Der alte Mann und das Kind

LE VIEIL HOMME ET L’ENFANT
Frankreich 1967
Regie: Claude Berri
Darsteller: Michel Simon, Alain Cohen, Luce Fabiole, Paul Préboist, Charles Denner, u.a.
Drehbuch: Claude Berri und Gérard Brach
Deutschsprachige Kino-Auswertung 1967 unter dem Titel Der alte Mann und das Kind
Dauer: 86 min

INHALT:
Der kleine Claude Langman (Alain Cohen) ist ein Tunichtgut, der seinen Eltern Verdruss bringt. Statt sich still zu halten und sich klein zu machen, wie das für die jüdische Bevölkerung des besetzten Frankreichs 1944 angezeigt gewesen wäre, klaut er Spielzeug und prügelt sich mit anderen. Kurz: Er fällt auf, und weil das damals lebensgefährlich war, beschliessen die Eltern, den Kleinen zu den Eltern ihrer Vermieterin aufs Land zu schicken. Dort soll er – unter falscher Identität – versteckt bleiben, bis die Luft im Land wieder rein ist.
Claude verbringt eine wunderbare Zeit auf dem Land; der alte Pépé (Michel Simon) ist zwar Anhänger des Vichy-Regimes und Antisemit, aber im Grunde seines Herzens ist er – ohne sich dessen freilich bewusst zu sein – Humanist.
Der Film zeigt auf unspektakuläre und unsentimentale Weise das bäuerliche Leben und den Alltag des kleinen Claude in der Obhut des alten Ehepaares.

DER FILM:
Der erste lange Spielfilm des gelernten Schauspielers Claude Berri (Regie Jean de Florette, Manon des sources) geht von dessen eigenen Kindheitserlebnissen aus. Berri selbst lebte als Kind jüdischer Eltern während der deutschen Okupationszeit unter falscher Identität bei einem alten Ehepaar auf dem Land. Berris bürgerlicher Name ist Claude Langman.
Le vieil homme et l’enfant sei kein Film über Antisemitismus, sondern über die Intoleranz, sagte Berri in einem frühen Interview. Der alte Pépé gibt zwar vor, Juden zu hassen – doch direkten Kontakt hatte er bislang noch mit keinem. Der kleine, von ihm geliebte Claude ist zwar einer, aber davon hat Pépé keine Ahnung – denn er gibt vor, Christ zu sein. Claude bringt den Alten sogar soweit, dass er seine Haltung gegen Ende des Films selbst in Frage stellt. Pépés Intoleranz erscheint als Haltung eines einfach gestrickten, manipulierbaren Bevölkerungsteils, einer Haltung, die von Politikern geschürt und zu ihren Zwecken verstärkt wird, die also nicht auf eigenem Erleben der Leute beruht. Das grosse Verdienst des Films ist es, diesen Bevölkerungsteil nicht zu verdammen oder zu dämonisieren, sondern ihn in der Figur Pépés sogar als sympathisch und liebenswert darzustellen.
Le vieil homme et l’enfant ist ein französischer Film, gemacht für ein französisches Publikum des Jahres 1967. Heute ist er für ein nicht-französisches Publikum in wichtigen Teilen nur noch schwer verständlich, denn Berri inszeniert in Chiffren. Das gerahmte Bild des Maréchal Pétain etwa, das in Pépés Haus allgegenwärtig zu sein scheint, ist so eine Chiffre. Es symbolsiert das nazifreundliche Vichy-Régime. Wer Pétains Antlitz heute nicht mehr kennt, der rätselt ständig über das Bild „dieses Generals“. Die latente Bedrohung, die das Bild evozieren soll, bleibt somit wirkungslos. Auch die Stimme Philippe Henriots, eines üblen Propagandisten, der in Pépés Stube immer wieder aus dem Radio tönt, hat heute kaum mehr den Wiedererkennungseffekt, den sie 1967 hatte, als Le vieil homme et l’enfant sich als erster Film auf ernstzunehmende und kritische Weise mit der Besatzungszeit des Landes befasste und damit einen längst fälligen Tabubruch darstellte. Und zur Aufarbeitung beitrug.
Berris Erstling wurde an der Berlinale 1967 als bester Film nominiert, Michel Simon erhielt den silbernen Bären in der Kategorie bester Darsteller.

