruf, durch Kritker-Irrtümer vernichtet werden. Wenn man sich einen Überblick über die Rezensionen zu Party Girl verschafft, zeitgenössische wie aktuelle, dann sticht einem regelrecht ins Auge, dass fast alle Rezensenten dasselbe schreiben: Schwaches Drehbuch, minderwertige Auftragsarbeit. Zumindest ersters ist ein grobes Fehlurteil.
Schreiben die Leute voneinander ab? Ich hatte in meiner Zeit als Filmkritiker immer gegen den Effekt oder Reflex anzukämpfen, die Meinung des gerade aktuellen Kritikerpabstes als richtig anzusehen und sie zumindest in wichtigen Teilen zu übernehmen, um mich vor den anderen (die genau das taten?)  nicht „lächerlich“ zu machen. Dass das nicht nur mir so ging, weiss ich. Stillschweigend und unbewusst einigt sich das Gros der Kritik auf einen gemeinsamen Nenner. Wer am besten oder aggressivsten argumentieren kann, hat Recht. Dabei lässt sich mit gewandten Worten beinahe alles untermauern, sprich zurechtbiegen.
Party Girl und schlechtes Drehbuch? Dieses Verdikt ist ausgemachter Blödsinn! Zudem wird es in keinem der Artikel begründet, es bleibt Behauptung. Wenn ich vorsichtig sein wollte, würde ich das Drehbuch als „gut“ bezeichnen – aber ich will nicht vorsichtig sein und behaupte: Es ist hervorragend! Doch davon später. Wenn schon Exkurs, dann gleich kräftig!
Im Zuge obiger Überlegungen kommt mir unweigerlich die Frage in die Quere, was eigentlich ein „grosser Film“ sei. Auch hier gibt es eine Art Kanon, gewisse Filmtitel fallen bei diesem Stichwort unweigerlich, sie tauchen auf jeder Liste („die 100 Besten“, „die grössten Filme aller Zeiten“, etc.) auf. Und was ständig wiederholt – oder ausgelassen – wird, muss ja stimmen. Doch was sind die Kriterien der Listenmacher? Es gäbe wohl hunderte, tausende. Aber nein, jeder Filmkritiker benützt dieselben – wenn er überhaupt welche benützt. Einen Film nach seinem Innovationsgrad zu bewerten, erscheint mir für Filmhistoriker angemessen: Welcher Film war wichtig für die Entwicklung des Kinos? Mich (und den Grossteil der Filmbegeisterten) interessiert sowas vielleicht periphär, wirklich wichtig ist mir anderes. Wie gut beherrschen die Beteiligten ihr Handwerk? Wenn alle wichtigen Beteiligten eines Films, vom Regisseur über den Drehbuchautor, die Schauspieler, den Ausstatter bis zum Komponisten, ihre Sache wirklich gut machen, dann kommt ein beglückendes Erlebnis zustande. So wie bei Party Girl. Und wenn dann das Ganze nicht an der schönen Oberfläche kleben bleibt sondern auch noch ein gewisses Mass an Tiefgang aufweist, an Menschlichkeit, zum Nachdenken anregt, festgefahrere Denkweisen aufbricht, dann ist ein guter Film für mich wirklich gross.
Ich sage sicher nicht: Mein Lieblingsfilm ist xy, weil der die subjektive Kamera um drei Jahre vorweggenommen hat. Sondern weil er mich tief berührt und bewegt hat. Ist alles andere nicht nebensächlich?
Sollen Filmkritiker gleich auch noch Filmhistoriker sein / spielen? Natürlich kann es interessant sein und interessieren, einen Film auf seinen historischen Kontext hin zu untersuchen. Aber es gibt noch andere Kriterien. Die Bestenliste der Kritiker deckt sich oft eklatant nicht mit jener der Filmbegeisterten „Laien“ – und es ist nicht das Problem der „Laien“.
Party Girl ist kein „grosser Film“, soweit will ich denn doch nicht gehen. Aber es ist ein unglaublich guter Film! Regie, Schauspieler, Drehbuch, Dekor – alles ist auf höchstem Niveau, die reine Freude. Es wird ein menschliches Drama und ein moralisches Dilemma auf hohem Niveau abgewickelt, die Beziehung der drei Hauptfiguren ist plastisch und einsichtig herausgearbeitet – in einer stimmigen, absolut spannenden psychologischen Studie, die auch in den zahlreichen Momenten packt, wo die Handlung keine Spannungselemente aufweist. Und das ist die „Schuld“ des angeblich schwachen Drehbuchs! Und somit sind wir beim

