Busters wahrer Erstling

THE HIGH SIGN
USA 1920
Mit Buster Keaton, Bartine Burkett, Charles Dorety, Al St. John, u.a.
Regie: Buster Keaton und Eddie Cline
Dauer: 21 min.

Es wird Zeit, meine kleine Keaton-Kurzfilm-Rundschau fortzusetzen. Wir befinden uns in diesem, dem nunmehr fünften Teil noch immer in der Anfangszeit von Keatons künstlerischem Schaffen und werfen einen Blick auf dessen inoffiziellen Erstling.

Keaton und sein Team beim Dreh

Keatons erster Film in Eigenregie kam erst ein Jahr nach seiner Fertigstellung  in die Kinos.
Als Regisseur stellte sich Keaton dem damaligen Kinopublikum mit seinem Zweitling, One Week vor – sein Name und sein Gesicht prägten sich mit diesem Komödien-Juwel schlagartig im Gedächtnis der begeisterten Kinogänger ein. Ein geschickter Schachzug, der so ursprünglich aber gar nicht beabsichtigt war. The High Sign ist der deutlich schwächere Film als der Geniestreich One Week; Keaton war nicht zufrieden damit. So wurde der Erstling erstmal zur Seite gelegt und durch den Zweitling ersetzt: One Week schlug ein wie ein Bombe.
The High Sign kam ein Jahr später in die Kinos, als „Lückenfüller“, weil Keaton wegen eines Knöchelbruchs die Dreharbeiten zu The Haunted House unterbrechen musste. Ursprünglich wollte er ihn einmotten.

Während One Week bereits Keaton pur ist, weist The High Sign deutliche Zeichen eines Erstlings auf. Die Handlung schreitet insgesamt recht konventionell voran – jedenfalls bis zur irrwitzigen Schlussequenz.
Wären da nicht die vereinzelt eingestreuten „keatonesquen“ Einfälle – wie etwa der an die Wand gemalte Haken, an dem der Hut tatsächlich befestigt werden kann, oder die Zeitung, die solang auseinandergefaltet wird bis sie fast Zeltgrösse hat – man wähnte sich streckenweise in einer der etwas holprigen Klamotten von Keatons Lehrmeister Roscoe „Fatty“ Arbuckle.
In späteren Kurzfilmen reduzierte Keaton die Handlung auf ein Minimum und konzentrierte sich auf absurde Situaionen, die er nach allen Regeln der Kunst ausbeutete; The High Sign ist ein Film, der noch deutlich von der recht konventionellen und sprunghaften Handlung beherrscht wird.

Der Beginn des Film besteht aus einem klassischen Pratfall (einem „Sturz auf den Hintern“), der den klassischen Pratfall gleichzeitig ironisch überhöht: In rasendem Tempo fährt ein Zug an der Kamera vorbei. Man sieht nur die Räder und den aufgewirbelten Staub. Plötzlich fällt Keaton ins Bild, der Zug scheint ihn ausgespuckt zu haben.
Dieser denkwürdige Pratfall markiert Keatons Ankunft als Regisseur in der Filmwelt. Die Szene ist typisch für die Mehrdeutigkeit von Keatons Filmsprache, die stets verschiedene Lesarten zulässt und oft eine Metaebene enthält.

Nachdem „The Man Who Wouldn’t Lie Down“ (Keaton-Biograph Tom Dardis) sich aufgerappelt hat, kommt er an einem rasenden Karussell vorbei, greift kurz in den Wirbel hinein und zieht eine Zeitung heraus, die er darauf scheinbar endlos auffaltet bis sie ihn unter sich begräbt. Dort drin entdeckt er eine Annonce für einen Schiessstand, wo er sich darauf als Schiesswart bewirbt.
Unter dem Schiessstand befindet sich der Treffpunkt einer geheimen Verbrecherbande, der Blinking Buzzards, deren Mitglieder sich durch ein absurdes Geheimzeichen untereinander zu erkennen geben. Buster lässt sich sowohl von der Bande als auch von deren nächstem Opfer als Schütze anheuern und die Verwicklungen nehmen ihren Lauf.

Die Schlussequenz im Haus des Opfers schliesslich ist Keaton pur! 
Der von der Bande mit dem Tod bedrohte Stadt-Geizhals hat in seinem Domizil zahlreiche Fallen, Klapp- und Schiebetüren einbauen lassen, um stets die Option einer raschen Flucht offen zu haben. Als die Blinking Buzzards in das Haus eindringen und feststellen, dass der von ihnen angeheuerte Keaton als „Schutzengel“ des Opfers amtet, entsteht – natürlich! – eine wilde Verfolgungsjagd, bei der sämtliche Fallen und Klappmechanismen in atemberaubender Abfolge zum Einsatz kommen. In dieser grandios choreografierten Sequenz ist bereits Keatons Vorliebe für teure, vertrackte Kulissen und Kameraeinstellungen erkennbar: In mehreren Einstellung blickt der Zuschauer gleichzeitig in vier Zimmer, durch welche die Protagonisten via Fall- und Klapptüren wuseln wie die Mäuse in einer Versuchsanordnung. Das erforderte den Bau einer puppenhausartigen Kulisse, welche das Haus im Seitenriss mit abmontierter Aussenwand präsentiert – und die war bestimmt nicht billig!

Keatons beste Filme waren gleichzeitig seine teuersten. Das hängt damit zusammen, dass sein Produzent Joe Schenk ihm die Umsetzung seiner kostspieligen Vorstellungen praktisch vorbehaltlos ermöglichte – jedenfalls solange die Studiofinanzen und Keatons Publikumserfolg das erlaubten. Und Keatons surrealistische Ideen waren in den seltensten Fällen billig: Für One Week etwa mussten drei Häuser gebaut werden, eines auf einer Drehscheibe. Und für The General wurde eine Dampflok in einem Fluss versenkt. Der immense Erfolg, den seine Filme hatten, spielten die irrwitzigen Ausgaben allerdings meist wieder ein.

Trotz der spürbaren Anfangsschwierigkeiten bleibt The High Sign eine höchst vergnügliche Stummfilmkomödie, den nicht nur Keaton-Fans zu schätzen wissen werden.
The High Sign ist im deutschsprachigen Raum nur in der teuren Buster Keaton-Box von Arte greifbar. Eine echt Alternative dazu ist die Keaton-Kurzfilm-Box von Kino International aus den USA – bessere Bildqualität und weitaus bessere Begleitmusik!

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