REGIE:
Berri sagt selbst in einem Interview, dass Michel Simon ihm gezeigt habe, dass ein Regisseur seine Schauspieler nicht führen müsse. „Wenn du dem Schauspieler sagen musst, was er tun soll, dann hast du den falschen Schauspieler erwischt“, sagt er. Keine Schauspielerführung also – geht das gut? Michel Simons verstrickt sich mit zunehmender Filmdauer in kleinen Manierismen, die uns immer wieder dran erinnern, dass da einer nur spielt. Das ist zwar nicht primär störend, denn Simon ist ein toller Akteur; doch es steht dem Realitätsanspruch, den der Film hat, etwas im Weg.
Berri pflegt zudem einen Mischung aus bedächtiger Inszenierung, die den Schauspielern Raum lässt und einem harten, abrupten Schnitt, der uns nicht nur jeweils in eine völlig andere Umgebung, sondern oft auch zeitlich weit weg versetzt. Daraus ergibt sich eine Irritation, welche die Zuschauer im besten Fall wach hält. Mehr als einen Manierismus vermag ich in diesem Wechselspiel allerdings nicht erkennen. Vielleicht soll es aber das Herausreissen des Kindes aus seiner gewohnten Umgebung fürs Publikum erlebbar machen – eine zugegeben etwas weit hergeholte Interpretation.
Des weiteren ist Berris Stil nüchtern, trocken und darauf bedacht, keine „unnötigen“ Emotionen zu evozieren.

DIE SCHAUSPIELER:
Über Michel Simon habe ich oben bereits geschrieben. Der grosse Schauspieler (Simon war ein Gigant unter den französischen Schauspielern) ist grandios, doch mit dieser Grandiosität steht er überlebensgross in einem Film über die kleinen Dinge. Anders ausgedrückt: Er unterläuft damit ungewollt die Intention des Films.
Ganz anders Alain Cohen, der eine ruhige Natürlichkeit besitzt, die mit dem Startum Simons erfrischend kontrastiert. Seine innere Ruhe lässt zwar das anfangs gezeigte Flegeltum seiner Figur unglaubwürdig erscheinen, doch insgesamt ist er sehr gut gewählt. Seine Mischung aus ruhigem Ernst und stiller Freude passt in den restlichen zwei Dritteln des Films perfekt.
Auch die Nebendarsteller sind sehr gut gewählt und verleihen dem Film die gewünschte Authentizität, die mit der wahl Simon immer wieder ins wanken gerät.

DEKOR & KOSTÜME:
Die Sets wurden von Georges Lévy und Maurice Petri entworfen, die Kostüme stammen von Louis Seuret und Albert Volper. Gedreht wurde in den Studios éclair in Epinay-sur-Seine, in den Dörfern Biviers, Saint-Vincent-de-Mercuze und Isère (Dept. Rhône-Alpes).

DIE DVD:

