Der Killer im Kopf

THE TERMINAL MAN
USA 1974
Mit George Segal, Joan Hackett, Richard A. Dysart, Donald Moffat, Jill Clayburg, u.a.
Drehbuch und Regie: Mike Hodges
Studio: Warner Bros.
Deutschsprachige Kinoauswertung: nein.
TV-Ausstrahlung im deutschsprachigen Raum 1992 unter dem Titel Der Killer im Kopf
Dauer: 107 min

Irre, worauf man bei der Warner Arcive Collection manchmal völlig überraschend trifft! Dieser Science-Fiction-Film aus den Siebzigerjahren floppte damals an den US-Kinokassen – und verschwand.
Seit die WAC ihn wieder zugänglich gemacht hat, scheiden sich die Geister. In den Leserrezensionen auf imdb.com findet man entweder enthusiastische Zustimmung oder totales Unverständnis – schön gleichmässig verteilt.

Ich finde den Film schlicht hervorragend! The Terminal Man, nach einer Vorlage Michael Crichtons, ist ein Science-Fiction-Streifen, der die Gefahren und Grenzen der Medizin aufzeigen will und der heute noch immer erstaunlich modern wirkt. Der auf Komödienrollen spezialisierte George Segal spielt Harry Benson, einen brillianten Wissenschaftler, der nach einen schweren Unfall ein Hirntrauma erlitt, welches dazu führt, dass er in wiederkehrenden Aggressivitäts-Anfällen die Kontrolle über sich verliert. Nachdem er in einem solchen Anfall einen Mann getötet hat, willigt er ein, sich für ein medizinisches Experiment zur Verfügung zu stellen: Sein Gehirn soll mit einem Mini-Computer verbunden werden, der im Moment eines Anfalls Unterdrückungs-Impulse an die Synapsen sendet und Benson so wieder zu Normalität verhilft.
Obwohl die Operation nicht unumstritten ist, werden die durchaus ernsthaften Bedenken der Kritiker von der Operationsleitung beiseite gewischt.

Bensons Betreuung nach der Operation liegt in den Händen der Psychiaterin D. Ross (Joan Hackett); sie stand der Sache von Beginn weg kritisch gegenüber, hatte aber keine Chance gegen die Macht ihres Kontrahenten Dr. Ellis (Richard Dysart), für den die Operation in erster Linie ein Mittel zur Förderung des eigenen Ruhmes darstellt.
Nachden klar wird, dass das Experiment missglückt ist – und zwar dramatisch missglückt – versucht einzig Dr. Ross, Benson zu retten.

Klingt spannend. Liest man sich durch die bereits erwähnten Publikumsreaktionen, stösst man allerdings immer wieder auf Äusserungen wie „gähnende Langeweile“, „quälend langsam“, „tödlich“.
Wenn man sich nun anschaut, was „Science-Fiction“ heute geworden ist – laut, spektakulär, effektverliebt, atemlos – dann ahnt man, dass diese Äusserungen komplett veränderten Sehgewohnheiten entspringen. The Terminal Man ist langsam, das stimmt. Aber Langsamkeit ist noch längst kein Synomym für Langweile!

Hodges versteht es meisterhaft, die Langsamkeit als Spannungselement einzusetzen. Die erste Stunde des Films spielt sich, bis auf zwei kurze Ausnahmen, gänzlich im gesichtslosen, asptischen Innern des Spitals ab. Der Regisseur verwendet die ganze erste Stunde für die Vorbereitungen und die Ausführung der Operation.Er inszeniert das so minuziös und detailiert, mit Zwischenschnitten auf die gespannt zuschauenden Medizinstudenen, aufs Hilfspersonal, auf den Computertechniker, dass man als Zuschauer die Möglichkeit des Versagens regelrecht spürt: Man erwartet jeden Moment, dass etwas Schlimmes passiert.
Erst hinterher wird einem bewusst, dass in jener Sequenz tatsächlich etwas Schlimmes passiert ist, obwohl der erwartete dramatisch zugespitzte „Fail“ ausbleibt. Die Katastrophe war die Operation selbst, indem sie absolut reibungslos abgelief! Das ist von Hodges meisterhaft inszeniert – gegen alle Konventionen und Publikumserwartungen. The Terminal Man ist formal gegen den Strich gängiger Horror-Konventionen gebürstet – und das nimmt ihm das Gros der Filmegucker heute wie damals übel.

Die Operation sollte Bensons Hirn mittels Computersteuerung dazu bringen, die gefährlichen Anfälle verebben zu lassen. Da das Hirn diese Konsolidierungen als angenehm empfindet, evoziert es mehr Anfälle – was schliesslich zur totalen Überlastung des Systems führt und zum Amoklauf Bensons, der, zum hilflosen Spielball der Medizin geworden, als Killer wieder Willen durch die Stadt läuft.

Das alles packt Hodges in packende, kühl durchkomponierte, teils unvergessliche Bilder. The Terminal Man ist nicht zuletzt ein berückendes Schaustück in kühl-ausgewaschenen Farben, ein Lehrstück der effektiven, ausdrucksstarken Bildkomposition.

Das Drehbuch hatte Hodges selbst verfasst, obwohl ursprünglich Michael Crichton sowohl dafür als auch für die Regie vorgesehen war. Crichton wurde aber vom Studio gefeuert, weil er angeblich zu sehr von seiner eigenen¨Romanvorlage abwich.
Ein künstlerischer Glücksfall, auch wenn der Film ein komerzieller Misserfolg war.
9/10

Vorher-nachher:
Mike Hodges drehte vor The Terminal Man den Film Pulp (dt.: Malta sehen und sterben; 1972) mit Michael Caine und Mickey Rooney. Danach, nach langer Pause, arbeitete er an Damien: Omen II (1978) als Co-Autor und Regisseur, wurde als Regisseur aber schon nach kurzer Zeit wegen künstlerischer Differenzen wieder gefeuert und durch Don Taylor ersetzt. Hodges bekannteste Filme sind Get Carter (dt.: Jack rechnet ab; 1972) und Flash Gordon (1980).
George Segal drehte vorher (1973) die romantische Komödie A Touch of Class, danach (1974) unter der Regie von Robert Altman California Split. Segals bekannteste Filme sind der Thriller The Quiller Memorandum (Regie: Michael Anderson, 1966) wo er an der Seite von Alec Guinness die Hauptrolle spielte, und die Komödie The Owl And The Pussycat  mit Barabara Streisand (dt.: Die Eule und das Kätzchen, Regie: Herbert Ross, 1970).
Joan Hacketts vorheriger Film war The Last of Sheila (dt.: Sheila), danach spielte sie im selben Jahr wie The Terminal Man im TV-Film Reflections of Murder unter der Regie von John Badham. Ihr bekanntester Film ist wohl die Westernkomödie  Support Your Local Sheriff! (dt: Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe, Regie: Burt Kennedy, 1969), in der sie an der Seite von James Garner die weibliche Hauptrolle spielte. Joan Hackett verstarb 1983 in Alter von nur 49 Jahren. Sie erlag einem schweren Krebsleiden.

 

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