Galgenvögel

HELL’S HEROES
USA 1929
Regie: William Wyler
Darsteller: Charles Bickford, Raymond Hatton, Fred Kohler, Fritzi Ridgeway, Joe De La Cruz, u.a.
Drehbuch: Tom Reed & C. Gardner Sullivan
Studio: Universal Pictures
Deutschsprachige Kinoauswertung: 1931 unter dem Titel Galgenvögel
Dauer: 68 min

INHALT:
Drei Bankräuber erschiessen bei einem Überfall im Western-Nest New Jerusalem einen Angestellten und flüchten mit der Beute in die Wüste. An einem Wasserloch entdecken sie einen verwaisten Planwagen, in welchem eine entkräftete Frau liegt. Sie gebiert ein Kind, und bevor sie stirbt, ernennt sie die drei „Galgenvögel“ zu Paten. Sie bittet sie, es sicher und heil zu ihrem Gatten nach – ausgerechnet – New Jerusalem zu bringen.
Wem diese Inhaltsangabe bekannt vorkommt, der hat wohl John Fords Three Godfathers (dt.: Spuren im Sand, 1948) mit John Wayne gesehen. Dort wurde der Stoff wieder verfilmt – zum wiederholten Mal. Ford selber setzte den Stoff – einen 1913 erschienen Roman von Peter B. Kyne –  bereits 1919 als Stummfilm um.  Dieser wiederum war ein Remake auf The Three Godfathers von 1916. Insgesamt existeieren sieben bis acht Filmversionen.
Eine davon – Hell’s Heros – war einer der ersten Tonfilme. Bis vor kurzen existierte nur die stumme Version, die im Übergang zwischen Stumm- und Tonfilmzeit für Kinos herausgebracht wurde, die noch nicht auf moderne Tonausrüstung umgestellt hatten. Die Tonversion galt als verschollen, wurde aber vor kurzem wiedergefunden.

REGIE:
Wiliam Wyler gilt als Perfektionist unter den Regisseuren. Wenn man Hell’s Heroes sieht, kommt man zum Schluss, dass dieses Attribut wohl schon in seiner Anfangszeit war. Dieser sein erster Tonfilm erstaunt durch den auf Anhieb perfekten Umgang mit dem neuen Medium. Obwohl Hell’s Heroes in einigen Sequenzen die Sprachlastigkeit aufweist, die für die damalige Tonfilmeuphorie typisch war, verfällt er doch kaum jemals ins starre Abfilmen von Dialogen, welches für jene Übergangszeit ebenfalls charakteristisch war und die zum Teil der starren Unbeweglichkeit der ersten Tonsysteme geschuldet war. Das bewegte, sprechende Bild steht für Wyler im Zentrum, mit viel Geschick fand er Wege, die Schwerfälligkeit der damaligen Tonsysteme aufzuheben. So erscheint Hell’s Heroes heute als seiner Zeit voraus.
Es gibt einige Anschlussfehler zwischen einigen Schnitten, doch die sind wohl den mörderischen Bedingungen beim Dreh in der glutheissen Wüste zu verdanken. Man konnte einzelne Takes nicht beliebig wiederholen (wie Wyler das in späteren Jahren gerne und exzessiv tat), denn der Kameraman steckte in einer schalldichten Kabine, in welcher die Hitze ins Unerträgliche gesteigert wurde.
Es gibt Sequenzen, die verblüffen, etwa jene lange Kamerafahrt, die Charles Bickfords Charakter über die Strasse zur Bank folgt und gleichzeitig eine Gegenbewegung im Hintergrund festhält, nämlich das Näherreiten seiner drei Kumpane aus dem Hintergrund. Das war mit damaligen Tonausrüstung kaum machbar, und ich vermute, dass einzelne Sequenzen im Nachhinein sychronisiert wurden. (An einigen Stellen ist das sogar ganz deutlich am nicht ganz lippensynchronen Dialog oder Gesang erkennbar.) Das Ausmass an Kamera-„Entfesselung“ ist für jene Zeit erstaunlich; Wyler zieht sie den ganzen Film lang durch. Sie ist wohl das grösste Verdienst dieses grandiosen Werks. Es erstaunt nicht, dass Produzent Darryl F. Zanuck von Warner Bros. mit diesem Film auf Wyler aufmerksam wurde.
Es gibt eine schöne Episode, die Wylers Fantasie und seinen inszenatorischen Einfallsreichtum verdeutlicht. In einer Szene sollte der verdurstende Charles Bickford, der mit dem Kind im Arm durch die Wüste stolpert, sein Gewehr fallen lassen, damit ihm seine letzte Kraft für das Kind bleibt. Bickford fing einen Streit mit Wyler an und weigerte sich, das Gewehr einfach fallen zu lassen. Er wollte es mit grosser Geste von sich schleudern – eine Unmöglichkeit für einen Verdurstenden. Wyler umging den Streit, indem er hinter dessen Rücken eine Alternativversion drehen liess: Die Kamera folgt den Fussspuren des Bickford-Charakters. An einer bestimmten Stelle gesellen sich die Schleifspuren des Gewehrkolbens zu den Fussspuren. Und schliesslich zieht die Kamera am im Sand liegenden Gewehr vorbei.
Dieser schnörkellose Lakonismus zieht sich durch den ganzen Film. Wyler umgeht damit Sentimentalitäten und die religiös verbrämte Melodramatik, die dem Stoff inhärent sind, und sich in John Fords 1948-er Version bisweilen störend auswirken.

