Auf neuen Wegen – Buster Keatons „Hayseed Romance“ und „The E-Flat Man“

Buster Keaton hatte nach seiner schwierigen Zeit bei MGM schwer zu kämpfen und musste wieder Kurzfilme drehen – die sechzehn „shorts“, die er für Educational drehte, waren bis vor Kurzem nur schwer zugänglich. Seit etwa einem Jahr sind sie endlich auf DVD greifbar… Hier werden zwei der besten vorgestellt: Hayseed Romance und The E-Flat Man.

E-Flat ManBuster Keaton wurde nach seiner finanziell bedingten Trennung von seinem Mentor und Produzenten Joseph Schenck vom Film-Riesen MGM buchstäblich verheizt. Er verlor jegliche künstlerische Kontrolle über seine Filme und musste sich an enge Drehpläne und minuziöse Vorgaben halten. Das lief seiner bisherigen Arbeitsweise vollkommen zuwider. Er brauchte die Freiheit, um improvisieren zu können. Auf diese Weise waren all seine Meisterwerke entstanden – ohne Drehbuch und mit viel Erfindungsgabe.

Nachdem er bei MGM „flog“ – er mochte sich nicht anpassen, war unbequem, kämpfte für seine Filme, und trank zuviel – kam er beim kleinen Educational-Studio unter, das zur Stummfilmzeit Heimat von Al Christie und seinen Komödien gewesen war. Was Keaton dort produzierte, kann sich punkto Originalität zwar nicht mit seinen genialen Stummfilmwerken messen, doch einige (nicht alle) der dort entstandenen Kurzfilme zeigen, dass Keaton einer der grossartigsten und fähigsten Komödianten aller Zeiten war. Kein anderer hatte ein derart sicheres komödiantisches Timing wie Keaton – da sitzt jeder Gag passgenau und entfaltet seine grösstmögliche Wirkung – und eine solch traumwandlerische Körperbeherrschung, die er im Lauf der Jahre noch zu präzisieren und zu steigern vermochte.
In den Kurzfilmen für Educational beschritt er für ihn neue Wege und probierte Sachen aus, die man in seinen Stummfilmen vergeblich sucht.

In Hayseed Romance, seinem vierten Film für Educational, nimmt Buster (dessen Figur seit seinem Wechsel zu MGM „Elmer“ heisst) eine Stelle als landwirtschaftlicher Gehilfe bei einer vierschrötigen Witwe mit Heiratsabsichten an. In Wahrheit hat es Elmer deren hübsche Nichte angetan – nur ihretwegen bleibt er auf dem Hof. Der Film besteht aus einem Nichts an Handlung. Den Hauptteil von Hayseed Romance nimmt eine Nachtsequenz ein, in der Elmer versucht, in dem ihm zugewiesenen, winzigen Zimmer unterm Dach auf einem schmalen Feldbett zu schlafen. Aus dem Umstand, dass es ihm durch eine undichte Stelle im Dach direkt aufs Gesicht regnet, entsteht eine Verkettung von unglaublichen Missgeschicken und Unglücksfällen – genauso, wie man das aus den Filmen Laurels und Hardys kennt. Doch hier kommen die Gags noch verrückter und absurder daher. Im ungeschickten Versuch, die undichte Stelle im Dach zu reparieren, vergrössert Buster das Loch und fällt schliesslich hindurch. Dabei geht nicht nur das Feldbett zu Bruch, er kracht auch noch durch den Boden hindurch und fällt auf das Bett seiner Arbeitgeberin im Zimmer darunter, und zwar genau in dessen Mitte. Die Landwirtin und ihre Nichte, die jeweils am linken und rechten Rand der Matratze sitzen, werden durch den „Einschlag“ nach beiden Seiten aus den Fenstern geschleudert, wobei die ältere von beiden eine wunderbar elegante Landung in einer Schlammpfütze hinlegt.
Das geht derart schnell und ist derart geschickt choreografiert und geschnitten, dass man vor Überraschung fast vergisst, zu lachen.

Stan und Ollie lassen grüssen. Die beiden waren zur Entstehungszeit dieses Kurzfilms sehr populär. Hayseed Romance wirkt, als hätte Keaton einen Versucht unternommen, an deren Humor anzuknüpfen – ob freiwillig oder nicht, sei dahingestellt. Aber die Art, wie er dies tut, erhebt den fast stummen Hayseed Romance zum komödiantischen Kunstwerk, zum Richtwert für kunstvolle Clownerie.

Der andere Film heisst The E-Flat Man und gilt gemeinhin als misslungen. Ein Irrtum, dem man nur mit „filmhistorisch-ideologischen Scheuklappen“ aufsitzen kann, wenn man nichts neben Keatons Stummfilmen gelten lässt , den dort herrschenden Absurdismus zum Richtwert für alles Keatoneske nimmt und darob die Qualitäten der Tonfilme einfach ignoriert. Klar hat uns Keaton grossartige Stummfilme hinterlassen; daneben hat er auch ein paar ganz hervorragende Tonfilme gedreht.
Das Schöne am E-Flat Man sind auch hier wieder Keatons präzise Clownerien einerseits, andererseits und ganz entschieden auch die Gestaltung der weiblichen Partnerrolle. Waren die weiblichen „Heldinnen“ im Slapstick-Film meist dekoratives Streit- oder Verehrungsobjekt, so ist Dorothea Kent hier die „Clownin an Busters Seite“. Die beiden bilden das unwiderstehlichste Clown-Paar des gesamten mir bekannten Slapstick-Universums.