INHALT:
Im Zentrum von Party Girl steht ein Anwalt – der Titel führt somit etwas in die Irre. Das Titelgebende Party Girl (eine nette Umschreibung für „Edelprostituierte“) spielt zwar auch eine wichtige Rolle, doch der Anwalt ist die Schlüssel- und Identifikationsfigur.
Er heisst Tommy Farell (Robert Taylor), gehört zu den besten seiner Zunft und arbeitet für den Gangsterboss Rico Angelo (Lee J. Cobb). Auch Farell prostituiert sich, denn er bewahrt Angelos übelste Killer vor Gericht vor der Verurteilung. Während einer von Angelos Party trifft er auf Vicky Gaye (Cyd Charisse), die sich zusammen mit anderen Tänzerinnen dem Mob zur Verfügung stellt. Der Selbstmord ihrer Zimmergenossin bewirkt, dass sich der Anwalt und das „Party Girl“ näher kommen. Beide fassen den Entschluss, aus dem Dreckgeschäft auszusteigen, um sogenannt „bessere Menschen“ zu werden (ein Ausdruck, der im Film nie benützt wird). Dass dies wird nicht einfach werden wird, ahnt man von Beginn weg…

DIE REGIE:
Nicholas Ray bettet die Protagonisten in kunstvoll arrangierte Tableaus von enormem Schauwert ein! Jede Einstellung wäre es wert, gerahmt zu werden. Dabei bleiben die Bilder aber nicht leer, sie werden dank ihrer Aussagekraft zu Handlungsträgern und / oder zu Abbildern innerer Vorgänge. Obwohl Ray kein Mitspracherecht bezüglich Drehbuchänderungen hatte, prägt er Party Girl mit seinem Gestaltungswillen, macht ihn zu seinem Film. Kameraführung, Cadrage und nicht zuletzt die stupende Farbdramaturgie machen Party Girl zu einem aufregenden Schaustück. Und dank der starken Figurendramaturgie wird das Schaustück nicht zum Selbstzweck, es „lebt“ auch. Mit seiner stringenten Schauspielerführung weist sich Ray als Regisseur aus, der die Fäden in den Händen hält und alle Beteiligten zu Höchstleistungen anzuspornen vermag. Robert Taylor und Lee J. Cobb sind hervorragend in ihren Rollen, und Cyd Charisse überrascht in einer dramatischen Rolle, die zumindest ich ihr nicht zugetraut hätte. Und damit ist schon einiges gesagt über

DIE SCHAUSPIELERINNEN und SCHAUSPIELER:
Cyd Charisse spielt das aussteigewillige Party Girl glaubhaft und engagiert. Die beiden Stars des Films – in jeder Hinsicht – sind aber Robert Taylor und Lee J. Cobb. Während ersterer die Zuschauer mit sparsamem Spiel und kleinsten Nuancen richtiggehend fesselt, überzeugt Cobb (einmal mehr) durch grosse Gesten und lauten Auftritt (was er beides perfekt beherrscht), er zeigt aber auch immer wieder, dass es auch bei ihm subtiler geht. Zudem sind sämtliche Nebenrollen perfekt und absolut überzeugend besetzt.

DEKORS UND KOSTÜME:
Die Art Direction lag bei Randall Duell und William A. Horning, Helen Rose entwarf die Kostüme. Obwohl die Geschichte in den Dreissigerjahren spielt, fühlt man sich in die Fünfziger versetzt, wenn man ihn heute ansieht. Ob das Absicht ist oder nicht, war nicht eruierbar.
Gefilmt wurde das Ganze ausnahmslos in den hauseigenen MGM-Studios.

DIE DVD:
Die DVD erschien in der Reihe Warner Archive Collection, welche vergessene Filme als DVD on demand herausbringt. Die Bildqualität ist sehr gut.
Im deutschsprachigen Raum ist der Film nicht auf DVD erhältlich.

FAZIT:
Es ist eine reine Freude, Party Girl zu sehen – da stimmt einfach alles! Dieser Film wurde und wird völlig unterschätzt und hätte ein Revival definitv verdient!
9/10