DIE SCHAUSPIELER/INNEN:
Die drei „Galgenvögel“ sind schlicht grandios besetzt! Charles Bickford kam direkt vom Broadway, ein Star mit entsprechenden Allüren, die dann auch prompt zu Streitereien am Set führten. Raymond Hatton war ein Nebendarsteller, der später bevorzugt in Western eingesetzt wurde. Die Rolle in diesem Film ist eine der Glanzpunkte seiner Karriere. Er ist trotz seiner rauhen Schale die Seele des Films. Fred Kohler verstarb leider viel zu früh – er war ein Schauspieler mit grossem Potential, wie man hier erkennen kann. Sein Charakter macht die grösste Wandlung durch und er spielt das ganz natürlich und absolut glaubhaft.
Fritzi Ridgeways Darstellung der sterbenden Kindsmutter enthält etwas zu viel „stummfilmmässiges“ Overacting. Ihr Auftritt ist allerdings kurz, der Rest des Films gehört ganz den drei grossartigen „Galgenvögeln“.

DEKOR & KOSTÜME:
Dekor und Kostüme passen perfekt zum Stil des Films; sie unterstreichen durch ihre Authentizität den Realismus, den Wyler anstrebt.
Gedreht wurde im Städtchen Bodie, in der Mojave-Wüste und im Panamint-Valley in Kalifornien.

FAZIT:
Ein grossartiger, dank starker Bilder und sicher geführter Darsteller unvergesslicher Film mit einigen wenigen Schwachpunkten, die aber alle mit der frühen Tontechnik zu tun haben. Schaut man sich andere Filme aus demselben Erscheinungsjahr an, dann staunt man, wie wenig es sind. Wyler etablierte sich mit diesem Film als nicht nur zuverlässiger, sondern auch fähiger und künstlerisch begabter junger Regisseur.
9/10

DIE DVD:
DVD der Warner Archive Collection aus den USA (Regionalcode 0). Die Reihe bringt vergessene Filme „printed by demand“ auf DVD-R heraus, die eine reguläre Veröffentlichung nicht lohnen. Es gibt in der Regel keine Extras.
Bei der vorilegenden DVD handelt es sich um ein „Doppelpack“, welche zwei Verfilmungen desselben Stoffs – des Romans von Peter P. Kyne – herausbringt: Die hier besprochene und jene unter der Regie von Richard Boleslawkski aus dem Jahr 1936, die ich in diesem Blog demnächst auch noch vorstellen werde.

Die DVD kann als Neuware in meinem eBay-Shop gekauft werden; zusätlich ist Richard Boleslawskis 1936-Verfilmung desselben Stoffes auf der DVD mit drauf.

VORHER-NACHHER:
William Wyler drehte zuvor den Stummfilm The Love Trap (1928), danach den Tonfilm The Storm (1930). Hell’s Heroes war Wyler erster Tonfilm. Seine bekanntesten Werke waren The Desperate Hours (dt.: An einem Tag wie jeder andere, 1955) und Ben-Hur (1959).
Charles Bickford drehte vorher den Tonfilm Dynamite (Regie: Cecil B. DeMille, 1929), nachher war er im Greta Garbo-Vehikel Anna Christie (Regie: Clarence Brown, 1930) zu sehen. Hell’s Heroes war Bickfords dritte Filmrolle. Bickfords bekannteste Filme waren The Song of Bernadette (dt.: Das Lied von Bernadette, Henry King, 1943) und Duel In The Sun (dt.: Duell in der Sonne, King Vidor, 1946).
Raymond Hattons „Film davor“ war bereits ein Tonfilm und hiess The Mighty (dt.: Der Kampf um die Macht, John Cromwell, 1929), der Film danach war Murder on the Roof (George B. Seitz, 1930). Er spielte später Nebenrollen in zahllosen heute vergessenen Westernfilmen.
Fred Kohler war vor Hell’s Heroes in einer Nebenrolle im Al Jolson Vehikel Say it with Songs (dt.. Sag es mit Liedern, Lloyd Bacon, 1929) zu sehen, danach in Roadhouse Nights (Hobert Henley, 1930). Kohler starb viel zu früh (1938, mit 51) an Herzversagen; er ist heute komplett vergessen.
Tom Reed (Drehbuchautor) schrieb zuvor die Zwischentitel zum Film Broadway von Paul Fejös (1929), danach die Dialoge für Night Ride (dt.: Vampyre der Grossstadt, John S. Robertson, 1930).

 


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