Der Sprung in die Leinwand – Buster Keatons „Sherlock, Jr“

Momentan bin ich auf der Suche nach einer anderen Form für diesen Blog. Auf Stummfilme mag ich mich im Moment nicht konzentrieren – zu sehr haben sich meine Film-Interessen geöffnet.
So laboriere ich nun ein wenig mit Formen und Formaten für diesen Blog herum – und hoffe, die Geduld der werten Leserschaft damit nicht allzusehr zu strapazieren.Den Stummfilm behalte ich im Titel, auch wenn’s nicht mehr ganz passt, schliesslich wird man am Titel wiedererkannt.
Ich beginne heute mal etwas Neues: In (hoffentlich) regelmässigen Abständen rezensiere ich hier Filme, die ich in dieser Zeit gesehen habe. Dabei will einen besonders wertvollen, guten oder sonst irgendwie spannenden Film jeweils hervorheben und etwas ausführlicher beschreiben, die anderen in Kurzform abhandeln. Gedacht ist das Ganze als Anregung, als Seh-Empfehlung für Kinofreunde.

Der Sprung in die Leinwand
Im Stummfilm Sherlock, Jr träumt Buster Keaton sein Leben in Ordnung und kreiert eine berückende und bis heute unübertroffene Hommage an das Kino.

Viele sehen Sherlock, Jr als Buster Keatons besten und persönlichsten Film. Es geht darin um Sein und Schein und wie das Kino und der Film unser Leben beeinflusst – und das Leben das Kino!
Keaton reflektiert darin seine Rolle als Autor-Regisseur so selbstverständlich, unverkrampft und gewitzt, dass man die Meta-Ebene des Films kaum bemerkt.

Keaton spielt darin seine übliche Loser-Figur, die hier als Operateur eines kleinen Vorstadtkinos arbeitet. Man wähnt sich zunächst in einer „typischen Komödie jener Zeit“: Es gibt eine ausgedehnte, recht konventionelle Exposition, die Keaton benötigt, um seine Figuren – sein Mädchen, ihre Familie und den betrügerischen Nebenbuhler – einzuführen. Doch dann beginnt Sherlock, Jr plötzlich, die wildesten Kapriolen zu schlagen – bezeichnenderweise genau dann, als Filmvorführer Buster im Kino den Projektor einschaltet.

Buster, der dank eines Tricks des Nebenbuhlers vom Vater seines Mädchens als Dieb bezichtigt und für immer des Hauses verwiesen wird, schläft am Arbeitsplatz ein und träumt sich in eine bessere Welt: In den Film, den er gerade vorführt. Dieser Film spielt in der noblen Gesellschaft, und die Protagonisten verwandeln sich in die soeben eingeführten Personen aus Busters Leben. Buster selbst ist im Film ein grosser Detektiv, der dem betrügerischen Dieb/Nebenbuhler das Handwerk legt und zuletzt die Gunst des Mädchens gewinnt.

Der Traum-im-Film ist gleichzeitig der Film im Film. Der Traum „Film“ wird zunächst einfach mal wörtlich genommen: Der Traum ist der Film, der Film der Traum. Und weil dem so ist, wird er für den Zuschauer real – so lange, bis Buster erwachend in seine Realität zurückkehrt – die natürlich auch nur ein Film ist.
Der Regisseur als Träumer, der sich die Realität mit Hilfe des Mediums Film so zurechtschustert, wie er sie gerne hätte. Diese Deutung lässt nicht zuletzt der Umstand zu, dass der Regisseur/Autor in der Realität ein und derselbe ist wie der Träumer im Film, nämlich Buster Keaton. Sherlock, Jr beisst sich in den Schwanz – und wenn Keaton ganz zuletzt alles nochmals umdreht und seinen Held vom gerade laufenden Film zu einer Liebesszene inspirieren lässt, der Film also die Realiät „inszeniert“, dann sind nicht nur alle möglichen Variationen zum Thema Realität und Film ausgeschöpft, dann wird auch die Aussage des Werks deutlich: Film ist Traum – und der Traum ist Lehrmeister für ein besseres Leben. Ergo…