Der Film beginnt mit zwei zufällig simultan am selben Ort durchgeführten Aktionen: Einem Einbruch zweier Gangster in einen Krämerladen (ihr Boss braucht Alka-Seltzer) und einer Brautentführung aus dem Nachbarhaus (Elmer/Buster entführt seine Freundin mittels Leiter aus dem Elternhaus).
Die Polizei fährt vor dem Krämerladen vor, parkt das Auto hinter jenem von Buster und betritt den Laden. Die Gangster flüchten mit Busters Wagen, während Buster und seine Freundin just im selben Moment auftauchen und irrtümlich ins Polizeiauto einsteigen – und davonfahren. In der Nacht sind alle Katzen grau, und die beiden bemerken die Verwechslung erst, als der Polizeifunk sich einschaltet. Fortan befinden sich die beiden wirklich auf der Flucht.

Auch hier gibt es fast keine Handlung – das als Gangster verfolgte Paar steigt mal hier, mal da ab, erlebt einige Missgeschicke, dann geht die Flucht weiter.
Auf geradezu rührende Weise sorgt er sich um ihr Wohl und sie folgt ihm optimistisch in jedes Verderben, dass sie dann beide geduldig zusammen ausstehen – er mit dem bekannten ehernen Stoistizismus, sie mit einem sorglosen Lächeln.

Ganz deutlich spürbar bei diesen Werken, nach all den furchtbaren MGM-Vehikeln, Keatons Handschrift. Bei Educational genoss Keaton wieder jene Improvisationsfreiheit – jedenfalls in gewissem Mass – die er in der Stummfilmära so schätzte und brauchte. Er bekam zwar Skripts, die seiner Art scheinbar zuwiderliefen und das Buget war minimal, doch er holte aus einigen der 16 Kurzfilmen das Bestmögliche heraus, und das heisst: Keaton pur, minus Surrealismus, minus spektakuläre Sets.
Das DVD-Set Lost Keaton bietet eine lohnende und erhellende Erkundungstour des unbekannten Buster – jedenfalls für Leute ohne ideologische Scheuklappen.
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August: Osage County (2013) Immer wieder gibt es Filme, die fast grandios sind. Aber eben nur fast. Weil es an etwas fehlt. Hier fehlt es an der Regie. Man hätte sich jemand Talentierteres gewünscht für die Verfilmung von Tracy Letts‘ gefeiertem gleichnamigem Theaterstück. Jemand, der inszenatorisches Gespür mitbringt, das über das wirkungsvolle Führen von Schauspielern hinausgeht. Jemand, der auch die Bildsprache des Kinos beherrscht. Jemand anders als der Regie-Newcomer John Wells (Company Men).August_Osage_County
So ist August: Osage County „nur“ ein wirkungsvoller Ensemblefilm geworden, dem ein starkes Stück zugrunde liegt. Das ist zwar Jammern auf hohem Niveau, denn Meryl Streep und Julia Roberts sind hier schlichtweg sensationell gut. Doch die gallige Familiengeschichte hätte mehr Sprengkraft, wenn die Bilder nicht ganz so beliebig und leer wären. Streep trumpft hier auf als greises, zeitweise debiles, von Krebs und Tabletten zerfressenes Familienoberhaupt Violet Weston, deren Familie anlässlich des Selbstmords von Vater Weston anreist und alte Wunden aufreisst. Da werden zerstörerische familiäre  Strukturen blossgelegt wie mit dem Seziermesser, die Frauen der Familie erweisen sich als streitsüchtige, giftspritzende Drachen, die ihre Männer über Generationen hinweg in die Flucht schlagen. Immerhin: Ein toller, hochspannender Schauspielerfilm ist daraus geworden – verfilmtes Theater mit Spitzenbesetzung. (Zur Zeit im Kino)
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The Grand Budapest Hotel (2013) Wes Anderson hat wieder zugeschlagen, diesmal in einem königlich-kaiserlichen Fantasiestaat der Dreissigerjahre. In gewohnt oppulenter Besetzung, ebenso üppiger Ausstattung und mit überbordendem Ideenreichtum tobt sich der Texthe-grand-budapest-hotelaner einmal mehr filmisch aus und kredenzt seinen blühenden Blödsinn mit derart irrem Tempo und mit soviel Understatement, dass man vor permanentem Überrumpeltwerden kaum zum Lachen kommt.
Der Film um den Patron des Hotels Grand Budapest, das wie eine Playmobilausgabe von Schloss Neuschwanstein mitten im abgelegenen Wald- und Bergidyll thront, ist eine wilde Räuberpistole, die aussieht, als wäre sie in den Kulissen eines Kasperltheaters gedreht worden.
Unglaublich, witzig, hoch originell, sinnfrei – und letztlich völlig belanglos. (Zur Zeit im Kino)
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Les Misérables (1935) Es gibt auch gesangsfreie Verfilmungen von Victor Hugos 1862 erschienen Romanepos, etwa diesen von Richard Boleslawski gedrehten Schwerzweissfilm mit Fredric March und Charles Laughton als Kontrahenten. Les Misérables 1935Die beiden Schauspielergiganten versprechen grosses Kino – doch der Film leidet etwas daran, dass der Stoff auf Kinolänge gekürzt werden musste, was man leider des Öfteren an Brüchen und Sprüngen in der Handlung deutlich merkt. Laugton ist phänomenal! Er spielt den Schergen Javert als innerlich zerfressenen Emporkömmling mit psychotischen Zügen. Es ist fast nicht zu glauben, dass er im selben Jahr den steifen Butler Marmaduke Ruggles in Ruggeles of Red Gap in den Kinos zu sehen war. Obwohl er kaum Maske trägt, hat man den Eindruck, einen völlig anderen Menschen vor sich zu haben.
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