Tonfilm-Seitensprung: Verwirrend verrückter Bildersturm

THE IMAGINARIUM OF DOCTOR PARNASSUS
(dt.: Das Kabinett des Doktor Parnassus)
England 2009
Mit Christopher Plummer, Tom Waits, Heath Ledger, Lily Cole, Andrew Garfield,Verne Troyer, u.a.
Regie: Terry Gilliam
Dauer: 123 min
Der Film ist im deutschsprachigen Raum auf DVD/Blu-Ray erhältlich.

The Imaginarium of Doctor Parnassus ist der bislang letzte Film des Bilderstürmers und Monty-Python-Gründungsmitglieds Terry Gilliam (sein neuster, The Zero Theorem, wird bald in die Kinos kommen).
Der umständliche, altmodische Titel hat Programm, denn The Imaginarium of Doctor Parnassus handelt von einer Wanderbühne, einem fahrenden Spektakel, wie sie bis ins 19 Jahrhundert bekannt und beliebt waren. Gilliams Film spielt allerdings im Heute und Doktor Parnassus‘ Kabinett wirkt mit seinem alten, modrigen Thepsiskarren, wie er da durch die  Innenstadt von London rumpelt, wie die Illustration des Begriffs Anachronismus. Aber der gute Doktor ist ja auch schon über tausend Jahre alt!

Das Grundthema des Films ist das Erzählen von Geschichten mittels der Macht der Phantasie. In Dr. Paranssus‘ Kabinett kriegt man keine Stücke vorgespielt, man tritt ein in die Bilderwelt des eigenen Kopfes. Oder ist es jene des alten Doktors? In Gilliams Filmen kann man sich einer Sache nie ganz sicher sein, vor allem dann nicht, wenn er selbst mit Charles McKeown zusammen das Drehbuch verfasst hat, eine Zusammenarbeit, aus der grandiose Filme wie Brazil oder The Advenures of Baron  Munchhausen entsprangen.

The Imaginarium of Doctor Parnassus gehört zweifellos zu Gilliams besten Werken. Viele Kritiker bemängeln jedoch das Fehlen einer stringenten Handlung: Worum geht es in dem Film eigentlich? Um welches thematische Zentrum kreist die Handlung? Was will uns die Allegorie mit dem Teufel sagen? Wofür stehen die Hauptfiguren?
Wer diese Fragen in den Hintergrund stellen kann – und das dürfte angesichts des visuellen Feuerwerks, das Gilliam hier einmal mehr zündet, nicht allzu schwer fallen – der wird mit einer Fülle von grandiosen, originellen und aufregenden Einfällen belohnt, wie sie in der langweiligen Gesichtslosigkeit des heutigen Kinos ihresgleichen suchen. Zusammengehalten wird der Bilderreigen durch die Geschichte einer Wette zwischen dem Doktor und dem Teufel, notdürftig zwar, aber dem bilderhungrigen Kinogänger reicht’s. Von mir aus hätte man ruhig einige Dialoge streichen können – es wird trotz allem stellenweise zu viel gequasselt in dem Film. Und zwar weitgehend leer. Das müsste nicht sein.

Man kann sich an einem Film freuen, der Kino so versteht, wie es ursprünglich gedacht war: Als visuelle Kunstform. Salopp ausgedrückt: Als bunte Bilderbude – als das Imaginarium, das ihm den Titel gibt. Dass Gilliam seinen Film – einmal mehr, und man ist versucht, zu schreiben „auf Teufel komm ‚raus“ – als eklektischen Bilderstrum inszeniert, eröffnet die Möglichkeit, ihn mehrmals und investigativ zu betrachten: Kunst- und architekurbewanderte Zuschauer werden eine Fülle von Zitaten, Anspielungen und Querverweisen entdecken. Auch Selbstzitate finden sich zu Hauf – so entstammt etwa das Ballett der netzbestrumpften Polizisten direkt aus einer Folge von Monty Python’s Flying Circus. Ebenso das gerupfte Huhn, das in einer kurzen Szene auftaucht.
Trot aller Zitate ist Gilliams Bildsprache unverkennbar und originär – er gehört zu den wenigen aktuellen Filmemachern, die sofort und untrüglich an ihrem Stil erkennbar sind. Und das kann man angesichts der immer deutlicher zur Massenware verkommenden Filmproduktion nicht hoch genug schätzen.

Natürlich stimmt, was viele Kritiker dem Film vorgeworfen haben: Die Story ist wirr, sie besitzt keinen richtigen Fokus, vieles bleibt unlogisch, die Figuren sind zum Teil blass und es passieren grobe narrative Fehler.
Egal! Wer das aktuelle Kinoangebot als geleckt und gesichtslos, die Filme als vorhersehbar und formelhaft empfindet, der müsste The Imaginarium of Doctor Parnassus eigentlich als erfrischend empfinden.  Gerade weil er sich einen Deut um die gängige, von Hollywood aufoktroyierte Erzählkonvention schert.

Der Schluss legt nahe, dass sich das Gezeigte nur im Kopf des alten Doktors abgespielt hat. Aber sicher ist auch das nicht. In dieser Lesart wäre Doktor Parnassus Gilliams Alter Ego und der Film nichts anderes als ein Einblick in die verrwirrend verrückte Gedankenwelt des Filmemachers.

PS: The Imaginarium of Doctor Parnassus war Heath Ledgers wirklich letzter Film. Er spielt Tony, eine relativ blasse Figur, deren Funktion im Film nicht ganz klar wird. Er verstarb während der Dreharbeiten. Die Szenen in der realen Welt (der grösste Teil) war im Kasten, man hätte noch die fantastischen Traumsequenzen drehen müssen. Gilliam und seine Crew fanden dafür eine erstaunlich gut funktionierende Lösung: Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell stiegen in den drei Traumsequenzen in Ledgers Kostüm und spielten den Charakter, der durch diesen Kniff mehrgesichtig, d.h. erheblich dubioser, geheimnisvoller und düsterer wird.

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5 Kommentare

  1. Vielleicht sollte ich ja doch mal reinschauen. Im mag Gilliam sehr, nur habe ich Parnassus aufgrund der schlechten Kritiken bisher ausgelassen. Achja und an „Tideland“ habe ich mich aufgrund der Thematik auch noch nicht rangetraut…

    1. Mit „Tideland“ ging es mir bislang gleich. Ich kann Dir bloss raten, Dich von der negativen Presse zu „Doktor Parnassus“ nicht abschrecken zu lassen. Der Film IST was Besonderes, und die meisten Leute mögen das nicht.

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