Dass die Meta-Ebene gleichzeitig eine wilde Parodie auf das Detektiv-Genre ist, zeugt von Keatons traumwandlerischem Sinn für den Umgang mit dem Medium und dessen Wirkung.
Sämtliche Ingredienzien des Detektivfilms sind in überhöhter Form präsent – von der fiesen Intrige über den fiesen Gaunergehilfen bis zur Damsel in Distress. Der Detektiv ist allen anderen derart turmhoch überlegen, dass seine Taten schon an Magie grenzen, und es gibt Verfolgungsjagden, die in ihrem rasanten Wahnwitz kaum mehr übertroffen werden können. Der Ritt Keatons auf dem Lenker eines Motorrades hat jedenfalls Filmgeschichte geschrieben.
Zudem gibt es Sequenzen, die eine unbändige, fast kindliche Experimentierlust mit dem Medium bezeugen. Der Sprung des Helden in die Leinwand ist berühmt, der Keaton zu einem verrückten Spiel mit dem Filmschnitt motiviert: Die Handlungen des in die Leinwand gehüpften Helden werden in einer wunderbar surrealen, tricktechnisch ausgetüftelten Sequenz dauernd durch abrupte und völig unmotivierte Filmschnitte gestört.

Das Kino als Traum-Fabrik – Buster Keaton widmet sich diesem Thema mit parodistischem Ansatz und traumwandlerischer Metaphorik. Sherlock, Jr ist dabei wohl jener Film Keatons, der das heute inflationär gebrauchte Attribut genial verdient. Denn was er da inszenierte war zu jener Zeit beispiellos – nachfolgende Generationen von Filmemachern orientierten sich an Keaton, wenn sie den Film im Film, das wilde Durcheinanderpurzeln verschiedener Realitäts – und Irrealitätsebenen thematisierten. Natürlich gab Keaton in Interviews später stets zu Protokoll, es sei ihm nur darum gegangen, die Leute zum Lachen zu bringen. Und wenn dem so wäre: Auch dies ist ihm mit Sherlock, Jr aufs Trefflichste gelungen!
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Weitere Filmempfehlungen (sämtliche Filme sind auf DVD erhältlich, sofern nicht anders vermerkt):

