Keatons Chaplin-Hommage

CONVICT 13
(dt.: Buster Keaton als Sträfling)
USA 1920
Mit Buster Keaton, Joe Roberts, Sybil Seely, Edward F. Cline, Joe Keaton, u.a.
Regie: Buster Keaton und Edward F. Cline
Dauer: 20 min

In meiner Artikelserie über die Stummfilmen Buster Keatons befinden wir uns noch immer in Keatons Frühwerk. Convict 13 ist der zweite eigene Film, der von ihm in die Kinos kam – und der dritte, den er in Eigenregie drehte. Nachdem er mit seinem Erstling, The High Sign, nicht zufrieden war, stellte er diesen zurück und brachte zuerst das Meisterwerk One Week heraus. Convict 13 gehört zudem zu jenen Kurzfilmen Keatons, die heute nicht mehr vollständig erhalten sind.

Schaut man sich das Werk heute an, fragt man sich unweigerlich, weshalb er den ungleich besseren High Sign zurückstellte, diesen Film hingegen ins Kino brachte. Und wie es möglich war, nach einem derart ausgereiften Film wie One Week einen solchen Tiefschlag zu produzieren, dem viele Insignien eines unausgereiften Erstlings anhaften. Damit man mich nicht falsch versteht: Convict 13 ist gemessen am Standard der damaligen Slapstickproduktion herausragend; er fällt aber Qualitativ deutlich hinter alle anderen Stummfilme Keatons zurück. Manche Gags sind von einer für Keatons Verhältnisse unfassbaren Grobheit.

Klar, auch Chaplins frühe Filme erscheinen heute, grob, plump und bisweilen brutal. Sie wurden aber in einer anderen Zeit gedreht, damals fand „man“ Grobheiten komisch.
1920, zur Entstehungszeit von Convict 13 drehte Chaplin aber bereits feinsinnigere Filme, ein Jahr später sollte mit The Kid sein erster Langfilm erscheinen. Der Publikumsgeschmack hatte sich geändert, mit One Week und The High Sign trug Keaton diesem Umstand Rechnung. Wie also soll man Convict 13 verstehen?

… so der Keaton. Rechts Co-Regisseur Edward F. Cline.

Wie der Chaplin…

Es gibt in diesem Film deutliche Anzeichen, dass Keaton damit möglicherweise eine Chaplin-Hommage im Sinn hatte.
Das Sträflingsoutfit gleicht jenem Chaplins in The Adventurer (1918) aufs Haar und in der Sträflingshatz werden sogar ähnliche Einstellungen wie in Chaplins Film benutzt – ich will sie nicht Zitate nennen, da sich diese Behauptung nicht belegen lässt, möchte aber doch darauf hinweisen, dass sich Keaton später immer wieder parodistisch und mittels Zitaten anderen Filmen gewidmet hat (Paradebeispiel dafür ist sein erster Langfilm The Three Ages, in dem er u.a. Griffiths Intolerance aufs Korn nimmt).

David gegen Goliath – Reminszenz an Chaplins „Easy Street“?

Das gewichtigste (im wahrsten Sinn) Argument für meine These ist aber die Figur des von Joe Roberts gespielten brutalen Sträflings, der sämtlichen Wärtern übel mitspielt. Mit dieser Figur nimmt Keaton überdeutlich Bezug auf Chaplins „Heavy“ Eric Campbell, der drei Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben kam. Campbell, der Chaplins Mutual-Filme mit seiner Massigkeit und seiner trampelhaft-brutalen Präsenz fast noch mehr geprägt hatte als Chaplin selbst, spielte in mehreren Filmen genau diesen Rollentyp. Unvergesslich etwa sein „Goliath“ in Easy Street. Oder der angsteinflössende Kellner in The Immigrant.

Wenn man Convict 13 durch diese „Brille“ betrachtet, dann wird er zur Reminiszenz und zur Verbeugung des jungen, des kommenden Meisters vor dem alten. Und somit werden auch die für Keaton untypischen Grobheiten erklärbar. Chaplins letzter Mutual-Film – der durchaus noch solche Grobheiten enthielt – lag zwar nur zwei Jahre zurück.

Joe Roberts – wie er leibt und wütet…

Seit Convict 13 hatte Joe Roberts seinen festen Platz als „Heavy“ in Keatons Ensemble (in One Week tritt er nur ganz kurz als Klaviertransporteur in Erscheinung), und wie bei seinem „Kollegen“ Eric Campbell prägten auch sein Gesicht und seine Präsenz die frühen Filme seines „Meisters“; sie sind untrennbar mit ihnen verbunden.
Und auch Roberts verstarb – welch absonderliche Koinzidenz – wie Eric Campbell, plötzlich und viel zu früh. Während der Dreharbeiten von Keatons zweitem Langfilm Our Hospitality (1923) erlitt er einen Schlaganfall. Den Film drehte er noch fertig, verstarb aber kurz darauf.

Wie eingangs bereits erwähnt, ist Convict 13 heute nur noch unvollständig erhalten. Allerdings fehlen nur einige wenige Einstellungen, das erhalten gebliebene Filmmaterial ist jedoch in keinem besonders guten Zustand mehr.

Wo ist der Ball?

Convict 13 beginnt mit einem Golfspiel, das einige typische Keaton-Gags entält – etwa die Szene, wo der Golfball in einen Bach fällt und Buster darauf einen Fisch nach dem anderen herausholt, um zu sehen, welcher davon den Ball verschluckt hat. 
Ein Schlag auf den Kopf betäubt Buster genau in jenem Moment, da ein von Polizisten gejagter Sträfling vorbeikommt, der mit dem bewusstlosen Buster rasch die Kleider tauscht (in Chaplins Adventurer macht der Held die umgekehrte Verwandlung durch). Als Buster wieder zu sich kommt, ist er von Polizisten umringt – und steckt im Streifenanzug. Nach einer Verfolgungsjagd landet er im Gefängnis, wo er als „Gefangener Nr. 13“ gehängt werden soll. Dank der Hilfe seiner Freundin, der Tochter des Gefängnisleiters, entkommt er dem Strick und kann sich als Polizist verkleiden. Doch der von einem grausamen, Goliath-ähnlichen Häftling angezettelte Aufstand bringt ihn in erneute Schwierigkeiten, da sich nun alle Insassen auf die Polizisten stürzen. Am Ende entpuppt sich alles als Traum des bewusstlosen Buster.

Weder in der Fachliteratur noch im Internet konnte ich eine Bestätigung für meine Hommage-These finden. Meist wird auf Convict 13 gar nicht eingegangen – Usus ist, ihn als „Unfall“ in Keatons Filmografie unter den Tisch zu wischen. Die hier dargelegte Sichtweise rückt Keatons „Unfall“ in ein Licht, das besser zum allseits beliebten Filmgenie passen würde als der grobe Klamauk, der in Concivct 13 vorherrscht.

Convict 13 ist im deutschsprachigen Raum in der Buster Keaton-Box von Arte greifbar.

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