VORHER-NACHHER:
Nicholas Ray drehte zuvor, im selben Jahr, Wind Across The Everglades (dt.: Sumpf unter den Füssen) mit Burl Ives und Christopher Plummer, danach kehrte er den grossen Hollywood-Studios vorerst den Rücken und inszenierte eine Folge der TV-Serie On Trial, die letzte Episode der ersten Season; sie trug den Titel High Green Wall.
Robert Taylor drehte im selben Jahr wie Party Girl unter der Regie von John Sturges den Western The Law And Jake Wade (dt.: Der Schatz des Gehenkten), danach, im Folgejahr für Michael Curtiz den Film The Hangman (dt.: Der Henker). Taylor gehörte mit Cyd Charisse zusammen zu den letzten Stars, die bei der MGM noch fest unter Vertrag stand; mit dem Film Party Girl wurden beider Verträge aufgelöst.
Cyd Charisse war zuvor mit Rock Hudson in Twilight For The Gods zu sehen (dt.: Hart am Wind, Joseph Pevney, 1958); danach trat sie erst 1961 wieder in einem Film auf, in der englischen Produktion Five Golden Hours (dt.: Schöne Witwen sind gefährlich) unter der Regie von Mario Zampi. Auch sie kehrte dem US-Studiosystem vorerst den Rücken und kam erst 1962 nach Hollywood zurück. Charisse ist vor allem als Tänzerin aus den MGM-Musicals Singin‘ in the Rain, The Band Wagon und Silk Stockings bekannt.
Lee J. Cobb trat vorher (auch im Jahr 1958) im Western Man of the West (dt.: Der Mann aus dem Westen)  von Anthony Mann auf, danach folgten einige TV-Engagements. Sein nächster Kinofilm war The Trap (dt.: Die Falle von Tula; Norman Panama, 1959). Cobbs wohl bekannteste Rolle ist die des „Johnny Friendly“ in Elia Kazans Klassiker On the Waterfront (dt.: Die Faust im Nacken). Cobbs richtiger Name war Leo Jacoby.
George Wells (Drehbuch) schrieb zuvor, als Co-Autor Don’t go Near the Water (dt.: Geh nicht zu nah ans Wasser; Charles Walter, 1958), danach Ask Any Girl (dt.:Immer die verflixten Frauen; Charles Walters, 1959). Wells‘ bekannteste Arbeiten sind die Drehbücher für Designing Woman (dt.: Warum hab‘ ich ja gesagt!; Vincente Minelli, 1957) und The Gazebo (dt.: Die Nervensäge; George Marshall, 1959). Wells war auf Komödien spezialisiert; Party Girl war einer seiner ganz seltenen ernsten Arbeiten und sein einziger Ausflug ins Gangster-Genre.

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3 Kommentare

  1. Du hast Recht, PARTY GIRL ist ein toller Film! Ich liebe ja Lee J. Cobb in seiner Paraderolle als psychopathischer Gangsterboss, wie er sie auch in DIE FAUST IM NACKEN und DER MANN AUS DEM WESTEN gespielt hat.

    Rays Rezeptionsgeschichte hat ja ihre Höhen und Tiefen. Während ihn viele amerikanische Kritiker nicht besonders schätzten, war er einer der Helden der Cahiers du cinéma, und von Andrew Sarris, dem amerikanischen Ober-Auteuristen. Das wiederum machte ihn zu einer Zielscheibe für Anti-Sarristen wie Pauline Kael. Da war oft mehr Ideologie als nüchterne Betrachtung der Filme im Spiel. Aber Ray war wohl in einem gewissen Ausmaß auch ein selbsgewählter Maverick, dem seine Freiheiten wichtiger waren als der Mainstream-Erfolg. So wechselte er in den 50er Jahren von RKO, wo Howard Hughes ihn vor den antikommunistischen Hexenjägern geschützt hatte, freiwillig zur deutlich kleineren und weniger renommierten Republic, wo er JOHNNY GUITAR machen konnte, ohne dass ihm jemand dreinredete.

  2. Bei mir hat der Funke von PARTY GIRL nicht so richtig zünden wollen.
    Ich fand die Nutzung des Scope-Bilds verhältnismäßig wenig bemerkenswert (im Gegensatz zu REBEL WITHOUT A CAUSE). Außer bei den Tanzeinlagen empfand ich die Farbdramaturgie als eher unauffällig (nicht wie beim rauschhaften JOHNNY GUITAR). Ich fand ihn auch in seinen kleinen Gesten (Cobb „erschießt“ das Jean-Harlow-Portrait, die Tänze) überzeugender denn in seinem Gesamtbild. Vielleicht hatte ich auch einfach nur zu große Erwartungen? Gleichwohl waren die Schauspieler in der Tat alle großartig, bis in die kleinsten Nebenrollen.
    Aber vielleicht liegt es auch an mir. Ich habe den Film unter denkbar ungünstigen Bedingungen gesehen: Filmstart um halb ein Uhr morgens, mit aus dieser späten Zeit resultierenden Sekundenschlafanfällen. Das war vor zwei Wochen, und zwar als Abschluss einer vierteiligen Ray-Retrospektive im französischen Fernsehen (in der Reihe „Mitternachtskino“). Was ja wieder auf die französische Rezeption Rays hinweist: es ist zu vermuten, dass auch PARTY GIRL von Truffaut und Godard hoch und runter gelobt wurde, während er in den USA selbst ignoriert wurde. Wo Truffaut lobende Worte für Ray fand („Poet der Dämmerung“), ließ Godard jegliche Zurückhaltung weichen („Das Kino ist Nicholas Ray“).
    Ich müsste dem Film auf jeden Fall einmal unter besseren Bedingungen eine zweite Chance geben. Mein persönlicher Geheimtipp aus Nicholas Rays „vergessenen“ Filmen wäre momentan sein ökologischer Backwood-Antiwestern WIND ACROSS THE EVERGLADES.

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