Avantis Abenteuer auf dem Mars

HIMMELSKIBET
(dt.: Das Himmelsschiff)
Dänemark 1918
Mit Gunnar Tolnaes, Alf Blütecher, Nicolai Neiiendam, u.a.
Regie: Holger-Madsen
Dauer: 81 min
Die DVD mit diesem Film (und August Bloms Verdens Undergang) ist hierzulande über den Verlag Edition Filmmuseum zu beziehen.

Es verwundert nicht, dass in diesem Film ein Professor vorkommt. Wenn im Trivialfilm oder in der Unterhaltungsliteratur eine Erfindung im Zentrum der Handlung steht, gehört ein Professor einfach dazu. Irgendwer muss die Erfindung ja gemacht haben und wer eignete sich dazu besser als ein Professor?!
Wenn dieser Professor, wie im hier zu besprechenden Stummfilm Astronom ist und Planetaros heisst – als hätten seine Vorfahren seit Gererationen nichts anderes gemacht als den Himmel zu erforschen – dann ist jedem klar: Wir befinden uns in Phantasien. Mit Globi oder Familie Duck auf dem Mars. Des Professors Name signalisiert: Die Geschichte, der hier vorgeführt wird, soll nicht ernst genommen werden. Und mit diesem Wissen lässt sich Himmelskibet durchaus geniessen – trotz haarsträubender Hypothesen und dick aufgetragener Botschaft.

Noch heute gültig: Das Logo der Nordisk-Films.

Himmelskibet ist ein dänischer Science-Fiction-Film, aus einer fernen Zeit, als es noch dänische Science-Fiction-Filme gab. Als es überhaupt noch dänische Filme gab. Natürlich gibts die auch heute noch, doch Dänemark hat seinen Ruf als das wichtige Filmland, das es zu Zeiten des Stummfilms einmal war, längst eingebüsst.
Obwohl die Nordisk-Film, die damals kurzzeitig zu den führenden Filmgesellschaften der Welt zählte, noch heute existiert, findet selten noch ein dänischer Film seinen Weg in unser Kinoprogramm.

Regisseur Holger-Madsen: Vorzeit-Spielberg?

In den Kindertagen des Kinos verliess Wegweisendes die Produktionsstudios der Nordisk. Auch wenn das Wegweisende aus heutiger Sicht nur mehr schwer auszumachen ist. Aber auch ein leichter Unterhaltungsfilm wie Himmelskibet könnte im Science-Fiction-Genre Masstäbe gesetzt haben. Die Ausstattung ist für jene Zeit beachtlich, die Handhabung der filmischen Ausdrucksform ebenfalls.
Man ist fast versucht zu sagen, der Regisseur sei eine Art Frühzeit-Spielberg gewesen, denn wie in dessen Filmen findet man hier Unterhaltung gepaart mit gewissen cinéastischen Ansprüchen.

Der Plot ist hanebüchen: Professor Planetaros hat ein Himmelsschiff entwickelt, mit dem sein Sohn zum Mars fliegen soll. Das Ding, eine interessante Mischung aus Flugzeug, Betonmischer und Raumschiff trotzt jeglicher raumfahrttechnischer Logik, doch weil sein Kapitän Avanti heisst, Avanti Planetaros – mit einem solchen Namen schafft man im Trivialfilm alles – kommt das Ding nach einer langen Reise tatsächlich auf dem Mars an.

Elf Jahre vor der Frau im Mond reiste man in Dänemark ebenfalls schon durch den Raum, ohne sich um die Schwerelosigkeit kümmern zu müssen. Ein Vergleich beider Filme ist insofern interessant, als man festestellt, dass sich in der Zeit zwischen beiden Filmen punkto astronomischem Fachwissen offenbar nicht allzuviel getan hat. Auch bei Holger-Madsen geht es an Bord ähnlich zu wie in einem U-Boot, und die Flugmaschinerie besteht auch hier aus sporadisch austretenden Dampfschwaden und Hebeln, die angelegentlich umgelegt werden müssen. Atmen kann man sowohl auf Fritz Langs Mond als auch auf Holger-Madsens Mars. Warum nicht, auf der Erde geht das ja auch!

Himmelskibet macht durchaus Spass, der Film ist irgendwie drollig und bestimmt nicht langweilig. Die Marsbewohner sind ein friedliches, von Priestern geleitetes Volk von vegetarischen Pazifisten (der Film wurde 1918 gedreht!), die zunächst über die Rohheit der Erdlinge vor Entsetzen erstarren. Man fühlt sich an Georges Pals Klassiker The Time Machine erinnert, dessen Zeichnung der zukünftigen Erdbewohner duchaus hier ihre Inspiration gehabt haben könnte.
Die Erdlinge lassen sich von der feierlichen Friedfertigkeit der Marsianer anstecken und geben so der Hoffnung jener Zeit auf ein friedliches Zusammenleben der Völker Ausdruck. Avanti nimmt sogar die Tochter des marsianischen Oberpriesters  zum Weib und bringt sie mit zur Erde.

Es wird deutlich: Himmelskibet ist – mit seiner ganzen altmodischen Theatralik – ein Zeitbild und gibt interessante Einblicke in die Gemütslage am Ende eines verheerenden Weltkrieges.  Die Unschuld, die der Welt damals abhanden kam, wird hier noch einmal inständig- und wie man weiss, vergeblich – beschworen.

Avanti Planetaros…

… und sein Raumschiff.

Die Daheimgebliebenen: In düsterer Besorgnis.

Katastrophe an Bord: Beten hilft!

Die Marsbewohner: Pazifistische Vegetarier.

Reigen seliger Marsgeister.

Wie in Hollywood: Familienglück beschliesst den Film.

Wer neugierig geworden ist und sich den aussergewöhnlichen Film in seiner vollen Länge und in der hier besprochenen Fassung anschauen möchte, kann dies hier tun:

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