Tonfilm-Seitensprung: Der alte Mann und das Kind

LE PAPILLON
(dt.: Der Schmetterling)
Frankreich 2003
Mit Michel Serrault, Claire Bouanich, Nade Dieu, Jacques Bouanich, u.a.
Regie: Philippe Muyl
Dauer: 85 min
Zum Film ist im deutschsprachigen Raum eine DVD erschienen.

Eigentlich wollte ich gar nicht über diesen Film schreiben. Er lag schon lange ungesehen im DVD-Regal, versehen mit der (gedachten) Etikette Feelgood-Movie für Zwischendurch.
Philippe Muyls Film ist ein gutes Beispiel dafür, dass Etiketten nicht im Voraus verliehen werden sollten. Die Tatsache, dass ich Le Papillon nun doch eines Blog-Beitrags für würdig befinde, ist ein Eingeständnis meiner kleinkarierten Dummheit. Dahinter steht die Lehre, keinen Film als unbedeutend abzutun, auch wenn einem die Inhaltsangabe noch so bekannt und abgedroschen vorkommt.

Einsamer, knurriger alter Mann nimmt sich ungewollt eines Kindes an und entdeckt verborgene Seiten in sich – auf diesen einfachen Nenner liesse sich Le Papillon ohne Weiteres bringen. Das ist ist nicht einmal so falsch. Aber es ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Und über das Wesen des Films ist damit noch nichts gesagt.

Wer cinéastisch etwas Neues will, sucht, braucht, der liegt hier falsch. Le Papillon ist aus künstlerischer und handwerklicher Sicht Konvention. Wer aber gutes Handwerk schätzt und sich an sorgfältig und liebevoll ausgeführter Hand- und Kopfarbeit freuen kann, der sollte sich das Werk ansehen.

Es handelt vom einsamen alten Schmetterlingssammler Julien, der hinter einer unglaublich seltenen Falter-Spezies her ist. Seine geordnete kleine Welt erfährt erste Erschütterungen, als in die Wohnung über ihm eine alleinerziehende Mutter mit ihrer kleinen Tochter einzieht. Als genauer Beobachter seiner Umgebung stellt er bald fest, dass die Kleine auffällig oft alleine ist. Sie freundet sich mangels Alternative und weil Julien der Einzige ist, der ihr ein gewisses Interesse entgegenbringt, mit ihm an. Juliens Interesse ist zunächst allerdings nicht mehr als Ärger über die Verantwortungslosigkeit der Mutter, die ihr Kind über Mittag allein ins Restaurant schickt. Die Wurzeln dieses Ärgers versucht Julien mit einer knurrigen Distanziertheit zu übertünchen, deren Aufgesetztheit der kleinen Elsa nicht verborgen bleibt.
Schritt für Schritt kommt man sich näher, und als Julien zu einer grossen „Expedition“ in die nahen Berge aufbricht, schmuggelt sich Elsa selbst im Kofferraum mit.

Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der bei dieser Inhaltsangabe um die Stossrichtung von Le papillon zu wissen glaubt, und das ist doch tröstlich. Tröstlich ist auch, dass es noch Filme wie diesen gibt, die überraschen, weil sie die ausgetrampelten Pfade verlassen.
Natürlich begibt sich Le papillon ins Terrain der sog. Feelgood-Movies, aber er führt überzeugend vor, dass dessen Grenzen noch längst nicht ausgereizt sind. So schafft er es immer wieder, zu überraschen, sei es mit einer unvermuteten Wendung oder mit einem gegen den Strich der Szene gebürsteten Dialog. Und er tut dies nicht aus einem Originalitätsdruck heraus. Le papillon ist ein Film von solch entspannter Natürlichkeit, dass man gerne glaubt, der Regisseur hätte sich keinen Deut um Genres und Konventionen geschert.

Was macht den Film denn so fesselnd? Zum einen sind es die grossen schauspielerischen Leistungen des alternden Stars und des Kindes. Beide machen einen vergessen, dass sie nur spielen; man möchte sogar behaupten: Sie spielen gar nicht, sie sind. Dieser äusseren „Wahrheit“ stellt Muyl mit seinem Drehbuch eine innere zur Seite: Die Texte sind unprätentiöse kleine Perlen der Dialogkunst. Ergänzt werden die Texte durch Bilder, die oft als  Antworten auf das Gesagte oder Ausdeutungen desselben eingesetzt werden.
Die Gegner von Feelgood-Movies werden das anders sehen, aber nur, weil sie die Feinheiten nicht wahrnehmen. Das Leid der Welt, das für sie zu einem Film gehört, damit er nicht „verlogen“ ist – und zwar mögen sie’s am liebsten knüppeldick – kommt hier durchaus vor, allerdings in unaufdringlicher, subtiler Form. Nötig ist es natürlich nicht, doch es gehört zu Muyles Geschichte dazu, denn in seinem innersten Zentrum dreht sich der Film um die Thematik des Verlustes dreht.

Der Verlust, den der alte Julien nie verkraftet hat, erspart er der kleinen Elsa. Das ist, so wie es hier geboten wird, nicht kitschig. Muyle erreicht das Kunststück, seine humanistische Botschaft ohne jede Aufdringlichkeit erfahrbar zu machen. Wer die Sensibilität besitzt, erkennt sie, die anderen sehen nur ein weiteres „Feelgood-Movie“.

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