Die DVD ist die Nummer 388 der rennomierten Criterion Collection. Sie bringt herausragende Filme restauriert und in vorbildlicher Aufmachung, mit viel Hintergrundmaterial versehen heraus.
Die Bildqualität von Le vieil homme et l’enfant ist hervorragend, ebenso der Ton, der ebenfalls restauriert wurde. Beides wirkt frisch und klar.
Die Extras:
Das 28-seitige Booklet ist sehr schön aufgemacht und mit Stills aus dem Film versehen. Es beinhaltet drei Artikel zum Film, einen neuen von Filmhistoriker David Sterritt, einen von François Truffaut aus dem Jahr 1967, und einem Auszug aus Claude Berris Buch Autoportrait, der sich mit Le vieil homme et l’enfant befasst. Von den drei Texten fand ich nur gerade jenen von Berri interessant; während Sterritt sich in Offensichtlichkeiten ergeht und an der Oberflàche bleibt und Truffaut eigentlich nichts weiter tut als in blinder Euphorie den Realismus des Film abzufeiern, liefert Berri interessante Fakten rund um das Casting und die Dreharbeiten, die immerhin ein vertiefendes Licht auf seine beiden Hauptdarsteller werfen. Von den vielen Fragen, die der Film bei einem heutigen Betrachter auslöst, werden allerdings die wenigsten beantwortet.
Die Interviews mit Claude Berri: Es ist frappant, wie Berri sich verändert hat. Das Interview von 1967 und jenes von 2005 scheinen einen anderen Menschen zu zeigen. Claude Berri 1967 ist lebhaft, voller Tatendrang, wach. Jener von 2005 scheint leer, desillusioniert, er spricht in Formeln, betet sichtlich zum x-ten Mal herunter, was er schon bis zum Überdruss erzählt hat, seine Augen blicken müde, unbeteilgt, kalt.
Die kurze Sequenz aus einer Talkshow von 1972 über jüdische Kinder im besetzten Frankreich zeigt ihn und die Frau, die der Familie Langman damals geholfen hatte im Gespäch. An sich wenig interessant, weil recht oberflächlich.
Das Interview mit Alain Cohen wurde 2007 für die vorliegende DVD aufgenommen – von allen Extras ist dies das interessanteste! Cohen, inzwischen 49, lässt uns an seinen Erinnerungen an die Dreharbeiten und vor allem an Michel Simon teilhaben, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine tiefe Freundschaft verband. Die Wärme, die in der Nüchternheit von Berris Inszenierung bisweilen auf der Strecke bleibt, ist in dieser Retrospektive deutlich zu spüren. Zudem erläutert Cohen seine Sicht des Films und hier werden auch erstmals einige der für uns schwer verständlichen Chiffren des Films erläutert.
Le poulet – Berris oscardekorierter Kurzfilm von 1962 ist eine ganz köstliche Zugabe zu dieser DVD.

FAZIT:
Ein Film, der dank seiner zwischenmenschlichen Stärke überzeugt, jedoch mit seinen schauspielerischen und regietechnischen Manierismen etwas irritiert und heute doch etwas angestaubt wirkt.
Die DVD ist beispielhaft, in Bild und Ton vorbildhaft, und obwohl nicht alle Extras wirklich gelungen sind, sind doch einige wirklich schöne und erhellende Sachen dabei, die dem Verständnis des Film förderlich sind.
7/10

VORHER-NACHHER:
Claude Berri drehte vor Le vieil homme et l’enfant im Jahr 1962 den Kurzfilm Le poulet (siehe oben unter Die DVD, dort Die Extras). Im Jahr 1968 entstand, ermöglicht durch den Erfolg von Le vieil homme et l’enfant der nächste Spielfilm, Mazel-Tov ou le marriage (dt.: Die Hochzeit), ein Film nach einem eigenen, lange zuvor verfassten Drehbuch, in welchem Berri selbst auch die Hauptrolle spielte. Zu Berris bekanntesten Regiearbeiten zählen die Pagnol-Verfilmungen Jean de Florette (dt.: Jean Florette, 1986) und Manon des sources (dt.: Manons Rache, 1986).
Michel Simon spielte vor diesem Film, der ihm zu neuer Popularität verhalf, in Ivan Govars Deux heures à tuer (1966), danach in Jacques Poiteauts Ce sacre grand père (dt.: Der verflixte Grossvater; 1968). Ganz von der Bildfläche verschwunden, wie Claude Berri dies im Interview von 2005 behauptet, war Simon vor Le vieil homme et l’enfant also nicht.
Alain Cohen trat hier zum ersten Mal vor die Kamera. Er wurde von Claude Berri in einer hebräischen Schule entdeckt. 1971 trat er, inzwischen 13 Jahre alt, in einem weiteren Film Claude Berris auf: Le cinéma de papa, wieder als Claude Langman. Heute arbeitet der gelernte Architekt als Gemüsehändler und beliefert die grossen Köche Frankreichs. Zwischendurch tritt er immer wieder mal in einem Film auf.
Gérard Brach, der Co-Drehbuchautor von Le vieil homme et l’enfant war zuvor als Co-Autor an einem Kurzfilm David Baileys beteilgt, G.G. Passion (1966), danach schrieb er zusammen mit Roman Polanski Tanz der Vampire (1967). Mit Polanski verband ihn eine langjährige Zusammenarbeit, ebenso mit Jean-Jacques Annaud und Claude Berri, an dessen berühmten beiden Pagnol-Verfilmungen er auch beteiligt war. Brach verstarb 2006 im Alter von 79 Jahren.

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