Die Sintflut und der erste Weltkrieg

NOAH’S ARK
(dt.: Das Drama der Sintflut)
USA 1928
Mit George O’Brien, Dolores Costello, Noah Beery, Paul McAllister, Guinn „Big Boy“ Williams, u.a.
Drehbuch: Darryl F. Zanuck und Anthony Coldeway
Regie: Michael Curtiz

Das Herziehen über einen Film, den man so gar nicht mag, über den man sich so richtig geärgert hat, kann etwas Befreiendes haben. Aber auch etwas Beleidigendes.
Leider konnte – wollte? – ich nicht verhindern, dass in diesem Text Ersteres ständig in Zweites übergeht. Ich habe mich über Noah’s Ark zwar nicht gerade geärgert, fand den Film aber über weite Strecken richtiggehend lächerlich.

Es handelt sich bei diesem Teil-Tonfilm um religiösen Schwulst übelster Sorte – neben Noah’s Ark sieht selbst Cecil B. DeMilles King of Kings aus wie ein nüchternes Biopic. Da werden dramatisch Hände verworfen, Augen und Arme gen Himmel verdreht; Noahs Heiligkeit lässt sich schon von weitem an der Länge seines Rauschebarts erkennen. Seine Söhne laufen im Leopardenfell herum, als wären sie gerade einem Hollywood-Streifen über die Steinzeit entsprungen. Auch die Bösen sind mit dem Zeigefinger böse, die Guten sind so gut, dass man zum Filmbeginn eine Warnung für Diabetiker einblenden müsste.

Zum dick aufgetragenen Pathos kommt eine Geschichte, die wirr und unmotiviert durch die Weltgeschichte springt, bei der Arche anfängt, im ersten Weltkrieg landet und in einer spektakulären letzten halben Stunde schliesslich zur Sintflut schreitet, die wirkt, als gälte es, DeMille als alten Langweiler dastehen zu lassen.

Die Moral, auf die Noah’s Ark hinauswill, lautet ungefähr: Zu Noahs Zeit sandte der Herr in seinem Zorn die Flut – uns schickte er den ersten Weltkrieg.
Tatsächlich stellt das von Darryl F. Zanuck mit-verbr… äh, -verfasste Drehbuch allen heiligen Ernstes diesen Bezug her. Sämtliche Personen, die uns im ersten, dem WW1-Teil begegnen, treten danach in biblischen Kostümen im zweiten Teil erneut auf: Die Bösen als Böse, die Guten als Gute.
Und genauso konfus und willkürlich wie die Handlung wirkt der Einsatz des Tons. Was als Stummfilm beginnt, wird sporadisch mit Dialogsequenzen von jeweils zehn Minuten unterbrochen. Wobei „unterbrochen“ durchaus treffend ist, denn immer wenn gesprochen wird, tritt die Handlung an Ort, die Kamera erstarrt und der Flachsinn tritt schmerzlich zutage. Aus zeitlicher Distanz wird deutlich, dass da einfach um des Tones Willen geredet wird. Was aus heutiger Sicht wirkt wie eine Demonstration der Vorzüge des Stummfilms galt damals als Sensation – ungeachtet des (fehlenden) Inhalts.

Noah’s Ark mag für Filminteressierte durchaus von historischem Wert sein; darüberhinaus bekommt er von mir einen Spitzenplatz in der „Liste der schlechtesten Filme, die ich je gesehen habe“. Kaum zu glauben, dass er mit George O’Brien besetzt ist, der auch im „besten Film, den ich je gesehen habe“, nämlich in Murnaus Sunrise die Hauptrolle innehatte – ein Jahr vor Entstehung dieses Machwerks.
Und ebenso kaum zu glauben, dass hier der spätere Regisseur von Casablanca am Werk war.
3/10

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