Judgement Day At Nuremberg (Das Urteil von Nürnberg – 1961) – Wenn man den Film heute sieht – aus einer Distanz von 53 Jahren – dann staunt man, wie differenziert hier die Verhältnisse dargestellt werden. “Die Deutschen”, im damaligen US-Kino generell die Bösewichte, werden hier nicht einfach als Monster hingestellt. Die Frage nach der Schuld “der Deutschen” an den Gräueln des dritten Reiches wird hier überraschend differenziert abgehandelt. Damit war der Film dem damaligen Zeitgeist weit voraus, und so man sich für dessen Thematik interessiert, ist er auch heute noch aktuell. 
Darüberhinaus ist Judgement Day At Nuremberg einer der besten und spannendsten Gerichtsfilme aller Zeiten, einige der grössten Stars von damals haben darin die beste Leistung ihrer gesamten Laufbahn hingelegt (Spencer Tracy etwa sagte, nach diesem Film könne er sich getrost in den Ruhestand begeben).
Obwohl er drei Stunden dauert, langweilt Judgement Day At Nuremberg keinen Moment. Die Thematik wird derart interessant aufbereitet und die Darstellerinnen und Darsteller geben derart packende Vorstellungen, dass man gebannt sitzenbleibt.
Regisseur Stanley Kramer zählt zu den wenigen US-Regisseuren, die brisante und ethische Themen gegen den Zeitgeist mutig aufgriffen und sie filmisch packend aufzubereiten wussten. (DVD vergriffen, aber noch gebraucht erhältlich)
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Up In The Air (2009) – Ryan Bingham (George Clooney) entlässt Leute. Er arbeitet für eine Firma, deren Mitarbeiter dafür trainiert sind, anstelle der Firmenverantwortlichen Entlassungsgespräche zu führen. Bingham ist ein gefragter Mann und führt ein “ungebundenes” Leben: Er fliegt von Staat zu Staat, lebt in Hotels und hält Vorträge über das Abwerfen von “Lebens-Ballast”. Mit zunehmender Filmdauer wird deutlich: Der Mann, der von Berufs wegen Leute “entwurzelt”, ist selbst ein “Entwurzelter”.
Als er eine junge Assistentin zur Seite gestellt bekommt, beginnt sein Leben langsam aber sicher eine neue Wendung zu nehmen…
Der Film, eine Tragikomödie, hat die Ent-Menschlichung eines Systems – des Kapitalismus – zum Thema und spielt in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise. Ryan hat sich angepasst, um in diesem System und in dieser Zeit überleben zu können. Aber zu welchem Preis?
Es gibt in diesem Film eine Figur die noch isolierter, noch ferner von allem Zwischenmenschlichen scheint, nämlich Binghams junge Assistentin Nathalie – die “nachrückende Generation” in diesem immer schneller sich drehenden Karussell von Innovation und Verbesserung. Ihre Kontakte sind im Film optisch nicht präsent – sie finden ausschliesslich in Handygesprächen und durch SMS-Botschaften statt. So macht etwa ihr Freund per SMS mit ihr Schluss.
Der Film bringt seine Kritik unaufdringlich und ohne Moralpredigten an. Es braucht sensible Aufmerksamkeit, um die “Botschaft” mitzubekommen. Up In The Air ist ein zu Beginn oberflächlich wirkender Film, der mit zunehmender Filmdauer tief blicken lässt.
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The Party (Der Partyschreck – 1968)- Die bekanntesten Filme, die Blake Edwards und Peter Sellers zusammen gemacht hatten, gehörten zur Pink Panther-Serie, wo Sellers als tollpatschiger Inspecteur Clouzot auftrat.
The Party entstand acht Jahre nach dem zweiten Pink Panther-Film und spielt qualitativ in einer ganz anderen Liga! Obwohl der Film zahllose köstliche Slapstick-Einlagen bietet, wirkte er auf das damalige Publikum wie ein Experimentalfilm. Tatsächlich fällt die Parallele mit Jacques Tatis ein Jahr zuvor entstandenem Meisterwerk Playtime ins Auge. Hier wie dort gibt es keine eigentliche Handlung, kaum Dialog und der Hauptfigur passiert ein Missgeschick nach dem anderen.
Hrundi V. Bakshi (Sellers), ein gefeuerter indischer Film-Komparse wird versehentlich zur Party eines wichtigen Hollywood-Produzenten eingeladen, die er mit seiner unbeholfenen Art sukkszessive ruiniert. Am Schluss bricht die pure Anarchie aus, was Regisseur Edwards für zahlreiche Laurel & Hardy-Zitate nutzt.
Ein unglaublich komischer Film, dessen komisches timing bewundernswert ist.
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Frozen (Die Eiskönigin – 2012) – Nachdem der letzte von Disney im konventionellen (sprich: handgezeichneten) Stil produzierte Trickfilm Küss den Frosch an der Kinokasse floppte, setzt der traditionsreiche Konzern auf CGI. Zeichentrickfilme will offenbar keiner mehr sehen. Das ist zwar schade, kann sich aber durchaus wieder ändern. Frozen, nach Rapunzel der nächste CGI-Streich von Walt Disneys Erben, kann sich jedenfalls durchaus sehen lassen. Er weiss vor allem durch schöne Bilder zu bezaubern. Und die computergenerierten Menschenfiguren überzeugen – nach langen, mehr oder weniger fehlgeschlagenen Versuchen anderer Filmstudios. Zudem wartet der Film mit einer spannenden Handlung und erstaunlich vielschichtigen Hauptfiguren auf. Der Rest ist Hollywood-Konvention, was aber dank dem gut durchdachten und schön konzipierten Rest nicht so negativ ins Gewicht fällt. (z.Zt. im Kino)
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4 Kommentare

  1. Kann mich Manfred nur anschließen: dieses neue Artikel-Format sieht gut aus. So etwas in Abwechslung mit deinen „Warner Archive Collection“-Besprechungen (die höchst interessant sind) wäre doch super! Als Teil der „werten Leserschaft“ kann ich nur sagen, dass meine Geduld keineswegs strapaziert würde 😉
    Bis auf den Disney-Film habe ich tatsächlich alle gesehen, THE PARTY sogar vor nicht einmal zwei Wochen. SHERLOCK JR. ist natürlich super, mein zweiter Lieblings-Keaton nach (ja, nicht sehr originell) THE GENERAL. Als interessantes Kontrastprogramm zu UP IN THE AIR kann ich den Roman empfehlen: gerade in der zweiten Hälfte weicht der Film stark ab (wo das Buch sehr verzweifelt, bitter und düster wird).

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